Archive for the 'Eintrag' Category

Das Gedicht mit den roten Rosen und blauen Veilchen

Dezember 13, 2013

Wir gehen heute nochmal auf das Siegerfrühstück von Kurt Vonnegut Jr. ein. Dort finden wir folgendes Gedicht:

Roses are red
And ready for plucking
You’re sixteen
And ready for high school

Dieser Autor hat lange überlegt, ob er eine Übersetzung oder gar eine Erklärung des Witzes anbieten soll. Allerdings geht er davon aus, dass der interessierte Leser von selbst darauf kommen wird, was sich hier vielleicht eher mit plucking reimt.

Uns interessiert ohnehin heute nicht das Alter, ab dem man in den USA nicht mehr vor Verführung geschützt ist (age of consent), schon allein weil es sich (natürlich) von Bundesstaat zu Bundesstaat unterscheidet. Wir gehen vielmehr auf das Original dieses kleinen Reims ein, weil man es immer wieder trifft:

Roses are red
Violets are blue
Sugar is sweet
And so are you

Der Ursprung liegt offenbar im 16. Jahrhundert. Ähnlich wie bei den Knock-Knock-Witzen muss man hier nur die erste Zeile aufsagen und jeder Angelsachse weiß sofort, was for ein Format der kommende Witz haben wird. Es gibt unendlich viele Abwandlungen, angefangen mit Kinderreimen:

Roses are red
Violets are blue
The gasworks stink
And so do you

Gerne auch:

Roses are blue
Violets are red
If you agree
You’ve got rocks in your head

Die Fans der Fernsehserie Fringe werden sich an die Valentins-Tag-Grüße vom “blauen” ins “rote” Paralleluniversum erinnern:

Your universe is red
My universe is blue
You shared your mints
Now I like you

Bei anderen Medien gibt es ganze Wettbewerbe, zum Beispiel bei Mass Effect. Nicht immer können die betroffenen Unternehmen froh sein. Die Wut über das umstrittene Ende von Mass Effect 3 brachten Fans auch in dieser Form zum Ausdruck:

Renegades are red
Paragons are blue
You wanted endings that reflected your decisions?
Fuck you

Renegade und paragon beziehen sich dabei auf die ethische Positionen, die man während des Spiels einnehmen kann und die nach der Meinung vieler Fans auch das Ende hätte mitbestimmen sollen.

Eine ganze Reihe von Versionen spielen wie die Variante aus Breakfast of Champions damit, dass der Reim von der zweiten bis zur vierten Zeile nicht eingehalten wird. Da hätten wir:

Roses are red
Violets are blue
I’m schizophrenic
And so am I

Und schließlich wollen wir nicht verschweigen, dass der Reim manchmal völlig scheitert:

Roses are gray
Violets are gray
I am colorblind, you see
What can I say?

Das Siegerfrühstück

Dezember 1, 2013

Dieser Autor hat dem Nachwuchs jüngst (in Abwesenheit der Schönsten Germanin, versteht sich) eine der wichtigsten Lektionen des Lebens beigebracht: Kalte Pizza ist ein wunderbares Frühstück. Es ist, wie man auf Englisch so schön ironisch sagt, the breakfast of champions.

Der interessierte Leser wird den Spruch an diversen Stellen bei Angelsachsen gehört haben, unerklärlicherweise auch für andere Dinge als Pizza. Eines der jüngsten Beispiele stammt von der Schauspielerin Nina Dobrev aus Vampire Diaries mit ihrem Tweet Sex. Breakfast of Champions. — ein Zitat aus dem Film Rush.

Woher kommt der Spruch? Der Ngram Viewer von Google gibt uns den Ursprung Anfang der 30er Jahre. Damals begann General Mills eine Sport-Werbekampagne für ihre Wheaties-Frühstücksflocken, die sie über Jahrzehnte fortsetzte [YouTube].

Das war der erste Streich. Schaut man sich den Ngram-Graphen oben nochmal genauer an, sieht man, dass es dann Anfang der 70er Jahre einen Sprung bei der Verwendung gab. Denn 1973 veröffentlichte Kurt Vonnegut Jr. seinen Roman Breakfast of Champions, Or Goodbye Blue Monday. Die New York Times schrieb damals dazu:

He wheels out all the latest fashionable complaints about America — her racism, her gift for destroying language, her technological greed and selfishness — and makes them seem fresh, funny, outrageous, hateful, and lovable, all at the same time.

Womit die ironische Verwendung endgültig die ursprüngliche verdrängte.

Trotzdem: Kalte Pizza am nächsten Morgen, am besten mit Pepperoni-Salami. Es gibt nichts besseres.

Eine neue Präposition im Englischen, weil Internet

November 20, 2013

Freudige Erregung unter den Sprachwissenschaftlern, Entsetzen bei den grammar nazis: Im Internet benutzen inzwischen so viele Leute das Wort because als Präposition — zum Beispiel because Internet, also “weil Internet” — dass sie von einem neuen Konstrukt der englischen Sprache ausgehen. Aufgefallen war ihnen das schon vor mindestens einem Jahr, jetzt gibt es neue Erkenntnisse.

Der Hintergrund: Die “because-noun” Konstruktion bereichert Englisch um eine kurze Formulierung, die Ironie und eine allgemeine Aussage zu einem Thema kombiniert.

I’m making grand and yet ironized claims, announcing a situation and commenting on that situation at the same time. I’m offering an explanation and rolling my eyes — and I’m able to do it with one little word.

Die Experten weisen darauf hin, dass but zwischendurch in einem begrenzten Umfang ähnlich verwendet wurde. Als Beispiel wird — natürlich — der spielerische Umgang mit dem Englischen in Buffy the Vampire Slayer aufgeführt:

I also watched a late 1990s episode of Buffy the Vampire Slayer in which the character Willow shyly asks the character Oz if he’d like to make out with her. (…) [H]e turns down her proposal. Hurt, Willow sputters, “But … freeze frame!”

(Wer Buffy nur von der deutschen Synchro kennt: Der Erfolg der TV-Serie geht nicht zuletzt auf den Wortwitz und die Sprache zurück, über die Linguisten ganze Bücher geschrieben haben. Leider leisteten die Übersetzer hier ganze Arbeit und rotzten die deutsche Version lieb- und gedankenlos (und zensiert) herunter.)

But in dieser Form kann allerdings schwieriger zu verstehen sein, wie die Formulierung It is all but certain — “Es ist praktisch sicher” — zeigt. Because hat dieses Problem nicht.

Als direkter Vorläufer der neuen because-Variante werden die hey, because Witze aus Saturday Night Live in den 80ern diskutiert, die ein gewisses Eigenleben entwickelten. Später, so die Erklärung, wurde das hey weggelassen.

Ein Beispiel für die längere Variante wäre demnach der Witz:

If life gives you lemons, keep them, because, hey, free lemons.

Diese Anspielung auf den Spruch If life gives you lemons, make lemonade (den Portal-2-Fans in noch einer anderen Variante kennen) zeigt ebenfalls die Ironie: Die Begründung nach dem because ist schwach oder schlicht albern.

Und jetzt kommt das eigentlich Aufregende, zumindest wenn man ein Sprachwissenschaftler ist: Inzwischen ist die because-noun Konstruktion bei Kindern und Jugendlichen nachzuweisen. Allerdings fehlt dabei die Ironie.

A four-year-old liked Monster Inc. “Because the day care.” A six-year-old chose Monsters University, “because the part where Sully has the big roar and scares all the policemen.”

Da kleine Kinder bekanntlich keine Ironie verstehen — was im Hause Stevenson schon mal zu Problemen führt — haben die Rotznasen diese Konstruktion einfach direkt in ihren Wortschatz aufgenommen. Sollte sie sich halten, würde sie langfristig wohl eine leicht andere Bedeutung bekommen.

Ja, aber wird sie sich halten? Schwer zu sagen. Slang kommt und geht bekanntlich. Vielleicht nehmen sich die Blagen später zu Herzen, dass because-noun nicht Standardsprache ist. Allerdings gibt es genug Beispiele für Formulierungen, die jetzt als (fast) normal gelten. Grammar Girl weist auf he graduated college hin, das früher ein from verlangte (und ganz früher passiv war) und jetzt nur besagten Sprachfaschisten auffällt.

In der Zwischenzeit mag der interessierte Leser darauf achten, ob ihm im Deutschen “weil Hausaufgaben” unterkommt. Weil Internet und so.

Von Ringbären und anderen Aussprache-Fragen

November 10, 2013

In einer der ersten Folgen der (angeblich) letzten Staffel von How I Met Your Mother gibt es ein kleines Aussprache-Problem bezüglich der Person, die den Ring zu einer Hochzeit tragen soll: Ist sie jetzt der ring-bearer — der “Ringträger”, wie in Lord of the Rings — oder wirklich ein ring-bear, also “Ringbär”, wie die Schönste Germanin hofft? Den Machern ist zuzutrauen, dass zum Ja-Wort ein großes, gefährliches Tier auftaucht, auch wenn das bei amerikanischen Hochzeiten eher unüblich ist. Klar ist im Moment nur, dass die Übersetzer wieder weinen werden.

Uns gibt das die Gelegenheit auf eine Serie von Landkarten zurückzukommen, die wir in einem einfachen ZEUGS unter Wert verkauft haben: Joshua Katz hat die Daten aus der Harvard Dialect Study visuell aufbereitet und zeigt so sehr anschaulich die große sprachliche Kluft zwischen verschiedenen Teilen der USA. Business Insider machte sich danach den Spaß, einige zusätzlich mit schnippischen Kommentaren zu versehen:

Americans can’t even agree how to pronounce crayon.

Tatsächlich gibt es für den banalen Wachsmalstift drei Hauptvarianten bei der Aussprache: cray-ahn mit offenem Mund, cray-awn mit der zweiten Silbe wie Dawn, dem Namen von Buffys Schwester, und das einsilbige cran wie in man. Auch bei mayonnaise gibt es krasse Unterschiede, ob may-uh-naze oder man-aze.

Was nun für Europäer verwirrend sein kann: Beide Aussprachen des Gewürzmittels sind richtig. In den USA gibt es keine “Hochsprache”, also kein sprachliches Ideal wie Hochdeutsch, das alle anstreben sollen. Auch die Schreibweise des Wortes ist mehr eine Gedächtnisstütze, wie so häufig im Englischen.

Da Akzent und Aussprache nicht zur Verfügung stehen, müssen sich amerikanische Sprach-Snobs andere Wege ausdenken, um auf ihre Mitbürger herabzuschauen. Entsprechend der Eintrag hier über den geteilten Infinitiv (und über grammar nazis).

Das ist allerdings ziemlich anstrengend. Wer es sich einfacher machen will, sucht sich einen Teil des Landes aus, wo die Aussprache prägnant ist, und verachtet einfach alle Leute dort, ähnlich wie man in Norddeutschland mit den Bayern umgeht.

Die wohl klarste Grenze ist dabei die zwischen den ehemaligen Nord- und Südstaaten bei you all und y’all als Begriff für eine Gruppe von Menschen (funktioniert allerdings auch mit lawyer). Das ist hilfreich zu wissen, wenn man bei True Blood auseinander halten will, welcher Vampir von wo kommt.

Wie das mit den Ringen und Bären ist, wird leider nicht behandelt.

Nichts hält ewig, außer (gewisse) US-Briefmarken

Oktober 28, 2013

Beim jüngsten shutdown der US-Regierung war unter den nicht betroffenen Organisation die amerikanische Post, der United States Postal Service (USPS). Sie konnte dem allgemeinen Chaos auf Bundesebene entkommen, weil sie Geld aus dem laufenden Geschäft einnimmt:

The Postal Service receives no tax dollars for operating expenses, and relies on the sale of postage, products and services to fund its operations.

Ohne Zugriff auf Steuergelder muss die Post allerdings ständig das Porto erhöhen. Gegenwärtig kostet eine Marke für einen Standardbrief 0,46 Dollar (umgerechnet 0,33 Euro). Anfang 2014 soll der Preis um drei Cent steigen.

Das geht natürlich ziemlich vielen Leuten ziemlich auf den Sack.

Seit April 2007 gibt es eine Alternative zu der Horror-Preisspirale des Todes: Die Forever Stamps, “ewige” Briefmarken, die nach dem Kauf immer für einen Brief ausreichen. Der Kaufpreis entspricht dem der gerade gültigen Standardbriefmarke — sprich, im Moment 46 US-Cent.

As the name suggests, Forever Stamps can be used to mail a one-ounce letter regardless of when the stamps are purchased or used and no matter how prices may change in the future.

Anders formuliert, die Briefmarke nimmt im Laufe der Zeit an Wert zu.

(An dieser Stelle werden einige interessierte Leser sich fragen, ob man nicht damit irgendwie Geld machen kann. Die Antwort lautet angeblich ja, aber das erscheint diesem Autor doch etwas viel Aufwand.)

Das Ganze funktioniert so gut, dass es seit Januar 2013 auch den Global Forever Stamp für 1,10 Dollar (etwa 0,80 Euro) gibt, der für den internationalen Versand gedacht ist.

Allerdings ändern auch die ewigen Briefmarken nichts daran, dass immer weniger von den kleinen Papierfetzen verkauft werden. Daher lässt die US-Post gerade für eine halbe Million Dollar prüfen, wie die Zukunft der Briefmarke aussehen könnte. Möglicherweise ist “ewig” am Ende wieder mal nicht ganz so lang.

Eine Liste der Leute, die im US-Haushaltsstreit wirklich versagt haben

Oktober 12, 2013

Eigentlich wollte dieser Autor nie wieder über Verschwörungstheorien reden. Aber das Webcomic xkcd hat mal wieder eine wunderbare Zeichnung vorgelegt: ein offener Brief an die Leute, die angeblich die US-Regierung wirklich kontrollieren und deswegen für den Haushaltsstreit verantwortlich sind.

Can you please get your shit together? This is embarrassing.

Nun können wir die meisten Einträge als bekannt voraussetzen — der interessierte Leser kennt Scientology, die Freimauerer und die Zionisten. Einige haben wir schon behandelt — insbesondere die New World Order, HAARP und Fema.

Folgende benötigen vielleicht noch etwas Hintergrund:

  • Bilderburg – Vermutlich ist hier “Bilderberg” gemeint, ein jährliches Treffen der Einflussreichen und Mächtigen hinter verschlossenen Türen. Die Gruppe hat eine eigene Website, aber was die Inhalte der Diskussionen angeht, gilt die Fight-Club-Regel:

    [T]he first rule is, you do not talk about Bilderberg.

    Immerhin können wir jetzt die zweite Regel herleiten. Da die Bilderberg-Leute auch die Kraft hinter der Einführung des Euros sein sollen, haben sie im Moment vermutlich einfach zu viel zu tun, um sich großartig um den US-Haushalt zu kümmern. Verdammt.

  • Skull & Bones – Eine Studentenverbindung an der Yale University, zu der unter anderem Präsident George W. Bush gehörte. Die Existenz ist nicht geheim (ihr Klubhaus steht auf dem Gelände der Universität, die ein Archiv im Internet anbietet). Vermutlich ist man aber immer noch damit beschäftigt, Frauen zu integrieren.
  • Bohemian Grove – So etwas wie die Bilderberg Gruppe, nur in Kalifornien und immer noch ohne Frauen. Ach, und Bäume mögen sie auch nicht. Hier fand in den 40er Jahren eine Planungssitzung zur Atombombe statt. Da diese funktioniert hat, dürfte die Gruppe einfach zu kompetent sein, um hinter der amerikanischen Regierung zu stehen.
  • The Koch Brothers – Die Familie hinter Koch Industries, das zweitgrößte Privatunternehmen der USA. Offensichtlich wissen sie, wie man aus Geld mehr Geld macht. Das beschreibt nicht wirklich Washington.
  • The Trilateral Commission – Eine Gruppe, die nach eigener Darstellung die Verständigung zwischen Europa, Nordamerika und Asien auf hoher Ebene verbessern will. Und immerhin:

    They include women, minorities, and members of many different political parties.

    Der Kommission wird vorgeworfen, eine New World Order einführen zu wollen. Das hatten wir schon. Seufz.

  • The CFR – Die Council on Foreign Relations soll auch so etwas vor haben. Allerdings geht sie selbst auf die Frage ein, ob sie eine Geheimgesellschaft ist:

    No.

    Dann ist ja gut. Vielleicht handelt es sich wirklich um eine Denkfabrik, die sich mit Außenpolitik beschäftigt?

  • The Vril Society – Diese Geheimgesellschaft soll aus Deutschland stammen. Damit fällt sie nicht in die Zuständigkeit dieses Blogs. Allerdings scheinen diese Leute nicht einmal eine neue Bundesregierung auf die Beine stellen zu können …
  • The Lizard People – Es ist unklar, warum sie auf dieser Liste aufgeführt sind, denn in den USA glaubt niemand, dass die Regierung von Eidechsen-Menschen geleitet wird. Naja, kaum jemand. Obwohl, Moment mal, vielleicht wollen sie, dass wir genau das glauben.

Dass ein bestimmter Name auf der Liste nicht auftaucht, wundert dagegen überhaupt nicht: Bielefeld. Den die wissen schon, wie man so etwas verhindert.

Yarn Bombing – Die andere Form von Graffiti

September 21, 2013

Nachdem der Bombenangriff auf Syrien wohl erstmal ausfällt, können wir endlich ein Thema ins Blog heben, dessen Name in dem Zusammenhang vielleicht etwas geschmacklos gewesen wäre: Yarn Bombing, das Einpacken von öffentlichen Dingen mit Strickwerk. Wir behandeln die auch als grandma graffiti bekannte, inzwischen weltweit verbreitete Bewegung hier im Blog, weil die Texanerin Magda Sayeg, Betreiberin des Knitta-Blogs, als ihre “Mutter” gilt.

[Die englische Wikipedia behauptet, dass die ersten Kunstwerke 2004 in Den Helder in den Niederlanden aufgetaucht seien. Eine Quelle dafür wird nicht geboten, in der niederländischen Version steht nichts davon, die Suche im Internet liefert Kopien des englischen Eintrags.]

Eines Tages im Jahr 2005, so die Geschichte, strickte Sayeg aus Langeweile einen Überzug für die Türklinke ihres Ladens in Houston. Das jetzt “Alpha” genannte Stück löste ungeahnte Reaktionen aus:

People got out of their cars just to come look at it.

Angestachelt von der Reaktion strickte sie weiter. Eine Bewegung wurde geboren. In Fotostrecken sieht man Panzer, Bäume und die Beine von Statuen in Wolle verpackt. Überhaupt bekommt man das Gefühl, dass Yarn Bombing ohne die Bilder der Werke im Internet nicht halb so groß geworden wäre. Die Parallelen zu den bereits behandelten Guerrilla Gardeners sind offensichtlich.

Männer machen das zwar auch, aber in den Interviews wird das Weibliche betont. Die Künstlerin Jessie Hemmons spricht davon, dass Graffiti zu sehr eine Männerdomäne sei:

Yarn bombing is more feminine. It’s like graffiti with grandma sweaters.

Bevor jemand fragt, nein, man stellt sich nicht an das Objekt und strickt dann los, sondern darf fertige Stücke mitbringen. Das kann man am Bullen der Wall Street [YouTube] sieht. Als Art Manifest der Bewegung gilt das Buch Yarn Bombing: The Art of Crochet and Knit Graffiti von Mandy Moore.

Inzwischen hat die Welle Deutschland erreicht, wie die Katernberger Strickguerilla in Essen. Womit wir das Thema wieder an die anderen Medien übergeben können.

[Nach einem Vorschlag der Ehrenwerten Mutter, vielen Dank]

Wie das US-Wahlsystem automatisch radikale Parteien herausfiltert (am Beispiel von Mass Effect)

September 2, 2013

Wir wollen uns heute anlässlich der Bundestagswahl mit einem Aspekt des amerikanischen Wahlsystems befassen, den wir zwar angedeutet haben — zum Beispiel im Eintrag, warum Nicht-Wählen in den USA nicht so schlimm ist — aber bislang nicht direkt angesprochen haben. Es geht darum, dass radikale Gruppen wie Neonazis und Kommunisten herausgefiltert werden, ohne dass es einer Fünf-Prozent-Hürde bedarf. Tatsächlich sind alle kleineren Gruppen davon betroffen.

Der Mechanismus ist eigentlich nicht kompliziert. Da in den USA die Abgeordneten nach dem Mehrheitswahlrecht innerhalb eines begrenzten Gebiets gewählt werden — Wahlkreise für das Repräsentantenhaus, Bundesstaaten für den Senat — siegt in Amerika der Kandidat, der dort den Durchschnitt der Volksmeinung anspricht (mathematisch korrekter wäre wohl der Modalwert, aber das lassen wir jetzt).

Dagegen stehen in Kontinentaleuropa (stark vereinfacht) Parteien landesweit zur Wahl. So werden die Stimmen von Minderheiten gebündelt und ihre Vertreter können ins Parlament einziehen.

Ein Beispiel.

Nehmen wir an, in den USA und Deutschland bildet sich zur jeweils nächsten Wahl die Mass-Effect-Partei. Sie will Commander Shepard, die Retterin (wahlweise der Retter, je nach Einstellung) des Universums, zur Präsidentin beziehungsweise Kanzlerin machen. Wer wäre ein besserer Diplomat als Wrex [YouTube], argumentieren sie, und Tali’Zorah nar Rayya vas Normandy [YouTube] sei die geborene Technikministerin. Der Wahlspruch lautet nicht “Yes we can” sondern natürlich “I should go” [YouTube].

In beiden Staaten begeistern sich zehn Prozent aller Wahlberechtigten für die Mannschaft der Normandy. Alle stehen am Wahltag in ihren N7-T-Shirts artig an der Urne (in Oregon schicken sie alle ihre Stimmzettel ein). Was kommt dabei heraus?

In Deutschland schaffen sie problemlos die Fünf-Prozent-Hürde: Die Grünen-Wähler laufen zu ihnen über (saubere Energie durch Eezo, Frauen in Führungspositionen, über jeden Verdacht des Rassismus, der Homophobie und der Behindertenfeindlichkeit erhaben) und auch die FDP kann nicht mithalten (Kasumi Goto als Finanzministerin). Shepard wird zwar nicht Kanzlerin, aber ihre Partei kann sich die Union oder SPD als Koalitionspartner aussuchen.

[Fußnote für Fans: Unter anderem, weil Shepard nur eine einzige Forderung stellt: Liara T'soni soll BND-Chefin werden. Zwei Wochen nach ihrem Amtsantritt wird T'soni in einem beispiellosen Vorgang auch Chefin des US-Geheimdienstes NSA, wo sie sofort das PRISM-Programm als "lächerlich primitiv" einstellt.]

In den USA scheitert die Partei dagegen komplett.

Kein einziger Kandidat schafft es in den Kongress, geschweige denn ins Präsidialamt. Warum? Zwar stimmen zehn Prozent der Wähler auch hier für die Reaper-Killer, und Shepards Status als Kriegsveteranin hilft ihnen bei Umfragen enorm. Aber die Kandidaten der Demokraten und Republikaner bekommen einfach mehr Stimmen. Die Mass-Effect-Partei bleibt wie die amerikanischen Grünen oder auch die Kommunisten politisch irrelevant.

Ist das jetzt ein bug oder ein feature des amerikanischen Systems? Das kann man sehen, wie man will. Dass radikale Splitterparteien schon strukturell keine Chance haben, macht es (nachweislich, könnte man nach 230+ Jahren argumentieren) stabil. Auf der anderen Seite haben kleinere Gruppen erstmal keine Stimme in der Legislative. Der Kongress bildet nur grob die Struktur der Bevölkerung ab, was man zum Beispiel gut an dem Mangel an Atheisten dort sieht.

Dann kann man nur froh sein, dass Shepard immer einen Weg findet.

Der endlose und erbittert geführte Streit über den geteilten Infinitiv

August 11, 2013

NSA-Überwachung? Telefondaten-Schnüffelei? Alles Kleinkram. Für wirklich tiefgehende Empörung musste man sich in den vergangenen Tagen an einen Liebhaber der englischen Sprache wenden. Denn ausgerechnet das altehrwürdige Wirtschaftsmagazin The Economist hat angeblich einen Infinitiv geteilt. Einen Infinitiv! Einfach so!

Das Language Log zitiert den kontroversen Satz und hebt dabei die kritische Stelle hervor:

These approximations allow a computer to cope with the problem, yet are sufficiently similar to many real places for the conclusions drawn from them to, as it were, hold water.

Da sieht man es: Zwischen dem to und dem hold ist mehr als nur ein Leerzeichen. Kann es wirklich sein, dass der Economist nach 170 Jahren schwach geworden ist und einen split infinitive zugelassen hat? Kennt die Barbarei keine Grenzen mehr? Ist das Abendland jetzt endgültig dem Untergang geweiht?

Nein, schreibt Geoffrey K. Pullum in dem Blog. Es handelt sich nur um eine parenthetical interruption, ein Einschub, der überall stehen kann. Das britische Magazin bleibt — aus Pullums Sicht — weiter stilistisch in einer finsteren sprachlichen Vorzeit gefangen.

It’s basically an exception that merely proves the rule: my favorite magazine still has a usage policy which on some points is stuck in the dark ages of the 19th century.

Kein Sprachstreit im Englischen erregt die Gemüter so sehr und seit so langem wie der über den getrennten Infinitiv. Zusammenfasst geht es darum, ob man

to boldly go where no man has gone before

sagen darf, wie es bei Star Trek in der Anmoderation heißt, oder ob die Serie nicht eigentlich

to go boldly where no man has gone before

als Motto haben müsste (der britische Autor Douglas Adams griff in The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy den Streit mit dem Satz to boldly split infinitives that no man had split before auf).

Historisch gab es die erste Konstruktion im Englischen bereits im 14. Jahrhundert. Dann wurde sie zwischendurch kaum benutzt, um im 19. Jahrhundert wieder aufzutauchen. Aus dieser Zeit stammt auch die Vorstellung unter einigen Sprachwissenschaftlern, dass man das nicht machen dürfe, weil … nun … also … es sich irgendwie nicht gehört, to und den Infinitiv zu trennen.

(Ältere germanische Semester werden sich an dieser Stelle an eine ähnlich gut begründete Regel aus ihrem Deutschunterricht erinnern:

Trenne niemals s und t, denn es tut den beiden weh

Diese Regel gilt nicht mehr.)

Als angeblich stichhaltigeres Argument wird angeführt, dass man Infinitive im Lateinischen nicht trennen dürfe, und dass es deswegen auch nicht im Englischen gemacht werden sollte. Auch das ist nicht viel überzeugender. Englisch ist nicht Latein, wie wir spätestens seit Romanes eunt domus! [YouTube] wissen.

(Die gleiche Logik mit dem Latein ist übrigens daran Schuld, dass es im englischen Wort für “Insel”, island, heute ein stummes “s” gibt. Auch island stammt nicht aus dem Lateinischen.)

Entsprechend sagt die überwältigende Mehrheit der englischen Stilberater und Sprachwissenschaftler beiderseits des Atlantiks, dass am split infinitive nichts auszusetzen sei. Selbst der Economist schreibt in seiner Stilfibel:

Happy the man who has never been told that it is wrong to split an infinitive: the ban is pointless.

Warum dann noch die Aufregung, Jahrhunderte später? Warum lässt der Economist dann selbst keine getrennten Infinitive zu? Nun, der Eintrag in der Fibel geht weiter:

Unfortunately, to see it broken is so annoying to so many people that you should observe it.

Eine kleine aber lautstarke Minderheit von Stilwächtern — häufig mit dem uns schon bekannten Titel grammar nazis bedacht — hält eisern an der Regel fest und erhebt ein wütendes Protestgeheul, wann immer jemand einen Einschub wagt. Wer wie der Economist seine Ruhe haben will, vermeidet es einfach.

Auch das praktisch veranlagte Grammar Girl nennt die Vorschrift einen “Mythos”, rät aber, die Trennung bei gewissen Texten zu vermeiden, weil einige Leute halt an “erfundene Grammatikregeln” glauben.

I would never split an infinitive in a pitch letter to an editor, for example, because there are certainly editors out there who believe the myth.

Anders formuliert ist das für einige Leute ein Aufregerthema, egal, ob das Sinn macht oder nicht. Der interessierte Leser kennt solche Vorgänge auch von gewissen Mitmenschen, zum Beispiel die, die im vergangenen Satz lieber ein “Sinn ergibt” gelesen hätten, auch wenn die Masse der Germanen inzwischen “Sinn macht” sagt. Nur dass in diesem Fall nicht nach ein ein oder zwei Generationen die neue Form akzeptiert wurde, sondern kein Ende des Streits in Sicht ist.

Was macht der Ausländer in einer solchen Situation? Wie bei dem veralteten whom kann man den Status des geeinten Infinitivs als Bildungsmarker eiskalt ausnutzen und jede Trennung vermeiden. Man muss nur mit dem Wissen leben, dass man sich damit einer Art Sprachterror beugt. Aber hier ist wohl selbst der NSA machtlos.

Demon Core – Die verfluchte vierte Atombombe

Juli 29, 2013

Der Zeichner Randall Munroe hat in seinem Blog xkcd wieder eine wunderbare Idee gehabt: Unter dem Titel “Scary Names” hat er aufgetragen, wie gruselig die Namen von Dingen sind im Vergleich zu wie gruselig die Dinge selbst sind. Die meisten Einträge dürfte der interessierte Leser kennen, wie mustard gas oder nuclear football, der Koffer des US-Präsidenten, in dem die Atomcodes aufbewahrt sind.

Der demon core dürfte dagegen etwas weniger bekannt sein. Dabei handelt es sich um den 6,2 Kilogramm schweren Plutonium-“Kern” einer Atombombe, die den Namen nach zwei tödlichen Unfällen [PDF] erhielt.

Erster Unfall: Am 21. August 1945 — sechs Tage nach der Kapitulation Japans — stapelte der Wissenschafter Harry K. Daghlian in Los Alamos Blöcke aus dem Neutronenreflektor Wolframkarbid um den Kern. Dabei ließ er aus Versehen einen Block auf den Versuchsaufbau fallen. Der Kern wurde kurz “superkritisch” und Daghlian bekam genug Strahlung ab, dass er 25 Tage später starb. Er war 24 Jahre alt. Ein Wachmann erhielt eine schwächere Dosis und starb 33 Jahre später an Leukämie.

Beim zweiten Unfall am 21. Mai 1946 war Leichtsinn im Spiel. Der kanadische Physiker Louis Slotin zeigte sieben Mitarbeitern, wie man mit einer Beryllium-Schale um den Kern eine Kettenreaktion einleiten würde. Um die beiden Hälften noch auseinander zu halten, benutzte er einen Schraubenzieher. Später schrieb einer seiner Kollegen:

I’m quite sure that several of us knew that he was using the Pu hemispheres for demonstrations of simple critical assemblies, but were not aware of his unsafe method until it was too late. After all, he was the expert in this work.

Der Schraubenzieher rutschte aus, die Hälften der Schale umschlossen das Plutonium. Slotin schlug sie sofort wieder auseinander und rettete damit vermutlich den anderen Männern im Raum das Leben. Er selbst starb neun Tage später an den Folgen der Strahlung. Anschließend wurde in Los Alamos die Verwendung von Maschinen zur Bearbeitung von derartigen Materialien zur Pflicht.

Der Kern selbst wurde in die Atombombe “Gilda” eingebaut und als Teil von Operation Crossroads im “Test Able” am 1. Juli 1946 im Bikini-Atoll detoniert [YouTube]. Es war die vierte Atombomben-Explosion der Geschichte nach “The Gadget” und den beiden Bomben im Zweiten Weltkrieg.

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