Von einem, der auszog, um Draht zu kaufen

Februar 22, 2013

Als dieser Autor sein neustes Hobby in Betracht zog, kaufte er sich erstmal ein kleines Set für digitale Elektronik. Für etwa 14 Euro bekommt man zwei ICs (für Freaks: 4011 NAND-Gate und 4027 JK-Flipflop), ein kleines Steckbrett, einige Kleinteile wie LEDs und Widerstände sowie — für die weitere Geschichte unerwartet wichtig — ein Stück Draht. Ein Büchlein führt durch 20 Experimente. Das Ganze war ein Test, ob diese Art von Bastelei wirklich Spaß macht.

Die Befürchtungen waren umsonst, und so kamen dann schnell andere Komponenten aus dem Online-Elektronikkatalog hinzu wie diverse 74HC-Logik-ICs und ein großes Steckbrett. Letzteres wird auf Englisch breadboard genannt, nach der Überlieferung, dass Bastler die Teile früher auf Schneidebrettern nagelten:

In the early days of radio, amateurs nailed bare copper wires or terminal strips to a wooden board (often literally a cutting board for bread) and soldered electronic components to them.

Heute steckt man die Bauteile in kleine Löcher und verdrahtet sie mit vorgefertigten Steckbrücken. Diese sind allerdings unverschämt, nein, unfassbar teuer. Alternative: Man benutzt wie im Experimentierset Draht, das man selbst zuschneidet.

Bei den Amis wird dafür 22 gauge AWG solid wire verwendet. “AWG” ist die Abkürzung für American Wire Gauge, ein weiteres nicht-metrisches Maß, denn davon kann man ja bekanntlich nie genug haben. In Deutschland gibt man stattdessen den Durchmesser oder Querschnitt in Millimetern oder halt Quadratmillimetern an.

Eine hilfreiche Tabelle in der Wikipedia erlaubt die Umrechnung — wir suchen Kupferdraht mit einem Durchmesser von etwa 0,6 mm oder einem Querschnitt von 0,33 qmm. Und solid soll es sein, also keine Litze (stranded wire). Am besten gleich in verschiedenen Farben, damit wir später nicht so leicht Daten-, Steuer- und Adressleitungen durcheinanderbringen. Bei amerikanischen Online-Händlern kostet so etwas 7,95 Dollar je 100 Fuß, also etwa 0,19 Euro je Meter.

Zum Erstaunen dieses Autors scheint es so etwas in Deutschland nicht zu geben.

In Online-Katalogen ist praktisch nur Litze zu finden. Der interessierte Leser MLJ, ein Informatiker, schlug vor, ein mehradriges Kabel auseinander zu nehmen — zeitaufwändig. Der Bekannte PM, ein Maschinenbauer, verwies auf “Klingeldraht” — gibt es nur in einer Farbe. Alles unbefriedigend.

Schließlich griff dieser Autor zum äußersten Mittel: Er verließ das Haus, also richtig mit Schuhe an und durch die Haustür gehen. Mit einem Stück des Drahtes aus dem Experimentierkit fuhr er zu einer Filiale der Elektronik-Kette, die es verkauft hatte, und legte es dem Mitarbeiter in der Bauteile-Abteilung auf den Tisch. So was in mehr und in verschiedenen Farben bitte, und übrigens, wie nennt man das überhaupt?

Klingeldraht, sagte der freundliche Verkäufer. Haben wir nur in weiß. Vielleicht wollen Sie ein mehradriges Kabel auseinandernehmen?

Offenbar gibt es grundsätzliche Unterschiede zwischen den USA und Deutschland, was Drahtsorten angeht. Dieser Autor hatte bislang noch nie etwas davon gehört — seine einzige Begegnung mit dem Thema hatte damit zu tun, dass von etwa 1965 bis 1972 in den USA wegen hoher Kupferpreise viel Alu-Draht verbaut wurde, der aber in Verruf geraten ist und jetzt mühsam und teuer ersetzt wird. Das dürfte ehemaligen DDR-Bürgern nur ein müdes Lächeln abgewinnen.

Wie auch immer, es scheint so, als regiere in Deutschland die Litze, während in Amerika mehr Massivdraht verwendet wird. Beide haben Vor- und Nachteile: Litzen brechen zum Beispiel bei Biegungen nicht so schnell, während solide Leitungen robuster und billiger bei der Herstellung sind. Sollte ein interessierter Leser mehr über den Hintergrund wissen, wäre dieser Autor dankbar, wir ergänzen dann diesen Text.

In der Zwischenzeit muss er sich wohl mit Klingeldraht anfreunden. Halbleiter aus China zu kaufen ist eine Sache, aber Draht aus den USA zu importieren, das wäre nun wirklich albern.

Ergänzung: Die erste Empfehlung lautet “Schaltdraht”. Das hat einen deutlich kleineren Querschnitt (0,2 qmm), ist aber schon mal ein Anfang. Vielen Dank!

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