Warum sie kommen, wenn du es baust

Mai 16, 2012

Das Arbeitszimmer im Hause Stevenson ist faktisch fertig. Und nun zeigt sich ein unerwartetes Phänomen: Gewisse Familienmitglieder, die bislang kein Interesse daran gezeigt haben, dort zu arbeiten, nehmen plötzlich den Welteroberungstisch unter Beschlag. Das ist doof, denn dort steht der größte Monitor des Hauses. Ohne den muss dieser Autor Diablo 3 in der nativen MacBook-Pro-Auflösung von 1440 x 900 Pixeln spielen. Das ist natürlich völlig untragbar.

Allerdings, werden die angelsächsischen Leser jetzt sagen, darf man sich nicht wundern. Schließlich gilt: If you build it, they will come.

Diesen Spruch findet man bei Amerikanern ständig. Das geht so weit, dass die Autoren der TV-Serie Eureka die 13. Folge der dritten Staffel einfach “If You Build It …” nannten, und alle haben gewusst, was gemeint war.

(Der deutsche Titel lautet “Wenn ihr gebaut habt, kommen sie”, was wegen des fehlenden “es” eher klingt wie eine Warnung vor Termiten. Trotzdem, hier war man auf dem richtigen Weg.)

In diesem Fall kommt der Satz nicht von einem der üblichen Verdächtigen – der Bibel, Alice in Wonderland, The Wizard of Oz oder Shakespeare. Vielmehr stammt er aus Field of Dreams, einem Baseball-Film mit Kevin Costner. Dieser spielt einen Farmer, der besagten Satz als Teil einer Vision über ein Baseball-Feld hört. Obwohl ihn alle für irre erklären, baut er den diamond. Und siehe da, die Leute kommen tatsächlich. Der Spruch nimmt auf der Liste der berühmtesten Filmzitate des American Film Institute Platz 39 ein.

Was uns alles im Arbeitszimmer nicht weiterhilft. Vielleicht muss ein anderes Zimmer umgebaut werden? So als Lockmittel?


ZEUGS: Vermisste Atombomben, verlorene Kolonien und zensierte Homo-Erotik

Mai 10, 2012

  • Zu verlorenen Kolonien: Neue Hinweise in einem mehr als 400 Jahre alten Rätsel: Die Untersuchung einer alten Karte im Britischen Museum könnte eine Spur zur Roanoke-Kolonie enthalten, die Ende des 16. Jahrhunderts verschwand. Offenbar wurde eine Stelle mit einem Flicken überklebt und damit ein Symbol für ein Fort versteckt. Die Lost Colony hinterließ als einzigen sicheren Hinweis das Wort “Croatoan”, eingeritzt in einem Baum.
  • Zu verlorenen Atombomben, während wir Dinge suchen: IO9 berichtet über eine seit 1958 vor Virginia vermisste Atombombe, die vor der Notlandung eines B-47-Bombers abgeworfen wurde. Warum die Notlandung? Weil der Bomber bei einer Übung mit einem Kampfflugzeug kollidiert war. Und wieso wurde bei einer Übung eine echte Atombombe mitgeführt?

    [F]lying a simulation with a detonation-ready nuclear bomb is bizarre, but it provides the most accurate preparation for a combat scenario.

    Die Suche wurde immer wieder fortgesetzt, zuletzt 2001. Umsonst. Von einem Finderlohn ist übrigens nicht die Rede.

  • Zu prüden Amerikanern und die Synchro von US-Medien: Die Zeitschrift Unique beschreibt die inhaltlichen Eingriffe während der Übersetzung:

    Vulgäre Ausdrucksweisen, sexuelle Anspielungen (besonders homosexuelle) und die Thematisierung von Ehebruch, Prostitution und Pädophilie sind dem deutschen Publikum teils bis heute immer wieder dank weitsichtiger Synchron-Autoren erspart geblieben.

    Das “erspart geblieben” ist übrigens Ironie. Dieser Autor muss gestehen, dass ihm die Änderungen an Citizen Kane nicht bekannt waren. (Via BildBlog)

  • Zu prüden Amerikanern, nochmal, und Zensur in US-Medien: Skandal bei Lost Girl! Wie beschrieben handelt es sich um eine kanadische Serie, die in den USA von SyFy ausgestrahlt wird. Jetzt soll das eingetreten sein, was Kritiker befürchtet haben: In der US-Version ist eine Szene geschnitten worden — um acht Sekunden — die die Liebesbeziehung zwischen Bo und Lauren charakterisiert. Die lesbischen Fans der Serie schäumen vor Wut (dort auch eine Dokumentation des Schnitts). Syfy weist alles zurück und macht die kanadischen Produzenten Showcase verantwortlich. Diese verweisen ihrerseits auf die Notwendigkeit, die Folgen aus Zeitgründen zu kürzen, denn in den USA sind die time slots kürzer. Syfy-Pressesprecher Gary Morgenstein nutzt die Gelegenheit sofort zur Werbung:

    [T]he scene was cut not by Syfy but by the producers to conform to US running time; the Canadian version runs longer. … None of this had to do with the same sex relationship. In fact, in episode 206, airing on Syfy May 21, there is a rather “hot” scene between Lauren and Bo.

    Trotzdem, die Kommentare im Syfy-Forum sind nicht nett und auf der Facebook-Seite von Lost Girl wird darum gebeten, die Zuschauer nicht für dumm zu verkaufen. Dabei wird auch bemerkt, um endlich zum Punkt zu kommen, dass es keinen rechtlichen Grund für die Schnitte geben kann: Als Kabelsender ist Syfy nicht dem FCC unterworfen und kann zeigen, was es will (tatsächlich ist Lost Girl verglichen mit True Blood und Game of Thrones fast kindertauglich). Die Verschwörungstheorien konzentrieren sich daher inzwischen auf Syfys hausinterne Regeln. Klar ist, dass bei der Szene am 21. Mai jede Sekunde gezählt werden wird.

  • Zu nützlichen englischen Wörtern: Die Schönste Germanin, die sich immer Gott weiß wo im Internet herumtreibt, hat ein Video [YouTube] über die vielen Verwendungen des Wortes fuck gefunden. Schockierend.
  • Zur US-japanischen Kulturvermengung: Der japanische Kulturimperialismus schlägt wieder zu. Der Spielentwickler Blizzard hat einen Kurzfilm zu der bevorstehenden Veröffentlichung von Diablo 3 online gestellt:

    Blizzard Entertainment teamed up with renowned director Peter Chung and acclaimed animation studio Titmouse to create this unique vision of a fundamental moment in the battle between the High Heavens and the Burning Hells.

    Interessant ist die japanische Bildersprache in einem Werbefilm für ein amerikanisches Spiel, das sich inhaltlich vom europäischen Mittelalter ableitet. Diablo 3 erscheint am Dienstag, und dieser Autor möchte übrigens anschließend nicht gestört werden.

  • Zu den Federalist Papers: Wir hatten von der Bedeutung der Argumentationsschriften für die US-Verfassung gesprochen. Das Wall Street Journal hat nun mit Entsetzen festgestellt, dass sie an führenden amerikanischen Universitäten äußerst stiefmütterlich behandelt werden.

    The political science departments at Harvard, Yale, Princeton, Stanford and Berkeley — which set the tone for higher education throughout the nation and train many of the next generation’s professors — do not require candidates for the Ph.D. to study The Federalist.

    Fehlanzeige auch in hochrangigen juristischen Fakultäten. Dieser Autor kann die Lektüre, auch wenn sie nicht ganz einfach ist, nur empfehlen. Dann weiß man mehr als Harvard-Doktoren! (Via InstaPundit)

  • Zu Fan-Fiction: Der Wissenschaftsjournalist Clive Thompson bricht in Wired eine Lanze für selbstgeschriebene Geschichten aus virtuellen Universen wie die von Harry Potter.

    As fandom scholars like blogger and USC professor Henry Jenkins have documented, today’s young people routinely build off their favorite cultural universes — writing new stories, creating game mods, shooting fan videos. It’s not sui generis creativity — they’re working with preexisting worlds — but it exercises the same creative muscles.

    Natürlich ist der Effekt bei Buffy-Geschichten doppelt so stark.


Liebe Medien, eine Neighborhood Watch ist keine Bürgerwehr

Mai 3, 2012

Genug ist genug: Aus aktuellem Anlass ein kurzer Hinweis an die deutschsprachigen Medien, die über den Fall Trayvon Martin berichten: Eine neighborhood watch ist keine, nochmal, keine “Bürgerwehr”. Dieser Autor hat zwar ein gespanntes Verhältnis zur Wikipedia, aber in diesem Fall liegt sie mit ihrer Beschreibung der “Nachbarschaftswache” genau richtig:

Die Bürger sollen bei verdächtigen Vorkommnissen nicht selbst einschreiten, sondern die Behörden informieren. Die Mitglieder sind weder staatlich bestellt noch stehen ihnen Befugnisse zu, die über die Rechte jedes anderen Bürgers (zum Beispiel Notwehr) hinausgehen. Auch Waffen dürfen sie nur tragen, soweit dies in dem jeweiligen Land auch sonst zulässig ist.

Es sind also noch nicht einmal “Hilfspolizisten”, wie sie Politiker immer mal wieder einführen wollen:

Die ehrenamtlich oder nebenberuflich tätigen Hilfspolizisten sollten für ihre Tätigkeit ausgebildet werden und dann eine polizeiähnliche Uniform, Schlagstock, Reizgas, Handschellen und Polizeifunkgerät bekommen

Eine Bürgerwehr ist militärisch ausgerichtet, was in diesem Fall komplett falsch ist. So etwas kennen die USA auch — besonders in der Kolonialzeit waren sie sehr beliebt — und wir hatten schon über die Nationalgarde als die Heere der Bundesstaaten gesprochen. Ja, das ist alles kompliziert, weswegen wir auch einen getrennten Eintrag über die den Aufbau der Polizei geschrieben haben. Schon da haben wir uns über die Übersetzung “Bürgerwehr” lustig gemacht. Offenbar war das zu subtil.

Was schreibt man dann für neighborhood watch? In dem Wikipedia-Eintrag wird wie gesagt der Begriff “Nachbarschaftswache” benutzt. Den hat dieser Autor zwar noch nie gehört, aber vielleicht lebt er einfach im falschen Teil der Republik … hier gucken die Omas noch aus dem Fenster, wie die Schönste Germanin so schön sagt.


Happy Trails (und kanadische Ausschnitte)

April 25, 2012

Die Schönste Germanin ist unter die Rezensenten gegangen und schreibt nun über die kanadische Serie Lost Girl, die mit dem Succubus und den Parallelen zu Buffy. Das kann dieser Autor nur begrüßen, und zwar nicht nur deswegen, weil die Hauptdarstellerin Anna Silk nach eigener Beschreibung mit einer pretty epic cleavage herumläuft. Da Kanadier eigentlich auch Amerikaner sind und US-Bürger viele kulturelle Gemeinsamkeiten haben, findet sich diverses Material für dieses Blog.

Da wäre die etwas seltsame Frau im Reisebüro, die in Staffel 2, Folge 12 “Masks” ihre Kunden mit einem

Happy trails

zu ihrem Ziel teleportiert. An dem Gruß hängt für, äh, Nordamerikaner eine ganze Kette von Assoziationen: Happy Trails ist der Name des Liedes [YouTube] zur Roy Rogers Show.

Happy trails to you, until we meet again.
Happy trails to you, keep smiling until then.

(Das alberne Kichern im Hintergrund kommt von den Angelsachsen, die gerade an eine weitere Bedeutung von happy trail denken: Die Scharmhaar-Linie, die beim Mann vom Bauchnabel nach unten läuft. Einfach nicht beachten.)

Die Cowboy-Serie mit Roy Rogers (selbsternannter “King of the Cowboys”) und Dale Evans, “Queen of the West”, lief in den 40er und 50er Jahren. Von der Roy-Rogers-Website:

Their West was a magical American landscape full of promise and hope in which goodness was always rewarded and bad guys always got what they deserved. They reigned at a time when the cowboy ideal seemed to signify everything decent about a nation in which all things were possible if you were a good guy with a solid handshake and a sense of honor.

Die interessierten Leser, die mutig genug waren, oben auf den Link zu klicken, werden es schon wissen: Aus heutiger Sicht ist das alles furchtbar schmalzig. Die 50er-Jahre Cowboy-Nostalgie passt insbesondere vorne und hinten nicht zu Lost Girl, einer Serie, die in der Großstadt spielt, wenn überhaupt keltisch daherkommt und in der Lederstiefel nicht braun mit Sporen zu sein haben, sondern schwarz mit Vier-Zoll-Absätzen. Was natürlich zum Witz gehört.

Damit können wir jetzt schon eine Gruppe ausmachen, die trotz aller Mühen der Schönsten Germanin mit der Serie absolut nicht glücklich werden wird: Die Synchronisatoren. Wie immer.


Warum wir den Ablauf der Wahlparteitage nicht genau erklären

April 20, 2012

Der eigentlich für heute geplante Eintrag will nicht so wie dieser Autor es will, inzwischen hat er keine Lust mehr und gleich wird das Diablo 3 Open Beta freigeschaltet. Deswegen spielen wir auf Zeit mit einem kurzen Hinweis auf ein Thema, das wir ausdrücklich nicht erklären werden: Wie genau die Republikaner Ende August auf ihrem Parteitag in Tampa abstimmen werden. Warum? Weil es einfach zu fracking kompliziert ist.

Wer das nicht glaubt, es trotzdem wissen will oder einfach masochistisch veranlagt ist, mag sich die ausführliche Erklärung The G.O.P.’s Fuzzy Delegate Math von Nate Silver in dem Blog FiveThirtyEight anschauen. Ein Ausschnitt:

In addition to the super delegates, there are 84 delegates who will be selected at state conventions, or appointed by a committee of Republican officials in the state, with no direct or indirect relationship to the popular vote in these states. States like Pennsylvania, Illinois and Louisiana select some of their delegates trough this method, for instance, even though they also pick some through their primaries.

Silver selbst spricht von Regeln, die exceptionally complicated sind, was in der amerikanischen Politik schon was heißen will.

Das grundsätzliche Problem besteht (mal wieder) darin, dass jeder Bundesstaat seine eigenen Vorschriften und Gesetze hat, was die Verteilung und Aufgaben der verschiedenen Arten von Delegierten betrifft. Das Fazit des Ganzen ist, dass den Republikanern am Ende ein gewisser wiggle room bleibt, Raum für Improvisationen.

Ob die Republikaner diesen Spielraum brauchen werden, ist noch unklar, gilt aber inzwischen eher als unwahrscheinlich. Aber der komplizierte Ablauf erklärt, warum sie hoffen, dass vorher die Entscheidung fällt und nicht erst auf dem Parteitag — die gefürchtete brokered convention.

Das erklären wir, wenn es soweit sein sollte — wenigstens ein Bisschen.


Warum das Urteil zu Obamacare so wichtig sein wird (und was es mit Brokkoli zu tun hat)

April 13, 2012

Journalisten und (Hust) Blogger haben die Angewohnheit, gewisse Ereignisse als unfassbar wichtig darzustellen, auch wenn sie es nicht sind, und Dinge “historisch” zu nennen, die bestenfalls in den Fußnoten landen. Heute reden wir aber einmal von einer anstehenden Gerichtsentscheidung, die den Hype tatsächlich verdienen dürfte: Das Urteil des Supreme Court zu der Gesundheitsreform von Präsident Barack Obama, dem Affordable Care Act, allgemein “Obamacare” genannt. Hier geht es um nichts geringeres als die Frage, wie viel Macht der Kongress hat. Im schlimmsten Fall droht der absolute Horror: Dieser Autor müsste vielleicht sogar einige Texte umschreiben.

Es gibt viele Klagen gegen Obamacare. Wir schauen uns hier die zum individual mandate (formell: minimum coverage provision) an — ob der Bund das Recht hat, Leute zum Abschluss einer Versicherung zu zwingen.

(Das ist grob vereinfacht, wie immer. Wer es differenzierter haben will, wird beim SCOTUS Blog fündig, wo es ausführliche Diskussionen auf Fachebene gibt, sowie eine kurze Beschreibung, wie die Richter eigentlich bei solchen Fällen vorgehen.)

Fleißig wie wir sind haben wir den geschichtlichen Hintergrund schon abgehandelt. Vom ursprünglichen Aufbau her hat der Bund in den USA nur wenige Befugnisse, die in der Verfassung aufgelistet sind. Als Faustregel ist er für die “nach außen” gewandten Dinge verantwortlich, während die Bundesstaaten das “innere” Zeugs regeln. Zudem ist der Bund für die Beziehungen zwischen den Bundesstaaten verantwortlich.

Inzwischen sind die Befugnisse des Bundes allerdings massiv ausgeweitet worden, insbesondere durch zwei Schritte:

Erstens, nach dem Bürgerkrieg bei den Bürgerrechten aus der Bill of Rights, die inzwischen größtenteils auch für die Bundesstaaten bindend sind. Dazu gehört neuerdings mit diversen Einschränkungen der Zweite Verfassungszusatz, der das Recht auf den Besitz einer Waffe regelt (McDonald v. Chicago).

Zweitens, während der Weltwirtschaftskrise, als die Befugnisse des Kongresses zur Regelung des Handels zwischen den Bundesstaaten (Commerce Clause der Verfassung) deutlich ausgeweitet wurden. Wie weit genau der Bund hier gehen kann, ändert sich seitdem von Entscheidung zu Entscheidung des Obersten Gerichts.

Um genau diesen zweiten Punkt geht es wieder bei der Frage des Einzelmandats: Hat der Bund das Recht, (fast) jeden Bürger dazu zu zwingen, sich zu versichern und sonst Strafe zu zahlen? Wenn ja, kommt das einer weiteren massiven Ausweitung der Macht des Bundes — genauer, des Kongresses — gleich. Wenn nein, wird der Bund in seine Schranken verwiesen und die Bundesstaaten erhalten einen Teil ihrer Macht zurück. Oder wie es Ilya Sominvon der George Mason University formuliert:

If the federal government prevails, Congress is likely to have an unlimited power to impose mandates of any kind. If the plaintiffs win, the Court will have reaffirmed the importance of constitutional limits on federal power.

Die Argumente der Gegner der Reform sind einfach: Was der Bund darf, steht in der Verfassung, und das steht da nicht. Basta. Außerdem könnten die Clowns in Washington der Kongress dann den Bürger nach Belieben dazu zwingen, Dinge zu kaufen. Weil Angelsachsen nicht dem germanischen Tabu gegen Humor bei ernsten Themen unterworfen sind, sprach der Oberste Richter Antonin Scalia in diesem Zusammenhang bei einer Anhörung von einem hypothetischen Zwang, Brokkoli zu kaufen:

Everybody has to buy food sooner or later, so you define the market as food. Therefore, everybody is in the market. Therefore, you can make people buy broccoli.

Seitdem wird in der Obamacare-Diskussion ständig über Brokkoli geredet, ein Gemüse, das ohnehin erstaunlich viel Raum in der amerikanischen Politik einnimmt.

Die Argumente der Befürworter beschränken sich nicht nur auf den Hinweis, dass Brokkoli und eine allgemeine Versicherungspflicht wie, nun, Äpfel und Birnen sind. Ihre Darstellung: Wer keine Versicherung kauft, entscheidet sich, seine Krankenhauskosten selbst zu tragen. Das hat massive Auswirkungen auf den Gesundheitssektor und damit den Handel zwischen den Bundesstaaten — und fällt wegen des Commerce Clause unter Bundesrecht. Dass Verweigerer Strafe zahlen müssen, ist demnach durch die unstrittigen Befugnisse des Kongresses zum Eintreiben von Steuern gedeckt. Außerdem erfordere ein landesweites Problem wie die Krise im US-Gesundheitssystem eine landesweite Lösung.

(Wer die Diskussion nur sporadisch verfolgt, mag an dieser Stelle verwirrt sein. Hat Obama nicht immer betont, dass dieser Teil des Gesetzes keine Steuer darstellt? Ja, hat er. Und überhaupt, hatte Obama nicht im Vorwahlkampf erklärt, dass es kein allgemeines Einzelmandat geben dürfe und das sogar seiner Rivalin Hillary Clinton um die Ohren gehauen? Ja, hatte er.)

Wir sollten an dieser Stelle betonen, dass es hier nur um das Recht des Bundes geht, eine solche Versicherungspflicht einzuführen, nicht um das Recht “des Staates”, wie es gelegentlich in den deutschen Medien heißt. Den einzelnen Bundesstaaten bleibt es ungenommen, innerhalb ihrer Rechtssysteme derartige Mechanismen einzuführen.

Daher verteidigt der faktische republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney das Einzelmandat, das während seiner Zeit als Gouverneur von Massachusetts dort als Teil einer allgemeinen Krankenversicherung eingeführt wurde. Umfragen zufolge sind die Bürger des Bundesstaates mit ihrer “Landesversicherung” zufrieden, während eine Mehrheit der Amerikaner die “Bundesversicherung” Obamacare ablehnt.

Haben wir irgendwelche Andeutungen, wie die Entscheidung des Supreme Court ausfallen könnte? Nun, die besagte Anhörung vor einigen Tagen lief nach Einschätzung von Beobachtern wie dem britischen Magazin The Economist eher mies für die Regierung.

(…) Mr Obama’s chief lawyer began unsteadily, stopped to sip water and never quite recovered. As everyone will eventually consume health care, he explained, Congress may regulate the way Americans pay for it. Yet Mr [Donald] Verrilli made these points shakily. Several times the court’s liberal justices interrupted to make his argument for him.

Daneben liegen diverse Vorentscheidungen unterer Instanzen vor, die allerdings mal so und mal so ausgingen. Am Ende muss eine so grundsätzliche Frage halt vom Supreme Court geregelt werden. Der Bundesrichter Jeffrey S. Sutton aus Ohio forderte das Gericht entsprechend auf, endlich einmal Klartext zu reden:

The Court should stop saying that a meaningful limit on Congress’s commerce powers exists or prove that it is so.

Im Sommer sollten wir mehr wissen.


ZEUGS: Fantasy-Englisch, der Fall Trayvon Martin und die Darth-Vader-Kathedrale

April 5, 2012

Beim Ungenannten Arbeitgeber ist das Game of Thrones-Fieber ausgebrochen, vermutlich weil die Serie endlich auch nach Deutschland gekommen ist. Für dieses Blog scheint da allerdings nicht viel zu holen zu sein. Netterweise gehen die Briten selbst auf die Frage ein, warum in amerikanischen Fantasy-Serien alle einen britischen Akzent haben. Eine Erklärung (Zitat umformatiert):

Some have a simple explanation for the British invasion of fantasy land — Kevin Costner. Although not strictly part of the genre, his US/British accent in Robin Hood — Prince of Thieves was so jarring, and out of historical context, that it stood as a warning to all future directors.

Aus irgendeinem Grund erinnert dieser Autor sich hauptsächlich an die Szene, in der Mary Elizabeth Mastrantonio ihm in den Schritt tritt. Seltsam das.

  • Zur Entwicklung der englischen Sprache, während wir beim Thema sind: Im Nordosten des Landes wird an den Vokalen herumgespielt.

    This rearrangement, called the Northern Cities Vowel Shift, is the result of a chain reaction of vowel changes on an epic scale similar to the process that transformed vowels from Middle English to Modern English between 1400 and 1600. (…). The Northern Cities Vowel Shift is thought to be both spreading and accelerating.

    Die Änderung selbst scheint eher unstrittig. Allerdings argumentiert dieser spezielle Artikel, dass sie entlang politischer Linien stattfindet … was eine ganz andere Kiste wäre.

  • Zur Entdeckung Amerikas: Es gibt Hinweise, dass schon während der Steinzeit Europäer nach Nordamerika gewandert sein könnten.
  • Zum Trauma des Bürgerkriegs: Die Zahl der Toten im Civil War ist offenbar deutlich höher als bislang geschätzt. Dem Historiker J. David Hacker der Binghamton University zufolge liegt sie bei 750.000, mehr als 20 Prozent über der bisherigen Schätzung.

    “It helps you understand, particularly in the South with a much smaller population, what a devastating experience this was.”

    Erstaunlicherweise scheint auch dieses Ergebnis nicht so strittig, wie man vermuten könnte.

  • Zu Geheimdiensten: Wired berichtet sehr ausführlich über das neue Utah Data Center des Nachrichtendienstes NSA.

    According to another top official also involved with the program, the NSA made an enormous breakthrough several years ago in its ability to cryptanalyze, or break, unfathomably complex encryption systems employed by not only governments around the world but also many average computer users in the US.

    Der Bericht enthält unter anderem ein Schaubild, wie die Datenströme zusammenlaufen. Wired hat der Versuchung widerstanden, ein kleines Kreuz mit dem Hinweis your data is here einzufügen.

  • Zu Hispanics: Wir hatten darauf hingewiesen, dass hispanic nicht wie white oder black die Rasse beschreibt, sondern eine zusätzliche Einteilung ist — es gibt daher “weiße Hispanics” (wie die Schauspielerin Cameron Diaz von Charlie’s Angels), “schwarze Hispanics” (wie Gina Torres von Firefly), und so weiter.

    Das ist jetzt im Streit um die Tötung des schwarzen Teenagers Trayvon Martin durch George Zimmerman zum Politikum geworden: Nennt man den mutmaßlichen Täter “weiß” (wie am Anfang der Berichterstattung), “hispanisch” (wie es Zimmermans Vater sieht) oder benutzt man, wie die “New York Times” es zwischendurch tat, den bürokratischen Begriff white Hispanic? Die Zeitung hat sich für diese Variante einige Kritik eingefangen (Hervorhebung im Original):

    He’s only a “white Hispanic” because they need the word “white” to further the story line, which is, White, probably racist vigilante shoots an unarmed black kid.

    Die Zeitung hat bestätigt, dass sie den Begriff eher selten benutzt, aber die Verwendung in dieser Phase der Berichterstattung verteidigt. Inzwischen hat sie auf Hispanic gewechselt (die Entwicklung in der deutschen Berichterstattung wird dem interessieren Leser als Übung überlassen). Die Diskussion hat ein Eigenleben entwickelt.

  • Zu den US-Medien: Der Fall Trayvon Martin liefert uns auch ein Beispiel, warum viele Amerikaner ihren Medien misstrauen. MSNBC und NBC haben eine gekürzte Version von Zimmermans Notruf (911 call) herausgegeben, die Vorwürfe des Rassismus zu bestätigen schienen. Das in der Sendung “Today” gesendete Zitat lautete:

    Zimmerman: This guy looks like he’s up to no good. He looks black.

    Tatsächlich lautete diese Stelle des Gesprächs mit dem Notruf-Beantwortungsmenschen so:

    Zimmerman: This guy looks like he’s up to no good. Or he’s on drugs or something. It’s raining and he’s just walking around, looking about.

    Dispatcher: OK, and this guy — is he black, white or Hispanic?

    Zimmerman: He looks black.

    Zimmerman sprach an dieser Stelle nur nach einer gezielten Anfrage über Martins Rasse (der Fall als Ganzes ist komplizierter). Entdeckt wurde die gekürzte Version offenbar von von Fox News, einem bekanntlich konservativen Sender. Ähnlich gelagerte Blogs wie Newsbusters sehen hier einen Beweis für einen Linksdrall (liberal bias) der US-Medien. NBC hat sich inzwischen bei seinen Zuschauern entschuldigt, wohl aber nicht bei Zimmerman.

  • Zu Indianern, wenn wir heute schon so häufig die “New York Times” zitieren: Die Zeitung berichtet über die Probleme mit den verlassenen Uran-Minen auf dem Land der Navajo.
  • Zu dicken Amerikanern: The Atlantic bietet eine eindrucksvolle Landkarte mit der Entwicklung des Übergewichtes in den einzelnen Bundesstaaten von 1994 bis 2008. Hauptthema des Textes The True Cost of Unwalkable Streets ist allerdings das Fehlen von Bürgersteigen in vielen amerikanischen Städten:

    We have, in effect, made getting around by foot or bicycle the most dangerous and least attractive option, though some brave souls risk their safety to walk or bicycle despite the hostility of the environment.

    Die Städte seien zum Teil nur auf Autofahrer ausgerichtet, obwohl sich das inzwischen ändere. Deutschland ist im Vergleich eine Nation von Fußgängern. (Via ZeroHedge)

  • Zu Alkoholgesetzen, weil wir bei Karten sind: io9 zeigt die Landkreise (counties, ausdrücklich nicht: Bundesstaaten) in denen der Ausschank in der Schänke eingeschränkt ist.
  • Zur Vorwahl der Republikaner: The Slate geht darauf ein, warum die Berichterstattung über die Zahl der Delegierten so chaotisch abläuft: Das Verfahren ist es auch.
  • Zu Religion in den USA: Wer das nächste Mal in Washington, DC ist und die National Cathedral besucht, mag nach dem Kopf von Darth Vader Ausschau halten. Um das Böse zu sehen, braucht man allerdings Ferngläser [PDF] — beruhigend, irgendwie.

Von Norma Rae und Goldman Sachs

März 28, 2012

Der interessierte Leser dürfte mitbekommen haben, dass der Goldman-Sachs-Manager Greg Smith seinen Job auf dramatische Art geschmissen hat: Mit einem Gastbeitrag in der New York Times, in dem er der Bank — sehr vereinfacht gesagt — vorwirft, nicht immer nett zu sein. Goldman sieht das nicht so.

Uns interessiert hier weder der Fall selbst, noch die zahlreichen Analysen dazu, noch die Darth-Vader-Parodie, sondern ein Satz in einem späteren Artikel der New York Times (Hervorhebung hinzugefügt):

To some, Mr. Smith was a hero — not quite Norma Rae, granted, but close enough for post-bailout Wall Street. After all, he stood up to the mighty Goldman, the Street’s version of The Man.

Über The Man haben wir schon gesprochen, aber Norma Rae ist neu: Sie ist die Hauptfigur in dem gleichnamigen Gewerkschaftsdrama aus dem Jahr 1979. Rae, gespielt von Sally Field, setzt in einer Textilfabrik eine Arbeitervertretung durch. Der mit zwei Oscars ausgezeichnete Film basiert auf dem Leben von Crystal Lee Sutton. Besonders eine Szene soll in der Wirklichkeit genauso abgelaufen sein wie im Kino:

“I took a piece of cardboard and wrote the word UNION on it in big letters, got up on my work table, and slowly turned it around. The workers started cutting their machines off and giving me the victory sign. All of a sudden the plant was very quiet …”

Diese Schlacht verlor Sutton — sie wurde gefeuert. Aber ihre Tat gab der Gewerkschaftsbewegung einen wichtigen Impuls. Wobei es auffällig ist, dass die New York Times auf die Filmfigur Rae verweist und nicht auf die echte Frau Sutton.

Die deutschen Übersetzer scheinen es übrigens mal wieder besonders gut gemeint zu haben und fügten dem Titel noch Eine Frau steht ihren Mann hinzu. Synchronisation, das ist halt wie ein unheimliches Wesen aus einer fremden Welt.


META Nächster Eintrag Mittwoch, 28. März 2012

März 22, 2012

Wegen einer ungeplanten Reise gibt es in dieser Woche keinen Eintrag. Wir machen kommende Woche am Mittwoch, dem 28. März mit Goldman Sachs und Norma Rae weiter.


ZEUGS: Vom Ami zum Deutschen, die Sex-Szenen bei Galaxy Quest und die Abtreibungsfrage bei Buffy

März 15, 2012

  • Zur Staatsbürgerschaft: Im Magazin Slate beschreibt eine amerikanische Jüdin, wie und warum sie die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hat, die ihrem Großvater entzogen worden war.

    It’s hard to say how many people have been naturalized, but word has spread in the last five to 10 years. Advertisements run in Jewish publications broadcasting the statute’s provision. (…). Dozens of Americans now put in applications at German embassies and consulates each month.

    Die Autorin weist darauf hin, dass sie kein Wort Deutsch spricht und auch nie in Deutschland war.

  • Zu Fußball: Die amerikanische Frauenfußball-Liga steht vor dem Aus. Der Grund: Desinteresse der Zuschauer.
  • Zu like als Modewort: Angeblich enthielt der ursprüngliche Schnitt von Galaxy Quest Sex-Szenen und derbe Sprache, wie keine Geringere als die Schauspielerin Sigourney Weaver erklärt (Hervorhebung hinzugefügt):

    We were like, “How do we get our hands on the R-rated version of Galaxy Quest?” She said “I don’t know!” and we were like, “Come on, Sigourney!”

    Hier wird das we were like als Stilmittel verwendet (hofft dieser Autor auf jeden Fall). Der ältere interessierte Leser wird sich an die berühmte Apple “Switch” Werbung [YouTube] mit Ellen Feis erinnern, in der and I was like auch eine prominente Rolle spielte.

  • Zu Sprachen in den USA: Der republikanische Präsidentschaftskandidat Rick Santorum hat den Puertoricanern erzählt, dass sie Englisch als Amtssprache einführen müssen, wenn die Insel der 51. Bundesstaat werden will:

    “Like any other state, there has to be compliance with this and any other federal law,” Santorum said. “And that is that English has to be the principal language. There are other states with more than one language such as Hawaii but to be a state of the United States, English has to be the principal language.”

    Das ist leider — mit Verlaub — schlicht falsch, denn die USA haben keine Amtssprache, und ein entsprechendes Gesetz wäre vermutlich verfassungswidrig. Einige Bundesstaaten haben “offizielle” Sprachen, im Fall von Puerto Rico Englisch und Spanisch. Bekanntlich gab es in Kalifornien nach der Wahl von Arnold Schwarzenegger zum Gouverneur einige Änderungen.

  • Zu Indianern: Die Navajo Nation wehrt sich vor Gericht gegen die Verwendung ihres Namens bei Kleidungsmarken. Dieser Autor hat von Mode nicht die geringste Ahnung, wie die Schönste Germanin bestätigen wird, aber laut diesem Bericht der New York Times gibt es eine richtige Welle mit “Navajo”-Produkten, die bis nach Frankreich schwappt. Immer diese Amerikaner mit ihrem Kulturimperialismus.
  • Zur technologischen Weltspitze: Der Chief Information Officer (CIO) des Weißen Hauses, Brook Colangelo, beschreibt den Stand der Technologie nach dem Regierungswechsel.

    Over 82% of the White House’s technology had reached end of life. Desktops, for instance, still had floppy disk drives, including the one Colangelo delivered to Rahm Emanuel, Obama’s then chief of staff and now Mayor of Chicago.

    In den ersten 40 Tagen waren die Systeme 23 Prozent der Zeit nicht verfügbar.

  • Zur Abtreibungsdebatte: Wir gehen davon aus, dass alle interessierte Leser es selbstverständlich mitbekommen haben, aber zur Sicherheit: Das Thema spielt bei Buffy in Staffel 9 eine Rolle. Wer sich für die Diskussion interessiert (und keine Angst vor Spoilern hat) mag sich ein Interview mit dem Dark-Horse-Redakteur Scott Allie anschauen, in dem er über Buffys ungewollte Schwangerschaft spricht, warum man dann das Thema Abtreibung aufgriff und wie die Fans reagiert haben. Ob diese Diskussion auch im diesjährigen Buffy-Kurs der Portland State University Thema sein wird, ist nicht bekannt.

[KORRIGIERT 16. März 2012: Autor von German Again ist eigentlich eine Autorin, zuerst gesehen von ML, vielen Dank]


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