Unbeirrt panisch: Amerikaner (und Briten) und der Rückgang der Gewaltverbrechen

August 9, 2012

Dieser Autor hatte im Urlaub ein faszinierendes Gespräch mit einem Paar aus Nordirland über die USA. Ein wunderbares Land, sagten sie, aber doch so gefährlich. Man müsse ständig und überall Angst um sein Leben haben. Sprachloses Erstaunen bei den Stevensons. Zur Erinnerung: Nordirland ist dort, wo seit etwa 320 Jahren ein Marsch für Ärger sorgt, es gerne mal bürgerkriegsähnliche Zustände gibt und die Gewalt gerade wieder zunimmt. Ganz klar: Unsere Vorurteile gewinnen.

Mit der “gefühlten Gewalt” ist das allerdings auch in Amerika selbst so eine Sache. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Zahl der Gewaltverbrechen dramatisch zurückgegangen. So hat sich die Mordrate in den letzten 20 Jahren fast halbiert:

In the past 20 years (…) the murder rate in the United States has dropped by almost half, from 9.8 per 100,000 people in 1991 to 5.0 in 2009.

Die Zahl der Raubüberfälle sank allein von von 2009 auf 2010 um zehn Prozent, Vergewaltigungen sind seit 1980 um 85 Prozent rückläufig. Alles natürlich immer noch viel zu hoch, aber der Trend ist eindeutig, die jüngsten Amokläufe hin oder her.

Die Gründe für die Entwicklungen sind umstritten — io9 bot spaßeshalber jüngst drei der abgefahrensten Erklärungen an (ironischerweise mit einem Standbild aus Continuum, einer kanadischen TV-Serie). Darunter ist eine Zunahme von Abtreibungen. Bei den rückläufigen Vergewaltigungen wird der leichtere Zugang zu Pornografie als Grund diskutiert. Am Ende weiß es niemand so richtig.

Wichtig ist nun: Die Wahrnehmung der Verbrechensrate, die crime perception, ist nicht mitgezogen.

In Umfragen sprechen die Amerikaner sogar davon, dass nach ihrer Ansicht die Zahl der Verbrechen immer weiter zunimmt. Das Umfrage-Institut Gallup nennt diese anhaltende Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung “merkwürdig” (curious). Tatsächlich müsste man nach einigen Jahrzehnten einen gewissen Lerneffekt erwarten können. Aber Fehlanzeige.

Warum? Als einen Grund nennt Gallup die Berichterstattung der amerikanischen Medien:

It could possibly reflect a real increase in media attention to crime on the local and national news.

Der Kriminologe James Alan Fox von der Northeastern University wird deutlicher: Die Medien sind schuld.

This is because of the growth of crime shows and the way that TV spotlights the emotional. One case of a random, horrific shooting shown repeatedly on TV has more visceral effect than all the statistics printed in a newspaper.

Wer einmal in den USA einen lokalen Nachrichtensender geschaut hat, wird wissen, was Fox meint. Der Spruch unter angelsächsischen Journalisten lautet if it bleeds, it leads — was blutet, wird zum Aufmacher.

Nicht nur die Amerikaner haben dieses Problem, in Großbritannien sehen wir das gleiche Muster. Auch auf der Insel geht die Gewalt deutlich zurück, auch dort geht die Bevölkerung von einer Zunahme aus:

Nearly two-thirds of people believe that crime in England and Wales is on the rise despite levels falling to their lowest for 30 years in 2010, according to official statistics.

Bei den Briten ist die Differenz zwischen echt und gefühlt am größten beim Bankkarten-Betrug und knife crime — der Dachbegriff für Verbrechen, bei denen Messer im Spiel waren. Die Office for National Statistics nennt ebenfalls die Berichterstattung in den Medien als möglichen Grund. Macht man sich klar, dass der Guardian eine eigene Rubrik für Messerangriffe unterhält, klingt das glaubwürdig: Weder in den USA noch in Deutschland hat die Presse dieses Thema bislang entdeckt.

Der Mechanismus ist deswegen für Besucher und Beobachter aus Übersee wichtig, weil sie selten die Verbrechensstatistiken der FBI studieren: Das Bild von den USA kommt meist aus den Medien (wo Panik geschoben wird) und vielleicht noch Amerikanern online oder im Bekanntenkreis (die sich panisch machen lassen). Man sollte im Hinterkopf behalten, dass dieses Bild nicht unbedingt der Wahrheit entspricht.

Und vermutlich gibt es auch ein oder zwei Menschen in Nordirland, die nicht in einem Bunker wohnen.

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