Archive for the 'Eintrag' Category

Drei Bemerkungen zu Waffengesetzen in den USA

Dezember 15, 2012

Angesichts des Massakers in Connecticut wird der eigentlich geplante Eintrag durch drei Hinweise zum Thema ersetzt:

Das Pew-Institute weist auf eine Studie hin, die zeigt, wie gespalten die USA bei dem Thema sind: Im Juli 2012 — und damit nach dem Überfall auf ein Kino in Colorado — hielten sich mit 46 zu 47 Prozent die Befürworter und Gegner von strengeren Gesetzen etwa die Waage.

Weiter gibt es Hinweise, dass eine Polarisierung in der öffentlichen Debatte stattfindet: Die “New York Times” berichtet heute, dass in den US-Medien neutralere Begriffe wie gun control zunehmend durch Begriffe wie gun violence und gun rights ersetzt werden. Im Language Log werden diese Ergebnisse kommentiert.

Schließlich werden in der deutschen Berichterstattung erstaunlich häufig die jüngsten Urteile des Supreme Court zu den Waffenrechten unterschlagen, insbesondere Columbia vs Heller (2008) und McDonald vs Chicago (2010). Zusammen bewirken sie (sehr grob vereinfacht) dass das Recht auf den Besitz einer Waffe den Status eines Grundrechtes ähnlich wie die Meinungsfreiheit hat. Der Ruf nach “strengeren Waffengesetzen” wäre damit eher ein Ruf nach einer Verfassungsänderung, für die es keine absehbare Mehrheit gibt.

Hawaii oder Hawai’i?

Dezember 3, 2012

Im vergangenen ZEUGS-Eintrag hatten wir über die zwei neuen hinduistischen und buddhistischen Abgeordneten im Kongress gesprochen, die beide aus Hawaii stammen. Eigentlich schreibt dieser Autor nicht gerne über die Pazifik-Insel, denn er kennt zu viele Leute, die nur nach Androhung von Gewalt aufhören zu erzählen, wie schön es da ist. Dinge, die man besonders im Berliner Spätherbst nicht hören will.

Daher behandeln wir in diesem Eintrag nur ein ganz winziges Stück Hawaii. Schauen wir uns diese Ankündigung zu einer Erweiterung von Civilization V an:

Kamehameha was the first ruler to unite all of the Big Islands of Hawai’i under his rule in 1791, and reformed many of the island’s laws to protect its people. Because of his strong rule and wise policies, Hawai’i remained an independent kingdom long after Kamehameha’s death in 1819.

Hier wird Hawaii plötzlich “Hawai’i” geschrieben, mit einem Apostroph zwischen den beiden “i”. Das ist kein Einzelfall. Schaut man sich bei den Amerikanern um, findet man ein fröhliches Mischmasch von Varianten mit und ohne den kleinen Fliegendreck. Wie heißt es denn jetzt richtig?

Zum Glück haben die USA eine schöne, große Bürokratie, die auch die Namen von Bundesstaaten, Inseln, Städten etc. regelt. Bei dem Geographic Names Information System (GNIS) des Innenministeriums erfahren wir nicht nur, dass der Bundesstaat “Hawaii” heißt (ohne Apostroph). Wir finden unter “Island of Hawai’i” (die übrigens die Identifikationsnummer 365308 trägt) folgende Liste mit der Überschrift Board on Geographic Names Decisions (umformatiert):

Island of Hawai’i – Board Decision – Official – 1999
Hawaii – Board Decision – Official – 1954
Hawaii – Board Decision – Official – 1914

Sprich, seit 1999 heißt die Hauptinsel offiziell nicht mehr “Hawaii” (ohne Apostroph), sondern “Hawai’i” (mit Apostroph). Der Bundestaat bleibt so, wie er war.

Allerdings werden die zwanghaften Googler unter den interessierten Lesern entdecken, dass es in der Praxis ziemlich durcheinander geht, selbst bei den offiziellen Quellen. Auf der Website des Bundesstaates steht dick und fett Official Website of the State of Hawai’i, mit Apostroph. Dagegen fehlt in der offiziellen Einführungsbroschüre [PDF] das Ding dann wieder und auf der offiziellen Touristen-Site herrscht das blanke Chaos. So einfach kann es also nicht sein.

Der tiefere Hintergrund: Es handelt sich eigentlich nicht um ein Apostroph, sondern um einen ‘Okina, ein besonderer Buchstabe des Hawaiischen, der einen stimmlosen glottalen Plosiv (eng. glottal stop) markiert.

(Damit ist die Verwendung des “‘” in diesem Blog eigentlich falsch, denn ein ‘Okina soll auf Computersystemen so dargestellt werden:

According to Unicode, the codepoint for ʻokina is Unicode character U+02BB MODIFIER LETTER TURNED COMMA ( ʻ )

Da aber dieser Text während seiner Entstehung mal unter Google Docs auf einem Samsung Chromebook und mal unter OS X auf einem MacBook Pro mit einer deutsch belegten Kinesis Freestyle US-Tastatur und TextEdit geschrieben wurde, bevor es in WordPress konvertiert wurde, bleibt dieser Autor bei dem, was er kennt, nämlich dem kleinen Zeichen auf der Taste mit dem #.)

Nun ist die Sprache Hawaiianisch vom Aussterben bedroht — je nach Quelle findet man Angaben von 3.000 bis 24.000 Kundigen unter den 1,3 Millionen Menschen auf den Inseln. Daher die Bemühungen, sie zu fördern, unter anderem, indem die örtlichen Schreibweisen übernommen werden. Und da heißt es eindeutig “Hawai’i” (mit ‘Okina).

Was wieder einfacher klingt als es ist. Da wären die Kosten der Umstellung, die nicht jeder Bürger einsieht. Schlimmer noch, die Hawaiisch-Sprachigen sind untereinander zerstritten. Die Älteren haben ihre Sprache ohne diese Zeichen gelernt und haben jetzt keine Lust, sie jetzt zu ändern:

And many of those old-timers continue to prefer that usage, said Malia Craver, a native speaker of Hawaiian who works with the Queen Lili’uokalani Children’s Center. “In the Hawaiian community, you have two groups. One is all for the new changes, and the other is not for the changes.”

Der Form halber sollten wir noch erwähnen, dass der ursprüngliche Name der Inseln auf Englisch ganz einfach war [PDF]: Die “Sandwich Islands”.

Warum schlechte Verlierer in den USA nicht zur Wahl antreten dürfen

November 2, 2012

Kaum schreibt dieser Autor, dass er keine Zeit hat für einen richtigen Eintrag, fällt er in einen freien Vormittag. Das trifft sich gut, denn der interessierte Leser MG will wissen, was ein sore-loser law ist. Offenbar hat das irgendwas mit der Serie The Big Bang Theory zu tun. Ehrlich, einige Leute hier sind froh, inzwischen wenigstens Dead Like Me gesehen zu haben.

Wie auch immer — die “Schlechte-Verlierer-Gesetze” der Bundesstaaten verhindern, dass der Verlierer einer Vorwahl einer Partei einfach als Unabhängiger bei der eigentlichen Wahl antritt.

Ein Beispiel für ein solches Verhalten gab es vor zwei Jahren in Florida, als der Republikaner Charlie Crist bei der Primary hinten lag. Er stieg aus und meldete sich als Unabhängiger an (und verlor trotzdem). Crists Wechsel löste Empörung aus.

Die meisten Staaten haben derartige Gesetze oder legen die Anmeldefristen so, dass man sich nur für die Vorwahl oder als Unabhängiger registrieren lassen kann, nicht aber beides. Befürworter führen Fairness und Stabilität an, Gegner nennen das Verfahren undemokratisch.

Und mehr Zeit ist jetzt doch nicht.

Warum Nicht-Wählen in den USA nicht so problematisch ist (rechnerisch zumindest)

Oktober 18, 2012

Deutsche sind entsetzt, mit welcher Nonchalance Amerikaner nicht zur Wahl gehen. Hier prallen unterschiedliche Weltansichten aufeinander: Während der US-Bürger nicht einsieht, seine Stimme abzugeben, wenn ihm beide alle Kandidaten nicht gefallen und es schon mal mit einem Spruch wie Don’t vote, it only encourages the bastards abtut, lernen Bundesbürger schon als Kinder: “Nicht zu wählen ist die schlechteste Wahl.” Da werden düstere Warnungen über die Zukunft der Demokratie ausgesprochen, die Amerikaner wiederum nach 200+ Jahren Erfahrung mit der ganzen Sache irgendwie nicht ernst nehmen.

Die unterschiedlichen Einstellungen haben einen konkreten Hintergrund: Das Nicht-Wählen hat in einem Parlamentssystem wie dem deutschen schwerwiegendere Folgen als in den USA, wo die Abgeordneten direkt gewählt werden.

Vereinfachen wir das komplizierte deutsche System mit seinen Erst- und Zweistimmen sowie Überhangmandaten — schon deswegen eine gute Idee, weil die Bundesrepublik im Moment bekanntlich kein gültiges Wahlrecht hat. Sagen wir einfach: Die Sitze für eine Partei werden nach dem Prozentsatz der für sie abgegebenen Stimmen verteilt. Reines Verhältniswahlrecht also.

Wenn jetzt ein gemäßigter deutscher Wähler zu Hause bleibt, ein radikaler Wähler sich aber zur Urne schleppt, steigt der prozentuelle Anteil der radikalen Stimmen (umgekehrt natürlich auch, aber dieser Autor ist bis auf die Sache mit den Zombies ein bekennender Spießer). Sie bekommen entsprechend mehr Sitze. Sprich, bei einer Verhältniswahl ist es ein Erfolg für die Radikalen, wenn Gemäßigte nicht zur Wahl gehen.

In Deutschland ist nicht-wählen damit tatsächlich eine saublöde Idee, weil es automatisch “die anderen” stärkt, wer immer das auch sein mag.

In den USA werden dagegen Menschen gewählt und nicht Parteien (wir erinnern uns: Parteien gibt es eigentlich gar nicht). Dabei werden die Stimmen über Wahlkreise (Repräsentantenhaus) oder Bundesstaaten (Senat und Präsident) zusammengefasst.

Durch dieses Mehrheitswahlrecht werden kleinere Gruppen — ob extrem oder einfach nur “anderes” — strukturell ausgeschlossen. Die besten Chancen, auch nur einen (in Zahlen: 1) Abgeordneten in den Kongress zu bekommen hätte die Communist Party USA (“Radical Ideas. Real Politics.”), wenn alle amerikanischen Kommunisten in einen Wahlbezirk ziehen würden. Das ist auch der Grund, warum sich Mechanismen wie die Fünf-Prozent-Hürde in den USA erübrigen.

Entsprechend müssten sehr, sehr viele Amerikaner nicht zur Wahl gehen, bevor es einem Radikalen gelingen würde, auch nur in die Nähe der Kandidaten der beiden großen Volksparteien zu kommen. Das ist eine weitere Ausprägung der größeren Fehlertoleranz bei einer Mehrheitswahl im Vergleich zu einer Verhältniswahl. Der Preis dafür ist allerdings, dass politische Minderheiten als Gruppe nicht im Kongress vertreten sind.

Rein rechnerisch ist Wahlabstinenz also in den USA weniger ein Problem, denn Extremisten müssen so oder so draußen bleiben. Wie das moralisch und vom Demokratieverständnis her aussieht, ist natürlich eine ganz andere Frage. Nicht umsonst fordern amerikanische Prominente mit beißendem Sarkasmus Don’t vote! [YouTube] — und ziehen sich dann den BH aus, damit die Bürger es doch tun.

Intels Haswell CPU-Architektur und die Abkürzung STD

Oktober 8, 2012

Ein kurzer Eintrag über einen Witz, der sich etwas unerwartet in dem Bericht von AnandTech über die neue Haswell-CPU-Architektur von Intel findet. Es geht um die Stromspar-Stufen (sleep states) bei Computern (Hervorhebung hinzugefügt):

S3 is otherwise known as Suspend to RAM (STR), while S4 is commonly known as hibernate or Suspend to Disk (this one is less frequently abbreviated for some reason…).

“STD” ist auf Englisch die Abkürzung für sexually transmitted diseases, sprich Geschlechtskrankheiten.

Womit wir auch erklärt hätten, warum Angelsachsen das Autokennzeichen des Landkreises Stade so lustig finden.

Liebe Presse, Amerikaner (Briten, Kanadier, Australier) haben keine Personalausweise

Oktober 3, 2012

Was musste dieser Autor heute Morgen zum Frühstück in seinem RSS-Feed bei einem deutschen Nachrichtenmagazin lesen? Ein US-Gericht habe in Pennsylvania ein Gesetz aufgehoben, das die Bürger gezwungen hätte, bei der Wahl ihren “Personalausweis” vorzulegen. Was ein Glück, sonst wären die Wahlbüros dort ziemlich leer geblieben: In Amerika gibt es keine Personalausweise. In anderen angelsächsischen Staaten wie Großbritannien, Kanada und Australien übrigens auch nicht.

Wie so viele wichtige Dinge im Leben lernt man das bei Buffy. In der Folge “Tabula Rasa” will Willow einige unschöne Erinnerungen im Zusammenhang mit ihrer Magie-Sucht aus dem Gedächtnis ihrer Freunde löschen. Das geht natürlich schief und alle fallen in einem Laden für Zauberbedarf in Ohnmacht. Als sie aufwachen, wissen sie nicht mehr, wer sie sind. Wie schließen sie jetzt auf ihre Identität?

  • Giles: Führerschein.
  • Xander: Führerschein (nennt sich “Alex”).
  • Willow: Studentenausweis.
  • Tara: Studentenausweis.
  • Spike: Keine Papiere — findet in seiner (geklauten) Jacke den Namen “Randy”.
  • Dawn: Keine Papiere — trägt eine Halskette mit ihrem Namen.
  • Anya: Keine Papiere — findet ein Flugblatt auf dem steht, dass sie und Giles den Laden führen.
  • Buffy: Keine Papiere — gibt sich selbst den Namen “Joan”.

Auf den deutschen Zuschauer wirkt das unrealistisch. Spike als Vampir und Anya als Ex-Dämonin würde man vielleicht noch abnehmen, dass sie keinen Ausweis haben, aber nicht Giles, Xander oder Buffy. Nach einem Massennickerchen in der Lindenstraße würden die Figuren schließlich einfach in ihre Brief- oder Handtaschen greifen und von ihren maschinenlesbaren, bundesweit einheitlichen Ausweisen “Hans Beimer” oder “Ludwig Dressler” ablesen. Der ganze Plot von “Tabula Rasa” funktioniert nur, weil es in den USA keine Personalausweise gibt.

Leider grenzt die Synchronisation hier an Volksverdummung. Willows Aha-Ausruf “Cards — driver’s licenses!” wird zu “Ausweise — ein Führerschein tuts auch!” was den Eindruck erweckt, es gäbe Ausweise. Auch sonst wurde wieder ohne Verstand übersetzt: “Joan” – eine Anspielung auf Joan of Arc, also Jeanne d’Arc – bleibt “Joan”, was in Deutschland niemand als Namen der französischen Märtyrerin erkennt.

Weiß man, dass es in den USA keine Personalausweise gibt, werden auch andere Dinge auf der Mattscheibe klarer. In Fringe gibt es eine Parallelwelt, in der jeder US-Bürger eine “Show Me”-Karte mit persönlichen Daten bei sich führen muss. Was für Festland-Europäer nicht weiter bemerkenswert ist, zeigt dem englischsprachigen Zuschauer sofort, dass die USA in der anderen Welt ein faschistoider Staat mit massiv eingeschränkten Bürgerrechten ist.

Umgekehrt hat dieser Autor die Erfahrung gemacht, dass sich die meisten Germanen überhaupt nicht vorstellen können, wie ein Staat ohne Personalausweise (und übrigens auch ohne Einwohnermeldeamt) funktionieren soll. Man muss doch zumindest sein Alter nachweisen können, oder? Was macht man da?

Man benutzt den Führerschein, der vom jeweiligen Bundesstaat nach eigenen Gesetzen und Vorschriften ausgestellt wird.

Most adults use their driver’s license as their main form of identification. It’s used to see Rated R movies, buy tobacco or alcohol, enter nightclubs and bars, board a plane, check into a hotel, cash a check, and verify a credit card.

Dabei muss man wissen, dass die Fahrausbildung in den USA nicht einen vierstelligen Betrag kostet wie in Deutschland — die Spanne liegt eher zwischen 300 und 600 Dollar, je nach Bundesstaat und Kommune. Das ist für deutsche Touristen praktisch: Wer Amerikanern erklären will, warum ihr Führerschein nicht ausläuft, kann auf die Kosten hinweisen. Bei der Stange Geld kann man schon lebenslange Gültigkeit erwarten.

Wer in den USA keinen Führerschein besitzt, kann — muss aber nicht! — sich in seinem Bundesstaat eine ID card ausstellen lassen. In unserem Beispielstaat Arizona ist logischerweise das Motor Vehicle Department dafür zuständig, denn es handelt sich um einen funktionellen Ersatz für einen Führerschein.

(Soweit dieser Autor das feststellen kann, gilt das gleiche Prinzip in Kanada

Ontarians without a driver’s licence to use as a quick and easy piece of identification can soon apply for a government-issue photo ID card.

- und Australien sowie diversen anderen angelsächsischen Staaten. Die Briten hatten vor einigen Jahren Ansätze zur Einführung von echten, landesweiten Personalausweisen unternommen, das Ganze aber 2010 wieder rückgängig gemacht und die zugehörigen Daten gelöscht. Die englische Wikipedia bietet eine Übersicht.)

Wer keinen Führerschein besitzt und keine ID Card, der hat halt keinen Ausweis. Punkt. Das macht das Leben natürlich sehr viel schwieriger, weil man dann gucken muss, was die andere Stelle zur Identifikation akzeptiert. Entsprechend selten kommt es vor. Aber es geht.

(Bei gewissen Finanzdingen kommt noch die Social Security Number (SSN) ins Spiel, was wir in einem eigenen Eintrag behandeln.)

Eine ausführliche Diskussion über das Thema wird schnell kompliziert, weil man auch über andere Aspekte sprechen muss wie die Melde- und Mitführpflicht oder ob die Polizei überhaupt das Recht hat, jemanden einfach so nach seinem Namen zu fragen (in einigen US-Bundesstaaten erlaubt), geschweige denn einen Ausweis verlangen kann. Viele Deutsche gehen davon aus, dass sie eine Mitführpflicht haben (stimmt aber nicht) und schockieren damit noch mehr die armen Amerikaner.

Die kippen endgültig aus den Socken, wenn man ihnen das Einwohneramt erklärt — Deutsche müssen sich beim Staat melden, wenn sie umziehen? Aber nur früher im Osten, oder? Erfahrungsgemäß kommt irgendwann immer die Frage, ob die Nazis mit Hilfe der Einwohnermeldeämter damals die Goldbergs und Süsskinds gefunden haben. Sollte man diese Archive nicht abschaffen oder, äh, niederbrennen? Es hilft nicht, dass Amerikaner solche Vorschriften nur im Zusammenhang mit einer Gruppe von Menschen kennen: Verurteilte Sexualverbrecher. Aus ihrer Sicht wird damit die ganze deutsche Bevölkerung wie Kriminelle behandelt.

Am Ende stößt nur die Kirchensteuer auf mehr Unverständnis. Und da hilft selbst Buffy nicht.

ANHANG

Der interessierte Leser mag sich fragen, warum wir so einen grundsätzlichen Unterschied zwischen den USA und Deutschland nicht früher in diesem Blog behandelt haben. Tatsächlich hat dieser Autor das Thema schon lange auf der Liste. Allerdings meinte die US-Regierung 2005, im Kampf gegen den Terrorismus den Real ID Act einführen zu müssen, das die Bundesstaaten zu einheitlichen Standards bei den Führerscheinen zwingt … zwingen wird, soll, sollte, könnte …

Denn das von Präsident George W. Bush unterzeichnete Gesetz wurde von Bürgerrechtlern sofort als perfider Versuch kritisiert, durch die Hintertür einen Personalausweis einzuführen.

[Real ID] will create America’s first national identity card, increase the threat of identity theft, enable the routine tracking of individuals, and propel us toward a surveillance society.

Die Übergangsfrist ist immer wieder verlängert worden; mehrere Bundesstaaten haben Gesetze erlassen, die eine Umsetzung verbieten; das Heimatschutzministerium zeigt selbst wenig Interesse an dem Ding; im Kongress werden wahlweise Vorlagen eingereicht, um Real ID aufheben oder aber eine Version zu finden, die Kritiker beschwichtigt. Bislang ohne Erfolg.

Eigentlich hatte dieser Autor warten wollen, bis das Gesetz endgültig den Fangschuss bekommen hat, aber offenbar kann das Chaos noch Jahre dauern. Irgendwann ist gut.

Warum sich Amerikaner in Waldhütten mehr anstrengen

September 20, 2012

Eigentlich sollte heute ein überfälliger ZEUGS-Eintrag ins Netz, aber dieser Autor hat The Cabin in the Woods gesehen. Und da gibt es ein Zitat, das schnell erklärt werden muss, denn natürlich werden die interessierten Leser alle in diesen Joss-Whedon-Film gehen wollen.

(Der Eintrag enthält kleinere Spoiler, die Links größere)

Es handelt sich um eine Szene relativ am Anfang, in der Richard Jenkins, Bradley Whitford und Amy Acker miteinander reden. Die Schweden, so erfahren wir, haben irgendwas verkackt (was, weiß der Zuschauer zu diesem Zeitpunkt nicht) und nur noch zwei Länder können “es” schaffen: Japan und die USA. Und Japan habe noch nie versagt, sagt Jenkins. Darauf erklärt Whitford:

We’re number two. We try harder.

Das ist einer der berühmtesten Werbesprüche der amerikanischen Geschichte. Der Autoverleiher Avis lag in den 60er Jahren an zweiter Stelle hinter Hertz. Aus dieser eigentlich peinlichen Situation machte die Firma 1963 einen Werbespruch [JPG]:

Avis is only No. 2 in rent a cars. So why go with us?
We try harder. (When you’re not the biggest, you have to.)

Die Kampagne war ein voller Erfolg. Avis selbst schreibt, dass man damit in die Gewinnzone gelangte. Bis heute ist We try harder das Motto der Firma. Die Übersetzung hat man sich in Deutschland gleich gespart.

Cabin zeigt aus der Sicht dieses Autors noch etwas anderes: Ein Versagen der Globalisierung. Die Blu-ray ist ab dem 21. September 2012 (sprich, morgen) in den USA zu kaufen. In Deutschland sollen wir dagegen bis zum 1. Februar 2013 warten. Was ist das, ein Förderprogramm für Raubkopierer?

Warum Amerikanern ständig lustige Dinge auf dem Weg irgendwohin passieren

September 12, 2012

Weil The Avengers bald auf DVD herauskommt, ein kurzer Ausflug ins Marvel-Universum. Unter den Extras auf der Blu-ray von Captain America: The First Avenger findet sich ein Kurzfilm [YouTube] über Agent Phil Coulson mit dem Titel:

Something Funny Happened on the Way to Thor’s Hammer

Wir erinnern uns: Die Ankunft von Thor auf der Erde wurde von seinem Hammer Mjolnir angedeutet, den SHIELD in der Wüste von New Mexico fand. Coulson wurde dorthin geschickt und der Kurzfilm zeigt eine Episode auf seiner Autofahrt.

Worum es uns aber eigentlich geht, ist die Überschrift. Diese Konstruktion findet man auf Englisch ständig. Da wäre ein Satz im Vorwort von Arthur C. Clarkes Roman Rama II. Nachdem er von seinem Widerwillen schreibt, mit einem Co-Autor zu arbeiten, erklärt er:

Well, a funny thing happened on the way to the word processor.

Tatsächlich schrieb Clarke dann das Buch zusammen mit Gentry Lee. Mehr als die Einleitung muss man allerdings nicht zu lesen, die Fortsetzung kommt nicht ansatzweise an den ersten Teil heran.

Wir finden die Konstruktion auch in Überschriften wie “A funny thing happened on the way to the Herman Cain lynching”. Die Mondlandungs-Verschwörungstheoretiker haben eine “Dokumentation” mit dem Titel A Funny Thing Happened on the Way to the Moon veröffentlicht. In der (fürchterlichen) US-Version von Being Human gibt es eine Episode namens “A Funny Thing Happened on the Way to Me Killing You” und bei The Fresh Prince of Bel-Air finden wir “A Funny Thing Happened on the Way to the Forum”.

Dieser Titel nun verweist auf eine einflussreiche Verwendung in einem Broadway-Musical von Stephen Sondheim mit mit dem gleichen Titel, das 1962 uraufgeführt und vier Jahre später verfilmt wurde. Aus A Funny Thing Happened on the Way to the Forum machten die Übersetzer in ihrer Weisheit Toll trieben es die alten Römer.

Der Spruch ist allerdings als erster Satz von Witzen noch älter. Er soll seinen Ursprung im Vaudeville-Unterhaltungstheater um die vorherige Jahrhundertwende haben. Eine harte Quelle dafür konnte dieser Autor nicht finden. Aber dazu würde passen, dass es als Klischee gilt, einen Witz so anzufangen.

Auch die The Avengers-Blu-ray soll übrigens ein Kurzfilm enthalten: Item 47. Wann der Director’s Cut des Hauptfilms erscheint — wir reden hier schließlich von dem Buffy-Schöpfer Joss Whedon — ist leider unklar.

Warum amerikanische Journalisten Obamas Pronomen zählen

September 6, 2012

Wer die Berichterstattung der US-Medien über den Präsidentschaftswahlkampf verfolgt, dürfte etwas Seltsames bemerkt haben: Amerikanische Journalisten verbringen ihre Zeit damit, in den Reden von Politikern die Pronomen zu zählen. Nehmen wir die “New York Times” zu einer Rede des Republikaners Chris Christie vor etwa einer Woche auf dem Nominierungsparteitag für Mitt Romney:

By my count, Mr. Christie used the word “Romney” six times in his address. He used the word “I” 30 times, plus a couple of “me’s” and “my’s” tossed in for seasoning.

Deutsche Journalisten machen so etwas (bislang) nicht. Sie interessiert eher, ob die Ansprache mit “Bürgerinnen und Bürger” anfängt. Was machen die Amis da schon wieder?

Amerikanischen Politikern wird vorgeworfen, viel zu viel über sich selbst zu reden statt darüber, was “wir” als Volk, Nation oder Gemeinschaft tun können. Um diese Behauptung zu belegen, zählen die Journalisten, wie häufig die Kandidaten Wörter wie “ich”, “mein” und so weiter verwenden.

Es gibt zwei Hauptvarianten des Vorwurfs. Der “allgemeine” lautet, dass Präsidenten nach der Amtsübernahme plötzlich anfangen, ständig über sich zu sprechen. Das wird imperial “I” genannt, eine Anspielung auf das royal “we” der Könige, dem Pluralis Majestatis. Der “spezielle” Fall wirft Präsident Barack Obama vor, mehr über sich selbst zu sprechen als jedes andere US-Staatsoberhaupt vor ihn. Das wird teilweise ohne Quelle als Fakt dargestellt, wie hier in “Forbes”:

No other presidents in history have made so many speeches, appeared on television so many times, and used the pronouns “I” and “my” so many times.

Ja, aber stimmt das denn? Dieser Autor hat ehrlich gesagt interessantere Dinge im Leben zu tun als Pronomen zu zählen und weiß es daher schlicht nicht. Das Language Log befasst sich mit diesen Berichten, die dort als first person singular pronoun attack bezeichnet werden. Die “allgemeine” Variante des Vorwurfes stimmt demnach zumindest für Obama nicht:

[B]ut his (or his speechwriters’) rate of use of first-person singular pronouns hasn’t increased — in fact, maybe it’s gone down.

Auch die spezielle Variante hält Mark Liberman von dem Blog für falsch:

The problem with the business about Obama’s pronoun usage is that the pundits who have carried on about it hardly ever actually count anything, and make no relevant comparisons in the few cases where they do. Instead, they make unsupported assertions that turn out to be trivially false as a matter of mere fact.

Bei der Anfangs erwähnten Rede des Republikaners Christie finden wir einen Vergleich mit anderen Rednern. Ein Ausschnitt als Beispiel für die entsprechenden Berechnungen (“FPSP” sind first-person-singular pronouns):

  • Paul Ryan: 73 FPSPs in 3295 words = 2.22%
  • Rick Santorum: 28 FPSPs in 1258 words = 2.23%
  • Ann Romney: 64 FPSPs in 2365 words = 2.71%
  • Clint Eastwood: 56 FPSPs in 1161 words = 4.8%

Damit läge Christie mit 2,17 Prozent im Rahmen seiner Kollegen. Ohnehin ist dieses Beispiel eigentlich ein Sonderfall, denn hier lautet der Vorwurf, dass Christie auf Romney gar nicht so gut zu sprechen ist und lieber von sich selbst spricht.

Das Language Log hält die ganze Geschichte mit den Pronomen für dummes Zeug mit dem sich die Journalisten beschäftigen, statt etwas Sinnvolles mit ihrer Zeit zu tun.

Commenting on first-person pronouns seems to be turning into one of those pundit’s tropes, like the cab-driver conversation, that give some shape to a column that the writer is too bored or lazy to support in a more consequential way.

Natürlich wissen die amerikanischen Redenschreiber inzwischen von dieser Eigenheit der US-Medien. Man kann daher davon ausgehen, dass die Zahl der Pronomen bei den zentralen Ansprachen streng rationiert wird.

Der interessierte Leser, der heute Nacht Obamas Rede auf dem Nominierungsparteitag der Demokraten mithört, kann das überprüfen und selbst mitzählen — außer natürlich, er hat etwas Besseres zu tun.

Zu Berichten über brennende Hosen beim republikanischen Vize-Kandidaten Paul Ryan

September 1, 2012

Convention rhetoric about Obamacare inflammatory, but mostly because speakers’ pants were on fire

- Überschrift eines Textes von Health Insurance über den Nominierungskongress der Republikaner

Wer die US-Presse und -Blogs nach dem Parteitag der Republikaner vergangene Woche verfolgt hat, wird Anspielungen auf brennende Hosen gefunden haben. Nehmen wir diese Überschrift von Global Grind:

Pants On Fire! The False Truths Paul Ryan Told During The RNC

(RNC ist die Abkürzung für Republican National Congress)

Das geht auf den Kinderreim zurück: Liar! Liar! Pants on fire! und unterstellt dem Vize-Kandidaten der Republikaner, in seiner Rede gelogen zu haben. Die “brennenden Hosen” kommen von dem versohlten Hintern, den Kinder erwarten konnten (bzw können) wenn sie nicht die Wahrheit sagen.

Ob Ryan wirklich gelogen hat oder nicht, soll hier nicht Thema sein. Jetzt kann der interessierte Leser aber immerhin auf amerikanischen Spielplätzen mithalten.

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