Zum Fall Haditha: Das Marine Corps

Mai 31, 2006

Es gibt Berichte über ein Massaker im Irak, das von amerikanischen Marineinfanteristen begangen worden sein soll. Eine der treibenden Kräfte hinter der Aufklärung ist selbst ein hochdekoriertes Mitglied des Marine Corps, der Demokrat John Murtha aus Pennsylvania. Er hat 37 Jahre Militärdienst, aktiv und als Reservist, und 32 Jahre als Abgeordneter im Repräsentantenhaus hinter sich. Solchen Leuten hört man besonders aufmerksam zu, wenn sie derartige Vorwürfe erheben.

Aber wie üblich werden wir uns hier nicht mit dem Fall selbst beschäftigen, sondern eine Frage stellen, die vielleicht auf den ersten Blick eher banal klingt: Was ist eigentlich ein Marineinfanterist, neudeutsch Marine genannt? So einfach ist das nicht, schon allein weil die Deutschen als Volk von Landratten nicht wirklich das richtige Vokabular für die ganzen Dinge mitbringen, die Amerikaner, Briten und andere Nationen mit einer starken nautischen Tradition so treiben. Allgemein herrscht oft etwas Verwirrung, wer da was auf dem Wasser tut.

Grundsätzlich gibt es fünf Teilstreitkräfte in den USA: Army, das Heer (ein klassischer Falscher Freund übrigens, weil häufig als „Armee“ übersetzt); Navy, die Marine; Air Force, die Luftwaffe; Coast Guard, die Küstenwache, und eben das Marine Corps, die Marineinfanterie.

Mit der Coast Guard fängt meist schon die Verwirrung an. In Friedenszeiten dem Heimatschutzministerium und in Kriegszeiten dem Department of the Navy unterstellt, hat es Rettungs-, Polizei- und Verteidigungsaufgaben. Das entspricht einem Prinzip, das wir schon von der Nationalgarde kennen: Die Militäreinheiten, die im Inland eingesetzt werden können, sind von den Hauptstreitkräften abgetrennt. Die Küstenwache in den USA unterhält also auch Schiffe (cutters) mit ziemlich starker Bewaffnung.

Das Marine Corps ist nun ausdrücklich nicht Teil der Marine, also der Navy. Marines werden sehr böse, wenn man sie als „Matrosen“ bezeichnet, genauso, wie die Matrosen nicht Marines genannt werden wollen. Im Englischen ist es noch schlimmer, weil Marines auch nicht als soldiers bezeichnet werden dürfen, sondern höchstens als riflemen. Die nicht immer freundlichen Beziehungen zwischen den amerikanischen Teilstreitkräften finden auch ihren Ausdruck in den letzten Zeilen der offiziellen Hymne der Marines:

If the Army and the Navy
Ever look on Heaven’s scenes,
They will find the streets are guarded
By United States Marines

Sprachliche Schwierigkeiten kommen zudem auf, weil die Navy und das Marine Corps über eigene Kampfflugzeuge verfügen, die ausdrücklich nicht zur Luftwaffe gehören.

Navy und Marine Corps sind gemeinsam dem schon erwähnten Department of the Navy untergeordnet. Dieses ist zusammen mit dem Department of the Army und dem Department of the Air Force ein Teil des Verteidigungsministeriums, hat also trotz des Namens keinen Kabinettsrang. Das zeigt, dass beide Teilstreitkräfte heute immer noch eng zusammenarbeiten.

Klassischerweise – und das ist die noch in Deutschland vorherrschende Sicht – springen die Marines von Schiffen und rennen an Land, oft genug mit ziemlich hohen Verlusten. So sieht man es zumindest immer im Fernsehen.

Die Aufgabe der Marines war tatsächlich ursprünglich die Sicherheit auf eigenen Schiffen, das Entern von gegnerischen Schiffen und vor allem im Zweiten Weltkrieg die „amphibische Landung“. Der erste Einsatz der Continental Marines, dem Vorläufer des heutigen Marine Corps, bei der Schlacht von Nassau 1776 war tatsächlich eine solche Landung. Allerdings sind diese eher selten und können auch vom Heer durchgeführt werden, zumindest wenn man das Heer fragt. Schaut man sich die heutige Truppenstärke von etwa 160.000 Marines an, fragt man sich, wie viele Brückenköpfe denn allgemein errichtet werden müssen – das ist immerhin mehr als die gesamte British Army. Und Haditha, der Ort, an dem das Massaker stattgefunden haben soll, liegt ziemlich weit weg vom Meer.

Die eigentliche Aufgabe der Marines ist inzwischen die der ständigen Bereitschaft. Die Idee ist dass man eine Teilstreitkraft hat, die sofort eingesetzt werden kann, egal wo, egal mit welcher Aufgabe, Hauptsache schnell und wirkungsvoll. Daher haben sie auch Eingeschaften aller drei „großen“ Teilstreitkräfte. Oft wird der Vergleich zwischen einem Krankenwagen und einem Krankenhaus gezogen: Die einen sind schnell im Einsatz, können etwas von allem, aber halt nicht alles, während die anderen etwas später ins Spiel kommen, aber dafür wesentlich größere und speziellere Möglichkeiten haben. In der Zwischenzeit können sie wie andere Soldaten eingesetzt werden.

Amphibische Landungen sind immer noch ein Teil dieser Aufgabe, weswegen man Marines in großer Zahl an Bord von speziellen amphibious assault ships – auch „gator freighters“ genannt – wie die USS Tarawa findet. Auch hier gibt es oft Probleme bei der Übersetzung, denn auf dem Ding sind Kampfflugzeuge (Senkrechtstarter des Typs „Harrier“) und Hubschrauber stationiert. Oft wird daher in der Presse auch fälschlicherweise von einem „Flugzeugträger“ gesprochen. Der Unterschied ist aber wichtig: Flugzeugträger sind sehr schlecht darin, Dinge an Land einzunehmen.

Das Prinzip der ständigen Bereitschaft hat einige Besonderheiten der Kommandostruktur zur Folge, die die Marines demonstrativ nach außen tragen. Es wird eine hohe Eigenverantwortung, ein großes Maß an Eigeninitiative und eine stark dezentralisierte Kommandostruktur propagiert, bei der die Absicht hinter dem Befehl (intent) im Vordergrund steht. Wer eine leicht lesbare Selbstdarstellung der ganzen Philosophie haben will, kann sich „Warfighting“ [PDF] durchlesen und dabei gleich an den vielen Zitaten von Carl von Clausewitz sehen, wie weit der Einfluss von deutschen Militärs bis heute reicht.

Es gibt die Frage, ob eine Teilstreitkraft mit 160.000 Mitgliedern eigentlich als „Eliteeinheit“ bezeichnet werden kann, wie man es im Moment auch immer wieder liest. Die Eliteeinheit der Navy, die SEALs, gibt ihre Stärke mit etwa 5.000 Mann an, und auch die United States Army Special Forces sind wesentlich kleiner. Regel 1 bewahrt diesen Autor zum Glück davor, zu der Frage Stellung beziehen zu müssen.

Klar ist jedoch: Die Marines sehen sich selbst als eine Elite, als besser als die anderen Teilstreitkräfte. Weswegen die Berichte über ein Massaker sie noch zusätzlich treffen. Der Kommandeur des Marine Corps, General Michael Hagee, hat eine Reihe von Mitteilungen zu dem Thema begonnen, eins mit dem Titel „On Marine Virtue“. Dabei zitiert er eine Zeile aus der Hymne, zu der sich auch Murtha mit seiner Forderung nach Ermittlungen auch bekennt: Das Ziel „to keep our honor clean“.

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