Lost Girl und die Stilrichtung des Camp

Januar 19, 2012

Die kanadische Succubus-Serie Lost Girl ist endlich auch in den USA angekommen, und zwar bei SyFy. Die Zeitung Chicago Sun-Times vergibt in ihrer Rezension nicht nur das größtmögliche Kompliment

“Buffy” fans in particular should get “Lost [Girl].”

– sondern lobt besonders den Stil (Hervorhebung hinzugefügt):

The Toronto-set series has just the right amount of camp. The mythology is intriguing and so are the characters, who are as full of witty one-liners as their closets are bursting with black leather.

Mit dem Begriff camp konnten nicht alle im leidgeprüften Umfeld dieses Autors etwas anfangen. Das hat nichts mit Lagern zu tun, sondern beschreibt einen humorvoll theatralischen, gewollt übertriebenen, überdrehten Stil — alles over the top. Die Wikipedia behauptet ohne Quelle, dass der Ursprung des Wortes vom französischen Slang se camper kommt — “in einer übertriebenen Art posieren”. Traditionelle Lexika sagen dagegen “Ursprung unklar”, mit einem ersten Auftauchen Anfang des 20. Jahrhunderts.

Camp in seiner heutigen Form hat seinen Ursprung in der amerikanischen schwulen Subkultur, wie man an Filmen wie The Adventures of Priscilla, Queen of the Desert sieht. Bekannter ist The Rocky Horror Picture Show (Hervorhebung hinzugefügt):

Celebrating 25 years of making high-schoolers giddy with its debauchery and high camp, The Rocky Horror Picture Show is back with a 25th Anniversary two-disc DVD edition (…)

(Wobei, jetzt wo es sich dieser Autor überlegt: Angesichts der Kleidung von Dirk Bach und Sonja Zietlow beim “Dschungelcamp” gibt es vielleicht doch eine Verbindung von Camp zu Lagern.)

Kluge Menschen haben eine ganze Reihe von ernsthaften Analysen über das Phänomen geschrieben, wie zum Beispiel die Notes on ‘Camp’ der Intellektuellen Susan Sonntag. Dieser Autor muss bei solchen Texten leider immer an John Cleeses Schlussansprache in Be a Great Actor denken und überspringt sie daher. Auch die Debatte über die genaue Abgrenzung zwischen camp, kitsch und cheese — negativ belegt im Sinne von billig — überlässt er dem interessierten Leser zum Selbststudium.

Time and time again, the alt-weeklies confused camp, whose starting place is a mature philosophical irony that’s detached but not disaffected, with cheese: a disaffected, sarcastic defense mechanism as venerable as adolescence itself.

Wie auch immer: Lost Girl scheint gut angekommen zu sein. 1,5 Millionen Zuschauer sahen die US-Premiere. Der kanadische Kulturimperialismus schreitet voran.

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