Warum Amerikaner weniger Angst vor Hunden haben, die Wahlzettel fressen

November 8, 2006

Wir müssen doch noch einmal auf die Kongresswahl eingehen. Wer die englischen und deutschen Medien vergleicht, wird bemerken, dass die Unregelmäßigkeiten bei der Stimmabgabe unterschiedlich behandelt werden: In den USA und Großbritannien wird das kurz zur Kenntnis genommen, in Deutschland ergeht man sich schon mal in atemloser Empörung. Wenn wir den deutschen Medien nicht antiamerikanische Schadenfreude unterstellen wollen oder den Angelsachsen Desinteresse an grundlegenden demokratischen Vorgängen, brauchen wir für diese verschiedene Bewertung eine Erklärung.

Die gibt es tatsächlich. Es ist der Unterschied zwischen Systemen mit einer Mehrheitswahl (winner-takes-all oder first-past-the-post in den USA und Großbritannien) und dem Verhältniswahlrecht (proportional representation in parlamentarischen Demokratien). Deutschland hat eine Mischform (“personalisierte Verhältniswahl”), zählt aber eher zur zweiten Gattung. Deswegen auch die Aufregung.

Denn beim Verhältniswahlrecht gilt:

Prozentsatz der Stimmen = Prozentsatz der Sitze

Das ist besonders für Deutschland vereinfacht dargestellt, zeigt aber: Wichtig ist das Verhältnis der abgegebenen Stimmen, wie ja auch der Name sagt. Man muss also zählen, und zwar möglichst genau.

Bei der Mehrheitswahl geht es dagegen allein darum, welcher Kandidat die meisten Stimmen bekommt. Da Menschen und nicht Parteien gewählt werden, sind die absoluten Zahlen eigentlich egal. Man könnte auch einfach die Stimmzettel auf einzelne Haufen werfen:

Größter Haufen = Sitz gewonnen

Die Vor- und Nachteile beider Systeme sind bekannt. Die Mehrheitswahl ist stabiler – wir hatten gesehen, dass es keine Koalitionsgespräche gibt und dass der Kongress sofort handlungsfähig ist. Extreme Parteien haben keine Chance (ob das gut ist, hängt von der Sichtweise ab) und die Bevölkerung entscheidet direkt, wer sie vertritt. Wer dagegen die Politik als ein Kampf zwischen “Strömungen” sieht, die von Parteien vertreten werden, wird damit nicht glücklich, denn die Verteilung entspricht nicht immer genau der in der Bevölkerung. Im Extremfall kann der Sieger weniger absolute Stimmen auf sich vereinigen als der Verlierer.

Wir wollen diese Vergleiche nicht zu weit ausführen. In Deutschland ist die Verhältniswahl abgeändert und in den USA werden klassische Eigenschaften der Mehrheitswahl durch den starken Föderalismus aufgehoben: Da viele Entscheidungen auf Kommunalebene getroffen werden, ist es nicht so wichtig, wenn der Abgeordnete im fernen Washington nicht nach dem gleichen Muster gestrickt ist wie seine Wähler.

Stattdessen wollen wir uns mit einer Eigenschaft der Mehrheitswahl beschäftigen, die den meisten weniger bekannt ist: Das System ist robuster, liefert also auch dann noch das gleiche Ergebnis, wenn es beim Urnengang Probleme gibt. Das ist wichtig, wenn man im 18. Jahrhundert die Stimmzettel per Pferd über unbefestigte Waldwege transportieren muss. Wer seine Demokratie im 20. Jahrhundert aufbaut (und ohnehin nicht so lange Wege hat), muss sich darum nicht so sehr kümmern.

Ein Zahlenbeispiel macht den Unterschied klarer.

Nehmen wir an, bei einer Verhältniswahl habe Partei A 300.000 Stimmen erhalten und Partei B 100.000 Stimmen. Im Parlament hat A dann eine Drei-Viertel-Mehrheit. Bei einer Mehrheitswahl würde das so aussehen: Kandidat A bekommt 300.000 Stimmen, Kandidat B 100.000 Stimmen. Kandidat A kriegt den Sitz. Wir vereinfachen hier natürlich brutal, insbesondere dadurch, dass wir die gleichen Zahlen für beide Wahlsysteme benutzen. Es geht hier ums Prinzip.

Denn was passiert jetzt, wenn herauskommt, dass 100.000 weitere Stimmzettel verloren gegangen sind? Vielleicht hat ein Hund sie gefressen (ein sehr großer Hund, versteht sich) oder die Urnen wurden gestohlen oder den Wahlmaschinen ist im kritischen Augenblick der Strom ausgegangen. Bleiben wir beim sehr großen Hund, denn Leser sollen Geschichten mit Tieren und kleinen Kindern lieben. Auf jeden Fall sind die Zettel weg.

Für das System mit einer Verhältniswahl ist das eine Katastrophe. Im Extremfall hätten alle diese Stimmen für Partei B sein können – besonders, wenn der sehr große Hund ganz zufällig einem Mitglied von Partei A gehört. Dann hätte Partei A aber nicht mehr drei Viertel der Stimmen – vielleicht genug, um die Verfassung zu ändern – sondern nur noch drei Fünftel, also 60 Prozent.

Für das System mit einer Mehrheitswahl ist der sehr große Hund irrelevant. Verstörend, ja, ein Fall für die Polizei, auch, und unglaublich peinlich sowieso. Aber er hat auf den Ausgang der Wahl keinen Einfluss, denn auch 200.000 Stimmen sind immer noch weniger als 300.000. Der Sitz geht weiter an Kandidat A.

Das Mehrheitswahlrecht ist also weniger anfällig wenn es darum geht, das Wahlergebnis unter erschwerten Bedingungen richtig wiederzugeben. To degrade gracefully nennt man das Verhalten von solchen Systemen: Die Kernaufgabe wird noch sehr lange korrekt erfüllt.

Irgendwann bricht natürlich auch die Mehrheitswahl zusammen – bei zwei sehr großen Hunden wäre es in unserem Beispiel soweit. Wie wir bei der Präsidentenwahl 2000 in Florida gesehen haben, kann sie auch nicht alles abfangen. Man könnte sogar argumentieren, dass einige Organisatoren sich zu sehr auf diese Fehlertoleranz verlassen haben.

Bei der Verhältniswahl gibt es diesen Toleranzbereich nicht. Ein einziger Prozentpunkt kann darüber entscheiden, ob die Fünf-Prozent-Hürde geschafft wird oder nicht oder ob eine Koalition zu Stande kommt. Das System verkraftet bei der Auszählung keine Ungenauigkeit. Die deutsche Presse ist entsprechend sensibilisiert, um auf das kleinste Problem mit großem Geheul zu reagieren. Richtig so – für ihr System.

Auch in den USA ist natürlich das Ziel, alle Stimmen zu erfassen. Aber kleinere Wahlpannen sind ein Fall für die örtlichen Behörden – dem Hundefänger, wenn man so will – und nicht eine Gefahr für das Gesamtsystem, denn sie beeinflussen den Ausgang nicht.

Natürlich findet auch eine Diskussion über die Probleme statt. Es gibt auch schon eine Lösung: Die reine Briefwahl, wie sie Oregon praktiziert. Wir hatten schon damals gesagt, dass dieses Ergebnis Schule machen könnte – und so sieht es auch aus.

Und eigentlich ist das völlig einleuchtend: Wenn irgendjemand weiß, wie man mit sehr großen Hunden fertig wird, dann sind es die Briefträger.

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