Ausgewählte kulturelle Notizen zu “Once More With Feeling”

Juli 30, 2007

Normalerweise läuft das mit Buffy in diesem Blog so: Wir nehmen einen einzelnen Aspekt aus einer Folge und besprechen ihn in einem allgemeinen Kontext. Heute drehen wir den Pflock um: Wir wählen eine Folge aus, gehen sie von Anfang bis Ende durch und besprechen dabei die wichtigsten kulturellen Auffälligkeiten. Das hat natürlich nichts, wirklich gar nichts damit zu tun, dass dieser Autor genug davon hat, auf das nächste Heft von Staffel 8 zu warten.

Von den 144 Fernsehfolgen nehmen wir die bekannteste und für viele Leute auch beste, das Musical “Once More With Feeling”. Neulinge werden mit ihr oft an die Serie herangeführt, weil – zumindest scheinbar – der Zugang einfach ist. Wir werden ausdrücklich nur auf die US-spezifischen Aspekte eingehen. Wenn es darum ginge, eine Buffy-Folge ihrer selbst willen zu besprechen, wäre “Restless” besser, aber wir können den Buffyfremden nicht zumuten, über lesbische Bettspiele mit Körperbemalung auf Altgriechisch und malariakranke Ex-Ferengi im Vietnamkrieg zu diskutieren.

Vermutlich werden jetzt ohnehin einige Leser jammern, weil sie Rilke oder Byron gelesen haben statt Buffy zu gucken. Um einen gewissen Vogonen zu zitieren: Darauf können wir nun wirklich keine Rücksicht mehr nehmen, immerhin wurde die Folge erstmals 2001 ausgestrahlt. Wer Buffy hasst, soll auf die Harry-Potter-Version zurückgreifen.

Wir werden allerdings so vorgehen, dass man diesen Text nicht vor dem Fernseher lesen muss. Daher als Hintergrund: Alle wachen eines Morgens auf und stellen fest, dass sie – und mit ihnen ganz Sunnydale – ständig singen müssen.

Buffy zum Beispiel beginnt auf ihrer nächtlichen Streife unvermittelt mit dem Lied “Going Through the Motions”: “Every single night the same arrangement / I go out and fight the fight. Sie hat nicht genug Platz für die eigentliche Redewendung: To fight the good fight heißt, sich für das Gute und Richtige einzusetzen, auch wenn es sinnlos erscheint.

Während des Liedes stößt sie auf Monster, die einen gefesselten, gutaussehenden jungen Mann töten wollen. Sie rettet ihm das Leben, aber als er (mit demonstrativ geöffnetem Hemd) fragt, was er für sie tun könne, dreht sie sich weg und sagt desinteressiert: “whatever”. Das Wort gilt unter Angelsachsen als Symptom für die Krankheit der generationsgebundenen Apathie: Mir doch alles egal. In dieser Form tauchte es in den USA in den 80er Jahren auf, griff in den 90ern flächendeckend um sich und steckte Anfang des Jahrhunderts auch britische Teenager an (da Engländer bekanntlich Probleme mit dem “r” haben, ist es dort mehr ein whatev-ah).

Als die ganze Bande am nächsten Tag im Zauberladen sitzt, stürmt Dawn herein um aufgeregt zu erzählen, was in der Schule passiert ist – Leute, das werdet ihr nicht glauben! Aber sie glauben es doch. Enttäuscht sagt sie: “I gave birth to a pterodactyl Wer tatsächlich die DVD eingeworfen hat, hört hier bitte genau hin: Dawn spricht den Namen des Flugsauriers “Terradaktill” aus, denn im Englischen sind die vorangestellten “p” aus dem Griechischen stumm. Wenn Angelsachsen eine Lungenentzündung haben, ist das dann eine “‘Nemonja” (pneumonia).

(Die jeweilige Aussprache von griechischen und lateinischen Worten ist allgemein ein großer Spaß: Bei der ersten Begegnung mit sarcophagus rutscht Deutschen schon mal ein “Gesundheit!” heraus.)

Xander und Anja liegen später im Bett. Xander erzählt, dass er seine Crew nach Hause geschickt hat, weil er nicht weiß, ob er mit dem Anblick von tanzenden Bauarbeitern fertig wird: “I don’t know if I can deal.” Eigentlich müsste es heißen if I can deal with that. Der Sprachwissenschaftler Michael Adams schreibt dazu [1]:

[S]layer slang habitually clips verb phrases inherited, for the most part, from the 1960s, like bail (out), bug (out), creep (out), deal (with), freak (out), hang (out), show (up), team (up), and wig (out).

Einer der Gründe für den Erfolg von Buffy ist der spielerische, aber sehr überlegte Umgang mit der englischen Sprache. Es ist nicht nur, dass wie hier der Slang der späten 90er Jahre sorgfältig übernommen wird. Die Autoren haben zudem bewusst ein System von Sprachmustern eingeführt (das leider die Synchronisation nicht überlebt).

So benutzen die Charaktere im Vergleich zur Umgangssprache weniger Präfixe (mit auffälligen Ausnahmen wie un-); zudem wird das sonst gebräuchliche super- durch das deutsche über- ersetzt (übersuck, überevil). Kompensiert – also überkompensiert – wird das mit dem massiven Einsatz von Suffixen, insbesondere -age bei Nomen (clueage, slayage), -y für Adjektive (angsty, bitey) und -ness für alles mögliche. Die Regeln sind nicht statisch: Im Verlauf wurde -age immer mehr durch Varianten mit -ness und -y ersetzt. Adams weist Buffy eine Rolle bei der Übertragung der Verb-Konstruktionen mit much (Walk much? für Do you walk a lot?) auf Adjektive (Pathetic much?) zu, die bis dahin kaum beschrieben worden waren. Im Gegenzug übernahm die Serie nur zögerlich die Nomen-Form.

Wir erwähnen das hier so ausführlich, damit der interessierte Leser bloß nicht auf die Idee kommt, irgendwas davon in seinen aktiven Wortschatz zu übernehmen. Wo es echter Slang ist, ist er veraltet, wo es erfunden ist, hört es sich an wie, äh, eine Buffy-Parodie.

Zurück zu Xander, noch immer im Bett: Scherzhaft sagt er, dass er im hohen Alter zwar nur noch für sich Waffeln machen wird, aber “by California law you will own half of them”. Kalifornien ist für sein strenges Scheidungsrecht bekannt. Es gibt in vielen Hollywood-Filmen Anspielungen darauf (warum wohl): In Death Becomes Her sprechen es Bruce Willis und Goldie Hawn an, als sie überlegen, wie sie Meryl Streep los werden können.

Neues Lied, ein Duett: Anya nennt Xander ihren “knight in armor”. Die festgelegte Wendung für den Prinzen, auf den eine Frau angeblich wartet, ist der knight in shining armor, aber für die polierte Version reicht die Melodie nicht. Musikalisch gebildete Leser werden den Ritter von dem Rolling-Stones-Lied “Emotional Rescue” kennen.

Anya weiter, über wie sie im Alter aussehen wird: “When I get so worn and wrinkly / That I look like David Brinkley. Brinkley war ein Nachrichtensprecher und Kommentator, der sein Leben so zusammenfasste:

11 Presidents, 4 Wars, 22 Political Conventions, One Moon Landing, 3 Assassinations, 2000 Weeks of News and Other Stuff on Television and 18 Years of Growing Up in North Carolina.

Anya und Xander versichern dem Zuschauer, dass sie niemals offen über ihre Zweifel sprechen werden. Sie hebt dabei die Hand zum Schwur und sagt “I take the Fifth”. Der Fifth Amendment der US-Verfassung verbrieft das Recht auf Aussageverweigerung; diese Kurzform wird häufig gebraucht.

Xander, kurz danach: “Nothing to see, move it along.”. Stereotyper Spruch der Polizei, um Gaffer zu vertreiben. Wird im Internet als Kommentar benutzt, dass in einem Artikel nichts Neues steht, zum Beispiel auf Slashdot.

Nach dem Lied gehen Anya und Xander zusammen mit Giles die Straße herunter und flehen ihn an, irgendwas gegen die Gesangseinlagen zu tun. Im Vordergrund sehen wir eine Frau (eigentlich die Buffy-Coproduzentin Marti Noxon), die sich aus einem Strafzettel für’s Falschparken herauszusingen versucht.

Wichtig für Touristen: Amerikanische Polizisten nehmen niemals selbst das Geld für einen Strafzettel entgegen, auch nicht für speeding. Über Schuld und Strafmaß wird wie bei jedem anderen Vergehen von einem Gericht entschieden, wegen der Gewaltenteilung und so. Das ganze Verfahren ist allerdings stark gestrafft [PDF].

Als Deutscher sollte man in den USA nicht die Brieftasche zücken und als Amerikaner in Deutschland nicht annehmen, dass der Polizist bestochen werden will. Noch besser ist es natürlich, immer die gesetzlich vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit einzuhalten, um hier mal eine Serienbotschaft einzubauen.

Schnitt: Buffy geht Spike besuchen. Der ist bekanntlich bis über die Reißzähne in sie verliebt und will mit ihr über andere Dinge als den Fall sprechen. Schließlich versucht er sie mit den Worten “Glad you could stop by” aus seiner Gruft zu schmeißen – ein klassischer Fall einer angelsächsischen Höflichkeitsfloskel, wie hier auch jeder Deutsche erkennen dürfte.

Der Titel von Spikes Lied “Rest in Peace” kommt von der gleichlautenden Grabinschrift, die als RIP abgekürzt wird, praktischerweise wie das lateinische requiescat in pace. Die Textzeile “I can lay my body down / But I can’t find my sweet release” ist (insbesondere) eine Anspielung auf ein Kindergebet:

Now I lay me down to sleep,
I pray the Lord my soul to keep
If I should die before I wake
I pray the Lord my soul to take

(Keep wird hier im Sinne von keep safe, also “beschützen”, “bewahren”, “behüten” benutzt – in der englischen Version von Genesis 4:9 sagt Kain “Am I my brother’s keeper?”). Viele Leser werden die Zeilen von Metallicas “Enter Sandman” kennen.

Das Lied hilft übrigens, aus einem der berüchtigtsten Folterkeller der englischen Sprache zu entkommen: Dem Unterschied zwischen to lie (liegen) and to lay (etwas hinlegen). Bekanntlich ist das Problem (auch für Angelsachsen), dass sich die Formen überschneiden: lie, lay, lain und lay, laid, laid. Sonst ist Musik nicht hilfreich, weil Eric Clapton und Bob Dylan “Lay Down Sally” und “Lay, Lady, Lay” singen: Streng genommen müsste es in beiden Fällen lie heißen. Aber das würde sich auf Deutsch gesagt scheiße anhören und Clapton und Dylan wissen, wann Lyrik über Grammatik stehen muss.

Wer nicht damit durchkommt: To lay ist transitiv, braucht also einen Gegenstand, der hingelegt wird. Spike singt hier korrekt I can lay my body down. Richtig wäre auch I can lie down (ohne Objekt), aber das ist weniger poetisch. Wer Vorbehalte gegen untote Serienmörder hat, kann sich stattdessen die Zeilen “I wish I could lay your arms down / And let you rest at last” von Giles in dem Lied “Standing” merken. Selbst Muttersprachler benutzen aber oft Tabellen.

(Warum überhaupt die Mühe? In jeder Sprache gibt es gewisse Dinge, die als Zeichen für eine gute Bildung gelten, ob zu Recht oder nicht. Im Deutschen gehört dazu der korrekte Gebrauch vom des Genitivs. Wer als Ausländer lay und lie richtig benutzt, schindet Eindruck.)

Zurück zu Spikes Lied und dem Abschnitt “Let me take my love and bury it / In a hole six foot deep. Sechs Fuß – etwa 1,80 Meter – ist die traditionelle Tiefe eines angelsächsischen Grabes. Aber warum heißt es nicht six feet deep? Um eine lange Diskussion zusammenzufassen, beim Längenmaß sind beide Pluralformen zulässig. Feet wirkt etwas steifer.

Genug der Sprache, denn Dawn ist in der Zwischenzeit entführt und zum Dämonen Sweet geschleppt worden, der für die Gesangseinlagen verantwortlich ist. Er behauptet, von ihr beschworen worden zu sein. Zum Beweis hebt er eine vergilbte Schriftrolle hoch, auf der man die Abkürzung RSVP lesen kann. Das steht für répondez s’il vous plaît – “um Antwort wird gebeten”.

Dawn muss natürlich gerettet werden, auch wenn sie hier schon beginnt, zum Wesley Crusher von Buffy zu werden. Den Ruf nach einem Plan schmettert Xander ungeduldig ab: “Plan, shman. Let’s mount up.” Das ist eine shm-reduplication, die abwertend benutzt wird. Das Wort wird wiederholt, bei der zweiten Nennung wird der erste Teil durch shm- ersetzt (auch schm- geschrieben). Ursprung ist das Jiddische. Ein anderes Beispiel ist das Lied “Planet-Schmanet, Janet” aus der Rocky Horror Picture Show.

(Der Giles-Schauspiler Anthony Stewart Head spielt in der Londoner Bühnenversion Dr. Frank-N-Furter und singt dabei das Lied, natürlich in Strapse.).

Buffy wird zuerst allein losgeschickt, aber dann besinnt sich Giles und alle ziehen hinterher, natürlich nicht ohne ein Lied: “Walk Through the Fire”. Darin wird von dem the point of no return gesprochen, der aus der Fliegerei kommt: Irgendwann hat man nicht mehr genug Benzin, um zurückzufliegen. Anscheinend gibt es keine geläufige deutsche Übersetzung, vermutlich weil das Problem bei den kurzen Flugstrecken nicht auftritt. Gebildete Leute – also Asterix-Leser – sprechen stattdessen davon, dass “der Rubikon überschritten” oder “der Würfel geworfen” wurde.

Beim großen showdown rettet Spike Buffy davor, sich zu Tode zu Tanzen. Sweet ist besiegt. Es kommt heraus, dass Xander, nicht Dawn, ihn beschworen hat. Dumm nur, dass sie als Sweets Königin in die Hölle zurückkehren sollte. Jetzt fragt Xander ängstlich: “Does this mean I have to be your queen?” Ein Wortspiel: Mit Queen kann auch ein Homosexueller gemeint sein, daher die drag queen.

Und wie endet ein klassisches Musical? Mit einem Kuss. In diesem Fall ausgerechnet zwischen Buffy, die hunderte Vampire zerstört hat, und Spike, der zwei Slayer ermordet hat. Kann das wirklich Liebe sein? Werden ihre Freunde sie verstehen? Und was ist mit Angel?

Direkt nach dieser Folge kommt das ebenfalls hochgelobte “Tabula Rasa”, ein weiterer Grund, mit “Once More With Feeling” einzusteigen. Auch wir werden uns mit ihr beschäftigen, wenn wir über Personalausweise und Führerscheine reden. Aber das wird etwas dauern: Ab Freitag dürfte endlich Heft 5 zu haben sein.

([1] Slayer Slang: A Buffy the Vampire Slayer Lexicon Michael Adams, Oxford University Press, New York 2003)

[Korrigiert 10. Aug 2007: Hinweis auf “Ghost of the Robot” entfernt, weil es die Gruppe nicht mehr gibt, zuerst gesehen von MS, vielen Dank. Geändert 10. Sep 2007: Der Würfel fällt nicht, sondern wird geworfen, nach einem Hinweis von K, vielen Dank. ]

About these ads
Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 1.194 Followern an

%d Bloggern gefällt das: