ZEUGS: Football, Musik und Atombomben

Januar 29, 2014

Früher, ja früher, da hat man am Wochenende endlich etwas geschafft bekommen, zum Beispiel Einträge für sein Blog zu schreiben. Im Moment verbringt dieser Autor Samstag und Sonntag allerdings eher in Turnhallen mit anderen Eltern sportverrückter Kinder. Er hat dadurch zwar eine ganze Reihe von Volleyball-Schlachtrufen gelernt und weiß jetzt, dass “Eiserne Union” nichts mit Hertha zu tun hat. Aber zum Schreiben kommt er immer weniger. Daher diesmal nur ein Zeugs.

  • Zu American Football, denn es steht wieder das wichtigste Sportereignis der Welt an, der Superbowl: In einem etwas respektlosen Video [YouTube] werden nochmal die Regeln erklärt. Nur dass man Leute nicht wirklich mit der Faust ins Gesicht hauen kann.
  • Zu Religion und Militär: Die US-Streitkräfte erlauben nun Bärte, Turbane und andere eigentliche verbotene Änderungen des Aussehens aus religiösen Gründen.

    Muslim, Sikh, Jewish and Wiccan soldiers, marines, sailors and airmen can now request exemptions to strict military uniform and grooming policies.

    In den US-Streitkräften dienen 1500 Wicca, was irgendwie nach ziemlich wenig klingt für den Großen Satan.

  • Zur Rede zur Lage der Nation: Das Language Log untersucht die Häufigkeit von Pronomen. Präsident Barack Obama benutzt demnach die erste Person weniger als seine Kritiker ihm vorwerfen.

    This is unlikely to prevent cries of “narcissism!” or “royalty!” from the likes of George Will, Peggy Noonan, Charles Krauthammer, and Stanley Fish. But I present this bit of prophylaxis in the hope that ridicule may eventually succeed where reality has failed.

    Zur Erinnerung, die “Rede” wurde früher schriftlich verfasst.

  • Zum Arbeitsmarkt: Amerikaner arbeiten in der Industrie inzwischen im Durchschnitt knapp unter 42 Stunden pro Woche und damit mehr als in den vergangenen 60 Jahren.
  • Zu Musik, genauer gesagt die Art, die dieser Autor so gar nicht hört: Klassik ist in den USA vom Aussterben bedroht, wie Slate berichtet.

    There’s little doubt as to the causes: the fingernail grip of old music in a culture that venerates the new; new classical music that, in the words of Kingsley Amis, has about as much chance of public acceptance as pedophilia; formats like opera that are extraordinarily expensive to stage; and an audience that remains overwhelmingly old and white in an America that’s increasingly neither.

    Via German Joys.

  • Zu Rechtsradikalen in den USA, ein Bericht der BBC über eine Kleinstadt in North Dakota, in der sich Neo-Nazis breit machen wollten.

    In a part of the country where many people are of German and Russian ancestry, the swastika is something residents neither want to forget, nor especially be reminded of.

    Die Anführer stehen inzwischen vor Gericht. Ihnen droht eine Haftstrafe von bis zu 35 Jahren.

  • Zu Atombomben: Die USA erwägten 1968 den Einsatz von
    Atomwaffen gegen Nordkorea, wie wir jetzt wissen.

    The warheads in such a situation would be delivered by Honest John rockets and Sergeant missiles, each with a maximum yield of 70 kilotons (very roughly five times the yield of the Hiroshima bomb). It would not have been a happy ending for anyone on the Korean peninsula.

    Die Unterlagen sind inzwischen online verfügbar Und wen das irgendwie bedenklich stimmt, der kann sich die Fotos aus den 50er Jahren anschauen, die zeigen, wie man von Los Angeles aus am Himmel das Leuchten der Atombomben-Tests in der Wüste von Nevada sehen konnte. Ehrlich, und wir heute müssen mit Nordlichtern vorliebnehmen.

[KORREKTUR 29. Januar 2013: "Präpositionen" sind nicht das gleiche wie "Pronomen". Zuerst gefunden von R., vielen Dank]


Über die Verwendung von “gay” unter angelsächsischen Jugendlichen

Januar 17, 2014

Dieser Autor hat, wie mehrfach in diesem Blog angedeutet, absolut keine Ahnung von Fußball, trotz der ständigen Nachhilfeversuche von Kind Nummer Zwei. Daher war seine erste Reaktion auf die Flut von Medienberichten nach dem Coming-Out von Thomas Hitzlsperger ein verwirrtes “wer”? Zum Glück war die Schönste Germanin zur Stelle, die nicht nur weise, sondern auch klug ist.

Nun würde sich eine Diskussion über den Begriff facepalm anbieten, aber wir wollen uns ein anderes Thema vornehmen: Eine besonders unter angelsächsischen Jugendlichen geläufige Verwendung des Wortes gay, die Außenstehende verwirren kann.

Zuerst müssen wir festhalten, dass gay an etwas leidet, das Programmierer als operator overloading bezeichnen: Es hat je nach Zusammenhang eine unterschiedliche Bedeutung. Die älteren Verwendungen — Shakespeare und so — gehen in Richtung “fröhlich, heiter” bei Personen und “knallbunt, schrill” bei Farben. Inzwischen sind beide überwiegend von “homosexuell”, genauer gesagt “schwul”, verdrängt worden. Das dürfte dem interessierten Leser am vertrautesten sein.

Allerdings listet beispielsweise die Oxford University Press eine vierte Bedeutung auf:

informal, offensive foolish, stupid, or unimpressive

Stupid trifft es nach dem Sprachgefühl dieses Autors nicht ganz, eher wäre für ihn lame (lahm, öde) angebracht. Die New York Times bietet als Beispiel:

In a circle of 13-year-olds, “That’s so gay!” might translate to: “Only ding-dongs go to the movies on Saturday when anyone who is anyone goes to the movies on Wednesdays.”

Am Ende ist das Haarspalterei, denn so oder so ist gay in diesem Zusammenhang abwertend, eine Beleidigung.

Verwendet wird That’s so gay von Jugendlichen auf beiden Seiten des Atlantiks. Einer britischen Studie zufolge war gay vor einigen Jahren das am häufigsten verwendete Schimpfwort auf den Schulhöfen des Landes. Die Erwachsenen sind entsetzt — das ganze Bemühen um eine tolerantere Gesellschaft, und dann kommt so etwas von der Generation, für die bekennende Homosexuelle zum Alltag gehören sollten. Die Schockwirkung dürfte die Verwendung bei den Rotzblagen natürlich noch gefördert haben.

Es gibt das Argument, dass die beiden Verwendungen so gar nichts miteinander zu tun haben. Wir kennen diese Sichtweise aus Deutschland, wo Ausländern die Kinnlade herunterfällt, wenn sie das erste Mal das Wort “getürkt” hören. Der BBC sagt ein Experte zu der Schulhof-Studie von 2008:

“I have interviewed scores of school kids about this and they are always emphatic that it has nothing at all to do with hostility to homosexuals,” [...] “It is nearly always used in contexts where sexual orientation and sexuality are completely irrelevant.”

Homosexuellen-Verbände sehen das schon allein wegen der Selbstmordrate unter schwulen und lesbischen Jugendlichen nicht so locker. In Großbritannien — um heute mal auf der Insel zu bleiben — läuft eine Kampagne gegen diese Art der Verwendung in den Schulen. Darunter:

“Your so gay.” — Can you spot two common mistakes?

Die Briten wären keine Angelsachsen, wenn sie nicht mit einem Wortspiel dagegen vorgehen würden. Der Slogan lautet:

Homophobia is gay

Die New York Times spekuliert in dem oben verlinkten Artikel, dass die Formulierung ohnehin langsam den Weg aller Jugendbegriffe geht. Eine 14-Jährige erklärt der Zeitung, gay habe sie benutzt, als sie kleiner war. Heute halte sie das für falsch und zieht folgende Konsequenz:

I’d much rather call someone a loser.

Vielleicht noch nicht ganz das, was man sich wünschen würde, aber immerhin.


Warum Allen Funt keinen Spaß bei der Übersetzung versteht

Januar 6, 2014

Kind Nummer Eins ist endlich, endlich alt genug um wenigstens einige ausgewählte Folgen von Buffy the Vampire Slayer zu gucken, wenn auch nur zusammen mit einem Elternteil. Selbst dann müssen alle Episoden vorher zur Sicherheit gesichtet werden, denn man vergisst schon einige Details, wenn man eine Serie nur acht oder neun Mal gesehen hat. Dieser Autor nimmt der Schönsten Germanin diese fürchterliche Arbeit natürlich heldenmutig ab.

Leider gehört “Tabula Rasa” zu den Folgen, auf die der Nachwuchs noch verzichten muss. Das ist doof, nicht nur weil sie eine der besten überhaupt ist, sondern weil man damit gut einige grundsätzliche Unterschiede zum Leben in Deutschland erklären kann.

Das haben wir hier schon erledigt, daher tragen wir jetzt nur ein Detail nach. Als alle ohne Gedächtnis herumstehen und sich überlegen, was passiert sein könnte, sagt Anya:

[I] don’t see Allen Funt.

Giles schaut sie verwirrt an und stellt die Frage, die sich auch der gemeine deutsche Fernsehzuschauer stellen dürfte: Who?

Allen Funt war der Erfinder der Fernsehsendung Candid Camera, die in Deutschland als Versehen Sie Spaß läuft. Ganz ursprünglich war es eine Radiosendung, 1948 wechselte sie ins Fernsehen. Der britische Ableger begann 1960 unter der Leitung von David Nixon. Daher kann Giles mit dem Namen Funt auch nichts anfangen.

Die Buffy-Synchronisatoren gehen an dieser Stelle wieder ganz eigene Wege, vermutlich weil man Frank Elstner nicht in eine US-Serie stecken wollte (oder sie hatten den Auftrag, auf keinen Fall einen Konkurrenz-Sender zu erwähnen). Anya befasst sich in der deutschen Version weiter mit der Theorie, dass sie alle betrunken waren und stellt fest, dass sie “keine Elefanten” sieht. Schlimm genug. Aber dazu wird noch aus Giles’ sehr britischem und hörbar gebildetem “Who?” ein selten dämliches “Äh?”, das überhaupt nicht zu seinem Charakter passt. Hier wird erneut die Sprachebene völlig verfehlt.

Dem interessierten Leser sei versichert, dass die Bildung von Kind Nummer Eins auch auf konventionelleren Wegen fortschreitet. Am Wochenende gab es im Hause Stevenson eine längere Diskussion über den Sinn von Umgehungsstraßen und galaktischen Hyperraum-Expressrouten. Auf der Grundlage des Original-BBC-Hörspiels, versteht sich.


ZEUGS: Verschwundene Kolonien, Waffenwerbung und dumme Sex-Gesetze

Dezember 23, 2013

Dieser Autor hat die Erfahrung gemacht, dass die Zahl der Blogleser von Weihnachten bis Neujahr in den Keller geht — vermutlich, weil sie nicht auf der Arbeit sind Zeit mit ihrer Familie verbringen. Daher legen wir nochmal einige Links auf, bevor wir uns bis zum kommenden Jahr verabschieden, mit besten Wünschen für die Feiertage und einen guten Rutsch natürlich. Der nächste Eintrag erscheint am Montag, dem 6. Januar 2014.

  • Zu den unglaublich großen Betonpfeilen, die in den USA einfach in der Landschaft herumstehen: So etwas gibt es tatsächlich. Die Erklärung mit der Luftpost ist natürlich Unfug, es sind Landemarkierungen für die Raumschiffe von Außerirdischen.
  • Zum Kongress: Die Zustimmungswerte für die Abgeordneten sind inzwischen auf sechs Prozent gefallen, ein historisches Tief. Wie historisch eigentlich?

    [A]round 3 times as many colonists supported King George as the 6% which support our own Congress today.

    Unbeliebter als die Briten vor der Revolution, so historisch. Damit gehen der amerikanischen Presse wohl endgültig die Vergleiche aus.

  • Zu Sprachgewohnheiten: In Kalifornien (und die in den restlichen 49 Bundesstaaten wird man an dieser Stelle vermutlich einwerfen wollen: wo sonst) nehmen die Männer weibliche Sprechmuster an, so genanntes uptalk.

    People who speak uptalk are often misunderstood to be insecure, shallow or slightly dim, according to the team, who say this was not necessarily the case.

    Offenbar reden aber auch Australierinnen so.

  • Zu verlorenen Kolonien: Wir erinnern uns, Forscher hatten auf einer Karte geheime Zeichen entdeckt, die vielleicht zur “Lost Colony” von Roanoke führen. Jetzt sind mit Bodenradar weitere Spuren gefunden worden:

    LeCompte and his colleagues found a previously undetected pattern that may indicate the presence of one or more structures, possibly made of wood, under about three feet (a meter) of soil.

    Als nächster Schritt müssen richtige Löcher in die Erde gegraben werden, um die Strukturen zu untersuchen.

  • Zur Religionslüge: Einer Studie zufolge werden die Amerikaner weniger religiös, oder zumindest ehrlicher. Für die US-Politik ist die folgende Statistik wichtig (Hervorhebung hinzugefügt):

    [T]he groups most likely to be absolutely certain there is a God include blacks (70%), Republicans (65%), Matures (62%) and Baby Boomers (60%), Southerners (61%) and Midwesterners (58%), and those with a high school education or less (60%).

    Wer die schwarzen Wähler auf seine Seite ziehen will, ob Republikaner oder Demokrat, muss gottesfürchtig sein.

  • Zu Waffengesetzen: Aus offensichtlichen Gründen gibt es in Deutschland praktisch keine Werbung für Schusswaffen. In konservativen US-Blogs macht gerade ein Spot von Glock die Runde. Der interessierte Leser wird ziemlich schnell erkennen, welches Geschlecht die Zielgruppe hat.
  • Zu dummen Sex-Gesetzen: Als Amerikaner in Deutschland wird man ständig in den Medien — ganz zu schweigen vom Internet — mit irgendwelchen Geschichten über angebliche Sex-Gesetze in den USA konfrontiert. Was ist von denen zu halten?

    Most of those are urban legends.

    Was nicht heißt, dass es nicht trotzdem dumme oder zumindest seltsame Gesetze gibt. Unter dem obigen Link hat io9 eine Karte mit den bestätigten (!) Fällen zusammengestellt, die es auch etwas ausführlicher als Liste gibt. Die Damen mögen sich vielleicht besonders die Situation in Texas anschauen.


Das Gedicht mit den roten Rosen und blauen Veilchen

Dezember 13, 2013

Wir gehen heute nochmal auf das Siegerfrühstück von Kurt Vonnegut Jr. ein. Dort finden wir folgendes Gedicht:

Roses are red
And ready for plucking
You’re sixteen
And ready for high school

Dieser Autor hat lange überlegt, ob er eine Übersetzung oder gar eine Erklärung des Witzes anbieten soll. Allerdings geht er davon aus, dass der interessierte Leser von selbst darauf kommen wird, was sich hier vielleicht eher mit plucking reimt.

Uns interessiert ohnehin heute nicht das Alter, ab dem man in den USA nicht mehr vor Verführung geschützt ist (age of consent), schon allein weil es sich (natürlich) von Bundesstaat zu Bundesstaat unterscheidet. Wir gehen vielmehr auf das Original dieses kleinen Reims ein, weil man es immer wieder trifft:

Roses are red
Violets are blue
Sugar is sweet
And so are you

Der Ursprung liegt offenbar im 16. Jahrhundert. Ähnlich wie bei den Knock-Knock-Witzen muss man hier nur die erste Zeile aufsagen und jeder Angelsachse weiß sofort, was for ein Format der kommende Witz haben wird. Es gibt unendlich viele Abwandlungen, angefangen mit Kinderreimen:

Roses are red
Violets are blue
The gasworks stink
And so do you

Gerne auch:

Roses are blue
Violets are red
If you agree
You’ve got rocks in your head

Die Fans der Fernsehserie Fringe werden sich an die Valentins-Tag-Grüße vom “blauen” ins “rote” Paralleluniversum erinnern:

Your universe is red
My universe is blue
You shared your mints
Now I like you

Bei anderen Medien gibt es ganze Wettbewerbe, zum Beispiel bei Mass Effect. Nicht immer können die betroffenen Unternehmen froh sein. Die Wut über das umstrittene Ende von Mass Effect 3 brachten Fans auch in dieser Form zum Ausdruck:

Renegades are red
Paragons are blue
You wanted endings that reflected your decisions?
Fuck you

Renegade und paragon beziehen sich dabei auf die ethische Positionen, die man während des Spiels einnehmen kann und die nach der Meinung vieler Fans auch das Ende hätte mitbestimmen sollen.

Eine ganze Reihe von Versionen spielen wie die Variante aus Breakfast of Champions damit, dass der Reim von der zweiten bis zur vierten Zeile nicht eingehalten wird. Da hätten wir:

Roses are red
Violets are blue
I’m schizophrenic
And so am I

Und schließlich wollen wir nicht verschweigen, dass der Reim manchmal völlig scheitert:

Roses are gray
Violets are gray
I am colorblind, you see
What can I say?


Das Siegerfrühstück

Dezember 1, 2013

Dieser Autor hat dem Nachwuchs jüngst (in Abwesenheit der Schönsten Germanin, versteht sich) eine der wichtigsten Lektionen des Lebens beigebracht: Kalte Pizza ist ein wunderbares Frühstück. Es ist, wie man auf Englisch so schön ironisch sagt, the breakfast of champions.

Der interessierte Leser wird den Spruch an diversen Stellen bei Angelsachsen gehört haben, unerklärlicherweise auch für andere Dinge als Pizza. Eines der jüngsten Beispiele stammt von der Schauspielerin Nina Dobrev aus Vampire Diaries mit ihrem Tweet Sex. Breakfast of Champions. — ein Zitat aus dem Film Rush.

Woher kommt der Spruch? Der Ngram Viewer von Google gibt uns den Ursprung Anfang der 30er Jahre. Damals begann General Mills eine Sport-Werbekampagne für ihre Wheaties-Frühstücksflocken, die sie über Jahrzehnte fortsetzte [YouTube].

Das war der erste Streich. Schaut man sich den Ngram-Graphen oben nochmal genauer an, sieht man, dass es dann Anfang der 70er Jahre einen Sprung bei der Verwendung gab. Denn 1973 veröffentlichte Kurt Vonnegut Jr. seinen Roman Breakfast of Champions, Or Goodbye Blue Monday. Die New York Times schrieb damals dazu:

He wheels out all the latest fashionable complaints about America — her racism, her gift for destroying language, her technological greed and selfishness — and makes them seem fresh, funny, outrageous, hateful, and lovable, all at the same time.

Womit die ironische Verwendung endgültig die ursprüngliche verdrängte.

Trotzdem: Kalte Pizza am nächsten Morgen, am besten mit Pepperoni-Salami. Es gibt nichts besseres.


META Podiumsdiskussion über Privatheit

November 27, 2013

Etwas kurz vor knapp, aber dieser Autor ist heute um 19.00 Uhr auf einer Podiumsdiskussion zum Thema Privatheit in der Landesvertretung Hamburg in Berlin. Und eigentlich sollte dieser Hinweis schon vor Tagen hineingestellt werden.


Eine neue Präposition im Englischen, weil Internet

November 20, 2013

Freudige Erregung unter den Sprachwissenschaftlern, Entsetzen bei den grammar nazis: Im Internet benutzen inzwischen so viele Leute das Wort because als Präposition — zum Beispiel because Internet, also “weil Internet” — dass sie von einem neuen Konstrukt der englischen Sprache ausgehen. Aufgefallen war ihnen das schon vor mindestens einem Jahr, jetzt gibt es neue Erkenntnisse.

Der Hintergrund: Die “because-noun” Konstruktion bereichert Englisch um eine kurze Formulierung, die Ironie und eine allgemeine Aussage zu einem Thema kombiniert.

I’m making grand and yet ironized claims, announcing a situation and commenting on that situation at the same time. I’m offering an explanation and rolling my eyes — and I’m able to do it with one little word.

Die Experten weisen darauf hin, dass but zwischendurch in einem begrenzten Umfang ähnlich verwendet wurde. Als Beispiel wird — natürlich — der spielerische Umgang mit dem Englischen in Buffy the Vampire Slayer aufgeführt:

I also watched a late 1990s episode of Buffy the Vampire Slayer in which the character Willow shyly asks the character Oz if he’d like to make out with her. (…) [H]e turns down her proposal. Hurt, Willow sputters, “But … freeze frame!”

(Wer Buffy nur von der deutschen Synchro kennt: Der Erfolg der TV-Serie geht nicht zuletzt auf den Wortwitz und die Sprache zurück, über die Linguisten ganze Bücher geschrieben haben. Leider leisteten die Übersetzer hier ganze Arbeit und rotzten die deutsche Version lieb- und gedankenlos (und zensiert) herunter.)

But in dieser Form kann allerdings schwieriger zu verstehen sein, wie die Formulierung It is all but certain — “Es ist praktisch sicher” — zeigt. Because hat dieses Problem nicht.

Als direkter Vorläufer der neuen because-Variante werden die hey, because Witze aus Saturday Night Live in den 80ern diskutiert, die ein gewisses Eigenleben entwickelten. Später, so die Erklärung, wurde das hey weggelassen.

Ein Beispiel für die längere Variante wäre demnach der Witz:

If life gives you lemons, keep them, because, hey, free lemons.

Diese Anspielung auf den Spruch If life gives you lemons, make lemonade (den Portal-2-Fans in noch einer anderen Variante kennen) zeigt ebenfalls die Ironie: Die Begründung nach dem because ist schwach oder schlicht albern.

Und jetzt kommt das eigentlich Aufregende, zumindest wenn man ein Sprachwissenschaftler ist: Inzwischen ist die because-noun Konstruktion bei Kindern und Jugendlichen nachzuweisen. Allerdings fehlt dabei die Ironie.

A four-year-old liked Monster Inc. “Because the day care.” A six-year-old chose Monsters University, “because the part where Sully has the big roar and scares all the policemen.”

Da kleine Kinder bekanntlich keine Ironie verstehen — was im Hause Stevenson schon mal zu Problemen führt — haben die Rotznasen diese Konstruktion einfach direkt in ihren Wortschatz aufgenommen. Sollte sie sich halten, würde sie langfristig wohl eine leicht andere Bedeutung bekommen.

Ja, aber wird sie sich halten? Schwer zu sagen. Slang kommt und geht bekanntlich. Vielleicht nehmen sich die Blagen später zu Herzen, dass because-noun nicht Standardsprache ist. Allerdings gibt es genug Beispiele für Formulierungen, die jetzt als (fast) normal gelten. Grammar Girl weist auf he graduated college hin, das früher ein from verlangte (und ganz früher passiv war) und jetzt nur besagten Sprachfaschisten auffällt.

In der Zwischenzeit mag der interessierte Leser darauf achten, ob ihm im Deutschen “weil Hausaufgaben” unterkommt. Weil Internet und so.


ZEUGS: Witzes Englisch, beliebte Drogen und keine Panik vor Außerirdischen

November 16, 2013

  • Zur Geschichte des Englischen: Der Ehrenplatz des ersten Eintrags geht heute an die Open University für ihr kurzes Animations-Video zur Geschichte der englischen Sprache — eine Geschichte, die offenbar nicht ohne Zombies, Katzen und dem Wort “Penis” erklärt werden kann. Finde ich auch.
  • Zu noch mehr Geschichte, denn Wissenschaftler haben jetzt eine sehr viel bessere Vorstellungen davon, wie die Wälder Nordamerikas vor der Ankunft der Europäer aussahen. Kurz gesagt: Ganz anders.
  • Zur Geschichte der Indianer, um etwas spezifischer zu werden: Dank astronomischer Daten zu Sonnenfinsternissen wird inzwischen angenommen, dass der Irokesen-Bund am 22. August 1142 gegründet wurde. Bislang war man eher vom 15. oder 16. Jahrhundert ausgegangen.

    During a ratification council held at Ganondagan (near modern-day Victor, New York) the sky darkened in a total, or near total, eclipse. The time of day was afternoon, as Councils are held between noon and sunset. The time of year was either Second Hoeing (early July) or Green Corn (late August to early September). Thus, we must look for an eclipse path that would totally cover Ganondagan between July and September, in mid-afternoon.

    Allerdings würde auch der 18. August 909 infrage kommen.

  • Zum Justizsystem: Politico stellt eine Reihe von Vergleichen an, wie viele Amerikaner im Gefängnis sitzen:

    In 2012, there were some 1,570,000 inmates in state and federal prisons in the U.S. (…). By contrast, there were about 1,530,000 engineers in America last year, 815,000 construction workers, and 1 million high school teachers, according to the Bureau of Labor Statistics.

    Die Kreisgefängnisse sind in diesen Zahlen nicht inbegriffen. Der Artikel geht unter anderem auf Rolle der mandatory minimum sentencing Gesetze ein, die eine Mindesthaftzeit festlegen, und die Folgen der Anti-Drogen-Politik.

  • Zur Legalisierung von Drogen, denn genau diese Drogenpolitik wird zunehmend von der Bevölkerung infrage gestellt: Einer Gallup-Umfrage zufolge befürwortet eine Mehrheit der US-Bürger inzwischen die Legalisierung von Marihuana. Angesichts der Altersverteilung dürfte dieser Trend sich nur noch verstärken.
  • Zu Hinrichtungen, wenn wir beim Justizsystem sind: The Atlantic weist darauf hin, dass den Bundesstaaten mit der Todesstrafe die Zutaten für die Giftcocktails ausgehen, insbesondere weil europäische Firmen diese Substanzen nicht mehr an die USA verkaufen.
  • Zu Eiern, weil wir in diesem Blog früher oder später alles behandeln, offenbar: io9 diskutiert lang und ausführlich, warum Amerikaner im Gegensatz zum größten Teil der übrigen Welt ihre Eier im Kühlschrank aufbewahren. Dabei geht die Website auf die erstaunlichen Unterschiede bei den Lebensmittelvorschriften in den USA und Europa ein, genau rechtzeitig für die transatlantischen Handelsgespräche.
  • Zu Verschwörungstheorien, denn der Kampf gegen Unfug ist nie zuende: Wenn Slate es für notwendig hält, den Mord an John F. Kennedy noch einmal geradezurücken, wollen auch wir unsere Pflicht tun.
  • Zu Verschwörungen, nochmal: Die viel beschriebene Massenpanik in den USA nach der Ausstrahlung von Orson Welles’ Hörspiel zu War of the World hat es nie gegeben. Zum Glück ist die Geschichte hinter dem Mythos genauso spannend: Zeitungen wie die Daily News erfanden die Panik, um das neue Medium des Radios zu diskreditieren.

    Radio had siphoned off advertising revenue from print during the Depression, badly damaging the newspaper industry. So the papers seized the opportunity presented by Welles’ program to discredit radio as a source of news.

    Meine Güte, das wäre ja fast so, als ob heute die MSM böse Dinge über Internet-Medien berichten würden. Tatsächlich lag die “Hörerquote” bei etwa zwei Prozent. Wie wenig die Leute beeindruckt waren, sieht man auch an der fehlenden Reaktion der Behörden. Wie Slate etwas bösartig bemerkt:

    Janet Jackson’s 2004 “wardrobe malfunction” remains far more significant in the history of broadcast regulation than Orson Welles’ trickery.


Von Ringbären und anderen Aussprache-Fragen

November 10, 2013

In einer der ersten Folgen der (angeblich) letzten Staffel von How I Met Your Mother gibt es ein kleines Aussprache-Problem bezüglich der Person, die den Ring zu einer Hochzeit tragen soll: Ist sie jetzt der ring-bearer — der “Ringträger”, wie in Lord of the Rings — oder wirklich ein ring-bear, also “Ringbär”, wie die Schönste Germanin hofft? Den Machern ist zuzutrauen, dass zum Ja-Wort ein großes, gefährliches Tier auftaucht, auch wenn das bei amerikanischen Hochzeiten eher unüblich ist. Klar ist im Moment nur, dass die Übersetzer wieder weinen werden.

Uns gibt das die Gelegenheit auf eine Serie von Landkarten zurückzukommen, die wir in einem einfachen ZEUGS unter Wert verkauft haben: Joshua Katz hat die Daten aus der Harvard Dialect Study visuell aufbereitet und zeigt so sehr anschaulich die große sprachliche Kluft zwischen verschiedenen Teilen der USA. Business Insider machte sich danach den Spaß, einige zusätzlich mit schnippischen Kommentaren zu versehen:

Americans can’t even agree how to pronounce crayon.

Tatsächlich gibt es für den banalen Wachsmalstift drei Hauptvarianten bei der Aussprache: cray-ahn mit offenem Mund, cray-awn mit der zweiten Silbe wie Dawn, dem Namen von Buffys Schwester, und das einsilbige cran wie in man. Auch bei mayonnaise gibt es krasse Unterschiede, ob may-uh-naze oder man-aze.

Was nun für Europäer verwirrend sein kann: Beide Aussprachen des Gewürzmittels sind richtig. In den USA gibt es keine “Hochsprache”, also kein sprachliches Ideal wie Hochdeutsch, das alle anstreben sollen. Auch die Schreibweise des Wortes ist mehr eine Gedächtnisstütze, wie so häufig im Englischen.

Da Akzent und Aussprache nicht zur Verfügung stehen, müssen sich amerikanische Sprach-Snobs andere Wege ausdenken, um auf ihre Mitbürger herabzuschauen. Entsprechend der Eintrag hier über den geteilten Infinitiv (und über grammar nazis).

Das ist allerdings ziemlich anstrengend. Wer es sich einfacher machen will, sucht sich einen Teil des Landes aus, wo die Aussprache prägnant ist, und verachtet einfach alle Leute dort, ähnlich wie man in Norddeutschland mit den Bayern umgeht.

Die wohl klarste Grenze ist dabei die zwischen den ehemaligen Nord- und Südstaaten bei you all und y’all als Begriff für eine Gruppe von Menschen (funktioniert allerdings auch mit lawyer). Das ist hilfreich zu wissen, wenn man bei True Blood auseinander halten will, welcher Vampir von wo kommt.

Wie das mit den Ringen und Bären ist, wird leider nicht behandelt.


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