Nur ein Leben für das Mutterland: Terry Pratchett, Dennis Hopper und Nathan Hale

September 25, 2009

In Terry Pratchetts Roman The Night Watch ist in der Stadt Ankh-Morpork die Revolution ausgebrochen. Barrikaden werden errichtet, Truppen marschieren auf und wütende Bürger skandieren Parolen. Eine davon lautet:

I regret that I have only one life to lay down for Whalebone Lane!

Das ist eine Anspielung, und damit ein Witz, und zwar nicht nur weil der Rufer, Reg Shoe, später zum Zombie wird. Und der Witz hat auch noch mehrere Ebenen.

Fangen wir am Anfang an. Während des Unabhängigkeitskrieges meldete sich ein gewisser Yale-Absolvent namens Nathan Hale freiwillig, um als Lehrer verkleidet die bösen Briten auszuspionieren. Dummerweise wurde er von den Rotröcken geschnappt und, wie die Briten nun mal so sind, ohne Verfahren zum Tode verurteilt. Vor seiner Hinrichtung am 22. September 1776 wurde er gefragt, ob er noch irgendwas zu sagen habe. Überliefert ist die folgende Antwort:

I only regret I have but one life to lose for my country.

(Hier wird but im älteren Sinne von only verwendet)

Das war natürlich sehr inspirierend, besonders im 18. Jahrhundert, als noch nicht überall in Amerika smart asses herumliefen und Dinge sagten wie Next time we’ll send a Buddhist. Entsprechend wurde der Spruch in den Kanon aufgenommen und ist jetzt Teil der amerikanischen Kultur. Dort findet ihn der interessierte Leser zum Beispiel in dem Ausspruch von Dennis Hopper aus Speed, nachdem Jeff Daniels wütend fuck you gerufen hat:

Oh. In 200 years, we’ve come from “I regret that I have but one life to give for my country” to “fuck you”?

Kurz darauf lässt sich Daniels von Keanu Reeves anschießen, was eigentlich eine ausreichend große Opferbereitschaft zeigt. Dieser Autor würde sich vielleicht von Sandra Bullock anschießen lassen, aber nie im Leben von Keanu Reeves.

Es gibt eine gewisse Diskussion darüber, was Hale genau gesagt hat. Offenbar hat er eine ganze Rede gehalten und nicht nur einen Satz von sich gegeben. Der genaue Text lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Aber selbst die Briten bezeugten, dass er großen Mut bewiesen und sich würdevoll Verhalten hatte. Daher werden Dinge wie Atom-U-Boote, Festungen oder Schulen nach ihm benannt.

Was uns zu der Figur Reg Shoe zurückbringt. Dessen Version ist natürlich völlig überzogen und schon damit witzig. Aber, und an dieser Stelle wird es etwas kompliziert, Sir Terry Pratchett ist ein Engländer. Sprich, hier macht sich einer dieser fiesen imperialistischen britischen Schweinebacken über einen tapferen amerikanischen Nationalhelden lustig, ausgerechnet. Die nächste Ebene des Witzes. Aber am Ende darf man nicht vergessen, dass die Briten den Krieg verloren haben. Das macht den Spruch zu einem feinen Stück Selbstironie.

Und die Moral der Geschichte? Immer kriegen die falschen Leute die Nobelpreise.

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