Die Minutemen bei Civ V und der Anfang des Unabhängigkeitskriegs

September 23, 2010

Inzwischen ist das Demo zu Civilization V erschienen (mit den erwarteten Folgen für die Psyche dieses Autors). Jetzt können wir genau sagen, was für Eigenschaften die amerikanische Sondereinheit Minuteman hat:

All tiles cost 1 movement regardless of terrain.

Dazu muss man wissen, dass Infanterie-Einheiten bei Civ normalerweise zwei Bewegungspunkte haben. Auf ebener, unbewaldeter Fläche kommen sie damit zwei Felder weit. Hügel, Wälder, Sümpfe und Dschungel verbrauchen dagegen pro Feld zwei Bewegungspunkte – allerdings nicht bei den Minutemen. Anders formuliert, sie kommen auch in unebenem Gelände schnell voran. Noch anders formuliert, es handelt sich um Guerilla-Kämpfer. Das entspricht ihrem tatsächlichen geschichtlichen Charakter.

Wir gehen zurück in die Zeit unmittelbar vor den Unabhängigkeitskrieg. Schon seit jeher mussten in der Kolonie Massachusetts alle wehrfähigen Männer im Alter zwischen 16 und 60 Jahre eine Waffe besitzen und Mitglied einer Miliz sein. Das System hatte sich gegen die Indianer und die Franzosen bewährt, mit Folgen, die wir in unserem Einträg über den French and Indian War besprochen haben.

Als die Beziehungen zum Mutterland im Oktober 1774 immer schlechter wurden, baute der Provinz-Kongress von Massachusetts die Streitkräfte um. Alle Offiziere wurden entlassen und die Posten neu gewählt. Damit wurde man die Drecks-Loyalisten los. Und ein Viertel der Milizen wurde in eine Sondereinheit eingebracht, deren Mitglieder sich in drei Punkten von den anderen unterschieden:

  1. Sie waren Freiwillige.
  2. Sie trainierten mehrmals in der Woche (und bekamen deswegen eine finanzielle Entschädigung).
  3. Sie trugen ihre Waffen und Ausrüstung ständig bei sich.

Der letzte Punkt gab den Männern ihren Namen: Sie sollten “innerhalb einer Minute” kampfbereit sein. Wie gut das klappte, mussten sie am 19. April 1775 in Lexington und Concord [Animation] zeigen, den ersten beiden Schlachten des Unabhängigkeitskriegs, die meist als eine behandelt werden. Das Ganze lief etwa so ab:

Die Briten entsandten 700 Soldaten aus Boston ins etwa 30 Kilometer entfernte Concord, um ein mutmaßliches Munitionslager der Kolonialisten zu zerstören. Diese schickten sofort Reiter aus, um ihre Milizen zu mobilisieren (verewigt 1861 von Henry Wadsworth Longfellow im Gedicht Paul Revere’s Ride). Bei dem kleinen Ort Lexington trafen die Soldaten auf eine Gruppe Milizionäre – keine Minutemen – unter der Führung von John Parker. Er soll seiner Einheit folgenden Befehl gegeben haben:

Stand your ground; don’t fire unless fired upon, but if they mean to have a war, let it begin here.

Beide Seiten brüllten erstmal herum – Parker etwas leiser, denn er starb gerade an Tuberkulose. Dann fiel der erste Schuss des Krieges. Bis heute weiß niemand, wer ihn abgab. Acht Milizionäre starben, der Rest floh. Die britischen regulars marschierten weiter auf Concord zu. Allerdings strömten von überall her immer mehr patriots ins Kampfgebiet.

Die Folgen waren vorhersehbar. Eine Gruppe von etwa 90 britischen Soldaten bekam den Auftrag, die North Bridge einzunehmen. Sie standen plötzlich etwa 400 Minutemen und Milizionären gegenüber. Die Briten wurden geschlagen – etwas zur Überraschung der Rebellen, die selbst nicht wirklich mit einem Sieg über die Truppen der Weltmacht gerechnet hatten.

Am Depot angekommen mussten die Rotröcke feststellen, dass es schon lange leer war. Die Mission war ein Fehlschlag. Die Soldaten sammelten sich und begannen den langen Marsch zurück nach Boston. Den ganzen Weg wurden sie immer wieder aus dem Hinterhalt angegriffen. Die Briten wurden zerrieben:

Only one British officer remained uninjured in the leading three companies. He was considering surrendering his men when he heard them up ahead cheering. A full brigade with artillery of about 1,000 men under the command of Hugh, Earl Percy had arrived to rescue them.

Am Ende schafften die Überlebenden es nur Dank dieses Ausfalls ihrer Kameraden nach Boston zurück. Der Rest des Krieges ist bekannt.

Das Ganze ist natürlich von den Amerikanern ausführlich patriotisch verarbeitet worden, als Schiffsnamen, Ortsnamen, etc. Es gibt dabei gleich zwei berühmte Minutemen-Statuen, die selbst Amerikaner gerne verwechseln:

In Concord steht die einfallsreich benannte Concord Minuteman Statue [JPG] von Daniel Chester French aus dem Jahr 1874 (French ist in Europa besser bekannt für die Statue von Abraham Lincoln im Lincoln Memorial). Die Figur träg einen Hut und zu seinen Füßen steht ein Pflug. Es zeigt also einen Bauer.

Dass der Bauer in Concord steht, kann man sich gut merken, wenn man “The Concord Hymn” von Ralph Waldo Emerson aus dem Jahr 1837 kennt, die auf dem Sockel verewigt ist:

By the rude bridge that arched the flood,
Their flag to April’s breeze unfurled;
Here once the embattled farmers stood;
And fired the shot heard round the world.

Die Zeile mit dem Schuss, der rund um die Welt zu hören gewesen sei, ist die bekannteste aus dem Stück und wird gerne für Anspielungen verwendet. Sie ist allerdings auch schlicht falsch – der erste Schuss wurde ja nicht an der North Bridge in Concord abgegeben, sondern in Lexington. Wie auch immer, der Bauer in Concord ist heute das Zeichen der Nationalgarde des Heeres.

In Lexington steht dagegen die Minuteman-Statue [JPG] von Henry Hudson Kitson aus dem Jahr 1900. Sie soll Parker zeigen, auch wenn niemand wusste, wie er aussah. Die Figur hat keinen Hut und es steht auch kein Pflug zu seinen Füßen, obwohl Parker (unter anderem) ein Bauer war. Im Gegenzug nennt man ihn halt einen Minuteman, was aber nicht zutrifft. Tief im Herzen ist das alles nicht so wichtig.

Die Minutemen gingen im Laufe des Kriegs in die reguläre Armee auf. Ihr Name wurde später insbesondere für die landgestützten ICBMs verwendet.

Und jetzt muss dieser Autor ins Bett – das Voll-Spiel wird um 02.00 Uhr in der Nacht zum Freitag freigeschaltet. Play like it’s 1775! (oder so ähnlich).

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