Frack, Baby, frack: Die amerikanische Erdgas-Revolution

August 20, 2012

It’s frack, baby, frack to the break of dawn

- Aus “My Water’s On Fire Tonight (The Fracking Song)” [YouTube] von Lisa Rucker und Adam Sakellarides

Der Kohlendioxid-Ausstoß der USA ist im ersten Vierteljahr 2012 auf den niedrigsten Wert seit 20 Jahren gefallen. Das ist überraschend. In ihrem Bericht nennt die U.S. Energy Information Administration (EIA) drei Faktoren: Ein milder Winter, eine geringere Nachfrage nach Benzin (eine Folge der schlechten Wirtschaftslage) und ein Rückgang der Stromproduktion durch Kohle wegen der niedrigen Erdgas-Preise.

Wus, werden jetzt die interessierten Leser in Europa sagen. Billiges Erdgas? Wo gibt es das denn? In Amerika, wenn auch erst seit kurzem. Plötzlich soll die USA bis 2017 auch der weltgrößte Erdgas-Produzent werden, noch vor Russland. Beides ist eine Folge des fracking, einer nicht ganz neuen, aber jüngst dramatisch verbesserten Bohrtechnologie. Die Rede ist von einem “Goldenen Zeitalter” des Erdgases, mit großen Folgen für die Energie-, Klima- und sogar Weltpolitik.

Der Reihe nach.

“Fracking” leitet sich nicht von dem Schimpfwort bei Battlestar Galactica ab, sondern von hydraulic fracturing. Vereinfacht gesagt [Schaubild] werden dabei Millionen Liter Wasser, Sand und Chemikalien unter Hochdruck in Erdgasfelder gepresst. Das bricht kleinere Speicher auf, die mit bisheriger Technologie nicht erreichbar waren. Das Gas wird freigesetzt und kann gewonnen werden.

Der Erfinder der modernen Variante ist der Milliardär George Mitchell. Die Geschichte dahinter klingt wie das schlimmste Klischee einer amerikanischen Erfolgsbiografie, nur ohne die Tellerwäscher-Phase: Zehn Jahre lang forschte der Chef einer Firma für Öl-Dienstleistungen und Vater von zehn Kindern nach einem besseren Verfahren und nahm dafür Millionen in die Hand. Alle sprachen von einer Zeit- und Geldverschwendung. Aber nein, Mitchell hatte Recht.

Die USA haben damit jetzt Zugang zu Reserven, die vorher nicht erschlossen werden konnten. Präsident Barack Obama erklärte 2011 in seiner Rede zur Lage der Nation:

We have a supply of natural gas that can last America nearly 100 years, and my administration will take every possible action to safely develop this energy

(Über die “Vorräte für fast 100 Jahre” reden wir weiter unten.)

Das hohe Angebot lässt den Erdgas-Preis einbrechen: Im ersten Halbjahr 2012 fiel er bei den Großhändlern zwischen 38 und 49 Prozent. Wer als Europäer wirklich heulen will, kann die Preise international vergleichen. In den USA pendelten sie im Juni 2011 zwischen vier und sieben Dollar pro Millionen Kubikfuß, während man in Deutschland 10,3 bis 12,1 Dollar zahlte. Andere Quellen sprechen von einem vier Mal höheren Preis in Europa. Das geht alles noch. Die Preise in Asien liegen zehn Mal so hoch wie in den USA. Dort und nur dort sei Erdgas billig, schreibt der Economist.

(Fracking ist nicht alleine für den Preiseffekt verantwortlich. Die USA haben einen freien Erdgasmarkt, der von Angebot und Nachfrage bestimmt wird. In vielen Ländern besteht dagegen weiter die traditionelle Koppelung an den Ölpreis.)

Um zu dem Rückgang das CO2-Ausstoßes zu verstehen, muss man noch wissen, dass seit den 90er Jahren eine neue Form von Gasturbinen zur Stromerzeugung zur Verfügung steht. Etwa 80 Prozent der Erdgaskraftwerke in den USA sind inzwischen natural gas combined-cycle power plants (NGCC), bei denen die Abfallwärme besser genutzt wird. Siemens hat ein Werk für diese Turbinen in North Carolina gebaut.

Damit läuft Erdgas selbst King Coal den Rang ab, bislang das Rückgrat der amerikanischen Stromproduktion.

It doesn’t hurt that NGCC plants have lower capital costs than coal plants — $600 to $700 per kW versus $1,400 to $2,000 kW — relatively short construction times, and environmental benefits.

Bei der Verbrennung von Erdgas entsteht allgemein weniger CO2 pro Kilowattstunde. Da zur Stromerzeugung immer weniger Kohle in den USA verfeuert wird, sinkt der CO2-Ausstoß.

Was macht man jetzt als Amerikaner mit der ganzen übrig gebliebenen Kohle? Nun, man verkauft sie nach Europa, wo wegen des höheren Erdgas-Preises und des Atomausstiegs immer mehr von dem Zeug verbraucht wird. In Deutschland könnte sie bald für 50 Prozent statt jetzt 42 Prozent der Stromgewinnung verantwortlich sein. Auch die Importe dürften zunehmen:

“Coal will continue to remain on the money in Europe because it’s more competitive to burn than gas,” said Trevor Sikorski, an analyst at Barclays Plc in London. “More and more of the coal to Europe will come from the U.S. where just the opposite is happening.”

Das Goldene Zeitalter des Erdgases soll die USA auch wesentlich unabhängiger von Importen aus, äh, schwierigen Staaten wie Saudi-Arabien machen. Einige reden sogar von der energy independence, der völligen Selbstversorgung, die bis 2020 kommen soll (der republikanische Präsidentschaftsbewerber Mitt Romney peilt 2021 an).

Dazu muss man allerdings wissen, dass die “Energie-Unabhängigkeit” so etwas wie der Heilige Gral der amerikanischen Energiepolitik ist. Entsprechend goss Jon Stewart 2010 in seiner Daily Show Spott und Häme [YouTube] über Obamas Pläne und wies auf seine bekannt liebenswürdige Art darauf hin, dass die vergangenen acht Präsidenten — bis zurück zu Richard Nixon — das auch schon versprochen hatten.

Fool me once, shame on you. Fool me twice, shame on me. Fool me eight times — am I a fucking idiot?

Überhaupt mag dem interessierten Leser die bisherige Geschichte etwas zu sehr nach Einhörnern, Regenbögen und Kuscheltieren klingen. Zurecht, denn in der Praxis ist Fracking äußerst umstritten. Eine kurze Zusammenfassung weist auf einen horrenden Wasserverbrauch, ätzende Salze sowie krebserregende und radioaktive Stoffe hin:

[A] well can produce over a million gallons [knapp vier Millionen Liter] of wastewater that is often laced with highly corrosive salts, carcinogens like benzene and radioactive elements like radium, all of which can occur naturally thousands of feet underground. Other carcinogenic materials can be added to the wastewater by the chemicals used in the hydrofracking itself.

Was die Folgen sein werden, ist unklar. Die “New York Times” ist allerdings an Zehntausende interne Dokumente der US-Umweltschutzbehörde EPA gelangt, die vor eskalierenden Belastungen für die Umwelt warnen. Studien sehen einen Zusammenhang mit (kleineren) Erdbeben.

Die Unternehmen haben erreicht, dass sie in den USA nicht an die Wasserschutzverordnungen gebunden sind – der Kongress beschloss 2005 eine Ausnahmeregelung für das Fracking, so dass es nicht unter den Safe Water Drinking Act fällt. Die Unternehmen halten die verwendeten Chemikalien geheim, aber Nachforschungen der Presse liegen vor. ProPublica unterteilt die Stoffe in drei Gruppen:

  1. Most Commonly Found wie Wasser, Methanol, Diesel
  2. Serious Health Hazards wie Schwefelsäure, Blei, Salzsäure
  3. Just Plain Weird wie Instant-Kaffee, Stärke, Harz

Die Diskussion über eine etwaige Verseuchung des Trinkwassers artet im Moment in eine Schlammschlacht aus. Die meisten interessierten Leser werden allerdings die Videos kennen, in dem es aus dem Wasserhahn brennt [Video]. Über die USA hinaus wurde die Dokumentation Gasland bekannt, die 2010 einen Sonderpreis auf dem Sundance Filmfest gewann.

Befürworter sprechen von Einzelfällen und Unfällen — richtig angewandt und umgesetzt seien diese Probleme beherrschbar. Die Energie-Unternehmen wehren sich unterdessen mit Händen und Füßen gegen staatliche Auflagen und verweisen auf zu hohe Kosten. Ein Bericht der Internationalen Energie-Agentur (IEA) mit Sitz in Paris sieht das anders:

The report estimates that operating with a near-zero-impact environmental footprint would add about 7 percent, or $600,000, to the typical $8 million cost of a well in, say, Texas or North Dakota.

Die IEA hat ihrerseits “Goldene Regeln” für das “Goldene Zeitalter” aufgestellt. Es sind entsprechend keine Müsli-mampfenden kryptokommunistischen Langhaar-Ökos (oder zumindest nicht nur), die nach strenger staatlicher Aufsicht rufen. Auch der Vater des modernen Frackings selbst, Mitchell, sieht Washington in der Pflicht.

“There are good techniques to make it safe that should be followed properly,” he says. But, the smaller, independent drillers, “are wild.”

Mittel in einer Wirtschaftskrise zeigt aber keine Partei im Kongress großes Interesse an Maßnahmen, die Arbeitsplätze gefährden und Erdgas — und damit Strom — teurer machen könnten. Die vergleichsweise hohen Benzin-Preise bereiten ihnen kurz vor der Wahl schon genug Kopfschmerzen.

Auch jenseits des eigentlichen Fracking-Verfahrens gibt es Bedenken. Erdgas mag zwar weniger CO2 pro Energieeinheit freisetzen, aber Treibhausgas bleibt Treibhausgas. Die IEA sieht die Gefahr, dass billiges Erdgas den Umbau zu erneuerbaren Energien ausbremst. Auch die Sache mit den Vorräten für 100 Jahre wird angezweifelt:

Assuming that the United States continues to use about 24 tcf [trillion cubic feet] per annum, then, only an 11-year supply of natural gas is certain. The other 89 years’ worth has not yet been shown to exist or to be recoverable.

Am Ende ist schlicht noch nicht bekannt, wie groß die Vorräte sind, welche langfristigen Folgen das Fracking hat und ob Erdgas als Brückentechnologie verwendet wird. Klar scheint nur zu sein, dass die USA daran festhalten werden. Alles deutet darauf hin: Die Revolution findet statt.

[Danke an RBO und MAK für Anregungen.]

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