Walden oder amerikanische Intellektuelle im Wald

August 9, 2010

I went to the woods because I wished to live deliberately, to front only the essential facts of life, and see if I could not learn what it had to teach, and not, when I came to die, discover that I had not lived.

- Henry David Thoreau, Walden

Im März 1845 lieh sich der amerikanische Philosoph und Dichter Henry David Thoreau eine Axt, ging in einen Wald in Massachusetts und schlug Bäume für eine Hütte an einem Teich mit dem Namen Walden. Anfang Juli zog er ein. Etwas mehr als zwei Jahre lang bestritt der 28-Jährige dort ein bewusst einfaches Leben, baute seine eigenen Lebensmittel an – insbesondere Bohnen – las und schrieb. Aus diesem “Experiment” ging heute vor 156 Jahren das Buch Walden hervor.

Walden ist einer der einflussreichsten Texte in der Geschichte der USA — Amerikaner würden sagen, der Welt. Das Buch wird oft zusammen mit Thoreaus ähnlich berühmter Schrift On the Duty of Civil Disobedience veröffentlicht. Von einem gebildeten Amerikaner wird erwartet, dass er Walden gelesen hat; Zyniker weisen darauf hin, dass Civil Disobedience im Schulsystem weniger gefördert wird.

Thoreaus Leben, Werk und Einfluss auf Größen wie Mahatma Gandhi, Martin Luther King, John F. Kennedy oder Leo Tolstoi sind mehr ein Thema für ein Studium als ein kurzes Blogposting. Aber da Thoreau ständig zitiert wird — ja, auch bei den Simpsons — kommen wir hier nicht um eine Erwähnung herum.

Kurz der biografische Pflicht-Absatz: Thoreau war der Sohn eines Bleistiftfabrikanten und studierte in Harvard unter anderem Philosophie und Naturwissenschaften. Eine kurze Zeit arbeitete er als Lehrer und später in besagter Fabrik. Er wurde ein enger Freund des Philosophen Ralph Waldo Emerson, dem das Land um Walden gehörte. Zusammen sind sie die wichtigsten Vertreter des Amerikanischen Transzendentalismus. Thoreau starb im Alter von 44 Jahren, geschwächt durch Tuberkulose.

Was macht so ein Mann im Wald?

Einen Kamin bauen, die Wände dämmen, eine Grube für die Wintervorräte graben, Holz hacken, Brot backen, Bohnen und anderes Gemüse ziehen –

[I] planted about two acres and a half [eineinhalb Fußballfelder] of light and sandy soil near it chiefly with beans, but also a small part with potatoes, corn, peas, and turnips.

- Unkraut jäten, die Bohnen verkaufen, Beeren pflücken, Tiere beobachten, sich im Dorf Concord das Neuste erzählen lassen, mit Dutzenden Besuchern sprechen, benachbarte ehrgeizige Einwanderer aus Irland über die Vorzüge eines einfachen Lebens belehren und schreiben, schreiben, schreiben.

In Walden doziert Thoreau mit den politischen Bildern seiner Zeit seitenweise über die Vorzüge eines bewussten, spirituellen und unkomplizierten Lebens ohne materiellen Ballast –

Simplify, simplify. […] Our life is like a German Confederacy, made up of petty states, with its boundary forever fluctuating, so that even a German cannot tell you how it is bounded at any moment.

- bedauert die Leute, die dem Reichtum nachjagen oder auch nur der Mode folgen –

The head monkey at Paris puts on a traveller’s cap, and all the monkeys in America do the same.

- bewundert die Natur, schimpft über die neuen Technologien der Eisenbahn und des Telegrafen, lobt die Literatur der Antike und schwärmt von den Vorzügen eines Lebens in der Einsamkeit als autarkes (self-sufficient) Individuum.

Außerdem diskutiert er über die wirtschaftlichen Aspekte seiner neuen Lebensweise. Baukosten des Hauses: 28 Dollar und 12,5 Cent (ja, ein halber Cent). Gewinn der ersten Ernte: acht Dollar, 71,5 Cent. Thoreau war kein weltfremder Schöngeist, sondern ein sehr praktischer Mann. Damit hat er amerikanischen Intellektuellen ziemlich die Tour versaut: Von ihnen erwartet man eher als in Europa, dass sie auch außerhalb des Elfenbeinturms klarkommen.

Walden ist eine Art Bibel für eine ganze Reihe von Bewegungen in den USA. Das fängt bei den Naturschützern an und geht hin zu Trends, die heute unter Namen wie mindful living, voluntary downsizing, uncluttering oder simple living laufen. Auch bei der bereits besprochenen Transition Movement schwingt etwas von Thoreau mit. Wer die Natur mag, über das Leben nachdenkt und seine Unabhängigkeit schätzt, wird das Buch lieben.

Es hilft dabei, dass Walden voller griffiger Sprüche ist. Wie der interessierte Leser bemerkt haben wird, ist es schwer über das Buch zu schreiben, ohne gleich die Hälfte zu zitieren (selbst Wired kämpft mit dem Problem). Die zwei bekanntesten Passagen sind:

The mass of men lead lives of quiet desperation.

weswegen Amerikaner ständig von einer “leisen Verzweiflung” sprechen, und

If a man does not keep pace with his companions, perhaps it is because he hears a different drummer. Let him step to the music which he hears, however measured or far away.

Kennt man Thoreau, wird klar, warum die Amerikaner mit einem fast hörbaren Gähnen auf die europäische Öko-Bewegung der 80er Jahre reagierten: Been there, done that, ate the beans. Auch der Aufruf, sich vom – wie wir heute sagen würden – Konsumismus abzuwenden, ertönte in den USA, bevor es ein geeintes Deutschland gab. Und genauso lange fragen sich die Anhänger von Thoreau, warum so wenige Menschen diesem Ruf folgen.

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