Archive for Februar, 2008

META: Der Pranger wird aufgebaut: Eine Ein-Jahres-Warnung für Regel 2

Februar 8, 2008

Ich habe mich damals sehr bewusst dagegen entschieden, Fehler in den Medien über die USA an den Pranger zu stellen. Bei den ehrlichen Irrtümern ist das gemein, bei den böswilligen sinnlos. Daher Regel 2 dieses Blogs.

Nur, irgendwann muss Schluss sein.

Heute ist der 8. Februar. Vor genau vier Jahren erklärte eine angesehene deutsche Computerzeitschrift, dass Thomas Jefferson die pursuit of happiness in die US-Verfassung festgeschrieben habe. Das ist, wie wir ausführlich besprochen haben, dummes Zeug, denn sein Satz

We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.

steht natürlich in der Unabhängigkeitserklärung.

Das war 2004. Freundlich und hilfsbereit wie ich bin, habe ich einen kurzen Hinweis an den Redakteur geschrieben. Keine Reaktion, der Fehler blieb. Im nächsten Jahr habe ich wieder darauf hingewiesen – keine Antwort, der Unfug bestand weiter. Daher ging die Mail 2006 an die ganze Redaktion. Nichts. Im vergangenen Jahr gab es Spott und Ironie. Nada.

Heute Morgen steht da immer noch, für alle Welt googlebar, dass in der amerikanischen Verfassung ein Recht auf das Streben nach Glück festgeschrieben sei, angeblich geschrieben von einem Mann, der zu diesem Zeitpunkt in Paris über Elche stritt. Es wird auch heute wieder eine Mail geben, aber ich rechne nicht mehr mit einer Antwort.

Das Verhalten der Redaktion ist natürlich unprofessionell und unhöflich sowieso. Aber schlimmer ist: Es grenzt an Volksverdummung, denn die angesehene deutsche Computerzeitschrift ist angesehen. Man glaubt ihr. Hier leider völlig zu Unrecht.

Und daher wird in diesem Fall Regel 2 aufgehoben. Sollte der Fehler am 8. Februar 2009 immer noch nicht korrigiert sein, werde ich hier den Link zum Eintrag, die Adresse der Redaktion und den Namen des verantwortlichen Redakteurs posten.

Nach vier Jahren ohne jedes Zeichen der Einsicht halte ich den Schritt für gerechtfertigt; ein Jahr ist genug Vorwarnzeit.

Wahlen, Teil 4: Angewandte Urwahl-Taktik am Beispiel von West Virginia

Februar 5, 2008

Vor wenigen Stunden hat der Super Tuesday begonnen, der Tag, an dem in 24 Bundesstaaten Vorwahlen abgehalten werden. Am Dienstagabend deutscher Zeit haben wir auch schon das erste Ergebnis: In West Virginia hat Mike Huckabee bei den Republikanern den caucus gewonnen.

WTF, werden jetzt einige interessierte Leser denken. Huckabee? Der Baptistenprediger? War der nicht in Umfragen weit abgeschlagen? Sollte nicht John McCain oder Mitt Romney das Rennen machen?

Ja, schon. Aber es handelte sich in West Virginia nicht um eine primary im engeren Sinn, also eine Vorwahl nach dem Muster der normalen Wahl, sondern um eine Urwahl – das waren die Diskussionsrunden in Turnhallen und Wohnzimmern, wie in Iowa. Und dabei kommen Wahltaktiken ins Spiel, die Einige faszinierend und Andere entsetzlich finden. Huckabees Sieg gibt uns die Gelegenheit, sie am lebenden Beispiel zu sehen.

Für einen Sieg waren 50 Prozent der Stimmen nötig, sonst gab es eine neue Runde. Schauen wir uns den ersten Durchgang an:

Kandidat vH Stimmen
Romney 41
Huckabee 33
McCain 16
Paul 10

Niemand hat auf Anhieb gewonnen, es gibt also eine zweite Runde. Romney liegt vorne. Ron Paul hat so wenige Stimmen, dass er ausscheidet. McCain dürfte nicht aus eigener Kraft gewinnen können.

Nach einer Beratungspause ging die zweite Runde so aus:

Kandidat vH Stimmen
Huckabee 52
Romney 47
McCain 1

Huckabee hat plötzlich mehr als 50 Prozent der Stimmen und gewinnt. McCain ist völlig abgestürzt. Was ist passiert?

Den Anhängern von McCain war nach dem ersten Wahlgang klar, dass sie den Bundesstaat nicht würden gewinnen konnten. Sie haben also das Nächstbeste getan und dafür gesorgt, dass Romney – der wirkliche Gegner in der Vorwahl – auch keine Delegierten bekommt, denn in West Virginia gilt das Mehrheitswahlrecht (winner takes all). Sie haben für Huckabee gestimmt.

Am Ende ist das Ergebnis also kein Sieg für Huckabee sondern eine Niederlage für Romney. Der hatte in West Virginia richtig Wahlkampf geführt, während McCain seine Ressourcen – Zeit und Geld – anderswo einsetzte. Romney liegt zu diesem Zeitpunkt insgesamt zurück und braucht eigentlich jeden einzelnen Delegierten.

Für die McCain-Anhänger ist seine Niederlage fast so gut wie ein eigener Sieg, weswegen sie in den Kneipen von Charleston heute Nacht wohl ständig “Country Roads” von John Denver gröhlen werden:

Almost heaven, West Virginia

Ja, aber was hat das Ergebnis mit dem Wählerwillen zu tun, mag sich der interessierte Leser jetzt fragen. Nicht viel. Romney hatte wohl die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich. Deswegen sind Urwahlen die Ausnahme und nicht die Regel bei Vorwahlen. Deswegen machen sie den Parteitaktikern aber auch so viel Spaß.

Am Ende muss man festhalten: West Virginia hat mit 1,8 Millionen Einwohnern etwa so viele wie Hamburg und stellt aus dieser Wahl gerade 18 Delegierte von 2380 – also nicht einmal ein Prozent. Die nächsten Abstimmungen in den großen Bundesstaaten, das werden in den kommenden Stunden die wirklich spannenden sein.

ZEUGS: Wahl-Sites, Erdkunde mit den Marines und Frauenpower

Februar 4, 2008

Da erklärt man den Hail Mary und was ist der letzte Spielzug im Superbowl? Genau. Dankenswerterweise hat der ARD-Kommentator es auch ausgesprochen. Und hat’s funktioniert?

Nö.

Trotzdem, wer aufgeblieben ist, hat ein wunderbar spannendes Spiel gesehen, mit der Entscheidung in den letzten Sekunden. So ist halt Football.

(Und ein großes Dankeschön an die Schönste Germanin für die Verpflegung unter widrigen Umständen.)

  • Zu Rätseln: Der interessierte Leser SS weist darauf hin, dass der Rabe und der Schreibtisch in Jasper Ffordes The Eyre Affair vorkommt. Dieser Autor erhält ständig Empfehlungen, den Autor zu lesen.
  • Zur Wahl, Caucus, während wir bei Lewis Carroll sind: Der interessierte Leser N weist auf eine Karikatur [JPG] in der britischen “Times” zu der Urwahl in Iowa hin. Angelsachsen erkennen sie als eine Anspielung auf die Zeichnung [PNG] von Sir John Tenniel aus der Originalausgabe von Alice in Wunderland.
  • Zu dem anderen Raben, nämlich dem von Poe: Bei LOLCats gibt eine besondere Version. Dieser Autor sucht noch nach einer Entschuldigung, um einen Eintrag über die Katzenbildersite zu machen.
  • Zur Wahlfinanzierung, Transparenz beim Spender: Die Internet-Zeitung Huffington Post hat ein Werkzeug online gestellt, mit dem man nachschlagen kann, wer wie viel Geld gespendet hat:

    FundRace makes it easy to search by name or address to see which presidential candidates your friends, family, co-workers, and neighbors are contributing to. Or you can see if your favorite celebrity is putting money where their mouth is.

    Unter actor bekommt man eine Art Who’s Who von Hollywood.

  • Zur Wahlfinanzierung, Empfänger: Nachdem sich das Feld etwas gelichtet hat, wollen wir uns anschauen, wie das bei den Republikanern mit dem Geld aussieht. Rudy Giuliani investierte Millionen, bekam aber in Florida so eine blutige Nase, dass er direkt aufgab. Auch Ron Paul hat für sein ganzes Geld nichts vorzuweisen. John McCain hat vergleichsweise wenig Geld, und liegt trotzdem vorne. QED, nochmal.
  • Zur Wahl, ein letztes Mal: Stefan Niggemeier weist in seinem Blog auf den Fact Checker-Blog der “Washington Post” in, der die Aussagen der Kandidaten überprüft und lange Nasen an die Lügner vergibt. Die Autoren begleiten dabei auch live die Fernsehdebatten. An der Spitze der größten Lügen von 2007 steht bei den Demokraten Barack Obama, bei den Republikanern Mitt Romney.
  • Zur Berufsarmee: Die Marines haben ein Anwerbe-Video in 15 Orten in den USA gedreht und der interessierte Leser mag als Art Erdkunde-Test prüfen, ob er sie alle erkennt. Die Aufnahmen lösten eine Kontroverse aus, als San Francisco der Silent Drill Platoon die Drehgenehmigung verweigerte.
  • Zu Frauen: Inzwischen haben mehr Amerikanerinnen einen Universitätsabschluss als Amerikaner:

    In 2006, according to the Census Bureau, about 27 million American men held a college degree; so did about 27 million American women. This is a tipping point, however, not an equilibrium, because male college graduates tend to be old, and female graduates tend to be young.

    Der Einfluss der Frauen auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft dürfte damit in den kommenden Jahrzehnten immer mehr zunehmen.

Am Ende noch der Hinweis: Das Nominierungsverfahren für den Grimme Online Award 2008 ist eröffnet!

Hail Mary oder warum kluge Dämonen American Football gucken

Februar 1, 2008

Nachdem der interessierte Leser etwas Zeit gehabt hat, sich von den erschütternden Enthüllungen und erschreckenden Entwicklungen in Heft 10 von Buffy Staffel 8 zu erholen, wollen wir uns heute mit einem Detail aus der Folge beschäftigen:

Gegen Ende ist der Sephrilian (Dämon, böse) gerade dabei zu erklären, warum er Menschen so scheiße findet, als Buffy zu Willow “Hail Mary” sagt und auf ihn zuläuft. Während er sich über den christlichen Bezug aufregt, springt unsere Heldin vor ihm hoch, fängt in der Luft eine Art magisches Feuerschwert, das Willow ihr zuwirft, und hackt ihm den Kopf ab. “Touchdown”, ruft Buffy. Leider fliegt dann alles in die Luft, denn eigentlich hatte die Aufpasserin (ein Abbild des schizophrenen Fans Robin Balzer, das als Tribut in die Geschichte eingearbeitet wurde) sie vor Zauberei in dem Umfeld des Sephrilians gewarnt. Oops.

Hail Mary hat also etwas mit Religion und American Football zu tun, was so kurz vor dem Superbowl den interessierten Leser dieses Blogs nicht wundern wird (ja, die Schönste Germanin wird froh sein, wenn der Sonntag vorbei ist, auch wenn sie es nie zugeben würde). Tatsächlich ist es ein weiter, praktisch ungezielter Pass in Richtung gegnerischer Endzone, bei dem der Quarterback “betet”, dass jemand den Ball fängt:

Hail Mary, full of grace,
The Lord is with thee,
Blessed art thou among women,
And blessed is the fruit of thy womb, Jesus.
Holy Mary, Mother of God,
Pray for us sinners,
Now and at the hour of our death. Amen.

Thou, thee und thy sind die alten informellen Anredeformen des Englischen, also das verlorengegangene Dir, Du und Dein. Darüber werden wir in einem eigenen Eintrag sprechen. Die deutsche Ausgabe des Gebets heißt natürlich “Gegrüßet seist Du, Maria, voll der Gnade”.

(Eine Schulhof-Variante der englischen Version lautet:

Hail Mary, full of grace
Let me win this stock car race

Aber das nur am Rande.)

Beim Football geht der Begriff auf das Spiel zwischen den Dallas Cowboys und Minnesota Vikings am 28. Dezember 1975 zurück, bei dem Cowboys-Quarterback Roger Staubach bei einem Rückstand von 14-10 in den letzten 30 Sekunden den Ball über eine riesige Entfernung irgendwie zu dem Wide Receiver Drew Pearson bekam [YouTube] (Pearson gestand später, seinen Bewacher gefoult zu haben. Die Viking-Fans sind bis heute sauer). Staubach prägte den Begriff in einem Interview.

(Allerdings ist inzwischen das “Miracle in Miami” fast noch bekannter. Doug Flutie vom Boston College warf in der letzten Sekunde den Ball 48 Yards zu Gerard Phelan und bezwang [YouTube] damit 47-45 die University of Miami. So muss Sport sein.)

Ein Hail-Mary-Pass ist umgangssprachlich eine Verzweiflungstat, die in einer eigentlich aussichtsloser Lage angewandt wird. Der Begriff wurde zum Beispiel vor ziemlich genau einem Jahr ausgiebig von der amerikanischen Presse benutzt, um die von Präsident George W. Bush angeordnete Truppenaufstockung im Irak (den surge) zu beschreiben.

Am Ende müssen wir festhalten, dass der Begriff bei Buffy eigentlich nicht passt. Die Lage ist (verglichen mit anderen Situationen in der Serie) eher unverzweifelt und Willow wirft Buffy die Feuerwaffe präzise zu. Technisch gesehen handelt es sich damit nicht um einen Hail Mary, sondern um einen alley oop.

Aber das ist ein anderer Eintrag …

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