ZEUGS: Die Shutdown-Ausgabe

Oktober 2, 2013

Heute beweisen wir endgültig, dass wir nicht für die US-Regierung arbeiten und veröffentlichen trotz des Shutdowns einen Eintrag. Wir fangen dabei mit einer Frage an, die diesem Autor jüngst im Zusammenhang mit dem Kongress gestellt wurde: Sind die alle auf Droge?

  • Zu Timothy Leary, denn wie es der Zufall will, ist gerade ein Archiv zu dem Lebenswerk des “Drogenpapstes” eröffnet worden. Wir erwähnen das hier natürlich nur wegen seiner Computerspiele und weil dieser Autor die Moody Blues mag.
  • Zum Bürgerkrieg: Ein Disney-Mitarbeit hat offenbar eine zweite Aufnahme von Präsident Abraham Lincoln während seiner Gettysburg Rede gefunden.

    Oakley leaned into the flat-screen monitor and murmured, “No way!” Zooming in tight, real tight, he stared, compared and sprang abruptly from his chair. After quickstepping around his studio in disbelief, he exulted, “That’s him!”

    Nicht jeder ist überzeugt, weil da noch mehr Männer mit komischen Hüten herumliefen.

  • Zu Juden in den USA: Das Pew-Institut hat anlässlich einer Studie zu amerikanischen Juden einen, nun, “Rechner für die jüdische Bevölkerung” online gestellt. Damit kann man für eine gegebene Definition von “jüdisch” berechnen, wie viele Juden es in den USA gibt, warum auch immer. In der Studie selbst wird deutlich, wie sich das Selbstverständnis der amerikanischen Juden wandelt:

    [A]mong Jews in the youngest generation of U.S. adults – the Millennials – 68% identify as Jews by religion, while 32% describe themselves as having no religion and identify as Jewish on the basis of ancestry, ethnicity or culture.

    Dagegen hatten sich 93 Prozent der Juden aus der Kriegsgeneration über ihre Religion definiert.

  • Zu Indianern vor Columbus: Archäologen haben bei den Ausgrabungen in der Stadt Cahokia Hinweise auf ein seltsames Feuer im Jahr 1170 gefunden. Es werden — nicht ganz ernsthaft — Parallelen zu Burning Man gezogen:

    [R]ight down to the drug use — Cahokians liked to imbibe something called “black drink,” which was a super-strong caffeinated brew that probably got everybody seriously jazzed until they threw up.

    Wie auch immer, das möglicherweise bewusst gelegte Feuer scheint ein Wendepunkt in der Geschichte der Stadt gewesen zu sein.

  • Zu Halloween: Schon Oktober? Dann wird es Zeit für die ersten Halloween-Ratschläge, diesmal mit Klopapier-Rollen und Glühstäben.
  • Zu cyber: io9 untersucht die Geschichte des Wortes im Englischen. Wobei dieser Autor es interessanter findet, dass es im Deutschen zwar die “Kybernetik” gibt (mit einem “K”-Laut) aber auch “Cyberspace” (mit einem “ß”-Laut). Vielleicht sollte er einfach anfangen, von dem “Kyberraum” zu sprechen.

[Korrigiert 02. Okt 2013: Link zu Cyber repariert, zuerst gesehen von CB, vielen Dank]


Yarn Bombing – Die andere Form von Graffiti

September 21, 2013

Nachdem der Bombenangriff auf Syrien wohl erstmal ausfällt, können wir endlich ein Thema ins Blog heben, dessen Name in dem Zusammenhang vielleicht etwas geschmacklos gewesen wäre: Yarn Bombing, das Einpacken von öffentlichen Dingen mit Strickwerk. Wir behandeln die auch als grandma graffiti bekannte, inzwischen weltweit verbreitete Bewegung hier im Blog, weil die Texanerin Magda Sayeg, Betreiberin des Knitta-Blogs, als ihre “Mutter” gilt.

[Die englische Wikipedia behauptet, dass die ersten Kunstwerke 2004 in Den Helder in den Niederlanden aufgetaucht seien. Eine Quelle dafür wird nicht geboten, in der niederländischen Version steht nichts davon, die Suche im Internet liefert Kopien des englischen Eintrags.]

Eines Tages im Jahr 2005, so die Geschichte, strickte Sayeg aus Langeweile einen Überzug für die Türklinke ihres Ladens in Houston. Das jetzt “Alpha” genannte Stück löste ungeahnte Reaktionen aus:

People got out of their cars just to come look at it.

Angestachelt von der Reaktion strickte sie weiter. Eine Bewegung wurde geboren. In Fotostrecken sieht man Panzer, Bäume und die Beine von Statuen in Wolle verpackt. Überhaupt bekommt man das Gefühl, dass Yarn Bombing ohne die Bilder der Werke im Internet nicht halb so groß geworden wäre. Die Parallelen zu den bereits behandelten Guerrilla Gardeners sind offensichtlich.

Männer machen das zwar auch, aber in den Interviews wird das Weibliche betont. Die Künstlerin Jessie Hemmons spricht davon, dass Graffiti zu sehr eine Männerdomäne sei:

Yarn bombing is more feminine. It’s like graffiti with grandma sweaters.

Bevor jemand fragt, nein, man stellt sich nicht an das Objekt und strickt dann los, sondern darf fertige Stücke mitbringen. Das kann man am Bullen der Wall Street [YouTube] sieht. Als Art Manifest der Bewegung gilt das Buch Yarn Bombing: The Art of Crochet and Knit Graffiti von Mandy Moore.

Inzwischen hat die Welle Deutschland erreicht, wie die Katernberger Strickguerilla in Essen. Womit wir das Thema wieder an die anderen Medien übergeben können.

[Nach einem Vorschlag der Ehrenwerten Mutter, vielen Dank]


ZEUGS: Falsche Freunde, alte Bäume und dunkle Tage

September 12, 2013

Endlich, endlich hat die Football-Saison wieder angefangen, und leider, leider haben die Arizona Cardinals direkt einen Fehlstart hingelegt. Seufz.

  • Zu American Football: Zum Anlass des Liga-Starts stellt die Tagesschau Fantasy Football vor. Das ist gut, denn dieser Autor hat davon keine Ahnung — er ist froh, wenn überhaupt normales Football gucken kann. Aber 30 Millionen seiner Landsleute sehen das anders. Laut Wikipedia ist es inzwischen das wichtigste Marketing-Werkzeug der NFL.
  • Zu Übersetzungsproblemen: In German Joys spricht Andrew Hammel über die Schwierigkeiten, die das Fehlen eines Unterschiedes zwischen boyfriend und einfach nur friend mit sich bringt:

    [I] constantly fall into the trap of referring to my male friends as mein Freund, which leaves people who don’t know me unsure whether I’ve just declared my homosexuality.

    Enthält auch einen wichtigen Hinweis auf das überaus nützliche Wort “doch”.

  • Zu Rosie the Riveter: io9 führt eine Galerie mit Sci-Fi-Varianten der Ikone, darunter aus Mass Effect, Wonder Woman und natürlich Buffy.
  • Zur frühen Geschichte: Was steht in den USA noch aus der Siedlungszeit noch vor dem Unabhängigkeitskrieg? Ein Baum.

    In approximately 1630, as his children watched on, Endicott planted one of the first fruit trees to be cultivated in America: a pear sapling imported from across the Atlantic.

    383 Jahre später produziert der Baum noch Obst.

  • Zu den Atombomben: Das Google Cultural Institut hat Online-Ausstellung zu den Angriffen auf Hiroshima und Nagasaki eröffnet.
  • Zur Staatsbürgerschaft: Der Blogger Felix Salmon diskutiert, unter welchen Bedingungen eine amerikanische Staatsbürgerschaft für Menschen in den USA sich nicht lohnt.

    A green card holder can leave the US at any time, give up her green card, and thenceforth never have to pay a cent in US taxes, or even file a US tax return, ever again. Again, this is an option which would be valued extremely highly by many Americans.

    Ausgangspunkt ist ein Bericht in der “New York Times” über Einwanderer, die zwar eine Green Card haben, aber keine Staatsbürgerschaft anstreben.

  • Zu Rätseln der Geschichte, während wir dabei sind: Der Dark Day vom 19. Mai 1780 — also mitten im Unabhängigkeitskrieg — gilt als gelöst: Die Ursache soll Rauch von Waldbränden sein.

    The ash cloud must have drifted over New England and blotted out the sun. Or we are a cursed nation. You decide.

    Wenn es allerdings mehrere dunkle Tage hintereinander werden, dann sollte man aufpassen, dass man nicht in Alaska ist.

[Korrigiert 13. September 2013: "Unabhängigkeitskrieg" statt "Bürgerkrieg", zuerset gesehen on ID, vielen Dank]


Wie das US-Wahlsystem automatisch radikale Parteien herausfiltert (am Beispiel von Mass Effect)

September 2, 2013

Wir wollen uns heute anlässlich der Bundestagswahl mit einem Aspekt des amerikanischen Wahlsystems befassen, den wir zwar angedeutet haben — zum Beispiel im Eintrag, warum Nicht-Wählen in den USA nicht so schlimm ist — aber bislang nicht direkt angesprochen haben. Es geht darum, dass radikale Gruppen wie Neonazis und Kommunisten herausgefiltert werden, ohne dass es einer Fünf-Prozent-Hürde bedarf. Tatsächlich sind alle kleineren Gruppen davon betroffen.

Der Mechanismus ist eigentlich nicht kompliziert. Da in den USA die Abgeordneten nach dem Mehrheitswahlrecht innerhalb eines begrenzten Gebiets gewählt werden — Wahlkreise für das Repräsentantenhaus, Bundesstaaten für den Senat — siegt in Amerika der Kandidat, der dort den Durchschnitt der Volksmeinung anspricht (mathematisch korrekter wäre wohl der Modalwert, aber das lassen wir jetzt).

Dagegen stehen in Kontinentaleuropa (stark vereinfacht) Parteien landesweit zur Wahl. So werden die Stimmen von Minderheiten gebündelt und ihre Vertreter können ins Parlament einziehen.

Ein Beispiel.

Nehmen wir an, in den USA und Deutschland bildet sich zur jeweils nächsten Wahl die Mass-Effect-Partei. Sie will Commander Shepard, die Retterin (wahlweise der Retter, je nach Einstellung) des Universums, zur Präsidentin beziehungsweise Kanzlerin machen. Wer wäre ein besserer Diplomat als Wrex [YouTube], argumentieren sie, und Tali’Zorah nar Rayya vas Normandy [YouTube] sei die geborene Technikministerin. Der Wahlspruch lautet nicht “Yes we can” sondern natürlich “I should go” [YouTube].

In beiden Staaten begeistern sich zehn Prozent aller Wahlberechtigten für die Mannschaft der Normandy. Alle stehen am Wahltag in ihren N7-T-Shirts artig an der Urne (in Oregon schicken sie alle ihre Stimmzettel ein). Was kommt dabei heraus?

In Deutschland schaffen sie problemlos die Fünf-Prozent-Hürde: Die Grünen-Wähler laufen zu ihnen über (saubere Energie durch Eezo, Frauen in Führungspositionen, über jeden Verdacht des Rassismus, der Homophobie und der Behindertenfeindlichkeit erhaben) und auch die FDP kann nicht mithalten (Kasumi Goto als Finanzministerin). Shepard wird zwar nicht Kanzlerin, aber ihre Partei kann sich die Union oder SPD als Koalitionspartner aussuchen.

[Fußnote für Fans: Unter anderem, weil Shepard nur eine einzige Forderung stellt: Liara T'soni soll BND-Chefin werden. Zwei Wochen nach ihrem Amtsantritt wird T'soni in einem beispiellosen Vorgang auch Chefin des US-Geheimdienstes NSA, wo sie sofort das PRISM-Programm als "lächerlich primitiv" einstellt.]

In den USA scheitert die Partei dagegen komplett.

Kein einziger Kandidat schafft es in den Kongress, geschweige denn ins Präsidialamt. Warum? Zwar stimmen zehn Prozent der Wähler auch hier für die Reaper-Killer, und Shepards Status als Kriegsveteranin hilft ihnen bei Umfragen enorm. Aber die Kandidaten der Demokraten und Republikaner bekommen einfach mehr Stimmen. Die Mass-Effect-Partei bleibt wie die amerikanischen Grünen oder auch die Kommunisten politisch irrelevant.

Ist das jetzt ein bug oder ein feature des amerikanischen Systems? Das kann man sehen, wie man will. Dass radikale Splitterparteien schon strukturell keine Chance haben, macht es (nachweislich, könnte man nach 230+ Jahren argumentieren) stabil. Auf der anderen Seite haben kleinere Gruppen erstmal keine Stimme in der Legislative. Der Kongress bildet nur grob die Struktur der Bevölkerung ab, was man zum Beispiel gut an dem Mangel an Atheisten dort sieht.

Dann kann man nur froh sein, dass Shepard immer einen Weg findet.


META Blogpause wegen des Fantasy Filmfestes 2013

August 20, 2013

Wie jedes Jahr legt dieses Blog eine Pause ein, während dieser Autor sich auf dem Fantasy Filmfest herumtrollt. Der nächste Eintrag erscheint am Montag, dem 2. September 2013, obwohl das Labor Day und eigentlich ein Feiertag ist.


ZEUGS: Ein Lexikon des NSA-Sprechs, Indianer im Internet und bewaffnete Mütter

August 16, 2013

Die sommerliche Bausaison im Hause Stevenson nähert sich ihrem Ende, und in der Zwischenzeit sind einige Links aufgelaufen.

  • Zum NSA: Das Magazin Slate hat ein Lexikon zusammengetragen mit der manchmal etwas kuriosen Bedeutung von normalen englischen Wörtern im Sprachgebrauch des Geheimdienstes.

    One of the NSA’s foundational documents states that “collection” occurs not when the government acquires information but when the government “selects” or “tasks” that information for “subsequent processing.”

    Die “Sammlung” von Daten ist nach der NSA-Terminologie also nicht die “Sammlung” von Daten, wie sie sich normale Amerikaner vorstellen. Unser oben verlinkte Artikel zum NSA von 2006 liest sich übrigens heute wunderbar naiv.

  • Zur Staatsbürgerschaft: Verschärfte Steuer-Meldepflichten für Amerikaner im Ausland haben zu einer Versechsfachung bei der Aufgabe von US-Staatsbürgerschaften geführt. Im konservativen Blog InstaPundit wird dies als eine Variante des going Galt bezeichnet. Die USA sind die einzige Industrienation, die ihre Bürger auch im Ausland zur Kasse bittet, zumindest wenn ihr Einkommen eine gewisse Schwelle überschreitet.
  • Zu Indianern: Die Navajo haben jetzt Internet-Zugang durch ein Datenzentrum, das mehrheitlich ihrer Regierung gehört. Oder wie der Navajo-Präsident Ben Shelly es formuliert [PDF]:

    We are a technology nation just as much as we are an energy nation.

    Das Projekt geht auf einen Besuch von Präsident Bill Clinton im Jahr 2000 zurück. Dieser traf die 13-jährige Myra Jodie, die zwar bei einem Preisausschreiben einen iMac gewonnen hatte, aber keine Möglichkeit hatte, ihn ans Internet anzuschließen. Zum Teil mussten Navajo bislang zum Teil 30 Meilen bis zum nächsten Zugangspunkt fahren. Das Projekt war innerhalb des Stammes umstritten — outside our wheelhouse, nicht unser Ding, wie Sidney Bob Dietz II es formulierte, der Direktoriums-Vorsitzende des Navajo-Versorgers NTUA.

  • Zu Waffen: Die Gruppe Armed Citizen Project (ACP) will zu ihrem “National Empowerment Day” jährlich 500 alleinstehende Mütter an Schusswaffen ausbilden.

    There exists a subtle misogyny used in the messaging of anti-gun groups, keeping women dependent on others to provide their protection, when our nation’s constitution makes clear they have the right to provide this protection for themselves.

    Zusammengefasst der Absatz: Waffengegner sind tendenziell frauenfeindlich, weil sie Frauen in einer Abhängigkeit von Männern halten, wenn es um ihren Schutz geht. Das Argument wird wiederholt aufgeführt. Der Tag sollte am 10. August stattfinden, zum Ablauf hat dieser Autor nichts gefunden. Das ACP hat sich zum Ziel gesetzt, Bürger in Gegenden mit hoher Kriminalität zu bewaffnen, insbesondere Frauen.

  • Zum Selbstbild: Das Skeptiker-Wirtschaftsblog Zero Hedge führt zehn Dinge auf, die Amerikaner angeblich nicht über Amerika wissen.

    Americans tend to assume that the rest of the world either loves us or hates us (…). The fact is, most people feel neither. Most people don’t think much about us.

    Das muss der deutschen Presse allerdings entgangen sein, die scheinbar nicht genug von Nachrichten aus den USA bekommen kann.

  • Zu dicken Amerikanern: Verdammt, die USA fallen wieder zurück: Selbst der durchschnittliche Mexikaner ist inzwischen fetter als sein Gegenstück in den USA. Wenigstens hält American Samoa noch die weltweite Spitze, immerhin ein US-Territorium.
  • Zum Bürgerkrieg: SPON schreibt auf Deutsch über den ersten Kampf zwischen Panzerschiffen der Geschichte, zwischen der USS “Monitor” und der CSS “Virginia”. Letztere ist in den USA auch unter dem alten Namen “Merrimack” bekannt. Die Battle of Hampton Road war der blutigste Tag in der Geschichte der US-Marine bis zum japanischen Überfall auf Pearl Harbor. Der Geschützturm der “Monitor” wurde inzwischen gehoben.

Der endlose und erbittert geführte Streit über den geteilten Infinitiv

August 11, 2013

NSA-Überwachung? Telefondaten-Schnüffelei? Alles Kleinkram. Für wirklich tiefgehende Empörung musste man sich in den vergangenen Tagen an einen Liebhaber der englischen Sprache wenden. Denn ausgerechnet das altehrwürdige Wirtschaftsmagazin The Economist hat angeblich einen Infinitiv geteilt. Einen Infinitiv! Einfach so!

Das Language Log zitiert den kontroversen Satz und hebt dabei die kritische Stelle hervor:

These approximations allow a computer to cope with the problem, yet are sufficiently similar to many real places for the conclusions drawn from them to, as it were, hold water.

Da sieht man es: Zwischen dem to und dem hold ist mehr als nur ein Leerzeichen. Kann es wirklich sein, dass der Economist nach 170 Jahren schwach geworden ist und einen split infinitive zugelassen hat? Kennt die Barbarei keine Grenzen mehr? Ist das Abendland jetzt endgültig dem Untergang geweiht?

Nein, schreibt Geoffrey K. Pullum in dem Blog. Es handelt sich nur um eine parenthetical interruption, ein Einschub, der überall stehen kann. Das britische Magazin bleibt — aus Pullums Sicht — weiter stilistisch in einer finsteren sprachlichen Vorzeit gefangen.

It’s basically an exception that merely proves the rule: my favorite magazine still has a usage policy which on some points is stuck in the dark ages of the 19th century.

Kein Sprachstreit im Englischen erregt die Gemüter so sehr und seit so langem wie der über den getrennten Infinitiv. Zusammenfasst geht es darum, ob man

to boldly go where no man has gone before

sagen darf, wie es bei Star Trek in der Anmoderation heißt, oder ob die Serie nicht eigentlich

to go boldly where no man has gone before

als Motto haben müsste (der britische Autor Douglas Adams griff in The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy den Streit mit dem Satz to boldly split infinitives that no man had split before auf).

Historisch gab es die erste Konstruktion im Englischen bereits im 14. Jahrhundert. Dann wurde sie zwischendurch kaum benutzt, um im 19. Jahrhundert wieder aufzutauchen. Aus dieser Zeit stammt auch die Vorstellung unter einigen Sprachwissenschaftlern, dass man das nicht machen dürfe, weil … nun … also … es sich irgendwie nicht gehört, to und den Infinitiv zu trennen.

(Ältere germanische Semester werden sich an dieser Stelle an eine ähnlich gut begründete Regel aus ihrem Deutschunterricht erinnern:

Trenne niemals s und t, denn es tut den beiden weh

Diese Regel gilt nicht mehr.)

Als angeblich stichhaltigeres Argument wird angeführt, dass man Infinitive im Lateinischen nicht trennen dürfe, und dass es deswegen auch nicht im Englischen gemacht werden sollte. Auch das ist nicht viel überzeugender. Englisch ist nicht Latein, wie wir spätestens seit Romanes eunt domus! [YouTube] wissen.

(Die gleiche Logik mit dem Latein ist übrigens daran Schuld, dass es im englischen Wort für “Insel”, island, heute ein stummes “s” gibt. Auch island stammt nicht aus dem Lateinischen.)

Entsprechend sagt die überwältigende Mehrheit der englischen Stilberater und Sprachwissenschaftler beiderseits des Atlantiks, dass am split infinitive nichts auszusetzen sei. Selbst der Economist schreibt in seiner Stilfibel:

Happy the man who has never been told that it is wrong to split an infinitive: the ban is pointless.

Warum dann noch die Aufregung, Jahrhunderte später? Warum lässt der Economist dann selbst keine getrennten Infinitive zu? Nun, der Eintrag in der Fibel geht weiter:

Unfortunately, to see it broken is so annoying to so many people that you should observe it.

Eine kleine aber lautstarke Minderheit von Stilwächtern — häufig mit dem uns schon bekannten Titel grammar nazis bedacht — hält eisern an der Regel fest und erhebt ein wütendes Protestgeheul, wann immer jemand einen Einschub wagt. Wer wie der Economist seine Ruhe haben will, vermeidet es einfach.

Auch das praktisch veranlagte Grammar Girl nennt die Vorschrift einen “Mythos”, rät aber, die Trennung bei gewissen Texten zu vermeiden, weil einige Leute halt an “erfundene Grammatikregeln” glauben.

I would never split an infinitive in a pitch letter to an editor, for example, because there are certainly editors out there who believe the myth.

Anders formuliert ist das für einige Leute ein Aufregerthema, egal, ob das Sinn macht oder nicht. Der interessierte Leser kennt solche Vorgänge auch von gewissen Mitmenschen, zum Beispiel die, die im vergangenen Satz lieber ein “Sinn ergibt” gelesen hätten, auch wenn die Masse der Germanen inzwischen “Sinn macht” sagt. Nur dass in diesem Fall nicht nach ein ein oder zwei Generationen die neue Form akzeptiert wurde, sondern kein Ende des Streits in Sicht ist.

Was macht der Ausländer in einer solchen Situation? Wie bei dem veralteten whom kann man den Status des geeinten Infinitivs als Bildungsmarker eiskalt ausnutzen und jede Trennung vermeiden. Man muss nur mit dem Wissen leben, dass man sich damit einer Art Sprachterror beugt. Aber hier ist wohl selbst der NSA machtlos.


Demon Core – Die verfluchte vierte Atombombe

Juli 29, 2013

Der Zeichner Randall Munroe hat in seinem Blog xkcd wieder eine wunderbare Idee gehabt: Unter dem Titel “Scary Names” hat er aufgetragen, wie gruselig die Namen von Dingen sind im Vergleich zu wie gruselig die Dinge selbst sind. Die meisten Einträge dürfte der interessierte Leser kennen, wie mustard gas oder nuclear football, der Koffer des US-Präsidenten, in dem die Atomcodes aufbewahrt sind.

Der demon core dürfte dagegen etwas weniger bekannt sein. Dabei handelt es sich um den 6,2 Kilogramm schweren Plutonium-”Kern” einer Atombombe, die den Namen nach zwei tödlichen Unfällen [PDF] erhielt.

Erster Unfall: Am 21. August 1945 — sechs Tage nach der Kapitulation Japans — stapelte der Wissenschafter Harry K. Daghlian in Los Alamos Blöcke aus dem Neutronenreflektor Wolframkarbid um den Kern. Dabei ließ er aus Versehen einen Block auf den Versuchsaufbau fallen. Der Kern wurde kurz “superkritisch” und Daghlian bekam genug Strahlung ab, dass er 25 Tage später starb. Er war 24 Jahre alt. Ein Wachmann erhielt eine schwächere Dosis und starb 33 Jahre später an Leukämie.

Beim zweiten Unfall am 21. Mai 1946 war Leichtsinn im Spiel. Der kanadische Physiker Louis Slotin zeigte sieben Mitarbeitern, wie man mit einer Beryllium-Schale um den Kern eine Kettenreaktion einleiten würde. Um die beiden Hälften noch auseinander zu halten, benutzte er einen Schraubenzieher. Später schrieb einer seiner Kollegen:

I’m quite sure that several of us knew that he was using the Pu hemispheres for demonstrations of simple critical assemblies, but were not aware of his unsafe method until it was too late. After all, he was the expert in this work.

Der Schraubenzieher rutschte aus, die Hälften der Schale umschlossen das Plutonium. Slotin schlug sie sofort wieder auseinander und rettete damit vermutlich den anderen Männern im Raum das Leben. Er selbst starb neun Tage später an den Folgen der Strahlung. Anschließend wurde in Los Alamos die Verwendung von Maschinen zur Bearbeitung von derartigen Materialien zur Pflicht.

Der Kern selbst wurde in die Atombombe “Gilda” eingebaut und als Teil von Operation Crossroads im “Test Able” am 1. Juli 1946 im Bikini-Atoll detoniert [YouTube]. Es war die vierte Atombomben-Explosion der Geschichte nach “The Gadget” und den beiden Bomben im Zweiten Weltkrieg.


Damals, als die Amerikaner gar niemanden abhörten

Juli 22, 2013

Man kann sich das im Moment kaum vorstellen, aber vor etwa 75 Jahren haben die USA auf Abhöraktionen verzichtet, weil ihnen das Ganze, nun, unhöflich erschien.

Unsere Geschichte fängt mit der Washington Naval Conference von November 1921 bis Februar 1922 an. Auf diesem Abrüstungsgipfel wurde unter anderem über die relativen Stärken der Schlachtschiffe in den Flotten von Großbritannien, den USA und Japan verhandelt. Die Regierung in Tokio verlangte dabei öffentlich ein Verhältnis von zehn für die beiden angelsächsischen Staaten zu sieben für sich (kurz 10:10:7 oder noch kürzer 10:7).

Jetzt tritt der amerikanische Kryptologe Herbert Yardley [PDF] auf die Bühne, wenn auch, äh, hinter den Kulissen. Zusammen mit seinen gerade einmal 13 Kollegen bildete er den Nachrichtendienst Military Intelligence Branch, Section 8 (MI8) — heute besser als America’s Black Chamber bekannt. Sie bekamen ein Telegramm aus Tokio vom 28. November 1921 in die Finger, das aus Tokio an den japanischen Verhandlungsführer adressiert war. Yardleys Team entschlüsselte bis zum 2. Dezember die Botschaft, deren Kern er so zusammenfasste:

It shows that if America presses Japan vigorously, Japan will give up proposal 1, then proposal 2, and that provided the status quo of the Pacific defenses is maintained, she will even accept a ten-to-six naval ratio.

Die US-Delegation unter Leitung von Außenminister Charles Evans Hughes kannte jetzt die Minimalforderung der Japaner — 10:6 — und konnte darauf hinarbeiten. Eine Woche später stimmte das Kaiserreich genau diesem Verhältnis zu. Ein diplomatischer Sieg für die USA und ein Riesenerfolg für den kleinen Nachrichtendienst.

In einer Welt ohne Computer war Yardley nach der Konferenz völlig erschöpft von der Entschlüsselungsarbeit und musste sich in Arizona ausruhen. Er bekam von Hughes einen (allgemein gehaltenen) Lobesbrief und vom Militär einen Orden. Zudem erhielten er und seine Mitarbeiter 1921 einen Weihnachtsbonus, unerhört zu dieser Zeit im amerikanischen Staatsdienst. Yardley bekam 184 Dollar.

Etwa acht Jahre später strich das Außenministerium die Gelder für MI8. Der Dienst wurde geschlossen.

Was war geschehen? Im Jahr 1929 wurde Henry L. Stimson Außenminister unter Präsident Herbert Hoover. Die Schließung von MI8 sollte zwar auch Geld sparen. Aber Stimson fand die ganze Sache in Friedenszeiten vor allem ethisch fragwürdig. Ihm wird folgender Spruch (in verschiedenen Varianten) zugeschrieben:

Gentlemen do not read each other’s mail.

Damit verfügten die USA ab dem 1. November 1929 über keine Möglichkeit mehr, ausländischen diplomatischen Verkehr abzufangen und zu entschlüsseln. Zwar schuf das Heer in seinem Signal Corps eigene Codes, brach fremde jedoch nicht. Erst 1932 – neun Jahre vor dem Angriff auf Pearl Harbor – nahm das amerikanische Militär diese Arbeit wieder auf.

Die Geschichte hat ein Nachspiel. Der plötzlich arbeitslose Yardley schrieb 1931 ein Buch über seine Arbeit bei MI8 mit dem Titel The American Black Chamber. Es wurde zum Bestseller, auch in Japan, wo man vor Wut schäumte und die Verschlüsselungsverfahren änderte. Im Jahr 1935 entstand auf der Grundlage der Agentenfilm Rendezvous. Die bösen Spione waren natürlich Deutsche.

Wie reagierte die amerikanische Regierung auf das Buch? Nun [PDF]:

The State Department, in the best tradition of “Mission: Impossible,” promptly disavowed any knowledge of Yardley’s activities. Secretary Stimson (…) was now said never to have heard of it, and State Department spokesmen indignantly denied that Yardley had broken Japanese codes during the Washington arms conference of 1921-22. The War Department declined public comment except to say, curiously, that Yardley’s bureau had not operated in the last four years.

Es mag den ehemaligen NSA-Mitarbeiter Edward Snowden interessieren, dass gegen Yardley keine Anklage erhoben wurde: Damals gab es noch keine juristische Grundlage, um ihm den Prozess zu machen. Er blieb allerdings ein ausgestoßener und arbeitete später für China – und Kanada.

[Zur Erinnerung und für neue Leser: Wir haben bereits die Bedeutung der US-Nachrichtendienste im Krieg gegen Japan besprochen. Dort auch die Diskussion über die Abhöraktionen gegen neutrale und verbündete Staaten während des Krieges, die dazu führten, dass die Archive erst 1995 vollständig geöffnet wurden, was wiederum Folgen für die Diskussion über den Einsatz der Atombomben hat.]


META Blogpause bis 22. Juli wegen Chaos

Juli 14, 2013

Wegen des Chaoses im Hause Stevenson ruht dieses Blog bis Montag, dem 22. Juli 2013. Wir haben schlicht den Aufwand unterschätzt.

(Und nein, die Pause liegt nicht daran, dass Civilization V durch Brave New World endlich die nötige Spieltiefe erhalten haben soll — leider.)


Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 1.106 Followern an