Wahlen, Teil 9: Einige Bemerkungen zur Wahl von Barack Obama

November 6, 2008

Vermutlich sollte dieser Autor zum Ende dieser Serie etwas über den Ausgang der Wahl schreiben. Dieser Eintrag ist vergleichsweise kurz, denn die vergangenen Tage haben ihre Spuren in einer beginnenden Sehnenscheidenentzündung hinterlassen.

Deswegen ist es gut, dass wir auf die historische Bedeutung der Wahl nicht eingehen müssen, denn das tut die Presse schon – dumm nur, dass dort sonst das Wort “historisch” so häufig verwendet wird, dass es abgenutzt ist. Wir brauchen auch nicht auf Martin Luther King hinzuweisen, denn das findet man ebenfalls überall. Wer zu faul ist, sich die immer wieder zitierte Traum-Rede selbst durchzulesen, dem liefern wir hier die Schlüsselpassage:

I have a dream that my four little children will one day live in a nation where they will not be judged by the color of their skin but by the content of their character.

Vielleicht wundert den interessierten Leser etwas, dass dagegen wenig von Thomas Jefferson die Rede ist, der ja mit dem besprochenen American Creed das allgemeinere Ideal lieferte, auf das sich King bezog:

We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal …

So erhabend die Formulierung ist, dummerweise glaubte Jefferson im Bezug auf die Schwarzen nicht daran. Die Rassen waren für ihn zu unterschiedlich, um gemeinsam in einer Gesellschaft leben zu können. Der Historiker Joseph J. Ellis beschreibt Jeffersons Ansichten so [1]:

Blacks and whites were inherently different, and though he was careful to advance the view “as a suspicion only,” people of African descent were sufficiently inferior to whites in mental aptitude that any emancipation policy permitting racial interaction was a criminal injustice to the freed slaves as well as a biological travesty against “the real distinctions that nature has made.”

Hier haben wir einen Mann, der trotz seiner titanenhaften Größe nicht an seine eigenen Ideale herankam. Richtig kompliziert ist der Fall wegen der anhaltenden Debatte, ob Jefferson der Vater von mehreren Kindern seiner schwarzen Sklavin Sally Hemings war. Besser, man bleibt bei King, der felsenfest daran glaubte, dass alle Menschen irgendwann normal zusammenleben werden.

Ein Maß für die Normalität wird sein, in wie weit die Amerikaner Obama wie seine Vorgänger durch den Kakao ziehen. Schon jetzt wird seine Rasse in Witze eingebaut. Als Obama in Chicago zur Abstimmung ging und an der Schlange vorbei durch den Seitengang seines Wahllokals geführt wurde, hieß es sofort, dass offensichtlich selbst ein schwarzer Präsidentschaftskandidat nicht durch die Vordertür gelassen werde. Die Satirezeitung The Onion hält es ohnehin für typisch, dass der schlechteste Job des Landes an einen Schwarzen geht:

As part of his duties, the black man will have to spend four to eight years cleaning up the messes other people left behind. The job comes with such intense scrutiny and so certain a guarantee of failure that only one other person even bothered applying for it.

Solche Witze sind natürlich geschmacklos, aber das gilt auch für die über komische Nasen oder Sprachstörungen. Der Umgang mit dem Thema Rasse entspannt sich.

Was uns zum Bradley-Effekt bringt, der sich erwartungsgemäß und entgegen den Hype darüber in den Medien als Blödsinn erwiesen hat. Wenn Bundesstaaten wie New Hampshire (96 Prozent Weiße) oder Iowa (95 Prozent) an einen Schwarzen gehen, kann man getrost sagen: Die Rasse war bestenfalls ein drittrangiger Faktor. Das wusste aber jeder, der sich genauer die Leute bei einer Obama-Veranstaltung [JPG] angeschaut hat.

Dass es vor einigen Jahrzehnten diesen Effekt gegeben haben könnte, ist allerdings unbestritten. Nicht umsonst zeigen sich die Veteranen der Bürgerrechtsbewegung wie John Lewis überwältigt davon [YouTube], wie sehr sich die amerikanische Gesellschaft geändert hat. Vermutlich ist das die tiefere Lehre der Wahl: Gesellschaften können sich ändern. In diesem Fall ist es die amerikanische, aber wir können das Prinzip getrost verallgemeinern.

Und darüber könnte man bestimmt sehr ergreifende und tiefsinnige Dinge schreiben, wenn man keine Schmerzen in den Handgelenken hätte. So hören wir jetzt besser auf und überlegen uns, ob wir in den nächsten Eintrag irgendwie Monty Python einbauen können.

([1] American Sphinx. The Character of Thomas Jefferson, Joseph J. Ellis, Vintage Books 1998)

(Danke an DKS und NMK für Links)

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