Ferguson und die Militarisierung der US-Polizei

August 27, 2014

Dieser Autor hatte die vergangenen Tage mit einer Bindehautentzündung zu kämpfen. Das war eine ziemliche Katastrophe für jemanden, der einen großen Teil seines wachen Daseins mit Lesen und Schreiben verbringt. Immerhin kann er jetzt davon berichten, welche erstaunlichen Fortschritte die Sprachausgaben von Android und OS X gemacht haben. Frau “Ava” (“I am an American English voice!”) liest nun auch nach der Wiedererlangung der Sehkraft Texte vor. Ungemein praktisch beim Aufräumen.

Leider ist die Diktierfunktion für Deutsch wegen der Groß- und Kleinschreibung faktisch unbrauchbar (Englisch funktioniert auch hier unerwartet gut). Deswegen kommen wir später als geplant dazu, einige Bemerkungen zu den jüngsten Vorgängen in der Kleinstadt Ferguson nach dem Tod eines schwarzen Teenagers aufzuschreiben.

(Kurz vorweg: Bei den deutschen Medien herrscht bezüglich des Aufbaus der US-Polizei wieder eine gewisse Verwirrung. Neben der üblichen Probleme mit der Nationalgarde ist diesmal der Name der Polizei des Bundesstaates ein Hindernis: Die Missouri State Highway Patrol (MSHP) ist — wie die Wikipedia bemerkt – ausdrücklich nicht nur für Raser auf Landstraßen zuständig. Deswegen wurden die Soldaten der Nationalgarde von Missouri auch der MSHP unterstellt. Wir haben diese Punkte alle schon besprochen.)

Was auffällt: Während hierzulande die Rassismus-Diskussion im Vordergrund steht, ist für viele amerikanische Medien die Militarisierung der Polizei ein fast gleichwertiges Thema (ob das gut oder schlecht ist, ist nicht Gegenstand dieses Blogs). Es geht darum, wie aus dem Freund und Helfer plötzlich Leute geworden sind, die aussehen, als wären sie direkt aus dem Irak oder Afghanistan eingeflogen. Den Kritikern zufolge führt die Polizei sich auch auf wie Soldaten.

Nun ist das das Thema eigentlich nicht neu –

In his book The Rise of the Warrior Cop, journalist Radley Balko notes that since the 1960s, “law-enforcement agencies across the U.S., at every level of government, have been blurring the line between police officer and soldier (…).”

- ist aber offenbar jetzt erst in den amerikanischen Mainstream-Medien angekommen.

Tatsächlich hat die US-Regierung in den vergangenen Jahrzehnten unter dem sogenannten 1033 Program jede Menge ausrangiertes Kriegsgerät an die örtlichen Polizei-Einheiten übergeben. Hintergrund ist ein Gesetz aus den 90ern, das mit dem Strom von gebrauchtem Material aus den jüngsten, ungewöhnlich langen Kriegen eine neue Dimension angenommen hat.

During the Obama administration, according to Pentagon data, police departments have received tens of thousands of machine guns; nearly 200,000 ammunition magazines; thousands of pieces of camouflage and night-vision equipment; and hundreds of silencers, armored cars and aircraft.

Mit machine guns sind hier offenbar M-16 Sturmgewehre gemeint (die auf Englisch eigentlich assault rifles heißen). Die armored cars sind so stark gepanzert, weil sie ursprünglich Landminen und andere Sprengsätze von Islamisten aushalten sollten. In einer längeren Analyse [PDF] mit dem Titel War Comes Home schätzt die Bürgerrechts-Organisation ACLU den Wert der so übertragenen Rüstungsgüter auf 4,3 Milliarden Dollar.

Als Begründung für das Programm 1033 wurde immer auf den “War on Drugs” verwiesen. Tatsächlich war die amerikanische Polizei Ende der 80er Jahre mit der neuen Dimension der Drogenkriminalität eher überfordert. Als der (übrigens damals von Demokraten beherrschte) Kongress die Möglichkeit schuf, gebrauchte Militärgüter weiterzugeben, gab es keinen wirklichen Aufschrei.

Allerdings hat sich die Zahl der Gewaltverbrechen zwischen 1993 und 2012 in den USA fast halbiert und der “Krieg” gegen Drogen wird zunehmend infrage gestellt. Auch der Kongress hat nach den Vorfällen in Ferguson angekündigt, das Rüstungsprogramm überprüfen zu wollen. Was daraus wird in einem Wahljahr muss noch abgewartet werden.

Parallel dazu gibt es noch ein ähnliches Programm des Heimatschutz-Ministeriums, das nach den Anschlägen vom 11. September 2001 im Kampf gegen den Terrorismus aufgelegt wurde. Die Polizei in Ferguson soll einen Teil ihrer Ausrüstung auf diese Weise bezogen haben.

Wir haben erwähnt, dass diese ganze Entwicklung vor Ferguson in den Medien wenig beachtet wurde. Die amerikanischen Blogger beanspruchen für sich, seit langem die paramilitärische Natur der US-Polizei thematisiert zu haben, wie zum Beispiel Glenn Reynolds von Instapundit. Im Jahr 2006 schrieb der Juraprofessor:

Dress like a soldier and you think you’re at war. And, in wartime, civil liberties — or possible innocence — of the people on “the other side” don’t come up much.

Die neue Kampfmontur der Polizei ist in einem Land, in dem man sich bekanntlich eher nach Anlass als nach Stand kleidet, viele schnippische Bemerkungen wert. Auf “Last Week Tonight” drehte der Kommentator John Oliver den “Kleider machen Leute”-Ratschlag für Karrieregeile um:

[I]f you are a cop in the United States, you should dress for the job you have, not the job you want

(Der Originalspruch wird dem interessierten deutschen Leser als Internet-Meme mit Batman [Foto] geläufig sein.)

Zuletzt müssen wir auf ein kleines Statistik-Problem hinweisen, das in den amerikanischen wie auch deutschen Medien überschlagen wird: Niemand weiß wirklich, wie viele Menschen in den USA von Polizisten erschossen werden.

Das uns von den Wahlen bekannte Statistikblog FiveThirtyEight geht ausführlich auf die Schwierigkeiten mit der häufig zitierten Zahl von etwa 400 justifiable police homicides pro Jahr ein. Die fangen mit dem Wort justified an — “nicht berechtigte” tödliche Zwischenfälle werden in den entsprechenden Datenbanken nicht erfasst.

[T]here’s no governmental effort at all to record the number of unjustifiable homicides by police. If [Michael] Brown’s homicide is found to be unjustifiable, it won’t show up in these statistics.

(Michael Brown ist der Name des Todesopfers in Ferguson.)

In dem Blog wird versucht, sich der Zahl auf andere Arten zu nähern — die Einzelheiten werden dem interessierten Leser zum Selbststudium überlassen. Zusammengefasst können wir sagen, dass sich kein klares Bild ermitteln lässt. Am Ende lautet das Fazit:

It’s more than 400.

[Korrektur 27. Aug 2014: Name von Opfer/Schütze verdreht, erster Hinweis von GW, vielen Dank.]


ZEUGS: Von unglücklichen New Yorkern und missglückten Hinrichtungen

August 3, 2014

Das Problem mit den Schulferien? Man bekommt nichts geschafft, weil die Kinder ständig herumlungern, wie die Schönste Germanin bereits geklagt hat. Allerdings scheinen die interessierten Leser ohnehin alle im Urlaub oder im Freibad zu sein. Das ist doch die perfekte Gelegenheit, um lauter deprimierendes Zeugs loszuwerden, ohne dass es jemand mitbekommt!

  • Zur europäischen Besiedlung Nordamerikas, ein kurzer Aufmerksamkeitstest, bevor es richtig losgeht: Ein 14-sekündiges Video zeigt die Entwicklung über 400 Jahre. Wer sich trotz der Hitze noch so lange konzentrieren kann, kann weitermachen.
  • Zu den unglücklichsten Städten in den USA: New York führt die Liste an. Selbst die Bürger von Detroit sind zufriedener.

    Jersey City ranked 8th most unhappy on the list, which means people who live in Jersey City are happier than people who live in NYC, and they have to take the PATH train.

    Untersucht wurden 177 Ballungsräume. Dieser Autor kann nach den vergangenen zwei Wochen aus eigener Erfahrung sagen, dass die Bewohner von Santa Cruz dagegen überdurchschnittlich glücklich wirken — was allerdings auch besondere Gründe haben könnte.

  • Zum Energieverbrauch in den USA: Einer amerikanischen Studie zufolge weisen die USA die geringste Energie-Effizienz unter den 16 größten Volkswirtschaften aus. Deutschland war (wer hier hätte etwas anderes erwartet?) die Nummer Eins.

    [G]ermany scored well in nearly every category in the survey, including spending on energy efficiency measures, aggressive building codes, and the country’s tax credit and loan programs.

    Bizarrerweise führen die Amerikaner allerdings in der Unterkategorie der Haushaltsgeräte wie Kühlschränke und Öfen.

  • Zur Wahlkampf-Finanzierung: Der Supreme Court hat bekanntlich 2010 (zwei Jahre nach dem Eintrag in diesem Blog) ein umstrittenes Urteil dazu gefällt, das unter dem Namen Citzens United bekanntgeworden ist. Seitdem können Unternehmen, Gewerkschaften und gewisse andere Gruppe deutlich mehr Geld für Wahlspots ausgeben. Wie viel mehr geben sie denn jetzt aus? Dramatisch mehr, so viel sogar, dass sie vor der Kongresswahl im November die Ausgaben der Kandidaten selbst in den Hintergrund zu drängen drohen.

    The outside groups are dictating the terms and message of the 2014 contests, defining candidates long before the candidates are able to define themselves and start reaching voters.

    Der Bericht der New York Times zitiert Republikaner und Demokraten, die gleichermaßen die Entwicklung kritisieren.

  • Zur Todesstrafe, nach den jüngsten verpatzten Hinrichtungen: Wired diskutiert mit dem Politikwissenschaftler Austin Sarat darüber, wie häufig so etwas in den USA schief läuft.

    [H]is research finds that while the methods of execution have changed, their efficiency has not improved. In fact, between 1980 and 2010 the rate of botched executions was higher than ever: 8.53 percent.

    Demnach haben die Probleme seit der Einführung der Giftspritze deutlich zugenommen. Sarat geht davon aus, dass die Todesstrafe in den USA, ahem, ausstirbt.

  • Zu Medien und Kulturpessimismus, damit wir auch die Vierte Gewalt haben: Zum 45. Jahrestag der Mondlandung hat Slate eine Video-Parodie von 2009 wiederholt, die zeigen will, wie die heutigen Nachrichtensender darüber berichten würden.
  • Zu den englischen Begriffen für Sex, angefangen im Jahr 1351 bis heute, als Belohnung für die Leute, die bis zum Ende gelesen haben. Das dürfte wenigstens für etwas Erheiterung im Freibad sorgen.

Warum Amerikaner Alice zum Mond schicken wollen

Juli 19, 2014

Zu den Faustregeln dieses Blogs gehört die Behauptung, dass Zitate im Englischen irgendwie immer aus Alice in Wonderland, The Wizard of Oz, der Bibel oder (insbesondere wenn sie doppeldeutig sind) von Shakespeare stammen. Was haben wir aber dann von diesem Satz aus dem Wirtschafts-Blog Zero Hedge über die US-Notenbank-Chefin Janet Yellen zu halten (Hervorhebung hinzugefügt)?

In a nutshell, she said “It’s not the Fed’s job to pop bubbles”. While many market participants immediately took this to mean, “To the moon, Alice!” and started buying equities hand over fist, there’s another possible explanation for Mrs. Yellen’s proclamation of unwillingness (…).

Alice auf dem Mond, das klingt nicht nach Lewis Carroll. Und tatsächlich stammt der Satz aus einer einflussreichen 50er-Jahre TV-Serie mit dem Namen The Honeymooners. Darin droht der der Busfahrer Ralph Kramden seiner scharfzüngigen Ehefrau Alice regelmäßig eine Trachtprügel an [YouTube]:

Bang, zoom, you’re going to the Moon!

Die 39 Folgen von The Honeymooners waren enorm einflussreich. Die Cartoon-Serie The Flintstones wurde von ihnen inspiriert. Auch bei The King of Queens sieht man ihren direkten Einfluss. Dazu kommen endlose kleinere Anspielungen, wie in der Futurama-Folge “The Series has Landed”. Die Serie ist ein Stück Fernsehgeschichte, der Satz mit Alice und dem Mond immer ein Lacher wert.

An dieser Stelle mag der interessierte Leser allerdings stutzen. Moment, die Androhung häuslicher Gewalt soll witzig sein? Und das in dem Land, das die “politische Korrektheit” erfunden hat? Tatsächlich können wir davon ausgehen, dass ein derartiger Satz heute keine Chance im US-Fernsehen hätte.

Zur Verteidigung wird angeführt, dass Ralphs Drohungen immer leer und offensichtliche Übertreibungen seien, also nur seine Art waren, Dampf abzulassen. Sie müssten im Rahmen der Beziehung als Ganzes gesehen werden. Alice habe eigentlich die Hosen an, um bei einem Bild der Zeit zu bleiben, das heute auch keinen Sinn ergibt.

In der Praxis wird der Satz häufig aus dem Zusammenhang gerissen und umgedeutet, womit die Drohung komplett verloren geht. Das sieht man auch oben am Beispiel von Zero Hedge: “To the moon, Alice!” ist hier der Ausdruck einer Aufbruchstimmung (denn es werden Aktien wie doof gekauft) und nicht eine Aufforderung, der Fed-Chefin Yellen eine zu kleben. Das wäre selbst für das Blog ziemlich unhöflich.


Chunkey statt Fußball: Die Supersportart des Jahres 1114

Juli 14, 2014

Der Anstand gebietet, dass dieser Autor die deutschen interessierten Leser zur Weltmeisterschaft im Fußball gratuliert. Allerdings müssen wir dabei festhalten, dass der Sieg nicht nur für Deutschland, sondern langfristig auch für die USA eine gute Sache ist: Da die amerikanische Nationalmannschaft bekanntlich die abgelegten deutschen Trainer bekommt, können sich die USA schon mal auf Joachim Löw freuen. Im Prinzip ist das wie bei der Mondlandung, nur mit weniger Russen.

Wie auch immer — es trifft sich gut, dass io9 gerade heute ein längeres Stück über eine Sportart veröffentlicht hat, die vor 900 Jahren in Nordamerika der Straßenfeger war: Chunkey, das mit einem Puck (auf Englisch häufig discoidal genannt) und einem Speer gespielt wurde.

Das große Zentrum dieser Sportart scheint Cahokia gewesen zu sein, eine Stadt mit damals bis zu 40.000 Menschen, heute im Bundesstaat Illinois gelegen. Wir sind dem Ort bereits begegnet, als wir über die Seuchenwellen nach der Entdeckung Amerikas gesprochen haben und wie der Spanier Hernando de Soto einige der wenigen Berichte aus der Zeit vor dem Untergang der Mississippi-Kultur lieferte.

Der rekonstruierte Stadtplan von Cahokia [JPG] weist dabei ein rechteckiges Feld auf dem zentralen Platz zwischen den Pyramiden auf. Chunkey wurde paarweise gespielt: Ein Spieler warf die Scheibe, so dass sie auf ihrer Seite wegrollte, während der zweite dann versuchte, seinen Speer so zu werfen, dass beide so nah wie möglich aneinander zur Ruhe kamen.

(Offenbar gab es verschiedene Varianten der Regeln, je nach Stamm. Thomas Zych von der University of Wisconsin-Milwaukee berichtet von den Choctaw of Mississippi, bei denen beide Spieler Speere warfen:

Both players then simultaneously ran forward several yards and threw their poles after the rolling stone with the goal of having their pole and the stone stop next to one another.

Auch beim Punktesystem scheint es mehrere Versionen gegeben zu haben.)

Die Geschichtsforscher wollen herausgefunden haben, dass bei diesen Spielen viel gewettet wurde – Zych verweist auf Indianer, die sich selbst so in die Sklaverei trieben. Die Begeisterung über Chunkey führte wohl auch mit dazu, dass sich Ruhm und Einfluss von Cahokia mehrten:

One of the primary vehicles for the growth of this new civilization may have been Cahokian envoys who carried chunkey stones in one hand and war clubs in the other as they ventured into the hinterlands with the purpose of making peace or political alliances.

Chunkey wurde über Hunderte von Jahren gespielt und auch einige Zeit nach dem Untergang der Mississippi-Kultur um etwa 1500 n.Chr. Die Sportart hat den Vorteil, dass die verwendeten Scheiben die Zeit gut überdauern und die Forscher damit einschätzen können, bis wohin die Begeisterung reichte.

Was uns zur Frage bringt, was in 900 Jahren noch vom Fußball überdauert haben wird. Eins ist sicher: Die Bälle können zerfallen, die Tore mögen rosten — aber es werden Doktorarbeiten geschrieben werden über einen rabiaten monotheistischen Kult in Mitteleuropa, bei dem sich alles um die Tante Käthe drehte.


META: Index ergänzt (doch schon)

Juli 3, 2014

Nach nur fast zwei Jahren haben wir wieder einen aktuellen Index auf der linken Seite. Man will ja nichts überstürzen.


Happy Tau Day oder warum das amerikanische Datumsformat lustig sein kann

Juni 28, 2014

Heute ist der 28. Juni 2014, ein Tag, an dem jedes Jahr die Zahl Tau gefeiert wird, die vielleicht wichtigste Zahl der Mathematik. Sie ergibt sich, wenn man den Umfang eines Kreises durch den Radius teil:

6,283185307179586…

(An dieser Stelle werden einige interessierter Leser stutzen und sagen, Moment, war das nicht Umfang zu Durchmesser, genannt Pi? Diese armen Leute sind noch Opfer der Propaganda des mathematisch-industriellen Komplexes, der seine weltumspannende Macht dazu missbraucht, Bildungspolitiker bis in die höchsten Ebenen des Staates zu manipulieren und wehrlose Schulkinder mit ihrem (Hust) irrationalen Glauben zu quälen. Tau ist die bessere Kreiszahl, wie das Tau Manifesto lehrt.)

Wie kommt man auf den 28. Juni? Bekanntlich haben die Amerikaner die Neigung, beim Datum den Monat voranzustellen, also 6/28/2014 statt 28.6.2014. Wer sich in beiden Kulturen bewegt, kann von Glück sagen, wenn er am — sagen wir Mal – 31. Januar Geburtstag hat, denn da gibt es wenigstens wenig Verwechslungsgefahr. Wer dagegen am 6. Oktober geboren wurde, muss ständig aufpassen. Dieser Autor geht davon aus, dass die NSA eine ganze Abteilung damit beschäftigt, solche Dreher abzufangen.

Tau Day zeigt uns, warum das Format wenigstens ein Gutes hat: Man kann damit Jahrestage etwas leichter definieren. 6,28318… wird zu 6/28, und Pi Day Half Tau Day — 3,14159… — zu 3/14, also zum 14. März. Theoretisch könnte man natürlich auch den 6. Februar zum Tau Day und den 3. Januar zum Half Tau Day erklären. Aber mit drei Stellen ist das Ganze etwas prägnanter.

Jetzt muss man sich nur noch fragen, was der wichtigere Feiertag ist, Tau Day oder Star Wars Day am 4. Mai, an dem alle sagen: May the Fourth be with you.


ZEUGS: Warum Amerikaner nie die Fußball-WM gewinnen

Juni 16, 2014

Alle vier Jahre wieder stellt sich die gleiche Frage: Warum schneidet ein Land mit mehr als 300 Millionen Einwohnern, die alle irgendwann in ihrer Kindheit mit Fußball soccer in Berührung gekommen sind, so schlecht bei der Weltmeisterschaft ab? Die New York Times weiß die Antwort: Amerikaner sind einfach zu ehrlich für diese Schummel-Sportart.

  • Zu Fußball in den USA: In einem Bericht weist die ehrenwerte Zeitung nämlich darauf hin, dass amerikanische Feldspieler völlig versagen, wenn es um Schwalben (dives) geht. In ihrer Heimatliga trauen sie sich das nicht:

    The tendency of American soccer players to eschew diving, Martino said, is directly related to the fact that diving is one of the things that soccer critics in the United States rail against so passionately.

    Etwas direkter formuliert: Die US-Fußballspieler wollen nicht die Vorurteile — wenn es denn welche sind — der Amerikaner gegen ihre Sportart bestätigen, dass nämlich soccer players sich ständig winselnd auf den Boden werfen, während Football- und Eishockeyspieler selbst nach dem härtesten hit aufstehen, schon aus Prinzip. — Dieser Autor würde allerdings vermuten, dass noch etwas dazu kommt: Fast alle Sportarten in den USA haben eine Form des Videobeweises. Sprich, wer schummelt, wird (meist) entlarvt. Unterdessen reden alle im Umfeld dieses Autors davon, dass eine Art Rasierschaum-Spray ein technischer Durchbruch sein soll.

  • Zum Race Across America (RAAM), während wir bei Sportarten für echte Männer und diesmal insbesondere echte Frauen sind: Der “Spiegel” klaut wieder Themen aus diesem Blog und interviewt ein deutsches Rad-Frauenteam. Eins stellen sie zu Glück ganz zu Anfang klar: Den Titel “härtestes Radrennen der Welt”. Und die Sache mit Kansas stimmt auch.
  • Zu Schulleistungen und etwas anderem, in dem Amerikaner nicht gut sind: Mathe. Selbst die Kinder gebildeter Eltern in den USA liegen beim Rechnen hinter den Blagen anderer Staaten. Experten sehen als Teil des Problems, dass sich Amerikaner nicht mit Ausländern messen, sondern eher darüber diskutieren, ob Schwarze besser sind als Asiaten, reiche Weiße besser als arme Weiße, etc.

    “There is a denial phenomenon,” says Prof [Paul] Peterson. He said the tendency to make internal comparisons between different groups within the US had shielded the country from recognising how much they are being overtaken by international rivals.

    Amerikaner sind nach den Erfahrungen dieses Autors erstaunt zu hören, was für ein Ruck durch Deutschland ging, als die Pisa-Studien hierzulande gewisse Versäumnisse offenlegten.

  • Zum Vertrauen in die Menschheit und wie man es wiedererlangt: In den USA gibt es mehr Museen als Starbucks- und McDonald’s-Filialen zusammengenommen.

    There are roughly 11,000 Starbucks locations in the United States, and about 14,000 McDonald’s restaurants. But combined, the two chains don’t come close to the number of museums in the U.S., which stands at a whopping 35,000.

    Mehr als doppelt so viele sogar. Vielleicht ist es allerdings gut, dass da die Besucherzahlen nicht aufgeführt sind.

  • Zur Geburtenrate: Diese hat sich nach dem Ende der Rezession nicht so erholt wie von Demographen erwartet. Ein zentraler Faktor: Die Hispanics bekommen immer weniger Kinder.

    [T]he number of children per Hispanic-American woman has plummeted from just under three in 1990 and 2.7 as recently as 2008 to 2.19 in 2012, just above the replacement rate.

    Anders formuliert, unser Eintrag von damals gilt nicht mehr wirklich. Das passiert, wenn man acht Jahre lang ein Blog führt, das eigentlich nur für vier oder so ausgelegt war.

  • Zur Einwanderung, während wir bei Hispanics sind: Inzwischen werden Frauen und Kinder allein illegal über die Grenze geschickt. Da Texas sie nach eigener Darstellung nicht mehr aufnehmen kann, werden sie in Busse gesetzt und nach Phoenix, Arizona gefahren. Dort setzt man sie am Straßenrand aus.

    Since Memorial Day weekend, about 1,000 women and children have been flown to Tucson from Texas, then driven by bus to Phoenix and dumped unceremoniously, weary and hungry, left to find their families scattered around the nation.

    Die Politiker geben sich alle gegenseitig die Schuld, natürlich. In der Zwischenzeit haben sich Gruppen von Freiwilligen gebildet, um zu helfen.

  • Zur Raumfahrt: Eine Überraschung, die wir vor zwei Jahren verpasst haben: Sally Ride, die erste Amerikanerin im Weltraum, war eine Lesbe.

    She continued to study physics at Stanford, earning her Masters and eventually her PhD in the subject. Around this time, she began her first same-sex relationship. Even in times of reform, homosexuality was extremely taboo, and it was simply something never discussed with others.

    Das Thema ist jetzt nochmal durch die amerikanischen Medien gegangen, weil Lynn Sherr eine neue Biographie veröffentlicht hat.

  • Zu Igeln, die wir wohl bislang in diesem Blog zu Unrecht vernachlässigt haben: Die BBC berichtet darüber, wie die kleinen Stachelbiester in den USA immer häufiger als Haustiere gehalten werden. Die Schönste Germanin hat immerhin hier einen im Garten gefunden.
  • Zur Berichterstattung über die USA: Andrew Hammel vom Blog “German Joys” hat die atemlosen, sensationslüsternen Darstellungen in der deutschen Presse satt. Er dreht den Spieß jetzt um und schreibt Berichte über Deutschland auf Englisch, so wie die deutsche Presse auf Deutsch seiner Meinung nach über die USA berichtet.

    Jürgen S. is a rapist. Over the years, the obese, malodorous 59-year-old electrician from Dortmund has committed violent sex crimes against defenseless children. Yet in December 2010, the German authorities decided to completely stop monitoring him in the community after his last prison stint, trusting the repeat child-rapist to control his urges alone.

    Hammel selbst hat offenbar schlechte Erfahrungen mit Journalisten.


G wie Geldeinheit

Mai 27, 2014

Die Schönste Germanin ist dem Castle-Fieber verfallen. Nun ist dieser Autor eigentlich nicht für Krimis zu haben, schon allein wegen des fast völligen Fehlens von Zombies, Raumschiffen und psychopathischen KIs. Allerdings spielt Nathan Fillion die Hauptrolle, weswegen er sich einreden kann, sehr, sehr seltsame Folgen von Firefly zu gucken.

Wie auch immer – in einer Episode (deren Name sich dieser Autor leider nicht gemerkt hat) ging es um eine Geldzahlung in Höhe von twenty thousand G. Die Einheit mag etwas seltsam klingen – mehr nach Raumschiff und Beschleunigung und Blättern im Wind. Tatsächlich aber ist es die Abkürzung für grand – ein Slang-Begriff für eintausend Dollar.

Und damit hätten wir noch einen Grund, warum das metrische System solche Probleme in den USA hat – wer braucht schon Ks, wenn er Gs hat?


ZEUGS: AIDS unter Schwarzen, der Tod der jüdischen Kultur und dicke Europäer

Mai 11, 2014

  • Zu USA Erklärt, nordkoreanische Ausgabe: Die staatliche Nachrichtenagentur KCNA hat beleuchtet das Leben in den USA. Die Zusammenfassung lautet:

    The U.S. is a living hell as elementary rights to existence are ruthlessly violated.

    Präsident Barack Obama kommt auch nicht wirklich gut weg.

  • Zu HIV in den USA: Während die Infektionsraten in Amerika zurückgehen, gibt es eine Ausnahme: junge schwarze Schwule.

    Despite comprising only 13 percent of the U.S. population — only 9 percent in Los Angeles — African-Americans account for 44 percent of new HIV infection nationwide.

    Der Bericht der LA Times geht auf mögliche Faktoren ein – schlechtere Bildung, Misstrauen gegenüber den Behörden, eine sehr in-sich geschlossene Gruppe, Vorbehalte gegen offene Diskussionen über die Krankheit und Vorurteile unter Schwarzen gegenüber Homosexuellen allgemein.

    “In the black community, we have a strange value,” Jordan says. “It is easier for a mother to accept the fact that her son is in jail for killing two people than that he’s homosexual.”

    Die Zeitung zitiert eine Umfrage von General Social von vor sechs Jahren, der zufolge 72 Prozent der schwarzen Amerikaner Homosexualität “für immer falsch” (always wrong) halten – eine Quote, die sich seit den 70er Jahren nicht verändert habe.

  • Zur Halbwertszeit von Skandalen: Junge Amerikaner interessieren sich offenbar gar nicht für Monica Lewinsky. Also, so überhaupt nicht. Wichtig, sollte Hillary Clinton tatsächlich 2016 nach der Präsidentschaft greifen.
  • Zu Hispanics in den USA, während wir bei Studien sind: Das Pew Institut hat eine großangelegte Untersuchung von Latinos in den USA vorgelegt. Unter anderem nimmt der Anteil an Katholiken immer weiter ab.

    [T]hese trends suggest that some religious polarization is taking place in the Hispanic community, with the shrinking majority of Hispanic Catholics holding the middle ground between two growing groups (evangelical Protestants and the unaffiliated) that are at opposite ends of the U.S. religious spectrum.

    Die evangelikalen Hispanics neigen deutlich stärker dazu, sich als Republikaner zu bezeichnen.

  • Zu Fernsehen in den USA: Was man immer schon irgendwie vermutet hat: Der durchschnittliche Amerikaner kann zwar 189 Kabelsender empfangen, guckt aber nur 17 davon. Nicht vergessen, die große Mehrheit der US-Bürger hat Kabelanschluss.
  • Zu Juden in den USA: Das Magazin Mosaic erklärt in einem langen und umfangreichen Essay die jüdische Kultur in den USA für tot. Nicht einmal in New York habe sie sich halten können, schreibt der Geschichtsprofessor James Loeffler von der Georgetown University:

    If the cause of Jewish culture cannot sustain a modest physical presence in New York City, the symbolic center of American Jewish life, then it would seem to have exhausted its raison d’être. Indeed, the time may have come to acknowledge the truth: the project of Jewish culture is dead.

    Der Text geht ausführlich auf die Geschichte der jüdischen Kultur in Europa und den USA ein.

  • Zu dicken Amerikanern: Wie erwartet holen die Europäer schnell auf.

    In almost all countries the proportion of overweight and obesity in males was projected to increase between 2010 and 2030 – to reach 75% in UK, 80% in Czech Republic, Spain and Poland, and 90% in Ireland, the highest level calculated.

    Die Reaktion auf Slashdot: Welcome to the club, Euro friends.


Wenn Englisch nicht mehr reicht: Umfragen zu Fußball in den USA

Mai 5, 2014

Die Waschbären müssen noch etwas warten, denn das Statistik-Blog FiveThirtyEight hat ein fantastisches Beispiel für die praktischen und unerwarteten Folgen der Mehrsprachigkeit in den USA geliefert. Noch besser ist natürlich, dass es in diesem Fall um Fußball geht, denn die Sportart erscheint erstaunlicherweise mehr interessierte Leser zu interessieren als Buffy oder Mass Effect. Die Welt ist schlecht.

Egal — in der Analyse geht es um eine Ipsos-Umfrage im Auftrag der Nachrichtenagentur Reuters, die sich mit dem Interesse der Amerikaner an der Fußball-WM befasst. Demnach haben doch sieben (in Zahlen: 7) Prozent der US-Bürger vor, sich ausführlicher mit der Sportveranstaltung zu befassen. Eine erschreckend hohe Zahl, wenn man diesen Autor fragt. Was für Eltern müssen diese Menschen haben?

Die Zahl ist Blödsinn, sagt FiveThirtyEight: Die Umfrage sei nur auf Englisch vorgenommen worden. Das sei ein methodischer Fehler.

You can’t get complete data on Americans’ interest in the World Cup unless you talk to people who speak languages other than English.

Es stellt sich heraus, dass insbesondere Hispanics noch so weit von ihren Ursprungsländern geprägt sind, dass sie trotz wesentlich interessanterer Alternativen immer noch Fußball mögen. Allein unter den Latinos in der englischen (!) Umfrage lag das Interesse bei 16 Prozent.

Ipsos hat leider keine spanische Version der Umfrage angeboten. Das ist seltsam, denn mehr als 20 Prozent [PDF] der Amerikaner sprechen inzwischen zu Hause kein English. Hier macht sich die jüngste Einwanderungswelle bemerkbar: Betrachtet man den Zeitraum von 1980 bis 2010, ist das eine Zunahme von 158 Prozent.

Schon wegen dieser Zahlen, so FiveThirtyEight, kann man Umfragen in den USA eigentlich nicht mehr nur auf Englisch führen. Denn es kommt noch schlimmer: Es gibt offenbar wichtige Unterschiede zwischen Hispanics, die English sprechen, und solche, die es nicht tun. Das Blog zitiert den Meinungsforscher David Dutwin:

Hispanics interviewed in Spanish are generally half as likely to own a home, half as likely to be single, nearly half as likely to be employed full time; 1.5x more likely to be a parent (and they are older); four times more likely to have never graduated high school (near 50 percent!), slightly more independent and slightly less Democratic (independent here almost certainly meaning, unaffiliated and nonpolitical); half as likely to be registered to vote; and 1.5x more Catholic; than Hispanics whose surveys are done in English.

Diese Faktoren sollen mit dafür verantwortlich sein, dass Meinungsforscher bei den Wahlen 2010 und 2012 die Unterstützung für die Demokraten unterschätzten. Inzwischen haben viele Institute dazugelernt und führen auch Umfragen auf Spanisch durch. Das kostet natürlich mehr.

Leider konnte dieser Autor keine Zahlen zu den ähnlichen Problemen finden, die es eigentlich bei Umfragen in Deutschland mit Türkisch geben müsste. Allerdings dürfte sich hier das Interesse an Fußball nicht von dem der Mehrheit im Land unterscheiden …


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