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Indianer, Teil 3: Pockendecken: Seuchen als Waffe gegen die Indianer

Mai 9, 2008

Wir müssen nach unserer Diskussion über die Auswirkungen der Seuchen der Alten Welt auf die Bevölkerung der Neuen eine Frage gesondert behandeln: Ob es Fälle gab, wo gezielt versucht wurde, die Indianer zu infizieren.

Kurz gesagt, ja.

Gehen wir ins Jahr 1763 zurück, ins Ohio-Tal. Wie schon dargestellt hat Großbritannien gerade im French and Indian War - der Siebenjährige Krieg - die Franzosen aus Nordamerika vertrieben. Die mit Paris verbündeten Indianerstämme im Gebiet der Großen Seen sind nicht glücklich darüber und greifen in Pontiac’s Rebellion [PNG] die Engländer an. Acht britische Festungen fallen sofort, ihre Besatzungen - Soldaten wie Zivilisten - werden massakriert. Drei Forts halten aus, darunter Fort Pitt, das heutige Pittsburgh.

Dort führte der Schweizer Söldner Simeon Ecuyer das Kommando. Von den 550 Menschen in der Festung waren mehr als 200 Frauen und Kinder. Und, um alles noch schlimmer zu machen, die Pocken (smallpox) waren ausgebrochen.

Dass Ecuyer versuchte, die Seuche unter den Belagerern zu verbreiten, wissen wir aus dem Tagebuch eines gewissen William Trent. Der berichtete von einem Treffen am 24. Juni 1763 mit den beiden Delaware-Indianern Turtle’s Heart und Mamaltee:

Out of our regard to them we gave them two Blankets and an Handkerchief out of the Small Pox Hospital. I hope it will have the desired effect.

Damit haben wir einen Zeugen. Und weil man ein Imperium nur mit Hilfe einer Bürokratie führen kann, finden wir für Juni diese von Ecuyer gegengezeichnete Rechnung der Firma Levy, Trent and Company (Hervorhebung hinzugefügt):

To Sundries got to Replace in kind those which were taken from people in the Hospital to Convey the Smallpox to the Indians Viz:
2 Blankets @ 20/ £299 099 0
1 Silk Handkerchef 10/
& 1 linnen do: 3/6 099 1399 6

Ob es dadurch tatsächlich zu einer Ansteckung kam, kann nicht belegt werden. Zwar wurden die Belagerer von den Pocken heimgesucht, aber die ersten Fälle gab es offenbar schon vor dem “Geschenk”. Den beiden Delawaren soll es noch einen Monat später prächtig gegangen sein - die Inkubationszeit der Pocken beträgt etwa zwei Wochen. Es sind auch mehrere parallele Infektionswege denkbar, etwa durch das Plündern der Häuser oder durch das Skalpieren.

Für uns ist aber nicht wichtig, ob der Versuch erfolgreich war. Uns reicht es festzuhalten, dass Ecuyer bewusst und vorsätzlich versucht hat, die Pocken als Waffe gegen die Indianer einzusetzen. Er ist somit schuldig im Sinne der Anklage.

Es gibt eine lange Debatte darüber, ob Ecuyer auf eigene Faust handelte oder auf Befehl des britischen Militärs. Gesichert ist folgender Ablauf:

Am 16. Juni berichtete Ecuyer seinem Vorgesetzten Henry Bouquet - auch ein Schweizer - davon, dass die Pocken in Fort Pitt ausgebrochen seien. Bouquet gab diese Information in einem Brief vom 23. Juni an den Oberkommandeur der britischen Streitkräfte in Nordamerika, Sir Jeffrey Amherst, weiter, also am Tag, bevor Ecuyer den Indianern die Decken übergab.

Amherst schrieb am 7. Juli an Bouquet (Hervorhebung im Original):

Could it not be contrived to send the Small Pox among those disaffected tribes of Indians? We must on this occasion use every stratagem in our power to reduce them.

Bouquet antwortete [JPEG] etwa eine Woche später:

I will try to inoculate the Indians by means of Blankets that may fall in their hands, taking Care however not to get the disease myself.

Am 16. Juli legte Amherst in einem weiteren Brief [JPEG] an Bouquet nach:

You will do well to inoculate the Indians by means of Blankets, as well as to try every other method that can serve to extirpate this execrable Race.

(Beide Männer bedauerten, dass sie nicht die “spanische Methode” gegen die Indianer anwenden konnten - der Einsatz von Kampfhunden, wie wir ihn bei Hernando de Soto gesehen haben.)

Ecuyer scheint von selbst auf die Idee gekommen zu sein. Amherst wird sein Vorgehen allerdings gebilligt haben, denn er ist für zwei Dinge berühmt: Seine Nachsicht gegenüber den Franzosen (was den Kanadiern den Sonderstatus von Quebec einbrockte) und seinen Hass auf die Indianer. Davon zeugen auch die Briefe.

Was ist mit Bouquet? Es gibt trotz seiner Ankündigung keinen Beleg, dass er wirklich zur Biowaffe griff. Auf dem Weg zur Befreiung von Fort Pitt besiegte er am 5. und 6. August die Indianer in der Schlacht von Bushy Run. Das war der Wendepunkt des Krieges.

Die Historikerin Elizabeth A. Fenn sieht die Vorgänge von Fort Pitt in einem größeren Zusammenhang. Sie stellt die These auf, dass der Einsatz der Pocken als Waffe Ende des 18. Jahrhunderts häufiger vorkam.

Dazu machen wir einen Abstecher zum Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Die britischen Truppen stammten aus den dichtgepackten und verdreckten Städten Europas, wo sie ständig Kontakt mit den Pocken hatten. Zudem waren viele von ihnen Berufssoldaten, bei denen eine variolation vorgenommen worden war. Das war eine gezielte Ansteckung mit Pocken, die zwar häufig eine Immunität hinterließ, aber leider den einen oder anderen Patienten tötete. Die Amateur-Kämpfer von George Washington waren kaum so behandelt worden.

Nun gibt es keinen Beweis, dass die Briten diesen Vorteil ausnutzten und die Pocken einsetzten. Allerdings berichteten britische Deserteure während der amerikanischen Belagerung von Boston im April 1775, dass Infizierte aus der Stadt geschickt wurden, um den Feind anzustecken. Ein skeptischer Washington schrieb John Hancock:

The information I received that the enemy intended Spreading the Small pox amongst us, I could not Suppose them Capable of — I now must give Some Credit to it, as it has made its appearance on Severall of those who last came out of Boston.

Der britische General Alexander Leslie schrieb 1781 Lord Cornwallis von seinem Plan, im Süden “mehr als 700 infizierte Neger” in die Plantagen der Rebellen einzuschleusen. Ob er das wirklich tat, ist nicht bekannt. Der englische Offizier Robert Donkin riet in einer Kriegsfibel, Pfeile in Pocken-”Materie” zu tauchen, um die amerikanischen Rebellen anzustecken, denn das würde diese stubborn, ignorant, enthusiastic savages am ehesten zur Aufgabe zwingen.

Zurück zu den Indianern. War Fort Pitt der einzige belegte Fall seiner Art?

Auch hier lautet die Antwort ja, wobei das wichtigste Wort in dem Satz “belegt” sein dürfte. Es gab über die Jahrhunderte immer wieder Gerüchte über den Einsatz von Pockendecken, aber beim näherem Hinsehen bleiben sie genau das, Hörensagen. Es ist durchaus denkbar, dass irgendwann Siedler so versuchten, Indianer auszurotten. Allerdings wiegt der Vorwurf des Völkermordes schwer und muss entsprechend belegt werden können. Das ist trotz aller Forschung nur bei Ecuyer gelungen.

Einige interessierte Leser werden an dieser Stelle irritiert sein. Was ist mit dem Stamm der Mandan und den infizierten Decken, die das US-Heer ab dem 20. Juni 1837 an sie verteilt haben soll? Hat nicht der Ethik-Professor und Indianer-Aktivist Ward Churchill von der University of Colorado ausführlich beschrieben, wie durch diesen “Genozid” bis 1840 mehr als 400.000 Menschen getötet wurden?

Nach der Erfahrung dieses Autors haben viele Deutsche von Churchills Behauptungen gehört, auch wenn sie mit seinem Namen nichts anfangen können. Was allerdings nicht bis nach Europa vorgedrungen zu sein scheint, ist dass er die Geschichte schlicht erfunden hat. Churchill wurde deswegen im vergangenen Jahr von der Uni geschmissen. Die Ermittlungskommission der Universität erklärte im Mai 2006 zu dem angeblichen Massenmord in ihrem Bericht [PDF]:

We therefore find by a preponderance of the evidence a pattern of deliberate academic misconduct involving falsification, fabrication, and serious deviation from accepted practices in reporting results from research.

Etwas weniger hochtrabend formuliert:

Professor Churchill has created myths under the banner of academic scholarship.

Churchill hat gegen seine Entlassung geklagt.

Wir halten fest, dass tatsächlich 90 Prozent der Mandan, die Hälfte der Hidatsa und der Arikara 1837 an den Pocken starben, nachdem die Seuche auf dem Flussdampfer “St. Peters” in die plains eingeschleppt wurde. Unwahr ist, dass der Auslöser Pockendecken waren, die als Teil eines Genozid-Plans der amerikanischen Regierung von US-Soldaten verteilt wurden. Das ist ein Lügenmärchen.

Allerdings spielte das Kriegsministerium - der Vorläufer des heutigen Verteidigungsministeriums und damals für Indianerfragen zuständig - bei dem Ausbruch eine nicht wirklich glorreiche Rolle: Monatelang tat es absolut gar nichts. Diese Reaktion auf eine Katastrophe unter den Ureinwohnern finden wir immer wieder. Denn aktiv Indianer zu töten, das war eine Sache. Tatenlos und oft genug billigend zuzuschauen, wie sie durch Hunger, Wetter oder Seuchen von allein starben, eine ganz andere.

Als der Druck insbesondere von Kirchengruppen zu groß wurde, schickte das Ministerium 1838 den Indianer-Beauftragten Joshua Pilcher und den Arzt Joseph DePrefontaine in die Region, um wenigstens die Lakota (Sioux) zu retten. Die Männer erwarteten Widerstand, aber sie wurden von den Indianern überrannt. Noch während ihrer Reise den Missouri hinauf impften sie mehr als 3.000 Lakota. DePrefontaine blieb mindestens zwei Jahre vor Ort.

Die Pocken brauchten ohnehin keine menschliche Hilfe, um sich unter den Indianern zu verbreiten. Tragisch ist, dass menschliche Hilfe nicht konsequent genug eingesetzt wurde, um die Seuche so früh wie möglich ganz auszulöschen.

Denn nachdem der Brite Edward Jenner 1798 die Pockenimpfung mit Kuhpocken demonstrierte hatte, kämpfte Präsident Thomas Jefferson für die möglichst breite Anwendung des Verfahrens. Er beauftragte 1803 die Lewis und Clark Expedition, auf ihrer Reise die Indianer entlang des Missouri zu impfen. Bis die Entdecker dort ankamen, hatte das neuartige Mittel aber seine Wirksamkeit verloren.

Späteren Regierungen fehlte der Wille oder die Weitsicht, mit den bekannten Folgen. Der letzte Pockenfall in den USA trat 1949 in Texas [PDF] auf.

Möchte jemand eine Brücke kaufen?

Mai 2, 2008

Im vergangenen Jahr ist in Minnesota eine Brücke eingestürzt, und weil Wahlkampf ist, hören wir immer noch davon. Das pro-demokratische Blog Daily Kos nimmt als Überschrift für eine Äußerung des republikanischen Kandidaten John McCain zu der Tragödie:

McCain Has a Bridge He Wants to Sell You

Dabei will McCain die Brücke gar nicht verkaufen, schon allein weil sie ihm nicht gehört. Da im Text nicht weiter auf das Geschäft eingegangen wird, können wir davon ausgehen, dass hier auf irgendwas angespielt wird.

Richtig. Auf dumme Europäer nämlich.

Gut, angeblich auf dumme Europäer. Der Legende nach versuchen skrupellose New Yorker Gauner seit mehr als einem Jahrhundert, ahnungslosen Einwanderern die Brooklyn Bridge zu verkaufen. Nach einigen Berichten wurden zwei Männer schon für diesen Betrug verurteilt, William McCloundy 1901 und George C. Parker 1928. Gesichert ist das allerdings nicht.

Trotzdem sagt man leichtgläubigen Menschen:

If you believe that, I have a bridge to sell you!

Nur muss man bei diesem Spruch als Amerikaner aufpassen, wenn Briten in der Nähe sind, denn die sagen dann gerne so Dinge wie Actually, my dear chap, we did sell you a bridge - und zwar angeblich die falsche. Denn 1968 kaufte der amerikanische Geschäftsmann Robert P. McCulloch die London Bridge für 2,4 Millionen Dollar, ließ sie in die USA verschiffen und baute sie in Arizona wieder auf (danach bauten die Engländer eine neue). Aber, sagen die Briten, eigentlich wollte er die Tower Bridge kaufen, und wir haben ihn verarscht!

Eine gute Geschichte, aber leider unwahr. Sorry, mate.

Und bevor jemand fragt - die Brücke, von der Faith in der Buffy-Folge 6 von Staffel 8 springt, ist die Hope Memorial Bridge in Cleveland, Ohio, gut zu erkennen an den vier Lords of Transportation (auch Guardians of Traffic genannt). Eine wunderschöne Brücke im Art-Deco-Stil, die eigentlich nicht zum Verkauf steht. Aber wie es der Zufall will, hat dieser Autor die Besitzurkunde von einem Opa seines Onkels vom dem ihm sein Schwager geerbt, und wenn jemand ein gutes Angebot macht …

Wahlen, Teil 5: Wahlkampf ohne Gegner und die Weisheit der Matrix

April 28, 2008

Auch wenn es in den Medien, deutschen wie amerikanischen, im Moment untergeht: Im November wird nicht nur der Präsident gewählt, sondern auch der Kongress, genauer gesagt, das ganze Repräsentantenhaus und ein Drittel des Senats.

Wir wollen uns heute das Repräsentantenhaus anschauen, wo - wie alle zwei Jahre - sämtliche 435 Sitze zur Wahl stehen. Besonders dort kommt es zu einem Phänomen, das der interessierte Leser vielleicht nicht erwartet: In einigen Wahlbezirken tritt nur ein Kandidat der beiden großen Parteien an. Der Bürger kann nicht zwischen einem Demokraten und einem Republikaner wählen, sondern meist nur zwischen einem Kandidaten einer der großen Parteien und mehreren der kleineren wie den Grünen oder den besagten Libertarians.

Gehen wir von den Demokraten aus, weil das pro-demokratische Blog Daily Kos diese Rennen eng verfolgt und wir seine Daten klauen zitieren können. Nach diesen Angaben gibt es elf Wahlbezirke, in denen ein Republikaner und kein Demokrat antritt:

AL-06 - R+25
AR-03 - R+11
CA-19 - R+10
CA-22 - R+16
KY-05 - R+8
TX-01 - R+17
TX-02 - R+12
TX-05 - R+16
TX-11 - R+25
TX-14 - R+14
TX-21 - R+13

Die ersten beiden Buchstaben sind die Abkürzungen für den Bundesstaat - die vielen “TX” stehen zum Beispiel für “Texas”. Die Zahl dahinter ist die des Wahlkreises. So gehört zu TX-14 die Stadt Galveston. Die Sache mit dem “R” erklären wir gleich.

Bleiben wir bei TX-14. Dort treten an (bei den letzten drei war nicht sofort eine eigene Website zu finden):

(Ron Paul? Kennen wir den nicht? Genau, das ist einer der Bewerber für die Präsidentschaft, weswegen er eine zweite Website hat. Paul ist formell sogar noch im Rennen, auch wenn ihn die Presse ignoriert. Peden war angetreten für den Fall, dass Paul aussteigt.)

Ein Demokrat ist nicht darunter. Warum? Zwei Gründe.

Der erste sind die Zahlen nach dem Buchstaben “R” in der Liste. Das ist der partisan voting index nach Cook, kurz PVI genannt. Er beschreibt, vereinfacht gesagt, um wie viele Prozentpunkte die Partei (”R” für Republikaner, “D” für Demokraten”) in einem Wahlbezirk besser als im Landesdurchschnitt abschneidet.

Das “R+25″ für TX-11 besagt, dass die Republikaner dort 25 Prozentpunkte mehr Stimmen bekommen. Für jeden Demokraten wäre eine Bewerbung dort ein politisches Selbstmordkommando. Das R+14 für TX-14 ist in der Praxis nur wenig besser.

Ja und? mag der kontinentaleuropäische Beobachter jetzt sagen. Die SPD tritt auch alle fünf Jahre in Bayern an und holt sich tapfer ihren Prügel ab. Die Demokraten müssen dem Wähler doch eine Alternative bieten, schon allein der Parteilandschaft wegen.

Was uns zum zweiten Grund führt, der allerdings erfahrungsgemäß etwas schwieriger zu vermitteln ist. Deswegen schieben wir eine Übung ein.

Der interessierte Leser ziehe sich fette schwarze Stiefel, einen möglichst langen schwarzen Ledermantel und eine ultra-teure Sonnenbrille an. Wenn er seinen Partner dazu bringen kann, sich in hautengem Latex [JPG] an ihn zu klammern, um so besser. Dann hole er sich aus der Besteckschublade einen Löffel und halte ihn sich so vor das Gesicht, dass er seine eigene Nase sieht. Und jetzt mache sich der interessierte Leser klar:

Es gibt keinen Löffel.

Das sieht nur so aus. Alles Illusion. In Wirklichkeit gibt es den Löffel gar nicht.

Wenn der Leser sich das bewusst gemacht hat, die elementare Unwirklichkeit des Löffels sich ihm ins Gehirn gebrannt hat, wenn buddhistische Mönche aus Laos einfliegen, um zu seinen Füßen die anatta-Lehre der Nicht-Existenz zu empfangen, dann ist er bereit für die nächste Stufe der Erkenntnis:

Es gibt keine Parteien.

Das sieht nur so aus. Alles Illusion. In Wirklichkeit gibt es die Parteien gar nicht.

Wir haben schon erklärt, dass in den USA Menschen gewählt werden und nicht Parteien und dass die Verfassungsväter diese eigentlich als Teil des Problems und nicht der Lösung gesehen haben. Die Amerikaner haben lediglich zähneknirschend akzeptiert, dass Kandidaten sich ständig zu Gruppen zusammenschließen und haben ein paar Regeln aufgestellt, um das in gesittete Bahnen zu lenken.

Alle reden zwar ständig von den Parteien und die Wähler mögen sich mit einer Partei identifizieren und die Parteien halten vielleicht Vorwahlen ab und am Wahltag können die Wähler ihr Kreuz nach der Parteizugehörigkeit machen, denn das steht neben dem Namen. Aber am Ende werden Menschen gewählt.

In TX-14 treten daher eigentlich nicht zwei Republikaner, ein Libertarian und zwei Parteilose an, sondern die fünf aufrechten texanischen Bürger Paul, Peden, Flynn, Harvey und Roof. Dass keiner von ihnen zu einer Gruppe namens “Demokraten” gehört, ist dem System so schnurz wie die Frage, ob einer der Kandidaten im Kegelverein ist.

Die Demokraten können auch niemanden “stellen” oder von sich aus “antreten”, egal wie sehr die Parteiführung in Washington (und die Autoren von Daily Kos) sich das wünschen mag. Sie können nur darauf hoffen, dass ein wackerer Demokrat in Galveston beschließt, sich zu bewerben.

Nur, warum sollte jemand das tun?

Ein Kandidat würde sich die Plagen des Wahlkampfs aufhalsen und müsste für seine Finanzierung selbst sorgen. Was am Ende sein Lohn wäre, sagt der PVI ziemlich eindeutig voraus: Eine vernichtende Niederlage. Die nimmt aber nicht die Partei auf ihre Kappe wie die SPD in Bayern, sondern er persönlich.

Er wäre also nicht ein guter Parteisoldat, der später an anderer Stelle für sein Opfer belohnt werden würde, sondern nur der Depp, der so blöd war, eine völlig sinnlose Schlacht zu schlagen. Das ist nicht gut für die Karriere und vorlaute Rotznasen mit Glatze [JPG] würden auf der Straße über ihn lachen.

Der interessierte Leser mag in seiner bestimmt reichlich bemessenen Freizeit alle 435 Wahlbezirke durchgehen, um sich davon zu überzeugen, dass es solche Fälle auch mit umgekehrter Rollenverteilung gibt. In OR-04 (Oregon) treten zum Beispiel offenbar nur Peter DeFazio von den Demokraten und Mike Beilstein von der Pacific Green Party an, kein Republikaner.

Wir werden jetzt den Kongress in Ruhe lassen, bis die Vorwahlkämpfe endlich zu Ende sind. Das hält unsere ganze Diskussion auf …

[Korrigiert 30. April 2008: Die Legislaturperiode in Bayern beträgt fünf, nicht vier Jahre. Zuerst gesehen von TB, vielen Dank]

Etwas Hintergrund zu Clintons “Drei-Uhr-Morgens”-Werbespot

April 23, 2008

Der interessierte Leser KV weist völlig zurecht darauf hin, dass wir Hintergrund zu Hillary Clintons “Drei-Uhr-Morgens”-Wahlspot [YouTube] hätten liefern sollen, schon allein weil er endlose Parodien [YouTube] hervorgebracht hat.

Halten wir zuerst für zukünftige Lesergenerationen fest, wie der Text des Spots mit dem formellen Namen Children lautet, den Clinton 2008 während ihres Vorwahl-Duells gegen Barack Obama senden ließ (Hervorhebung hinzugefügt):

It’s three a.m., and your children are safe and asleep. But there’s a phone in the White House, and it’s ringing. Something’s happening in the world. Your vote will decide who answers that call. Whether it’s someone who already knows the world’s leaders, knows the military — someone tested and ready to lead in a dangerous world. It’s 3 a.m. and your children are safe and asleep. Who do you want answering the phone?

[Grammatik-Freaks werden beim letzten Satz entsetzt aufspringen - das muss doch Whom do you want answering the phone heißen, weil Objekt und so! Schon, aber whom gehört zu den Konstrukten im Englischen, die keine langfristen Pläne machen sollten. Aus der gesprochenen Sprache ist es praktisch verschwunden. In diesem Spot würde es viel zu formell wirken - und die Antwort wäre sofort: Not an English teacher!]

Die beiden Passagen mit der Uhrzeit und den Kindern, die um drei Uhr Morgens süß schlafen, erinnern Amerikaner sofort an einen öffentlichen Hinweis im Fernsehen - eine public service announcement, so etwas wie “Beer Bad” - der jahrzehntelang vor den Spätnachrichten lief:

It’s ten p.m. Do you know where your children are?

Oft wurde der Spruch von Prominenten [YouTube] vorgetragen. Er entwickelte ein Eigenleben und wurde seinerseits endlos parodiert, wie der interessierte Leser sich durch Google selbst überzeugen kann. In dem Spot ist die Verbindung klar: Die Eltern haben alles richtig gemacht, denn die Blagen sind zu Hause im Bett, wo sie hingehören (mehr noch, sie schlafen sogar, was zumindest bei Kind Nummer Zwei einem kleineren Wunder gleichkommen würde).

Wer sich selbst davon überzeugen will, wer Morgens um drei im Weißen Haus ans Telefon geht: Die Nummer lautet 202 456 1111, und bei sechs Stunden Zeitunterschied von Deutschland aus muss man um 9.00 Uhr MEZ anrufen. Allerdings kann das angeblich frustrierend sein

Warum der Indianerhäuptling Tecumseh bis Januar Bush töten könnte

April 20, 2008

Im Berliner Umland hat es gestern ausnahmsweise so lange nicht geregnet, dass die Schönste Germanin beschloss, der Rasen müsse endlich gemäht werden. Sie war unerbittlich - es half auch kein Hinweis auf die mittlerweile 72 unbeantworteten Mails von interessierten Lesern.

Nun ist dieser Autor ein Kind der Elektronik-Generation, die erwartet, dass Maschinen nach dem Drücken des An-Knopfs einfach funktionieren. Daher ist er immer etwas verwirrt, wenn der Benzinmäher nicht sofort starten will, nur weil er ein halbes Jahr in der Garage gestanden hat. Auch nachdem alles mögliche geputzt und im Handbuch nachgeschlagen worden war, ob es nicht doch irgendwo eine Batterie für das BIOS gibt, brachte das Reißen an dieser komischen Leine nicht einmal ein Husten hervor.

Dann wurde klar, was das eigentliche Problem war: Auf dem Motor steht TECUMSEH, der Name eines Indianerhäuptlings aus dem frühen 19. Jahrhundert. Das muss sein zweiter Fluch sein - mögen die Bleichgesichter bis in die 40. Generation im Gras versinken!

Bevor wir zu Tecumsehs erstem, viel bekannterem Fluch kommen, ein kurzer Absatz über ihn selbst - kurz deshalb, weil wir sonst wieder über einen Krieg reden müssten, und wir ja den body count in diesem Blog senken wollen.

Tecumseh war ein Shawnee aus Ohio, der beschloss, dass die Weißen vertrieben und ihre Sitten aufgegeben werden mussten - Eisenwerkzeuge, Stoffe, Alkohol, Landwirtschaft, etc. Mit seinem Bruder, dem Propheten Tenskwatawa, sammelte er Stämme um sich. Bei der Schlacht von Tippecanoe 1811 wurden sie besiegt, unter anderem weil der Master of Life die Indianer doch nicht wie versprochen unverwundbar gemacht hatte. Angeführt wurden die US-Truppen von William Henry Harrison, der - wichtig - später Präsident wurde. Im Krieg von 1812 schloss sich Tecumseh den Briten an. Er fiel 1813 in der Schlacht an der Thames.

Der Fluch von Tecumseh besagt nun, dass jeder Great White Father (Präsident), der in einem Jahr gewählt wird, das durch 20 teilbar ist, im Amt sterben wird. Angeblich soll ihn Tecumseh nach der Schlacht von Tippecanoe ausgestoßen haben, obwohl es nicht den geringsten Beleg dafür gibt. Vermutlich wurden ihm die Worte später in den Mund gelegt.

Und trotzdem müssen wir festhalten:

- dann doch nicht im Amt, sondern 2004. Aber wie wir wissen wurde Reagan 1981 Opfer eines Attentats, das er nur äußerst knapp überlebte.

Hat Reagan nur für sich selbst Tecumsehs Fluch eine lange Nase gezeigt, oder auch gleich die Serie gebrochen? Im Januar werden wir es wissen, wenn George W. Bush, gewählt im Jahr 2000, das Weiße Haus verlässt. Der Secret Service kann den Namen “Tecumseh” vermutlich nicht mehr hören.

Und was ist mit dem Rasenmäher? Dieser Autor, der es mit Dirty Harry hält - A man’s got to know his limitations - bat den Nachbarn von Rechts um Hilfe, denn der hat Trabi-Erfahrung. Er benutze Fachbegriffe wie “Choke”, sprach davon, wie man “gefühlvoll” Gas geben müsse und spielte etwas an der Seite des Motors herum. Der ging dann - natürlich - beim ersten Reißen an, und nach zwei weiteren Versuchen des Nachbarn lief die Maschine rund.

Klar. Seine Vorfahren haben ja auch nicht gegen Tecumseh gekämpft.

“Liberal” in den USA

April 18, 2008

Wer die US-Politik verfolgt, stellt schnell fest, dass ein bestimmtes Wort in Amerika nicht das bedeuten kann, was es zu Hause heißt: liberal. Tatsächlich meinen Amerikaner damit etwas anderes als selbst die Briten.

Seit einigen Jahrzehnten wird in den USA mit liberal eine Politik bezeichnet, die - sagen die Befürworter - für den Schutz von Minderheiten, Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit, Mitgefühl, öffentliche Hilfsprogramme für Arme und Kranke, für den Umweltschutz und für Bildung für alle steht. Kritiker sehen dagegen als Hauptmerkmale hohe Steuern und unkritische Sozialausgaben, ein ständiges Eingreifen des Staates in das Leben des Bürgers und erstickende Gesetze als Mittel zum Ausgleich von irgendwelchen angeblichen Ungerechtigkeiten, was alles zu einer Entmündigung des Volks und dem Tod jeder Eigeninitiative führe.

Solche Auflistungen enden früher oder später im Streit. Daher setzen wir lieber unsere Tradition der erschütternd groben Vereinfachungen mit einer Faustregel fort:

liberal (USA) -> sozialdemokratisch (DE)

Das ist nicht wirklich richtig, schon allein weil das Links-Rechts-Spektrum in der amerikanischen Politik anders gefächert ist. Aber die Überschneidungen sind groß genug, dass es auch nicht ganz falsch ist. Das sehen wir an dem nahtlosen Übergang, den böse Konservative von liberal über socialist zu communist sehen, wie auf einem T-Shirt mit dem Plakat von James Montgomery Flagg und dem Spruch:

Liberals — I want you to get your pinko commie asses out of America!

Auf anti-liberal-Aufklebern sehen wir ebenfalls, wie liberalism, Sozialismus und Kommunismus fröhlich zusammengekleistert werden. Demnach sind liberals Weicheier, die Amerika hassen, die Flagge verbrennen, auf Soldaten spucken, den Islamofaschisten die Welt überlassen wollen und bestimmt auch Eichhörnchen furchtbare Dinge antun, wenn niemand hinschaut. Für Konservative ist liberal ein Schimpfwort.

In Deutschland (und der übrigen Welt) wird man dagegen nur verständnislos angestarrt, wenn man “Liberale” als Kommunisten beschimpft, wovon sich der interessierte Leser am nächsten FDP-Wahlstand überzeugen möge. Was hierzulande mit “liberal” im Sinne der Wirtschaftspolitik gemeint ist, passt in den USA eher zu den Konservativen.

(Im Zusammenhang mit liberal bashing kommt häufig der Name Ann Coulter vor, Juristin, Kommentatorin und Autorin von Büchern wie Treason: Liberal Treachery from the Cold War to the War on Terrorism. Sie ist umstritten, einige Zeitungen drucken ihre Beiträge nicht und sie wird bei öffentlichen Auftritten schon mal mit der einen oder anderen Torte [YouTube] beworfen.)

Da liberal in einigen Kreisen quasi vergiftet ist, verwenden Nicht-Konservative auch den Begriff progressive. Das sehen wir bei Daily Kos, das sich als the largest progressive community blog in the United States bezeichnet.

Für den Beobachter aus Übersee ist das nicht hilfreich, denn die Begriffe sind eigentlich keine Synonyme. An progressive hängt ein ganzer Rattenschwanz von politischen Vorstellungen, die etwa 100 Jahre alt sind. Wir werden sie in einem eigenen Eintrag aufdröseln und dabei auch erklären, wie liberal eine andere Bedeutung bekommen hat.

Und um die ganze Sache noch komplizierter zu machen, gibt es die politische Strömung des libertarianism, verkörpert durch die Libertarian Party. Sie wurde 1971 gegründet und ist heute die drittgrößte Partei in den USA. Hier treffen wir wieder auf “liberale” politische Werte, wie sie auch Europäer verstehen, wie a smaller government, lower taxes and more freedom. Ihre Kandidaten haben bislang eher auf Kommunalebene Erfolg.

Schließlich hätten wir noch Liberace zu bieten, aber das ist eine ganz andere Geschichte …

[Zuerst vorgeschlagen von CM, vielen Dank]

Von der Struktur der demokratischen Partei und ganz normalen Präsidenten

April 15, 2008

Der demokratische Präsidentschaftsbewerber Barack Obama hat sich in die politischen Nesseln gesetzt. Auf einem Treffen mit Anhängern in San Francisco sprach er über die einfachen Bürger in den kleinen Städten von Pennsylvania, dort, wo am 22. April die nächste Vorwahl stattfindet. Sie hätten zusehen müssen, sagte Obama, wie seit 25 Jahren ihre Jobs verschwinden, und kein Präsident, ob Demokrat oder Republikaner, habe ihnen geholfen.

So it’s not surprising then that they get bitter, they cling to guns or religion or antipathy to people who aren’t like them or anti-immigrant sentiment or anti-trade sentiment as a way to explain their frustrations.

(Fußnote: Der Bericht war ein scoop, eine Exklusivmeldung, der 60-jährigen Bloggerin Mayhill Fowler von der Online-Zeitung “Huffington Post”. Von den traditionellen Medien, die alle sie zitierten mussten, war am Wochenende von Küste zu Küste das Geräusch von knirschenden Zähnen zu hören.)

Die Reaktion seiner Gegner, seiner Rivalin und der Presse kam prompt. Dumme, verbohrte Kleinstadtbürger! wurde seine Aussage paraphrasiert. Sie verstehen die große komplizierte Welt nicht und klammern sich abergläubisch an Waffen und Religion, greifen in ihrer Verbitterung die Einwanderung und den freien Handel an. Oder einfacher: You voters are idiots, and I promise to give you what you want!

Dass Obama die Bemerkungen in San Francisco machte, half nicht wirklich, denn für viele Amerikaner sind die Kalifornier alle hochnäsige Besserwisser, die auf den Rest der Republik herabsehen.

Das Wahlteam des Republikaners John McCain wusste sofort, was es mit der Steilvorlage zu machen hatte:

It shows an elitism and condescension towards hardworking Americans that is nothing short of breathtaking … It is hard to imagine someone running for president who is more out of touch with average Americans.

Und auch Obamas Parteifreundinkollegin Hillary Clinton forderte lautstark für Amerika einen Präsidenten, der die Menschen wirklich versteht und nicht auf sie herabsieht (womit sie natürlich sich meinte). Amerikanische Kommentatoren und Blogger überschlagen sich noch heute, vier Tage später, mit Verurteilungen oder aber Erklärungen, warum Obama doch Recht haben könnte.

Oops, sagte er selbst, das war ungeschickt formuliert. Er habe niemanden verletzten wollen, bleibe aber dabei, dass es in den Kleinstädten jede Menge Verbitterung über ein “Versagen der Politik” gebe.

Dass die Republikaner die Aussage benutzen, um Obama als einen elitären Schnösel darzustellen, wundert nicht, denn es ist Wahlkampf. Auch Clinton kann so eine Gelegenheit kaum auslassen. Der interessierte Leser mag sich allerdings fragen, warum der Streit auch unter Demokraten für völliges Entsetzen sorgt, die sich sonst aus dem Vorwahlkampf heraushalten.

Dazu muss man wissen, dass die Democrats zwei gegensätzliche Hauptströmungen vereinigen: Linke Intellektuelle (und solche, die sich dafür halten) und die klassischen blue-collar Arbeiter. Man spricht von “Wein-Demokraten” und “Bier-Demokraten”. Wie der britische Economist es vor Wochen hellseherisch formulierte:

Mr Obama’s supporters are, mostly, the liberal version of “values voters”. They are intensely worried about America’s past sins and its current woeful image in the world. They regard Mr Obama as a “transformational” leader — a man who can, with one sweep of his hand, wipe away the sins of the Bush years and summon up the best in their country.

Mrs Clinton’s supporters, by contrast, are kitchen-table voters. They wear jackets emblazoned with the logos of their unions. They work with their hands or stand on their feet all day. They have seen their living standards stagnate for years, and they are worried about paying their bills rather than saving their political souls.

Für den Economist war klar, dass dieser Vorwahlkampf die Partei zerreißen und McCain die Scherben aufheben wird. Ob es wirklich so kommt, werden wir bis November sehen.

Allerdings geht der Vorwurf des elitism noch tiefer und ist nicht nur ein Schimpfwort für Demokraten, die lieber Käse und Wein als Hot Dogs und Bier mögen. Auch Republikaner müssen sich hüten. Wie in jeder Demokratie wollen die Amerikaner von Leuten regiert werden, die ihre täglichen Sorgen verstehen oder sie zumindest kennen und sich nicht in der Beltway abkapseln. Eine grundsätzliche Volksnähe ist gefragt.

Das kennen wir auch aus Deutschland, wo man dafür das schönere Bild des “Raumschiffes” Bonn oder Berlin benutzt, in dem Politiker über alle alltäglichen Probleme schweben. Zu den Leistungen der Quantenphysikerin Dr. Merkel gehört es, die Wähler davon überzeugt zu haben, dass die gute alte “Angie” nicht nur bizarre Tiere versteht, sondern auch normale Sorgen. Helmut Kohl hatte seinen Saumagen, Gerhard Schröder seine Currywurst als symbolischen Anker zum wirklichen Leben.

(Merkel hatte als Ex-Ministerin etwas anderes im Lebenslauf, das allen drei US-Kandidaten schmerzhaft fehlt: Praktische Berufserfahrung. Das zieht immer. Clinton, McCain und Obama sind Senatoren, die nie einen echten Exekutiv-Posten hatten. Das ist in der jüngeren amerikanischen Geschichte ungewöhnlich. Bush Junior war Gouverneur von Texas, Bill Clinton Gouverneur von Arkansas, Bush Senior Vize-Präsident unter Ronald Reagan, Reagan Gouverneur von Kalifornien, Jimmy Carter Gouverneur von Georgia, Gerald Ford Vize unter Richard Nixon und Nixon Vize von Dwight D. Eisenhower. So oder so werden die Amerikaner dieses Mal die Katze im Sack kaufen.)

Allerdings: Da die Amerikaner nicht nur den Präsidenten (faktisch) direkt wählen, sondern schon die Bewerber von der Parteibasis bestimmt werden statt nach dem Beck-wird’s-und-basta-Verfahren, ist es für die Kandidaten in den USA noch dringender, ihre Volksnähe zu betonen. Besonders im Vorwahlkampf sind die groben politischen Linien gleich. Bei einem so knappen Rennen wie in diesem Jahr wird um jede Grauschattierung gekämpft.

Entsprechend hören wir seit Monaten ständig von Hillary Clinton (Anwältin, Yale), dass sie im Herzen ein einfaches Mittelschichtmädchen aus “der Mitte Amerikas” geblieben ist und von Obama (Anwalt, Harvard), dass er in seinem kleinen Dorf in Kenia seinem Vater bei den Ziegen half. Auch McCain (Admiralssohn und -enkelsohn, Kriegsheld, Annapolis) betont, dass er eigentlich ein schlechter Pilot war und ein noch viel schlechterer Student. Übrigens mag er Abba.

Wir sind wie ihr! lautet der Ruf. Absolventen der besten Unis und richtig vermögend und - äh. Okay, vielleicht sind wir nicht mehr wie ihr. Aber wir haben die gleichen Wurzeln und haben uns durch ehrliche Arbeit by our bootstraps hochgezogen und haben dabei niemals vergessen, wo wir herkommen. Ehrlich! Und jetzt ein Bier, sonst streik’ ich hier!

Geschichtlich gesehen ist das Ganze kurios. Die USA wurden von einem Haufen intellektueller Oberschichtpinkel gegründet - Benjamin Franklin und Alexander Hamilton waren aus der engeren Clique die einzigen, die nicht wohlhabend geboren wurden [1]. Erst nach langer Diskussion entschlossen sich die Verfassungsväter dazu, auch Nicht-Landbesitzern eine Stimme zu geben.

Allerdings: Thomas Jefferson, Autor der Unabhängigkeitserklärung, dritter Präsident und Genie der Goethe-Klasse, war so intellektuell wie man es im 18. Jahrhundert nur sein konnte. Und was tat er?

He projected a down-to-earth, relaxed and unconventional attitude and his desire to be seen as a “common man” was reflected in his penchant for receiving White House visitors in a robe and slippers.

Bleibt die Frage, ob jemand nach 220 Jahren auf die Nummer mit dem regular guy (in diesem Jahr auch regular gal) hereinfällt. In der Vergangenheit war es insbesondere die deutsche Presse.

Ich baue Erdnüsse an! schwor der Demokrat Jimmy Carter mit breitem Südstaatenakzent, und die Europäer lachten. Ein Erdnuss-Farmer als Präsident! Diese Amerikaner! Dass Carter seinen Physik-Abschluss an der Militär-Universität Annapolis machte und danach für den Aufbau der Atom-U-Boot-Flotte seine Studien in der Kernphysik fortsetzte, stand halt eher im Kleingedruckten.

Das Paradebeispiel bleibt aber Ronald Reagan. Ich war ein Schauspieler! rief er allen zu. Ich war ein Rettungsschwimmer! Dass er Wirtschaft und Sozialwissenschaften am Eureka College studierte - wenn auch nicht mit brennender Leidenschaft - weiß in Deutschland kaum jemand, wie der interessierte Leser an seiner Umgebung überprüfen mag. Irgendeinem republikanischen Wahlstrategen im Altersheim muss bis heute ganz warm ums Herz sein.

Dabei war es bei Reagan eigentlich noch viel, viel schlimmer:

One of the better jobs I had in my entire life, working my way through Eureka College, was washing dishes in the girls dormitory.

Vom Tellerwäscher zum Präsidenten. Kann es noch kitschiger kommen?

[1] An Empire of Wealth. The Epic History of American Economic Power. John Steele Gordon, Harper Perennial

Wut wegen Wodka, Krieg gegen Mexiko und die Unabhängigkeit von Texas

April 10, 2008

Dieser Autor hat Hemmungen, schon wieder ein militärisches Thema aufzugreifen. Aber zwischen den USA und Mexiko tobt im Moment ein Streit um eine Wodka-Werbung - man hat ja sonst keine Probleme - und damit die europäischen Leser den ganzen Spaß nachvollziehen können, müssen wir etwas Geschichte hervorkramen. Das dürfte auch unser Verständnis für die tiefe und herzliche Liebe zwischen Mexiko und den USA fördern und erklären, warum Mexikaner in den klassischen Western immer so schlecht wegkamen.

Wieso Wodka? Der schwedische Hersteller Absolut hat in Mexiko eine Anzeige [JPG] geschaltet mit dem Titel In an Absolut [sic] World, auf der eine Karte Nordamerikas zu sehen ist. In dieser “perfekten Welt” hat Mexiko allerdings noch die Grenzen von vor dem Texanischen Unabhängigkeitskrieg (1835-1836) und dem Mexikanisch-Amerikanischen Krieg (1846-1848) - der Südwesten der heutigen USA gehört den Südländern.

Nun wäre eine solche Werbung überall auf der Welt eine sagenhaft dumme Idee. Der interessierte Leser mag sich überlegen, wie die Franzosen auf eine Karte reagieren würden, in der die Hälfte des Landes wie vor dem Hundertjährigen Krieg noch zu England gehören würde. Wegen der Debatte über die illegale Einwanderung von Millionen von Mexikanern in die USA sind die Amerikaner im Moment aber ganz besonders dünnhäutig.

Wütende Photoshopper haben entsprechend Parodien mit der Sowjetunion [JPG], Finnland, Texas [JPG], Palästina [JPG] und, wohl unvermeidlich, dem Dritten Reich [JPG] erstellt. Die streitbare Bloggerin Michelle Malkin spricht von der reconquista ad, der Wiedereroberungs-Werbung. Die Debatte erreichte die Medien, führte zu Boykotten und (natürlich) Streit bei der Wikipedia.

Absolut entschuldigte sich nach einiger Zeit:

This particular ad, which ran in Mexico, was based upon historical perspectives and was created with a Mexican sensibility. In no way was this meant to offend or disparage, nor does it advocate an altering of borders, nor does it lend support to any anti-American sentiment, nor does it reflect immigration issues.

Das war der erste Anlauf, der in den USA als “nun stellt euch mal nicht so an” interpretiert wurde. Nach einer weiteren Runde des Wutgeheuls dämmerte es Absolut, dass sie nachlegen mussten. Das dürfte ihnen nicht leicht gefallen sein, denn in Mexiko stieß die Werbung auf massiven Zuspruch, wie Werbefachleute bezeugen (Hervorhebung hinzugefügt):

Mexicans talk about how the Americans stole their land, so this is their way of reclaiming it. It’s very relevant and the Mexicans will love the idea.

“Geklaut” ist nicht das Wort, das die meisten Amerikaner für den Vorgang benutzen würden. Den Indianern, denen wurde oft das Land geklaut. Aber den Mexikanern? Die haben den Krieg angefangen und die Deppen in Washington haben nach dem Sieg noch für das Land bezahlt! Die Mexikaner sind nur sauer, dass selbst die Texaner sie besiegt haben.

Denn die Texaner waren fast zehn Jahre lang unabhängig, einer der Gründe für ihr übersteigertes Selbstwertgefühl ihre unerschütterliche Selbstsicherheit. Bereits unter spanischer Herrschaft wurde Moses Austin die Genehmigung erteilt, auf dem Gebiet eine amerikanische Kolonie zu errichten. Nach der Unabhängigkeit Mexikos 1821 wurden die Abkommen erneuert. Bis 1836 lebten 50.000 Amerikaner und 3.500 Mexikaner in Texas. Das konnte nicht gut gehen.

Tat es auch nicht. In dieser Zeit machte sich Antonio López de Santa Anna (mal wieder) zum Präsidenten von Mexiko, erklärte die Republik für aufgelöst und versuchte, das ganze Land zu zentralisieren - Schluss mit der lokalen Selbstverwaltung. Texas erklärte am 2. März 1836 prompt die Unabhängigkeit.

Das für uns wichtigste Ereignis der Texan Revolution war die Belagerung der Alamo, wo sich 150 Verteidiger verschanzten. Darunter waren der Trapper Davy Crockett und Jim Bowie, Erfinder des Bowie-Messers. Am Ende gewann die zehnfache mexikanische Übermacht. Frauen und Kinder durften gehen, der Rest wurde hingerichtet. Aber die Verteidiger verkauften sich so teuer, dass selbst Mexikaner wie Francisco Antonio Ruiz erklärten:

The gallantry of the few Texans who defended the Alamo was really wondered at by the Mexican army. Even the generals were astonished at their vigorous resistance, and how dearly victory was bought

Remember the Alamo! wurde zum Schlachtruf der Texaner. Bis heute findet man den Satz in vielen Anspielungen. Zusammen mit dem Massaker von Goliad stärkte er die texanische Entschlossenheit.

In der 18-minütigen Schlacht von San Jacinto wurde Santa Anna schließlich besiegt und gefangengenommen und musste am 14. Mai 1836 die Verträge von Velasco unterzeichnen. Dort wurde - und das ist jetzt wichtig - der Rio Grande als Grenze festgelegt.

Hier fängt der Streit an. Die Mexikaner sagten, Santa Anna habe nur unterschrieben, weil man ihn sonst erschossen hätte. Eine Entscheidungshilfe, sagten die Texaner. Verloren ist verloren. Mexiko erkannte die Verträge nicht an und bestand darauf, dass der weiter nördlich gelegene Fluss Nueces die “historische” Grenze von Texas sei (was den Indianern neu war). Und ohnehin werde man das Gebiet bei nächster Gelegenheit zurückerobern.

Viele Texaner waren sofort für einen Beitritt zu den USA, aber in Washington zögerte man. In Texas gab es die Sklaverei, was das Gleichgewicht unter den Bundesstaaten gestört hätte, und allen war klar, dass die Annektierung Krieg mit Mexiko bedeuten würde. Nur: Großbritannien und Frankreich bändelten mit Texas an. Schlimmer noch, die europäischen Kolonialmächte schienen Interesse an Kalifornien zu haben.

Der Kongress bot Texas schließlich die Aufnahme in die USA an, die am 29. Dezember 1845 vollzogen wurde. Der frisch gewählte Präsident James K. Polk bot seinerseits Mexiko 25 Millionen Dollar für Kalifornien an, fünf Millionen Dollar für das riesige Gebiet “Neu-Mexiko” und weitere fünf Millionen Dollar, um das alberne Gerede über den Nueces zu beenden. Mexikos Präsident José Joaquin de Herrera empfing den US-Gesandten nicht einmal, aber das war egal, denn sein General Mariano Paredes putschte. Der ließ Polk wissen, dass die Amis gerade einen Krieg riskierten.

Na, wenn das so ist, dachte sich Polk.

Er schickte Soldaten unter dem späteren Präsidenten Zachary Taylor an den Rio Grande, um die texanische Grenze zu schützen. Für Mexiko war das ein aggressiver Akt, denn aus ihrer Sicht war das ihr Staatsgebiet. Es kam zwischen den beiden Flüssen zu einem Gefecht zwischen 2.000 Mexikanern und etwa 70 US-Soldaten, von denen 16 getötet wurden. Da! sagte Polk dem Kongress. Da! Die Mexikaner haben amerikanisches Blut auf amerikanischem Boden vergossen! Die Abgeordneten sahen das genauso und erklärten Mexiko den Krieg.

Der Verlauf ist schnell zusammengefasst: Mexiko wurde in Grund und Boden gestampft. Der Populär-Historiker H.W. Crocker spricht von einem military holiday [1]. Die mexikanischen Truppen unter Santa Anna - inzwischen mal wieder Präsident - wurden bis Mexiko-Stadt zurückgedrängt. Die Amerikaner nahmen die Festung Chapultepec ein, die Halls of Montezuma, wie sie in der Hymne der Marines genannt werden. Dort waren die letzten Verteidiger sechs Kadetten, die bis heute in ihrer Heimat als die los Niños Héroes gefeiert werden.

(Einige Mexikaner und viele US-Hispanics feiern eine andere mexikanische militärische Heldentat, den Sieg über die Franzosen am Cinco de Mayo. Nach dem Beginn des Bürgerkriegs waren die USA nicht in der Lage, die Monroe Doctrine durchzusetzen. Napoleon III. nutzte das für eine Invasion (1861-1867). Die Schlacht von Pueblo am 5. Mai 1862 gewannen die Mexikaner. Man stelle sich vor, die Deutschen würden jeden Sieg über die Franzosen so feiern.)

Zurück zum Krieg gegen die USA: Im Frieden von Guadalupe Hidalgo vom 2. Februar 1848 wurde der Rio Grande endgültig als Grenze festgelegt. Die USA erhielten (mit Texas) 1,4 Millionen Quadratkilometer Gebiet [GIF] dazu, was etwa die Fläche der Mongolei entspricht und 55 Prozent des mexikanischen Staatsgebiets waren. Mexiko bekam 15 Millionen Dollar.

Im Westen und Süden der USA war man begeistert von dem Krieg und seinem Ausgang. Polk gehörte zu den Vertretern des Manifest Destiny, dem Glaube an die göttliche Aufgabe, die Freiheit durch den ganzen Kontinent zu tragen. Das passte ja gut.

Kritiker fanden dagegen, dass den Mexikanern übel mitgespielt worden war. Und die nördlichen Staaten waren absolut nicht glücklich darüber, dass Gebiete ins Land geholt worden waren, die zu Sklavenstaaten werden könnten - der Bürgerkrieg warf seine Schatten voraus. Tatsächlich standen in Mexiko amerikanische Soldaten Schulter an Schulter, die sich später im Civil War gegenseitig töten sollten.

Festzuhalten ist, dass die USA nicht Mexiko als Ganzes behalten haben. Auch später nach dem Krieg gegen Spanien 1898 machte man keine Anstalten, sich die Philippinen für immer einzuverleiben - für die man trotzdem 20 Millionen Dollar zahlte - oder gar Kuba (Puerto Rico bekam einen Zwitterstatus). Erstaunlich viele Deutsche wissen das nicht und machen sich daher nicht klar, dass der Vorwurf des “Imperialismus” bei den USA immer nur im übertragenen Sinne gemeint ist. Was richtiger Imperialismus bedeutet, haben Großbritannien, Frankreich und Spanien vorgemacht.

Und damit hätten wir eine neue Werbung für Absolut: Die USA erweitert um Mexiko, die Philippinen und Kuba - vielleicht sogar noch um Kanada (bitte ohne Quebec). Wie viele Leute man damit sauer machen könnte!

[1] Don’t Tread On Me. A 400-Year History of America at War. H.W. Crocker, Crown Forum New York, 2006.

(Danke an DKS für den Hinweis auf die Werbung)

Wer das Kyoto-Protokoll wirklich abgelehnt hat

April 1, 2008

Wir haben zwar in unserem Eintrag über den Energieverbrauch der USA erklärt, dass wir uns nicht mit der globalen Erwärmung befassen werden. Das hindert uns aber nicht daran, uns mit dem Teilaspekt des Kyoto-Klima-Protokolls zu befassen, das die USA bekanntlich ablehnen. Wir hatten das kurz angesprochen, aber wegen der Bedeutung des Themas für den Präsidentschaftswahlkampf gehen wir heute etwas ausführlicher darauf ein.

Zunächst möge der interessierte Leser ein kleines Experiment durchführen: Er frage seine geschätzten Mitbürger, wer dafür verantwortlich ist, dass die USA das Kyoto-Protokoll nicht umsetzen.

Nach den Erfahrungen dieses Autors wird die Antwort fast immer “George W. Bush” lauten, häufig genug auch von Amerikanern, und die müssten es besser wissen. Denn das ist leider falsch. Bush mag zwar für den Irak-Krieg verantwortlich sein und vielleicht auch dafür, dass Milka seine Schokolade nicht mehr in Silberfolie verpackt. Aber der entscheidende Widerstand gegen Kyoto kommt aus dem Senat und hatte sich schon formiert, als Bush noch Gouverneur von Texas war.

Wir erinnern uns: Nach dem Prinzip der Gewaltenteilung unterzeichnet der Präsident internationale Verträge, die aber vom Senat ratifiziert werden müssen. Im Juli 1997 stimmten nun die Abgeordneten über die S.Res.98 ab, besser bekannt als die Byrd-Hagel Resolution, benannt nach ihren Hauptsponsoren Chuck Hagel, ein Republikaner aus Nebraska, und Robert C. Byrd, ein Demokrat aus West Virginia.

Darin wurden zwei Dinge kritisiert: Erstens, die “ökologisch unsinnigen” Ausnahmen für 129 Staaten, darunter Großverschmutzer wie China, Indien und Südkorea, sowie der daraus entstehende erhebliche Schaden für die US-Wirtschaft. Dem Präsidenten - damals Bill Clinton - wurde “empfohlen”, keinen Vertrag zu unterzeichnen, der diese beiden “Fehler” beinhalte. Im Klartext: Komm’ uns nicht mit diesem Protokoll, Billy-Boy.

Die Resolution wurde mit 95 zu 0 Stimmen angenommen.

Niemand im Senat konnte sich für Kyoto, äh, erwärmen. Ob Demokrat oder Republikaner, Umweltfreak oder Industrieförderer, ob von der Westküste oder der Ostküste, ob aus dem rust belt oder sun belt, der Senat stimmte geschlossen gegen einen Beitritt. Gore setzte zwar im Dezember symbolisch im Namen der USA seine Unterschrift unter das Dokument, aber die Regierung Clinton verzichtete darauf, dem Senat den Vertrag zur Ratifizierung vorzulegen. Man muss ja nicht jede Blamage mitnehmen.

Aber warum wird dann Bush ständig dafür verantwortlich gemacht, dass die USA bei Kyoto AWOL sind, selbst unter Leuten, die ihn nicht als den Teufel in Menschengestalt sehen? Bush lehnt Kyoto tatsächlich lautstark ab. Schon 2001 erklärte er:

Kyoto is, in many ways, unrealistic. Many countries cannot meet their Kyoto targets. The targets themselves were arbitrary and not based upon science. For America, complying with those mandates would have a negative economic impact, with layoffs of workers and price increases for consumers.

Der Fehler wird zudem von angesehenen Medien begangen, deren Korrekturen (wenn es sie überhaupt gibt) leider meist ungelesen bleiben. Auch im Wahlkampf finden wir entsprechende Behauptungen, zum Beispiel bei Hillary Clinton [YouTube]: President Bush took us out of Kyoto. Wir gehen davon aus, dass sie es im übertragenen Sinn meinte. Irgendwie.

Speziell in Deutschland steht dem Verständnis zusätzlich die amerikanische Gewaltenteilung im Wege. Da in der Bundesrepublik die Mehrheit in der Legislative auch die Exekutive stellt, ist es für Deutsche oft schwer zu verstehen, dass der Kongress eine unabhängige und mächtige Größe ist. Hierzulande ist der Regierungschef das bestimmende Element - wenn Kanzlerin Angela Merkel sagt, wir machen das, dann wird das auch gemacht.

Ein amerikanischer Präsident kann von so viel Macht nur träumen. Ob Clinton oder Bush oder wer auch immer für oder gegen Kyoto sind, ist schnurz, so lange der Senat sagt: No way, José.

Und der Senat dürfte heute noch weiter von einer Zustimmung entfernt sein als damals. Seit dem Siegeszug der Demokraten bei der Wahl vor zwei Jahren ist Byrd als Präsident pro tempore das ranghöchste Mitglied (formell ist der Vizepräsident der Präsident der Kammer). Er ist nun fast 50 Jahre im Senat, einer der Abgeordneten, für die Präsidenten eine vorübergehende Erscheinung sind. Auch Hagel will weiterhin nichts von Kyoto hören, keine worn-out debates over dead treaties.

Denn die amerikanischen Kyoto-Gegner sehen sich durch die Entwicklung der vergangenen Jahre bestätigt. China hat 2007 die USA als größter Verursacher von CO2 überholt und dürfte 2008 auch der größte Produzent aller Treibhausgase werden. Kanada und eine Reihe von EU-Staaten werden ihre Kyoto-Ziele deutlich verfehlen. Das wird in der amerikanischen Presse mit Schadenfreude registriert:

“Europe is the citadel of hypocrisy,” charges Newsweek economics columnist Robert J. Samuelson. “To reduce emissions significantly, Europeans would have to suppress driving and electricity use… It won’t happen.”

Den Deutschen wird vorgeworfen, geschummelt zu haben: Ihre deutliche Reduzierung komme nur durch die Verschrottung der DDR-Industrien zustande. Unverändert ist auch die Einstellung zu den wirtschaftlichen Kosten:

The GDP comparisons imply that there is a great deal of uncertainty about the actual economic losses that could result from adherence to the Kyoto Protocol, with actual economic losses rising to as high as 4.2 percent of reference case GDP in 2010.

Ob das amerikanische BIP tatsächlich um “bis zu 4,2 Prozent” leiden würde, ist natürlich umstritten, denn das ist eine Studie des Energieministeriums.

Überhaupt müssen wir betonen, dass es keinen Mangel an Amerikanern gibt, die für Kyoto sind und den Senat für einen Haufen kurzsichtiger Idioten halten, die von der Wirtschaft in die Tasche gesteckt wurden. Eine Mehrheit der Amerikaner verlangt Maßnahmen gegen den Klimawandel, notfalls im Alleingang.

Die anderen Staatsebenen nutzen entsprechend ihre Autonomie, um selbst tätig zu werden. Mehrere Bundesstaaten haben sich Ziele auferlegt, allen voran wieder Kalifornien:

You know, we’re a state of 38 million people — I like to tell people more than Canada, which is 31 million people. And we’re the 12th biggest emitter of greenhouse gas emissions on the planet. We should do our fair share.

Auch mehr als 130 US-Städte von New York bis Seattle haben sich den Kyoto-Zielen verpflichtet. Wie die Ablehnung geht auch die Zustimmung über Parteigrenzen hinweg.

Was tut man als armer Präsidentschaftskandidat in so einer Situation? Auf der einen Seite gibt es massiven Druck, etwas zu tun. Auf der anderen Seite wissen die Wähler, dass Kyoto keine Chance hat. Wer sich für eine Einführung des Protokolls aussprechen würde, würde sich nur lächerlich machen.

Der Republikaner John McCain spricht eher allgemein von Maßnahmen “mit gesundem Menschenverstand” gegen den Kohlenstoff-Ausstoß. Das Wort “Kyoto” kommt bei ihm nicht vor. Auch bei Barack Obama von den Demokraten fehlt das böse K-Wort. Er gibt stattdessen an, ein ganz neues Forum für die größten Treibhausgas-Produzenten schaffen zu wollen:

Obama will create a Global Energy Forum — that includes all G-8 members plus Brazil, China, India, Mexico and South Africa — the largest energy consuming nations from both the developed and developing world.

Man bemerke, dass auch die von Kyoto nicht erfassten Schwellenländer einbezogen werden sollen, insbesondere China und Indien. Hillary Clinton [PDF] erwähnt als Einzige in ihrem Überblick Kyoto beim Namen, wenn auch auf Seite 12 von 15 und dort auch nur, um das Protokoll zu überspringen:

The Kyoto treaty is set to expire in 2012, and Hillary would act quickly in 2009 to restore U.S. leadership in the global warming arena by playing an active role in developing the post-Kyoto treaty. [...] She would re-engage in negotiations, work to bring rapidly developing nations like China and India along, and convene high-level meetings every three months with the goal of getting a new deal in place by the end of 2009.

Auch hier wird betont, dass China und Indien mit ins Boot müssen. Wie das geschehen soll, sagt allerdings niemand, denn insbesondere China zeigt wenig Neigung, sich irgendwelche Ziele auflegen zu lassen.

Klar ist nur: Auch unter Bushs Nachfolger wird es keinen Kyoto-Beitritt der USA geben. Dieser Autor sagt voraus, dass das für einige Leute ein Schock sein wird.

Homosexualität, Kinsey und die Stonewall Riots

März 27, 2008

Stonewall is regarded as the single most important event that led to the modern movement for gay and lesbian civil rights.

- National Park Service der USA

Inzwischen wird der interessierte Leser - egal, ob er die “New York Times” oder andere Zeitungen liest, ABC News verfolgt, bei MTV abhängt oder nur dieses Blog besucht - mitbekommen haben, dass Buffy in Heft 12 mit einer Frau geschlafen hat. Für unsere Slayer ist das eigentlich ein Schritt in die Normalität - zwei frühere Partner waren Vampire und damit streng genommen Leichen.

Die Diskussion in der amerikanischen Presse geht auch weniger um den Akt an sich als um die Frage, was Joss Whedon mit Buffys Beziehung zu Satsu machen wird, jetzt, wo seine Schöpfungen auf dem Papier leben und der FCC den Stinkefinger zeigen können. Denn Buffy war schon für den unkonventionellen Umgang mit Geschlechterrollen und Sexualität berüchtigt, als die Funkaufsicht argwöhnisch jeden Kuss verfolgte.

Am bekanntesten war damals die Liebe zwischen Willow und Tara [YouTube]. Willows coming out wurde über Jahre vorbereitet und die emotionale Tiefe der Beziehung betont, die zur Längsten ihre Art im amerikanischen Fernsehen wurde. Junge Lesben verwiesen auf Willow und Tara als Vorbilder und alle machten sich Gedanken, ob der Name ihrer Katze - “Miss Kitty Fantastico” - nicht ein versteckter Witz über great pussy war.

Dummerweise hat Whedon hat eine an Leon Uris erinnernde Angewohnheit, seine Charaktere zu töten. Tara wurde erschossen, einfach so. Ihr sinnloser Tod und Willows anschließende mörderische Raserei wurden in den USA zu einem Politikum: Wütende Homosexuellen-Gruppen warfen Whedon vor, Vorurteile wie das dead lesbian cliché zu bedienen. Er wies das entschieden zurück:

I knew some people would be angry with me for destroying the only gay couple on the show; but the idea that I couldn’t kill Tara because she was gay is as offensive to me as the idea that I did kill her because she was gay.

Wer die Reaktionen auf Taras Tod liest, wird von der Vehemenz der Kritik überrascht sein. Überhaupt wirkt die homosexuelle Subkultur in den USA im Vergleich zu ihren europäischen Gegenstücken lauter, aggressiver, mehr in your face - genauso wie die Leute, deren Lebensinhalt der Hass auf Homosexuelle zu sein scheint. Selbst wenn man berücksichtigt, dass die öffentliche Debatte in Amerika viel bösartiger geführt werden darf, wirkt alles irgendwie extrem.

Dahinter steckt eine brutale politische Realität. Die Gesetze zur Homosexualität werden von den Bundesstaaten und Kommunen gemacht, und auf diesen Ebenen sind die USA eher eine direkte Demokratie. Entsprechend wird zum Beispiel die Frage, ob Homosexuelle heiraten dürfen, gerne durch Volksabstimmungen entschieden. Die Antwort lautet im Moment meistens “nein”.

Schwule und Lesben stehen damit - wie jede andere Minderheit in den USA - vor der Herausforderung, das Volk auf ihre Seite zu ziehen. Wenn sie etwas erreichen wollen, müssen sie an die Öffentlichkeit gehen und laut ihr Anliegen vortragen - sehr laut. Ihre Gegner tun das allerdings auch, und das führt zu dem dramatisch gehobenen Schallpegel, der Betrachter aus Übersee nach Ohrenstöpseln greifen lässt. Da das Volk in Europa bei so etwas gar nicht erst gefragt wird, reicht hier die dezentere und vor allem leisere Lobbyarbeit bei hochrangigen Politikern.

Der Mechanismus erklärt auch andere Dinge in den USA wie die heftige Debatte, welcher Prozentsatz der Bevölkerung überhaupt gay ist. Die Faustregel 1 in 10 war lange ein eiserner Glaubensgrundsatz unter amerikanischen Homosexuellen - wie sie entstand, sehen wir gleich - während homophobe Gruppen die Zahl möglichst kleinreden wollen.

Tatsächlich gehen die meisten Studien heute von einer niedrigeren Zahl von eher fünf Prozent aus. Das sehen Feinde von Homosexuellen-Rechten wie die Traditional Values Coalition als Vorteil:

[P]olitically, the leverage is not there when you take the numbers and spread them across America.

Schwule US-Politiker wie der Abgeordnete Barney Frank sagen dagegen, dass es ohnehin wichtiger für die Homosexuellen sei, sich Gehör zu verschaffen, nach dem Prinzip Qualität statt Quantität:

What’s important politically is not how many there are, but what you do about it. The extent to which you mobilize enormously outweighs the numbers.

Damit wird das coming out nicht nur ein Schritt, um die eigene Sexualität zu akzeptieren oder langfristig Vorurteile abzubauen, sondern hat eine handfeste politische Bedeutung.

Dass die Diskussion in den USA heftiger ist, hat aber auch historische Gründe. In Amerika fanden zwei der zentralen Ereignisse in der Geschichte der modernen Homosexuellen-Bewegung statt.

Das erste war theoretischer Natur und verlangt einen kurzen Abstecher in die Geschichte der Sexualwissenschaft. Denn lange Zeit sah dort die “Forschung” zu Dingen wie Homosexualität so aus, dass die Ärzte sich ihre Fälle anschauten, am Schreibtisch ein wenig auf ihrem Bleistift herumkauten und ihre Vorstellungen dann als “Theorie” verkauften. Das beste Beispiel ist Sigmund Freud, der wenigstens den Anstand hatte, sich ausdrücklich von der wissenschaftlichen Methode zu verabschieden.

Ein Wespenforscher namens Alfred Kinsey fand das alles komisch, denn in der Biologie bekam man für so ein unsystematisches Vorgehen eine geklatscht. Und so befragte der in Harvard ausgebildete Professor der Indiana University in standardisierten Interviews 18.000 Amerikaner zu ihrem Sexualleben. Daraus entstand der Kinsey Report, dessen erster Teil 1948 veröffentlicht wurde.

Eine ganze Menge Dinge waren dadurch plötzlich anders. So griff Kinsey mit einer Skala die Vorstellung an, dass Menschen entweder rein Homo- oder Heterosexuell sind - es kamen die Grauschattierungen der Bisexualität dazu. Wichtiger noch: Kinseys Daten wurden so interpretiert, dass einer von zehn Menschen homosexuelle Neigungen hatte. So hatte das Kinsey zwar selbst nie gesagt, aber die Zahl blieb allen im Gedächtnis.

Die Studie revolutionierte mehr als nur die Sexualforschung. Bis dahin galten Homosexuelle einzelne Kranke, gering an der Zahl. Die Chancen, einen Gleichgesinnten zu treffen, waren vernachlässigbar. Aber wenn zehn Prozent - oder auch fünf - der Bevölkerung die gleichen Neigungen haben, ändert sich alles. Man kann eine Subkultur aufbauen. Für Homosexuelle lautete die zentrale Botschaft des Kinsey-Berichts: Du bist nicht allein!

Der Report wurde in den USA zu einem Bestseller und war natürlich umstritten. In Deutschland blieb die Diskussion etwas gedämpfter, was verständlich ist, denn die meisten Proto-Bundesbürger hatten 1948 andere Sorgen.

Im Jahr 1973 strich die American Psychiatric Association als Folge der weiteren Forschung (und gegen den erbitterten Widerstand der Psychoanalytiker) die Homosexualität aus ihrem Diagnostikhandbuch. Homosexualität war offiziell keine Krankheit mehr. Die letzten Reste wurden 1986 getilgt. Bis dahin hatte das zweite Schlüsselereignis die politische Dimension eröffnet.

Denn in der Nacht zum 28. Juni 1969 hatte die Polizei von New York im Bezirk Greenwich Villiage eine Razzia in einer Schwulenbar nahe dem Sheridan Square durchgeführt, dem Stonewall Inn. Offiziell ging es um die Alkohol-Lizenz (die Bar hatte keine), aber solche Überfälle auf Homosexuellen-Treffs waren Routine und die Beamten nicht zimperlich.

Aber diesmal war eine Sache anders: Die Schwulen wehrten sich. Die “New York Times” schrieb am nächsten Tag:

The police estimated that 200 young men had been expelled from the bar. The crowd grew to close to 400 during the melee, which lasted about 45 minutes, they said.

Es kommt zu einer Straßenschlacht. Steine und Dosen fliegen, die Schwulen sperren einige Polizisten in der Stonewall Inn ein, jemand legt Feuer. Die herbeigerufene Polizei-Verstärkung befreit ihre Kollegen und löscht den Brand. Dreizehn Menschen werden festgenommen. Die Nachricht von der Schlägerei verbreitet sich in der Stadt, andere Schwule strömen hinzu. Die Krawalle dauern drei Tage. Von den Homosexuellen kommt dabei immer wieder der Ruf: Gay power!

Bereits damals war den Beteiligten klar, dass sich etwas grundlegend geändert hatte. Suddenly they were not submissive anymore, beschrieb es ein Mitglied der Polizeiführung. Der Dichter Allen Ginsberg, selbst homosexuell, schaute sich die Menge an und erklärte:

You know, the guys there were so beautiful —- they’ve lost that wounded look that fags all had 10 years ago.

Die Botschaft der “Stonewall Riots” war: Du musst Dir das nicht gefallen lassen!

Die Homosexuellen hatten dabei von der Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen gelernt. Direkt nach den Krawallen begannen sie mit den Vorbereitungen für einen Gedenkmarsch zum Jahrestag der Razzia. Der erste Gay Liberation Day-Marsch [GIF] fand tatsächlich 1970 statt.

Heute werden die Umzüge zur Erinnerung an die Stonewall Riots weltweit meist unter dem Begriff Gay Pride [Flickr] geführt. Die große Ausnahme ist Deutschland. Hier übernahm man den Namen der Straße, in dem die Bar liegt, und spricht vom Christopher Street Day (CSD).

Dass Homosexuelle in aller Welt ausgerechnet eine Straßenschlacht in New York als zentrales Fest begehen, ist ein Beleg für ein anderes Phänomen: Weil die die amerikanischen Schwulen und Lesben damals die Vorreiter waren und bis heute mehr öffentliche Politik betreiben müssen, um ihre Interessen durchzusetzen, sind auch ihre Symbole in der Öffentlichkeit bekannter. Die Folge ist etwas, das man “Subkulturimperialismus” nennen könnte.

Das fängt mit der “Regenbogenflagge” an, die Gilbert Baker 1978 in San Francisco entwarf (damals noch mit acht statt sechs Streifen [Video]). Die Kluft der “Lederkerle” (leathermen) geht auf schwule US-Veteranen zurück, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Motorrad-Clubs zusammenschlossen. Von dort aus ging schwarzes Leder in den heterosexuellen SM über. Begriffe wie gay und queer müssen in Deutschland nicht erklärt werden - höchstens, dass gay auf Englisch nicht mehr nur für “schwul” steht, sondern auch allgemeiner als Synonym für “homosexuell” benutzt wird.

Entsprechend sah sich Buffy schon im Heft zuvor mit der Frage von Satsu konfrontiert, ob sie denn gay sei. Nein, sagte Buffy (als gute Angelsächsin war sie natürlich nicht so direkt, sondern sagte Not so you’d notice). Bisexualität war in der Serie bislang eher Interpretationssache. Wir werden abwarten müssen, wie weit Buffy auf der Kinsey-Skala nach rechts driftet.