Archive for März, 2007

Die Sache mit den “zwei Matratzen”

März 11, 2007

In der Buffy-Folge “Something Blue” (Season 4, Episode 9) geht es Willow gar nicht gut. Oz, der kurz zuvor mit ihr Schluss gemacht und Sunnydale verlassen hat, hat sich seine Sachen nachschicken lassen. In einer Szene steht sie in seinem ausgeräumten Zimmer und starrt ungläubig auf die leeren Bücherregale, die kahlen Wände, die achtlos verschobenen zwei Matratzen des Einzelbettes. In ihren Augen sieht man, wie sie von der Verzweiflung überwältigt wird und man ahnt –

Moment mal. Warum hat Oz zwei Matratzen?

In den USA wird sehr häufig neben der eigentlichen Matratze (mattress) eine zusätzliche, getrennte Lage mit Metallfedern (box spring oder foundation) benutzt. Von der Funktion her entspricht sie dem Lattenrost: Druck auf und Stöße gegen die Matratze (und aus Rücksicht auf Willow wollen wir nicht darauf eingehen, was für Stöße das sein können) werden an die Box weitergegeben, was die Lebensdauer der Matratze erhöht. Zudem macht die Box das Bett höher, was besonders ältere Menschen schätzen. Der Bettrahmen selbst besteht dann nur noch aus vier zusammengeschweißten Metallstangen auf Rädern.

Von außen her sieht die Box Spring aus wie eine zweite Matratze, weswegen Deutsche schon mal an Prinzessinnen und Erbsen denken. Über Märchen sprechen wir allerdings erst in einer der nächsten Folgen.

ZEUGS: Verhalten in den USA, Indianernamen und neue Folgen von Buffy

März 8, 2007
  • Zum Verhalten in der Gesellschaft: Der britische Wirtschaftsjournalist Daniel Harrison hat in seinem Blog “The Global Perspective” eine Liste mit Dingen erstellt, die Europäer in den USA beachten sollten. Fast noch wertvoller sind allerdings die Kommentare: Viele weisen darauf hin, dass Harrison in mehreren Punkten nur für die Ostküste spricht – die Hinweise sind also mit Vorsicht zu genießen. Andere reden von ihren Erlebnissen mit Deutschen. (Gefunden über Atlantic Review, vielen Dank).
  • Zu Namen in den USA: Nicht alle Namen, die indianisch sein sollen, sind auch indianisch. Besonders witzig sind die Fälle, die eigentlich auf John-Wayne-Filme zurückgehen.
  • Zum First Amendment und Internet: Das US- Verteidigungsministerium hat eine Einheit – die Army Web Risk Assessment Cell (AWRAC) – die Armee-Webseiten nach Informationen durchsucht, die die nationale Sicherheit gefährden. Die EFF will nun mehr darüber wissen und hat geklagt. Ausdrücklich geht es der Bürgerrechtsgruppe nicht darum, die Einheit zu schließen: Beim Militär müsse es schließlich Geheimnisse geben. Sie will nur wissen, wie es abläuft. Hintergrund der Klage ist wieder der Freedom of Information Act (FOIA), der dringend einen eigenen Eintrag braucht.
  • Zu anderen Blogs: Der Economist, eines der angesehensten englischsprachigen Wirtschaftsmagazine der Welt, hat ein Blog über Demokratie in den USA. Es gibt auch eine Rubrik mit Kurzberichten, die In brief heißt. Stuff wäre natürlich besser gewesen.
  • Zu Autofahrern, wenn wir schon beim Economist sind: Dort gibt es einen längeren Artikel über die deutsche Autoindustrie und wie Angelsachsen deutsche Autofahrer sehen:

    Cars shape German society as much as German engineering has shaped the car. Behind the wheel, mild and sociable family men become tyrannical zealots, intolerant of sloppy driving and nonchalant at motoring along at 200kph (125mph).

  • Zu der Sichtweise der Feinde: Die “Schweriner Volkszeitung” hat eine Serie über Anti-Amerikanismus in der DDR begonnen, die zumindest teilweise online verfügbar ist. Vorsicht: Amerikanische Comics verrohen den Geschmack des Volkes!
  • Zu amerikanischen Comics, was sonst: Captain America ist tot. Die Masche kennen wir ja schon, nun wird leider auch das Andenken von Jack Kirby so missbraucht.
  • Und noch mehr Comics, aus aktuellem Anlass: Wer immer noch nicht alle Folgen von Buffy the Vampire Slayer gesehen hat, die Serie, die für so viele Beispiele in diesem Blog herhalten muss, sollte sich beeilen: Ab Ende März gibt es die achte Staffel, geschrieben von Joss Whedon selbst, und zwar als Comic. Wen kümmert das Medium?

META: E-Mails und Suchstrings

März 5, 2007

Dieses Blog hat in den vergangenen Monaten und trotz der einwöchigen Pause deutlich an Leser gewonnen. Das ist wunderbar – schön, dass Ihr alle hier seid! – aber es bringt auch mehr und mehr E-Mails mit sich. Ich beantworte nach wie vor alle höflichen Anfragen, nur es dauert halt im Moment etwas länger. Sorry.

Zudem gibt es Nachfragen, was denn mit der Rubrik “Die häufigsten Suchanfragen” passiert ist. Tatsächlich gibt es nicht mehr sehr viele interessante – vielleicht deckt das Blog inzwischen die meisten ab (was aber unwahrscheinlich klingt) oder Google leitet die anderen wo anders hin. Sobald wieder genug zusammengekommen ist, gibt es einen neuen Eintrag.

Die zwei unterhaltsamsten Anfragen in jüngster Zeit waren übrigens “Von wem kauften die USA Kanada ab” und “USA Hymen” (ja, “Hymen”, nicht “Hymnen”). Beim ersten muss ich passen, beim zweiten sollte ich besser passen.

Bart Simpson und der amerikanische Fahneneid

März 4, 2007

Vermutlich war es ein Fehler, auch nur im Vorbeigehen die Simpsons zu erwähnen: Seitdem erhält dieser Autor ständig E-Mails, die mehr verlangen – “Bart statt Buffy!” sozusagen. Kann man die USA nicht auch mit Hilfe der gelben Leute erklären? Natürlich, so lange niemand wissen will, warum sie gelb sind.

Nehmen wir zum Beispiel die Folge “Burns’ Heir”. Dort muss Bart im Vorspann immer wieder den folgenden Satz [JPG] an die Tafel schreiben:

The Pledge of Allegiance does not end with “Hail Satan!”

Die Episode sah dieser Autor zum ersten Mal mit deutschen Bekannten, die nicht verstanden, was er daran so brüllend komisch fand. Dabei hat das diesmal nichts mit den unterschiedlichen Humorarten zu tun. Man muss nur wissen, was der Pledge of Allegiance ist.

Der “Treueschwur” oder auch “Fahneneid”, wie man ihn vielleicht besser auf Deutsch nennt, lautet in seiner heutigen Form:

I pledge allegiance to the flag of the United States of America and to the republic for which it stands, one nation under God, indivisible, with liberty and justice for all. Hail Satan!

(Es gibt auch eine deutsche Übersetzung.)

Der Eid wird an vielen (aber nicht allen) Schulen regelmäßig in der Gruppe aufgesagt, was bei nichtsahnenden Austauschschülern einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Er ist aber kein Kindereid, auch wenn er als solcher entstand. Jede Sitzung des Senats und des Repräsentantenhauses fängt mit ihm an. Er ist ein allgemeines Bekenntnis zur Staatsbürgerschaft und den Grundwerten der USA.

Wie immer läuft das über die Fahne. Deren Stellenwert hatten wir schon in einem eigenen Eintrag besprochen und dann nochmal bei der Nationalhymne, die auch vom Sternenbanner handelt und nicht von der Nation, vom Volk oder von der Verfassung. Beim Fahneneid ist der Gedankengang allerdings am besten zu erkennen:

Fahne -> USA -> Republik -> Freiheit und Gerechtigkeit

Im Nachhinein wäre es vielleicht geschickter gewesen, die ganze Diskussion mit dem Fahneneid anzufangen, aber gut. Wir halten wieder fest: Die Fahne hat in den USA eine größere symbolische Bedeutung als in Deutschland und repräsentiert ausdrücklich nicht nur den Staat oder gar die Regierung, sondern die Grundwerte, die hinter dem ganzen Gebilde stehen.

Die ursprüngliche Fassung des Eides wurde von dem ehemaligen Pastor Francis Bellamy verfasst und September 1892 in einer Jugendzeitschrift veröffentlicht. Er lautete damals (Schreibweise angepasst):

I pledge allegiance to my flag and the republic for which it stands; one nation indivisible, with liberty and justice for all.

Das Wort indivisible geht auf das Bemühen zurück, das Land nach dem Trauma des Bürgerkriegs zusammenzukitten. Aus my flag wurde 1923 ausdrücklich die Fahne der USA, damit auch dem dümmsten Einwanderer klar wurde, welche gemeint ist (für die Einbürgerung gibt es einen eigenen Eid). Auffällig ist das Fehlen des Gottesbezugs, auf den wir weiter unten genauer eingehen. Ursprünglich wurde der Eid mit einer Handbewegung begleitet, an deren Ende der Arm in Richtung der Fahne mit der Handfläche nach oben ausgestreckt blieb (der Bellamy salute). Als die Nazis den Hitlergruß einführten, schaffte man diesen Teil ab. Heute bleibt die Hand auf dem Herzen.

Der Schwur wurde im Juni 1942 vom Kongress zum offiziellen Eid der USA erklärt. Er ist aber nicht verpflichtend. Der Supreme Court hielt ein Jahr später in West Virginia State Board of Education v. Barnette fest, dass der Staat nach dem First Amendment seine Bürger nicht zwingen kann, ihm Treue zu schwören:

If there is any fixed star in our constitutional constellation, it is that no official, high or petty, can prescribe what shall be orthodox in politics, nationalism, religion or other matters of opinion or force citizens to confess by word or act their faith therein.

Geklagt hatten die Zeugen Jehovas, deren Glaube solche Eide verbietet. Die Entscheidung wurde vom Kongress mit Empörung aufgenommen, wie wir es heutzutage von Urteilen zur Fahnenverbrennung kennen. Geändert hat das auch hier nichts. Niemand kann zum Pledge of Allegiance gezwungen werden, juristisch zumindest. Das sagt nichts über den sozialen Druck aus.

Der Fahneneid gehört zu den Dingen, die Deutsche an den USA am befremdlichsten finden, selbst wenn sie den Hintergrund und die Symbolik kennen. Zu sehr erinnert es sie an den Treueid auf Adolf Hitler oder kommunistischen Schwüren; zu fremd ist ihnen der Gedanke, sich offen und demonstrativ zu einem Staat und seinen Prinzipien zu bekennen. Die Vorstellung, dass sich deutsche Schüler einmal in der Woche erheben und mit der Hand auf dem Herzen zu Einigkeit, Recht und Freiheit verpflichten, ist geradezu abenteuerlich. In den meisten deutschen Schulen steht noch nicht einmal eine Fahne, außer natürlich, es ist gerade Fußball-WM.

Amerikaner haben damit keine Probleme. Ihren Fahneneid gab es lange vor den Nazis oder der Sowjetunion (oder gar der DDR), die ja auch schon wieder untergegangen sind. Kinder zur Freiheit und Gerechtigkeit zu verpflichten sehen sie auch nicht als verwerflich an. Es gibt noch eine weitere Funktion: In einem Staat, dessen Einwohner inzwischen aus allen Ländern der Erde kommen, keine gemeinsame Religion haben und inzwischen auch nicht mehr eine gemeinsame Sprache, dienen solche Rituale dazu, eine gemeinsame Identität zu schaffen.

Viel problematischer ist für Amerikaner mal wieder der Gottesbezug. Die Worte under God sind die jüngste Veränderung an dem Eid und wurden erst 1954 eingeführt. Schuld daran war ein Europäer. Der eingewanderte schottische Prediger George Docherty erfuhr eines Tages von seinem siebenjährigen Sohn von dem Eid und war verblüfft, dass Gott darin nicht vorkam:

To omit the words ‘under God’ is to omit the definitive character of the American way of life; it was never meant to be a separation of religion and life.

Diese Sichtweise kennen wir schon: Demnach ist das jüdisch-christliche Wertesystem das unsichtbare Fundament der USA, egal was in der Verfassung steht. Docherty hielt eine flammende Predigt, als unter den Zuhörern niemand weniger als der damalige Präsident Dwight Eisenhower saß. Dieser ging zum Kongress und seitdem gibt es die heutige Version des Eides.

Möglicherweise ist die aber verfassungswidrig. Der Atheist Michael Newdow aus Kalifornien klagte im Namen seiner Tochter gegen den Fahneneid – auch wenn sie nicht mitmachen musste, musste sie immerhin zuhören, argumentierte er. Ein Bundesberufungsgericht stimmte ihm 2002 zu. Die Begründung [PDF] war nicht nur der übliche Hinweis auf die vorgeschriebene Trennung von Kirche und Staat: Durch under God werde der Monotheismus gefördert, so das Gericht, also eine bestimmte Form
der Religion. Wer an mehr als einen Gott glaube, werde benachteiligt.

Wieder heulte der Kongress auf. Der Senat bekundete mit 99-0 Stimmen sofort seine Unterstützung für den Eid, mehr als 100 Mitglieder des Repräsentantenhauses versammelten sich auf den Stufen des Kapitols, um ihn demonstrativ mit dem Gottesbezug aufzusagen. Und der gemeine Bürger stellte mit Staunen fest, wie schnell seine Abgeordneten handeln können, wenn sie es wirklich einmal wollen.

Allerdings: Der Supreme Court hob die Entscheidung 2004 wieder auf. Das geschah aus formellen Gründen, denn Newdow hat nicht mehr das volle Sorgerecht über seine Tochter und die Mutter ist dagegen, dass das Kind in den Fall hineingezogen wird. Newdow hatte damit nicht das standing, um die Klage einzubringen. Inzwischen hat er eine neue Klage eingebracht.

Vielleicht hätte sich Newdow einfach an Bart wenden sollen.

Free Speech, Teil 2: Der Schutz des Inhalts und die Folgen für das Internet

März 1, 2007

Wir haben im ersten Eintrag dieser Serie in allgemeiner Form gezeigt, dass die Meinungsfreiheit in der US-Verfassung eine bevorzugte Stellung einnimmt und das mit der Situation in Deutschland verglichen, wo es ein Recht unter vielen ist. Heute wollen wir etwas mehr ins Detail gehen und uns dabei die Folgen für das Medium anschauen, das jeder interessierte Leser in genau diesem Augenblick nutzt: Das Internet.

Wir hatten am Beispiel des Holocausts gesehen, dass nach dem First Amendment ein bestimmter Inhalt (content) nicht verboten werden kann. Das gilt auch für weniger extreme Fälle:

Gotteslästerung. Der Staat darf kein Gesetz zum Schutz von religiösen Empfindungen erlassen, wie der Supreme Court 1952 klar stellte:

It is not the business of government in our nation to suppress real or imagined attacks upon a particular religious doctrine, whether they appear in publications, speeches, or motion pictures.

Trotz (oder vielleicht gerade wegen) der ganzen gläubigen Menschen braucht Gott in den USA ein dickes Fell. Das gehört zu der strikten Trennung von Kirche und Staat, auf die wir schon eingegangen sind.

Aufrufe zur Gewalt oder zum Gesetzesbruch. Auch das ist grundsätzlich zulässig, wie das Oberste Gericht 1969 in Brandenburg v. Ohio (ein wunderbarer Name für ein deutsches Publikum) befand:

Freedoms of speech and press do not permit a State to forbid advocacy of the use of force or of law violation except where such advocacy is directed to inciting or producing imminent lawless action and is likely to incite or produce such action.

Der hier hervorgehobene Teil ist der wichtigste: Es muss ein Aufruf zum unmittelbaren Rechtsbruch vorliegen und wahrscheinlich sein, dass er auch umgesetzt wird. Das Urteil hebt faktisch das Kriterium des clear and present danger auf, das 1919 in Schenck v. United States formuliert worden war.

Sturz der Regierung. Verwandt damit ist die Frage, in wie weit man ein Ende des bestehenden Systems oder gar der Demokratie propagieren darf. Wir nehmen aus Brandenburg v. Ohio den Kommentar von Richter William Douglas mit:

Advocacy and teaching of forcible overthrow of government as an abstract principle is immune from prosecution.

Hier ist die genaue juristische Situation komplizierter, denn formell gibt es noch den Smith Act von 1940, der so etwas unter Strafe stellt. Aber eine Reihe von Urteilen in den 50er Jahren (insbesondere Yates v. United States) machen das Gesetz hinfällig. Bedenkt man, wie die USA entstanden sind, wäre ein solches Verbot auch irgendwie ironisch.

Amerikanische Nazis fordern daher unter dem Schutz des First Amendment unbehelligt die Umwandlung des Landes in einen Arier-Staat. Auch die Kommunistische Partei der USA (CPUSA), auf Bundesebene nie verboten, beschwört seit 1919 den bevorstehenden Sieg des Sozialismus – vielleicht morgen, spätestens übermorgen, nächste Woche aber ganz bestimmt.

Wir könnten die Liste mit Dingen wie Volksverhetzung oder Gewaltverherrlichung fortsetzen, aber das Grundprinzip bleibt immer gleich: Der Inhalt, die Botschaft, darf nicht beschnitten werden, auch wenn sie heftig ist.

Interessanter ist daher, wo überhaupt die Grenzen liegen. Die gibt es natürlich, denn selbst der stärkste Verfechter der Meinungsfreiheit verliert irgendwann die Nerven wenn etwas, egal was, morgens um drei mit einem Megafon vor seinem Schlafzimmerfenster propagiert wird.

Tatsächlich dürfen im öffentlichen Raum drei Dinge eingeschränkt werden: Der Zeitpunkt, der Ort und die Art (time, place and manner) der Aussage. Solche Einschränkungen müssen vier Bedingungen erfüllen:

  1. Does the regulation serve an important governmental interest?
  2. Is the government interest served by the regulation unrelated to the suppression of a particular message?
  3. Is the regulation narrowly tailored to serve the government’s interest?
  4. Does the regulation leave open ample alternative means for communicating messages?

Wir sehen besonders am letzten Punkt wieder den Schutz des Inhalts: Es muss immer Alternativen geben, damit die Botschaft selbst verbreitet werden kann. Berücksichtigt wird von Gerichten aber auch der chilling effect, also in wie weit ein Gesetz abschreckend auf eine legitime Meinungsäußerung wirken würde. Das soll eine Einschüchterung verhindern und Rechtssicherheit bei der Meinungsäußerung schaffen.

Hier können wir einen ersten Bezug zum Internet herstellen: Blogautoren und Website-Betreiber sind in den USA nicht für die Kommentare ihrer Leser haftbar, wie kürzlich wieder von einem Bundesgericht bestätigt wurde. Denn:

The amount of information communicated via interactive computer services is [...] staggering. The specter of tort liability in an area of such prolific speech would have an obvious chilling effect. It would be impossible for service providers to screen each of their millions of postings for possible problems. Faced with potential liability for each message republished by their services, interactive computer service providers might choose to severely restrict the number and type of messages posted.

Bildlich gesprochen darf es in den USA bei Diskussionen ruhig heiß hergehen – schlimm ist, wenn jemand mit seiner Meinung kaltgestellt wird.

Ein aktuelles Beispiel für den Streit um diese Einschränkungen bietet die Westboro Baptist Church aus Kansas. Diese Gruppe sieht die USA als einen “homofaschistischen Staat”, der Gottes Zorn auf sich gezogen hat, weil er die Homosexualität duldet (Österreich ist angeblich auch nicht besser [PDF]). Wann immer ein Amerikaner im Irak fällt, ein Tornado wütet oder ein Anschlag verübt wird, feiern sie es lautstark als Gottes gerechte Strafe. Ihre bevorzugte Taktik besteht darin, bei Beerdigungen von Soldaten [PDF] deren Tod zu bejubeln und den Hinterbliebenen Plakate wie Thank God for Dead Soldiers entgegen zu halten.

Möglicherweise würde in Deutschland in so einem Fall “Störung einer Bestattungsfeier” oder “Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener” oder so etwas greifen. In den USA ist das aber eine vom First Amendment geschützte Meinungsäußerung. Das dürfen die. Als Gegenbewegung haben sich die Patriot Guard Riders gebildet, eine landesweite Motorradgruppe, die bei der Beisetzung von Soldaten eine lebende Mauer zwischen den Westboros und den Trauernden bildet.

Natürlich stinkt die ganze Sache vielen Leuten gewaltig. Daher wurden 2006 Bundesgesetze erlassen, die Demonstrationen innerhalb von 150 feet (etwa 46 Meter) und eine Stunde vor oder nach einer Beisetzung verbieten – Zeit und Ort wurden eingeschränkt. Allerdings: Die mächtige Bürgerrechtsgruppe ACLU hat Klage eingereicht. Deren Argument: Auf dem Bürgersteig darf jeder Amerikaner sagen, was er will.

Denn in den USA ist der öffentliche Raum in drei Bereiche unterteilt: Dem traditional public forum (Straßen, Parks), in dem die Meinungsfreiheit am stärksten geschützt ist; dem designated public forum (ein Raum mit einem bestimmten Zweck wie eine Stadthalle), bei dessen Gründung einige Grenzen festgelegt werden können; und dem non-public forum, (Gefängnisse, Militärstützpunkte), wo es weitere Einschränkungen geben kann. Diese kann es auch in Schulen geben, wo die Meinungsfreiheit mit dem Bildungs- und Erziehungsauftrag in Einklang gebracht werden muss. Der vollständige Schutz in seiner oben beschriebenen Form gilt also bei weitem nicht überall.

Und damit kommen wir zum Internet. In Reno v. ACLU entschied der Supreme Court 1997, dass das neue Medium den full First Amendment protection genießt:

As a matter of constitutional tradition, in the absence of evidence to the contrary, we presume that governmental regulation of the content of speech is more likely to interfere with the free exchange of ideas than to encourage it. The interest in encouraging freedom of expression in a democratic society outweighs any theoretical but unproven benefit of censorship.

Das Urteil geht noch weiter. Die Betreiber von amerikanischen Websites müssen sich nicht mit der Frage befassen, ob Kinder Zugriff haben könnten. Da das Internet kein begrenztes Gut wie das Funkspektrum ist, fällt es auch nicht unter die Aufsicht der FCC – die Bundesbehörde, die Amerika vor den furchtbaren Gefahren schützen will, die von Janet Jacksons Brustwarzen ausgehen.

Wir sind damit wieder bei Congress shall make no law und können festhalten: Keine staatliche Stelle in den USA kann eine Meinungsäußerung auf amerikanischen Websites einschränken. Entsprechende Anfragen, Bitten und Forderungen sind sinnlos.

(Das heißt natürlich nicht, dass die Regierung nicht trotzdem versucht, Einfluss zu nehmen. Seit 2005 müssen nach dem Bundesgesetz 18 U.S.C. 2257 Websites mit “sexuell expliziten Fotos” umfangreiche Belege dafür aufbewahren, dass alle abgebildeten Personen volljährig waren. Äußerst umfangreiche Belege. Ganz nebenbei und bestimmt nur zufällig könnte das Gesetz auch auf Darstellungen wie die Misshandlungsfotos aus Abu Ghraib angewandt werden. Eine Klage läuft.)

Reno v. ACLU ist einer der wichtigsten Gründe für die vielbeschworene Schwierigkeit, das Internet zu kontrollieren: Jede Person auf dem Planeten mit einem ungefilterten Zugang zum Netz hat durch das Urteil auch Zugang zu einem Raum, in dem das First Amendment in seiner stärksten Ausprägung gilt.

Mehr noch: Dieser Raum wird von 210 Millionen Menschen bevölkert, für die seit mehr als zwei Jahrhunderten eine möglichst uneingeschränkte free speech die unverzichtbare Grundlage jedes freien Staates ist. Entsprechend wenig Verständnis haben sie für die Sichtweise, die Meinungsfreiheit sei nur ein Recht unter vielen. Auch Internet-Bürgerrechtsgruppen wie die Electronic Frontier Foundation (EFF) handeln nach dem Prinzip: Freedom of speech is the foundation of a functioning democracy.

Diese Situation ist nicht nur für autoritäre Staaten wie China, Saudi-Arabien oder Nordkorea ein Problem. Alle Länder, die nicht den amerikanischen Glauben an die alles überragende Bedeutung der Meinungsfreiheit teilen – also so ziemlich alle außer den USA selbst – stehen spätestens seit Reno v. ACLU vor der Wahl: Entweder müssen sie mühsam und aufwändig das Internet filtern oder sie müssen akzeptieren, dass ihre Bürger Zugang zu Dingen bekommen, die nach ihren Gesetzen eigentlich verboten sind.

Die Diskussion darüber ist aber nicht mehr Gegenstand dieses Blogs. Halten wir fest, dass das First Amendment inzwischen nicht nur die Amerikaner betrifft, sondern mit dem Internet in die ganze Welt getragen wird.

James Madison wäre so stolz.

In der nächste Folge schauen wir uns an, warum Amerikaner Prediger und andere Personen des öffentlichen Lebens als Säufer darstellen dürfen, die Geschlechtsverkehr mit ihren Müttern haben.

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