Archive for the 'Eintrag' Category

Eine Liste der Leute, die im US-Haushaltsstreit wirklich versagt haben

Oktober 12, 2013

Eigentlich wollte dieser Autor nie wieder über Verschwörungstheorien reden. Aber das Webcomic xkcd hat mal wieder eine wunderbare Zeichnung vorgelegt: ein offener Brief an die Leute, die angeblich die US-Regierung wirklich kontrollieren und deswegen für den Haushaltsstreit verantwortlich sind.

Can you please get your shit together? This is embarrassing.

Nun können wir die meisten Einträge als bekannt voraussetzen — der interessierte Leser kennt Scientology, die Freimauerer und die Zionisten. Einige haben wir schon behandelt — insbesondere die New World Order, HAARP und Fema.

Folgende benötigen vielleicht noch etwas Hintergrund:

  • Bilderburg – Vermutlich ist hier “Bilderberg” gemeint, ein jährliches Treffen der Einflussreichen und Mächtigen hinter verschlossenen Türen. Die Gruppe hat eine eigene Website, aber was die Inhalte der Diskussionen angeht, gilt die Fight-Club-Regel:

    [T]he first rule is, you do not talk about Bilderberg.

    Immerhin können wir jetzt die zweite Regel herleiten. Da die Bilderberg-Leute auch die Kraft hinter der Einführung des Euros sein sollen, haben sie im Moment vermutlich einfach zu viel zu tun, um sich großartig um den US-Haushalt zu kümmern. Verdammt.

  • Skull & Bones – Eine Studentenverbindung an der Yale University, zu der unter anderem Präsident George W. Bush gehörte. Die Existenz ist nicht geheim (ihr Klubhaus steht auf dem Gelände der Universität, die ein Archiv im Internet anbietet). Vermutlich ist man aber immer noch damit beschäftigt, Frauen zu integrieren.
  • Bohemian Grove – So etwas wie die Bilderberg Gruppe, nur in Kalifornien und immer noch ohne Frauen. Ach, und Bäume mögen sie auch nicht. Hier fand in den 40er Jahren eine Planungssitzung zur Atombombe statt. Da diese funktioniert hat, dürfte die Gruppe einfach zu kompetent sein, um hinter der amerikanischen Regierung zu stehen.
  • The Koch Brothers – Die Familie hinter Koch Industries, das zweitgrößte Privatunternehmen der USA. Offensichtlich wissen sie, wie man aus Geld mehr Geld macht. Das beschreibt nicht wirklich Washington.
  • The Trilateral Commission – Eine Gruppe, die nach eigener Darstellung die Verständigung zwischen Europa, Nordamerika und Asien auf hoher Ebene verbessern will. Und immerhin:

    They include women, minorities, and members of many different political parties.

    Der Kommission wird vorgeworfen, eine New World Order einführen zu wollen. Das hatten wir schon. Seufz.

  • The CFR – Die Council on Foreign Relations soll auch so etwas vor haben. Allerdings geht sie selbst auf die Frage ein, ob sie eine Geheimgesellschaft ist:

    No.

    Dann ist ja gut. Vielleicht handelt es sich wirklich um eine Denkfabrik, die sich mit Außenpolitik beschäftigt?

  • The Vril Society – Diese Geheimgesellschaft soll aus Deutschland stammen. Damit fällt sie nicht in die Zuständigkeit dieses Blogs. Allerdings scheinen diese Leute nicht einmal eine neue Bundesregierung auf die Beine stellen zu können …
  • The Lizard People – Es ist unklar, warum sie auf dieser Liste aufgeführt sind, denn in den USA glaubt niemand, dass die Regierung von Eidechsen-Menschen geleitet wird. Naja, kaum jemand. Obwohl, Moment mal, vielleicht wollen sie, dass wir genau das glauben.

Dass ein bestimmter Name auf der Liste nicht auftaucht, wundert dagegen überhaupt nicht: Bielefeld. Den die wissen schon, wie man so etwas verhindert.

Yarn Bombing – Die andere Form von Graffiti

September 21, 2013

Nachdem der Bombenangriff auf Syrien wohl erstmal ausfällt, können wir endlich ein Thema ins Blog heben, dessen Name in dem Zusammenhang vielleicht etwas geschmacklos gewesen wäre: Yarn Bombing, das Einpacken von öffentlichen Dingen mit Strickwerk. Wir behandeln die auch als grandma graffiti bekannte, inzwischen weltweit verbreitete Bewegung hier im Blog, weil die Texanerin Magda Sayeg, Betreiberin des Knitta-Blogs, als ihre “Mutter” gilt.

[Die englische Wikipedia behauptet, dass die ersten Kunstwerke 2004 in Den Helder in den Niederlanden aufgetaucht seien. Eine Quelle dafür wird nicht geboten, in der niederländischen Version steht nichts davon, die Suche im Internet liefert Kopien des englischen Eintrags.]

Eines Tages im Jahr 2005, so die Geschichte, strickte Sayeg aus Langeweile einen Überzug für die Türklinke ihres Ladens in Houston. Das jetzt “Alpha” genannte Stück löste ungeahnte Reaktionen aus:

People got out of their cars just to come look at it.

Angestachelt von der Reaktion strickte sie weiter. Eine Bewegung wurde geboren. In Fotostrecken sieht man Panzer, Bäume und die Beine von Statuen in Wolle verpackt. Überhaupt bekommt man das Gefühl, dass Yarn Bombing ohne die Bilder der Werke im Internet nicht halb so groß geworden wäre. Die Parallelen zu den bereits behandelten Guerrilla Gardeners sind offensichtlich.

Männer machen das zwar auch, aber in den Interviews wird das Weibliche betont. Die Künstlerin Jessie Hemmons spricht davon, dass Graffiti zu sehr eine Männerdomäne sei:

Yarn bombing is more feminine. It’s like graffiti with grandma sweaters.

Bevor jemand fragt, nein, man stellt sich nicht an das Objekt und strickt dann los, sondern darf fertige Stücke mitbringen. Das kann man am Bullen der Wall Street [YouTube] sieht. Als Art Manifest der Bewegung gilt das Buch Yarn Bombing: The Art of Crochet and Knit Graffiti von Mandy Moore.

Inzwischen hat die Welle Deutschland erreicht, wie die Katernberger Strickguerilla in Essen. Womit wir das Thema wieder an die anderen Medien übergeben können.

[Nach einem Vorschlag der Ehrenwerten Mutter, vielen Dank]

Wie das US-Wahlsystem automatisch radikale Parteien herausfiltert (am Beispiel von Mass Effect)

September 2, 2013

Wir wollen uns heute anlässlich der Bundestagswahl mit einem Aspekt des amerikanischen Wahlsystems befassen, den wir zwar angedeutet haben — zum Beispiel im Eintrag, warum Nicht-Wählen in den USA nicht so schlimm ist — aber bislang nicht direkt angesprochen haben. Es geht darum, dass radikale Gruppen wie Neonazis und Kommunisten herausgefiltert werden, ohne dass es einer Fünf-Prozent-Hürde bedarf. Tatsächlich sind alle kleineren Gruppen davon betroffen.

Der Mechanismus ist eigentlich nicht kompliziert. Da in den USA die Abgeordneten nach dem Mehrheitswahlrecht innerhalb eines begrenzten Gebiets gewählt werden — Wahlkreise für das Repräsentantenhaus, Bundesstaaten für den Senat — siegt in Amerika der Kandidat, der dort den Durchschnitt der Volksmeinung anspricht (mathematisch korrekter wäre wohl der Modalwert, aber das lassen wir jetzt).

Dagegen stehen in Kontinentaleuropa (stark vereinfacht) Parteien landesweit zur Wahl. So werden die Stimmen von Minderheiten gebündelt und ihre Vertreter können ins Parlament einziehen.

Ein Beispiel.

Nehmen wir an, in den USA und Deutschland bildet sich zur jeweils nächsten Wahl die Mass-Effect-Partei. Sie will Commander Shepard, die Retterin (wahlweise der Retter, je nach Einstellung) des Universums, zur Präsidentin beziehungsweise Kanzlerin machen. Wer wäre ein besserer Diplomat als Wrex [YouTube], argumentieren sie, und Tali’Zorah nar Rayya vas Normandy [YouTube] sei die geborene Technikministerin. Der Wahlspruch lautet nicht “Yes we can” sondern natürlich “I should go” [YouTube].

In beiden Staaten begeistern sich zehn Prozent aller Wahlberechtigten für die Mannschaft der Normandy. Alle stehen am Wahltag in ihren N7-T-Shirts artig an der Urne (in Oregon schicken sie alle ihre Stimmzettel ein). Was kommt dabei heraus?

In Deutschland schaffen sie problemlos die Fünf-Prozent-Hürde: Die Grünen-Wähler laufen zu ihnen über (saubere Energie durch Eezo, Frauen in Führungspositionen, über jeden Verdacht des Rassismus, der Homophobie und der Behindertenfeindlichkeit erhaben) und auch die FDP kann nicht mithalten (Kasumi Goto als Finanzministerin). Shepard wird zwar nicht Kanzlerin, aber ihre Partei kann sich die Union oder SPD als Koalitionspartner aussuchen.

[Fußnote für Fans: Unter anderem, weil Shepard nur eine einzige Forderung stellt: Liara T'soni soll BND-Chefin werden. Zwei Wochen nach ihrem Amtsantritt wird T'soni in einem beispiellosen Vorgang auch Chefin des US-Geheimdienstes NSA, wo sie sofort das PRISM-Programm als "lächerlich primitiv" einstellt.]

In den USA scheitert die Partei dagegen komplett.

Kein einziger Kandidat schafft es in den Kongress, geschweige denn ins Präsidialamt. Warum? Zwar stimmen zehn Prozent der Wähler auch hier für die Reaper-Killer, und Shepards Status als Kriegsveteranin hilft ihnen bei Umfragen enorm. Aber die Kandidaten der Demokraten und Republikaner bekommen einfach mehr Stimmen. Die Mass-Effect-Partei bleibt wie die amerikanischen Grünen oder auch die Kommunisten politisch irrelevant.

Ist das jetzt ein bug oder ein feature des amerikanischen Systems? Das kann man sehen, wie man will. Dass radikale Splitterparteien schon strukturell keine Chance haben, macht es (nachweislich, könnte man nach 230+ Jahren argumentieren) stabil. Auf der anderen Seite haben kleinere Gruppen erstmal keine Stimme in der Legislative. Der Kongress bildet nur grob die Struktur der Bevölkerung ab, was man zum Beispiel gut an dem Mangel an Atheisten dort sieht.

Dann kann man nur froh sein, dass Shepard immer einen Weg findet.

Der endlose und erbittert geführte Streit über den geteilten Infinitiv

August 11, 2013

NSA-Überwachung? Telefondaten-Schnüffelei? Alles Kleinkram. Für wirklich tiefgehende Empörung musste man sich in den vergangenen Tagen an einen Liebhaber der englischen Sprache wenden. Denn ausgerechnet das altehrwürdige Wirtschaftsmagazin The Economist hat angeblich einen Infinitiv geteilt. Einen Infinitiv! Einfach so!

Das Language Log zitiert den kontroversen Satz und hebt dabei die kritische Stelle hervor:

These approximations allow a computer to cope with the problem, yet are sufficiently similar to many real places for the conclusions drawn from them to, as it were, hold water.

Da sieht man es: Zwischen dem to und dem hold ist mehr als nur ein Leerzeichen. Kann es wirklich sein, dass der Economist nach 170 Jahren schwach geworden ist und einen split infinitive zugelassen hat? Kennt die Barbarei keine Grenzen mehr? Ist das Abendland jetzt endgültig dem Untergang geweiht?

Nein, schreibt Geoffrey K. Pullum in dem Blog. Es handelt sich nur um eine parenthetical interruption, ein Einschub, der überall stehen kann. Das britische Magazin bleibt — aus Pullums Sicht — weiter stilistisch in einer finsteren sprachlichen Vorzeit gefangen.

It’s basically an exception that merely proves the rule: my favorite magazine still has a usage policy which on some points is stuck in the dark ages of the 19th century.

Kein Sprachstreit im Englischen erregt die Gemüter so sehr und seit so langem wie der über den getrennten Infinitiv. Zusammenfasst geht es darum, ob man

to boldly go where no man has gone before

sagen darf, wie es bei Star Trek in der Anmoderation heißt, oder ob die Serie nicht eigentlich

to go boldly where no man has gone before

als Motto haben müsste (der britische Autor Douglas Adams griff in The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy den Streit mit dem Satz to boldly split infinitives that no man had split before auf).

Historisch gab es die erste Konstruktion im Englischen bereits im 14. Jahrhundert. Dann wurde sie zwischendurch kaum benutzt, um im 19. Jahrhundert wieder aufzutauchen. Aus dieser Zeit stammt auch die Vorstellung unter einigen Sprachwissenschaftlern, dass man das nicht machen dürfe, weil … nun … also … es sich irgendwie nicht gehört, to und den Infinitiv zu trennen.

(Ältere germanische Semester werden sich an dieser Stelle an eine ähnlich gut begründete Regel aus ihrem Deutschunterricht erinnern:

Trenne niemals s und t, denn es tut den beiden weh

Diese Regel gilt nicht mehr.)

Als angeblich stichhaltigeres Argument wird angeführt, dass man Infinitive im Lateinischen nicht trennen dürfe, und dass es deswegen auch nicht im Englischen gemacht werden sollte. Auch das ist nicht viel überzeugender. Englisch ist nicht Latein, wie wir spätestens seit Romanes eunt domus! [YouTube] wissen.

(Die gleiche Logik mit dem Latein ist übrigens daran Schuld, dass es im englischen Wort für “Insel”, island, heute ein stummes “s” gibt. Auch island stammt nicht aus dem Lateinischen.)

Entsprechend sagt die überwältigende Mehrheit der englischen Stilberater und Sprachwissenschaftler beiderseits des Atlantiks, dass am split infinitive nichts auszusetzen sei. Selbst der Economist schreibt in seiner Stilfibel:

Happy the man who has never been told that it is wrong to split an infinitive: the ban is pointless.

Warum dann noch die Aufregung, Jahrhunderte später? Warum lässt der Economist dann selbst keine getrennten Infinitive zu? Nun, der Eintrag in der Fibel geht weiter:

Unfortunately, to see it broken is so annoying to so many people that you should observe it.

Eine kleine aber lautstarke Minderheit von Stilwächtern — häufig mit dem uns schon bekannten Titel grammar nazis bedacht — hält eisern an der Regel fest und erhebt ein wütendes Protestgeheul, wann immer jemand einen Einschub wagt. Wer wie der Economist seine Ruhe haben will, vermeidet es einfach.

Auch das praktisch veranlagte Grammar Girl nennt die Vorschrift einen “Mythos”, rät aber, die Trennung bei gewissen Texten zu vermeiden, weil einige Leute halt an “erfundene Grammatikregeln” glauben.

I would never split an infinitive in a pitch letter to an editor, for example, because there are certainly editors out there who believe the myth.

Anders formuliert ist das für einige Leute ein Aufregerthema, egal, ob das Sinn macht oder nicht. Der interessierte Leser kennt solche Vorgänge auch von gewissen Mitmenschen, zum Beispiel die, die im vergangenen Satz lieber ein “Sinn ergibt” gelesen hätten, auch wenn die Masse der Germanen inzwischen “Sinn macht” sagt. Nur dass in diesem Fall nicht nach ein ein oder zwei Generationen die neue Form akzeptiert wurde, sondern kein Ende des Streits in Sicht ist.

Was macht der Ausländer in einer solchen Situation? Wie bei dem veralteten whom kann man den Status des geeinten Infinitivs als Bildungsmarker eiskalt ausnutzen und jede Trennung vermeiden. Man muss nur mit dem Wissen leben, dass man sich damit einer Art Sprachterror beugt. Aber hier ist wohl selbst der NSA machtlos.

Demon Core – Die verfluchte vierte Atombombe

Juli 29, 2013

Der Zeichner Randall Munroe hat in seinem Blog xkcd wieder eine wunderbare Idee gehabt: Unter dem Titel “Scary Names” hat er aufgetragen, wie gruselig die Namen von Dingen sind im Vergleich zu wie gruselig die Dinge selbst sind. Die meisten Einträge dürfte der interessierte Leser kennen, wie mustard gas oder nuclear football, der Koffer des US-Präsidenten, in dem die Atomcodes aufbewahrt sind.

Der demon core dürfte dagegen etwas weniger bekannt sein. Dabei handelt es sich um den 6,2 Kilogramm schweren Plutonium-”Kern” einer Atombombe, die den Namen nach zwei tödlichen Unfällen [PDF] erhielt.

Erster Unfall: Am 21. August 1945 — sechs Tage nach der Kapitulation Japans — stapelte der Wissenschafter Harry K. Daghlian in Los Alamos Blöcke aus dem Neutronenreflektor Wolframkarbid um den Kern. Dabei ließ er aus Versehen einen Block auf den Versuchsaufbau fallen. Der Kern wurde kurz “superkritisch” und Daghlian bekam genug Strahlung ab, dass er 25 Tage später starb. Er war 24 Jahre alt. Ein Wachmann erhielt eine schwächere Dosis und starb 33 Jahre später an Leukämie.

Beim zweiten Unfall am 21. Mai 1946 war Leichtsinn im Spiel. Der kanadische Physiker Louis Slotin zeigte sieben Mitarbeitern, wie man mit einer Beryllium-Schale um den Kern eine Kettenreaktion einleiten würde. Um die beiden Hälften noch auseinander zu halten, benutzte er einen Schraubenzieher. Später schrieb einer seiner Kollegen:

I’m quite sure that several of us knew that he was using the Pu hemispheres for demonstrations of simple critical assemblies, but were not aware of his unsafe method until it was too late. After all, he was the expert in this work.

Der Schraubenzieher rutschte aus, die Hälften der Schale umschlossen das Plutonium. Slotin schlug sie sofort wieder auseinander und rettete damit vermutlich den anderen Männern im Raum das Leben. Er selbst starb neun Tage später an den Folgen der Strahlung. Anschließend wurde in Los Alamos die Verwendung von Maschinen zur Bearbeitung von derartigen Materialien zur Pflicht.

Der Kern selbst wurde in die Atombombe “Gilda” eingebaut und als Teil von Operation Crossroads im “Test Able” am 1. Juli 1946 im Bikini-Atoll detoniert [YouTube]. Es war die vierte Atombomben-Explosion der Geschichte nach “The Gadget” und den beiden Bomben im Zweiten Weltkrieg.

Damals, als die Amerikaner gar niemanden abhörten

Juli 22, 2013

Man kann sich das im Moment kaum vorstellen, aber vor etwa 75 Jahren haben die USA auf Abhöraktionen verzichtet, weil ihnen das Ganze, nun, unhöflich erschien.

Unsere Geschichte fängt mit der Washington Naval Conference von November 1921 bis Februar 1922 an. Auf diesem Abrüstungsgipfel wurde unter anderem über die relativen Stärken der Schlachtschiffe in den Flotten von Großbritannien, den USA und Japan verhandelt. Die Regierung in Tokio verlangte dabei öffentlich ein Verhältnis von zehn für die beiden angelsächsischen Staaten zu sieben für sich (kurz 10:10:7 oder noch kürzer 10:7).

Jetzt tritt der amerikanische Kryptologe Herbert Yardley [PDF] auf die Bühne, wenn auch, äh, hinter den Kulissen. Zusammen mit seinen gerade einmal 13 Kollegen bildete er den Nachrichtendienst Military Intelligence Branch, Section 8 (MI8) — heute besser als America’s Black Chamber bekannt. Sie bekamen ein Telegramm aus Tokio vom 28. November 1921 in die Finger, das aus Tokio an den japanischen Verhandlungsführer adressiert war. Yardleys Team entschlüsselte bis zum 2. Dezember die Botschaft, deren Kern er so zusammenfasste:

It shows that if America presses Japan vigorously, Japan will give up proposal 1, then proposal 2, and that provided the status quo of the Pacific defenses is maintained, she will even accept a ten-to-six naval ratio.

Die US-Delegation unter Leitung von Außenminister Charles Evans Hughes kannte jetzt die Minimalforderung der Japaner — 10:6 — und konnte darauf hinarbeiten. Eine Woche später stimmte das Kaiserreich genau diesem Verhältnis zu. Ein diplomatischer Sieg für die USA und ein Riesenerfolg für den kleinen Nachrichtendienst.

In einer Welt ohne Computer war Yardley nach der Konferenz völlig erschöpft von der Entschlüsselungsarbeit und musste sich in Arizona ausruhen. Er bekam von Hughes einen (allgemein gehaltenen) Lobesbrief und vom Militär einen Orden. Zudem erhielten er und seine Mitarbeiter 1921 einen Weihnachtsbonus, unerhört zu dieser Zeit im amerikanischen Staatsdienst. Yardley bekam 184 Dollar.

Etwa acht Jahre später strich das Außenministerium die Gelder für MI8. Der Dienst wurde geschlossen.

Was war geschehen? Im Jahr 1929 wurde Henry L. Stimson Außenminister unter Präsident Herbert Hoover. Die Schließung von MI8 sollte zwar auch Geld sparen. Aber Stimson fand die ganze Sache in Friedenszeiten vor allem ethisch fragwürdig. Ihm wird folgender Spruch (in verschiedenen Varianten) zugeschrieben:

Gentlemen do not read each other’s mail.

Damit verfügten die USA ab dem 1. November 1929 über keine Möglichkeit mehr, ausländischen diplomatischen Verkehr abzufangen und zu entschlüsseln. Zwar schuf das Heer in seinem Signal Corps eigene Codes, brach fremde jedoch nicht. Erst 1932 – neun Jahre vor dem Angriff auf Pearl Harbor – nahm das amerikanische Militär diese Arbeit wieder auf.

Die Geschichte hat ein Nachspiel. Der plötzlich arbeitslose Yardley schrieb 1931 ein Buch über seine Arbeit bei MI8 mit dem Titel The American Black Chamber. Es wurde zum Bestseller, auch in Japan, wo man vor Wut schäumte und die Verschlüsselungsverfahren änderte. Im Jahr 1935 entstand auf der Grundlage der Agentenfilm Rendezvous. Die bösen Spione waren natürlich Deutsche.

Wie reagierte die amerikanische Regierung auf das Buch? Nun [PDF]:

The State Department, in the best tradition of “Mission: Impossible,” promptly disavowed any knowledge of Yardley’s activities. Secretary Stimson (…) was now said never to have heard of it, and State Department spokesmen indignantly denied that Yardley had broken Japanese codes during the Washington arms conference of 1921-22. The War Department declined public comment except to say, curiously, that Yardley’s bureau had not operated in the last four years.

Es mag den ehemaligen NSA-Mitarbeiter Edward Snowden interessieren, dass gegen Yardley keine Anklage erhoben wurde: Damals gab es noch keine juristische Grundlage, um ihm den Prozess zu machen. Er blieb allerdings ein ausgestoßener und arbeitete später für China – und Kanada.

[Zur Erinnerung und für neue Leser: Wir haben bereits die Bedeutung der US-Nachrichtendienste im Krieg gegen Japan besprochen. Dort auch die Diskussion über die Abhöraktionen gegen neutrale und verbündete Staaten während des Krieges, die dazu führten, dass die Archive erst 1995 vollständig geöffnet wurden, was wiederum Folgen für die Diskussion über den Einsatz der Atombomben hat.]

Warum Snowden weiter Bürger der USA ist

Juli 3, 2013

Eigentlich bereitet dieser Autor schon einen Text über die Enthüllung des Abhörprogramms Prism vor. Aus aktuellem Anlass allerdings ein Einschub: Offenbar sind einige Leute der Meinung, dass die US-Regierung dem ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden die Staatsbürgerschaft entzogen hat. Hintergrund ist dieser Satz aus einem Schreiben, das von WikiLeaks veröffentlicht wurde:

Although I am convicted of nothing, it has unilaterally revoked my passport, leaving me a stateless person.

Das wäre doof, wenn man ohne Reisepass kein US-Bürger wäre, denn nur etwas mehr als ein Drittel der Amerikaner haben so etwas — und das ist ein größerer Anteil als jemals zuvor.

(Zur Erinnerung: In den USA gibt es wie in Großbritannien, Kanada, usw. keine Personalausweise.)

Tatsächlich kann die US-Regierung nicht einfach herkommen und einem Amerikaner nach Lust und Laune die Staatsbürgerschaft aberkennen. Das wäre ja noch schöner. Insbesondere “naturalisierten” US-Bürgern kann diese zwar entzogen werden, aber dafür bedarf es etwas mehr als eine Anordnung von Präsident Barack Obama.

Ein Sprecher des US-Außenministeriums erklärte zu dem Vorgang (umformatiert):

As you know, Mr. Snowden has been lawfully charged in U.S. courts. (…) [A]s a routine matter — and I know we’ve talked about this but it’s very relevant here — persons with felony arrest warrants are subject to having their passport revoked. He remains a U.S. citizen.

Dass der Reisepass für ungültig erklärt wurde, ist nicht wirklich sensationell: Wer als Amerikaner vor einem US-Gericht angeklagt wurde, soll nicht in der Welt herumreisen, sondern nach Hause kommen und sich dem Verfahren stellen. Ob im Fall Snowden die Anklage gerechtfertigt ist, bleibt ein Thema für die Meinungsblogs.

Kritiker des ganzen Systems der Reisepässe — auch die gibt es — halten derartige Dokumente übrigens für einen Rückfall in die Feudalzeit und raten dazu, sich sicherheitshalber eine zweite Staatsbürgerschaft zuzulegen.

[Nach einem Hinweis von DM, vielen Dank]

Der wichtigste Unterschied bei den Tischmanieren

Juni 29, 2013

Es kann sehr frustrierend sein, ein Blog über die USA zu führen. Da hat dieser Autor über Monate hinweg Material für einen Eintrag über den Unterschied zwischen deutschen und amerikanischen Tischmanieren zusammengetragen, und dann kommt Slate daher und schreibt den wichtigsten Punkt in großer Länge auf. Seufz.

If you can’t beat ‘em, join ‘em: Wer sich für das Thema interessiert — und das dürfte jeder sein, der wiederholt mit Amerikanern am Essenstisch sitzt — sollte sich den Slate-Artikel durchlesen. Wir werden hier eine kurze Zusammenfassung für die Leute liefern, die nicht so firm im Englischen sind, und stärker den germanischen Blickwinkel bedienen.

Zuerst: Tischmanieren gehören zu den sozialen Konventionen, die an sich irrelevant sind, aber als Bildungsmarker dienen. In gewisser Weise ist es ein Spiel, das innerhalb der jeweiligen Kultur gespielt wird.

Die meisten Germanen bemerken in den USA entsprechend gar nicht, dass die Amerikaner ihren Suppenlöffel immer weg vom Körper führen (sollten), weil die Richtung in Deutschland unwichtig ist. Dagegen schaudern Deutsche und Amerikaner gemeinsam angesichts des britischen fork loading, bei dem zum Beispiel ein Stück Fleisch aufgespießt wird, darauf dann Kartoffelpüree geschmiert wird, um schließlich noch einige Erbsen obendrauf zu packen — sozusagen eine repräsentative Abbildung der gesamten Mahlzeit auf einer Gabel.

Was Amerikanern in Deutschland und Deutschen in Amerika allerdings sofort auffällt, ist der Umgang mit dem Messer. Das dürfte der wichtigste Unterschied sein.

Als so ziemlich einzige Menschen auf der Welt (außer einigen Kanadiern) legen die Amerikaner nach jedem Schnitt das Messer wieder auf den Tellerrand hin und lassen die Gabel dann von der linken in die rechte Hand wandern, wo sie wie ein Bleistift gehalten wird. Die Zinken zeigen dabei nach oben, wie bei einer Schaufel. Der formelle Name für dieses Ritual lautet American Style, wobei Slate mit einem Augenzwinkern eine ganze Reihe anderer Namen vorschlägt:

Zig-zag is etiquette doyenne Emily Post’s term for it, but we could also call it the Star-Spangled Fork-Flip, the Freedom Fork-Over, or the Homeland Handoff. Or the cut-and-switch.

In Deutschland, England, Frankreich und so weiter ist dagegen der Continental Style verbreitet, bei dem das Messer in der rechten Hand bleibt und die Zinken der Gabel die meiste Zeit nach unten zeigen.

Für Amerikaner ist das eine Barbarei. Dieser Autor hat wiederholt die Formulierung gehört, dass Europäer wie truck drivers essen, wobei er nicht genug amerikanische Fernfahrer kennt, um das verifizieren zu können. Umgekehrt wirken Amerikaner am Tisch auf Europäer wie kleine Kinder, die erst noch den richtigen Umgang mit dem großen, gefährlichen Messer lernen müssen.

Ironischerweise entspricht der amerikanische Stil einfach den europäischen Tischsitten des frühen 18. Jahrhunderts, genauer, den französischen Sitten, ausgerechnet. Während die ganze Wechselei den Europäern Mitte des 19. Jahrhunderts wieder zu doof wurde, blieben die Amerikaner bis heute bei der alten Form.

Schluss damit, argumentiert Slate. Es sei Zeit, endlich diesen verstaubten und umständlichen europäischen Schickschnack aufzugeben:

The other reason to dump the cut-and-switch, of course, is that it’s a European pretension — one so weird that even Europe eventually abandoned it.

Tastsächlich sieht man mehr und mehr Amerikaner — auch Nicht-Fernfahrer — die zumindest in informellen Situationen “kontinental” essen, schon weil es praktischer ist (bei der Familie Stevenson schlägt hier der deutsche Einfluss voll durch, weswegen sich dieser Autor in den USA jedes Mal wieder bewusst umstellen muss). Dabei bleibt die Gabel oft im Bleistift-Griff mit nach oben gerichteten Zinken, was eine Hybrid-Form darstellt. Wegen der Schaufelwirkung kann das sogar effektiver sein als das europäische Herumgestochere mit der umgedrehten Gabel.

Was tut man jetzt als Gast in dem einen oder anderen Land? Schließlich will man nicht ungehobelt erscheinen.

Da die Schönste Germanin nicht im Traum daran denkt, die amerikanische Fuchtelei mit dem Messer mitzumachen, baut sie in den small talk am Essenstisch einen kleinen Vortag über unterschiedliche Tischsitten ein. Zwar guckt man ihr dann erst Recht bei jedem Bissen auf die Gabel, aber sie hat sonst ihre Ruhe und hat sich um die Völkerverständigung verdient gemacht. Der neue US-Botschafter in Deutschland kommt vermutlich nicht mit dieser Strategie durch. Aber für Normalsterbliche dürfte das ausreichen.

Wo die K-Straße liegt

Juni 20, 2013

Frank Bruni von der “New York Times” hat mehrere Fragen zu der angeblichen geheimen Schwulenlobby im Vatikan, insbesondere warum sie so “spektakulär ineffektiv” sei (Hervorhebung hinzugefügt):

You wouldn’t last a minute on K Street; the Karl Roves of the capital would have you for lunch.

Diese “K-Straße” hat nichts mit dem Werk von Franz Kafka zu tun, hier führt der Hinweis auf den republikanischen Berater Rove auf die richtige Fährte. Es ist der Name einer Straße in der Hauptstadt Washington, wo früher die großen Lobby-Verbände angesiedelt waren. Als solches ist der Begriff negativ besetzt, denn hier, so der Vorwurf, töten die Interessenverbände die Demokratie. Wie die “Washington Post” es vor der Wahl 2012 beschrieb:

It’s the symbol of all that’s wrong with Washington, the front line where the Occupiers dug their anti-authoritarian trenches, the boulevard that has been shorthand for capital corruption during recent Republican debates.

Von den 20 größten Lobby-Firmen, so die Zeitung, hat allerdings heute nur eine noch ihre Büros auf der K Street. Kein Wunder bei dem schlechten Ruf.

Warum Dal Riata nicht nur der Name einer Kneipe für notgeile Dämoninnen ist

Juni 13, 2013

Wir haben viel zu lange nicht mehr über die kanadische TV-Serie Lost Girl geschrieben, und das wo in der vierten Staffel doch George Takei als Gastdarsteller auftreten wird. Schauen wir uns daher heute genauer an, wo sich die Fae treffen, um mal in Ruhe ein Bier zu trinken: In einer Kneipe, die in der Serie nur “The Dal” genannt wird, aber mit vollem Namen “The Dál Riata” heißt.

Over a century old, the Irish-themed pub also acts as a Waypoint, neutral ground and a place for visitors to check in.

Die irische Einrichtung wundert nicht, denn Dál Riata ist der Name eines Königreiches im späten 6. und frühen 7. Jahrhundert, das aus Teilen von Irland und Schottland bestand.

Die sehr kurze Version seiner Geschichte lautet etwa so: Unter König Fergus Mor sind die Iren um etwa 500 n.Chr. in West-Schottland eingefallen und haben das Reich errichtet. Später gab es einen Bürgerkrieg, bis König Fercher Fota wieder für Ordnung sorgte — er ist wichtig, weil ein gewisser Macbeth von ihm abstammen soll. In den 740er Jahren fielen die Picts in Dál Riata ein. Später gaben die Wikinger ihnen den Rest. Dál Riata wurde Teil des Königreiches Alba.

Der Name scheint Germanen verständlicherweise nicht geläufig zu sein. Dieser Autor wollte ursprünglich schreiben, dass er auch nicht notwendigerweise jedem Amerikaner (oder Kanadier) bekannt sein dürfte.

Allerdings kommt Dál Riata häufiger in historischen und Fantasy-Romanen vor, als ihm klar war, darunter in Kushiel’s Dart von Jacqueline Carey, das seit Jahren ungelesen bei den Stevensons im Bücherschrank steht. Offenbar sind die Leute da so lüstern wie in Lost Girl (dass beide Werke von Buffy beeinflusst wurden, versteht sich von selbst).

In The Dal bei Lost Girl geht es allerdings nicht nur irisch zu, sondern auch ziemlich jüdisch. In einem Review der Serie schreibt io9, die Kultur der Fae sei “half-Jewish, half-Celtic, and all crazy”:

Whenever we go to the Dal and see traditional fae holidays being celebrated, it becomes abundantly clear that the fae are basically Irish Jews. They drink like crazy and then do the hora. They have secret books written in an ancient language and then they do the riverdance.

Wobei man sagen muss: Wenn die Succubus Bo im Dal auf dem Tisch tanzt, sieht das absolut nicht wie Riverdance aus. Oder dieser Autor muss sich das doch vielleicht mal im Theater anschauen.

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