Von Vorwahlen und Castingshows

Januar 26, 2012

Und wenn Sie es bisher noch nicht bemerkt haben, werden Sie spätestens jetzt, nach drei Vorwahlen, feststellen, dass die amerikanische Demokratie ziemlich unübersichtlich ist. Das passt auch irgendwie zu uns.

- US-Botschafter Philip D. Murphy „Was Deutsche an Amerika nicht verstehen“, Berlin, 25. Januar 2012

Wer den Radio-Beitrag von Tilo Jung zu den US-Vorwahlen gehört hat und diesen Autor auch nur ansatzweise kennt, wird sich denken können, dass das eigentliche Interview viel länger gedauert hat. Das ist im Hörfunk normal — 30 Minuten reden für drei Minuten O-Ton — besonders wenn es nur um Hintergrund geht. Zusätzlich müssen, äh, gewisse Leute immer in ihrem Redefluss gebremst werden, wie die Schönste Germanin bezeugen kann. Daher liefern wir in diesem Eintrag etwas mehr Hintergrund als im Interview Platz finden konnte.

Denn in diesem Jahr scheint ein Missverständnis die Runde zu machen: Dass die potenziellen US-Präsidentschaftskandidaten von den Parteien aufgestellt werden, quasi als Liste, und dann die Basis darüber abstimmt. So würden sich die Parteien das bestimmt wünschen. Aber so läuft das nicht.

Tatsächlich kann vereinfacht gesagt jeder bei den Vorwahlen mitmachen, der sich berufen fühlt, für seine Partei die USA in eine leuchtende Zukunft zu führen. Wer sich eine (informelle) Anleitung für Kandidaten anschaut, wird viel über political action committees (PAC) und Wahlforschung finden, aber nichts über die Parteispitzen (das Ganze gibt es bei Deviant Art auch als Schaubild). Die Partei hat weder direkte Macht („Dich wollen wir nicht“) und weil die Kandidaten ihre eigene Finanzierung übernehmen, auch kaum indirekte („Wir zahlen das nicht“). Der interessierte Leser mag sich vorstellen, wer in Deutschland bei so einem Verfahren alles nach der Kanzlerschaft greifen würde.

Also, etwas salopp formuliert: Jeder, der zur richtigen Zeit „Ich!“ schreit, etwas Startkapital zusammenkratzt und den Papierkram korrekt ausfüllt, kann einen auf Kandidat machen. Die Parteispitze kann so entsetzt sein wie sie will, aber ihre Rolle beschränkt sich selbst im schlimmsten Fall faktisch darauf, versteinert zu lächeln. Der Joker, Hannibal Lecter und Walternate könnten für die Republikaner (oder Demokraten) antreten.

Entsprechend ist das mit den Kandidaten bei der Vorwahl noch viel, viel schlimmer. Die Leute, die man in den Medien sieht, sind nur der obere Ausschnitt der Kandidatenliste. Schauen wir uns eine vollständigere Aufstellung bei den Republikanern an, so finden wir neben den bekannten Verdächtigen wie Mitt Romney, Newt Gingrich, Ron Paul oder Rick Santorum noch Mitte Januar 2012 diese Namen:

Fred Karger
Kathyern Lane
Andy Martin
Thad McCotter
Jimmy McMillan
Tom Miller
Buddy Roemer
Matt Snyder
Vern Wuensche

Auf der anderen Seite haben wir Randall Terry, der bei den Demokraten gegen Amtsinhaber Barack Obama antritt, denn formell muss auch dieser erstmal nominiert werden. Die Chance dieser Leute auf die Präsidentschaft ist etwa so groß wie die der Arizona Cardinals, jetzt noch den Superbowl zu gewinnen. Die amerikanischen Medien ignorieren sie daher auch weitgehend. Aber eigentlich sind sie dabei, warum auch immer.

Überhaupt treten jede Wahl seit der Einführung des Vorwahlsystems in den 70ern Leute an, denen teilweise unterstellt wird, aus fragwürdigen Motiven mitzumachen — vielleicht um sich politisch zu profilieren („Ich war Präsidentschaftskandidat!“), um bekannter zu werden (Buchdeals) oder weil sie schlicht und einfach den Schuss nicht gehört haben.

Was uns zur zentralen Funktion der Vorwahlen bringt: Das Kandidatenfeld zu reduzieren. Dabei wird die Liste von unten gekürzt. Es folgt eine unserer berüchtigten groben Faustregeln:

Die Funktion der ersten Vorwahlen besteht nicht darin, die aussichtsreichsten Kandidaten zu krönen, sondern die aussichtslosen aus dem Rennen zu werfen.

Das erklärt auch, warum diese Wettkämpfe ruhig in Bundesstaaten abgehalten werden können, die nicht wirklich für die ganze USA repräsentativ sind. Wer schon in Iowa, New Hampshire oder South Carolina einen Oops-Moment hat, dürfte sich anderswo kaum besser schlagen. Die Medien konzentrieren sich trotzdem auf die Sieger: Niemand will wissen, dass der aussichtslose Kandidat whatshisface herausgeflogen ist, sondern wer später Kandidat werden könnte, auch wenn das am Anfang ziemliche Spekulation ist.

Wem jetzt der ganze Ablauf schrecklich bekannt vorkommt: Ja, es gibt gewisse Parallelen zu Castingshows. So gut wie jeder kann mitmachen, es wird brutal ausgesiebt und am Ende gewinnt jemand, der immerhin nicht völlig hoffnungslos ist. Auch bei den Emotionen der Zuschauer gibt es Ähnlichkeiten. Dieser Autor versucht seit Jahren, das nützliche deutsche Wort „Fremdschämen“ ins Englische einzuführen.

Warum tun sich die Amerikaner das an?

Schließlich beginnt der ohnehin lange Wahlkampf jetzt noch früher und alles wird noch teurer. Die guten Bürger von Iowa und New Hampshire können mit Wahlwerbung ihre Häuser tapezieren und ihren Kühen wird vor Stress die Milch schlecht. Während europäische Wahlkämpfe wie Golfturniere ablaufen — gesittet, leise und höflich — erinnert die amerikanische Politik schon seit jeher eher an Eishockey — brutal, laut und mit gelegentlichen Handgreiflichkeiten, wenn inzwischen selten noch echten. Entsprechend sind die Vorwahlen nicht unbedingt das würdigste Schauspiel.

Es gibt zwei Hauptargumente:

Demokratische Legitimation. Der Bürger soll sich nicht mit den Kandidaten begnügen müssen, die die Parteien für ihn aussuchen — wie es 140 Jahre lang der Fall war — sondern von Anfang an mitentscheiden können.

Ein weites Netz. Da jeder mitmachen kann, erhalten auch potenzielle Kandidaten eine Chance, die in der Parteimaschinerie stecken bleiben würden.

Als Beispiel für beide Argumente mag die Wahl 2008 gelten. Ohne der demokratischen Parteispitze böse Absicht zu unterstellen — wäre sie wirklich das Risiko eingegangen, einen vergleichsweise unerfahrenen und jungen Senator mit einem komischen Namen und einer bis dahin für Präsidenten ungewöhnlichen Hautfarbe ins Rennen zu schicken?

Weil Amerikaner Amerikaner sind, ist das System der Vorwahlen natürlich umstritten. Gegenwärtig versucht eine Gruppe in Arizona per Volksentscheid die parteigebundenen Abstimmungen in dem Bundesstaat abzuschaffen und durch ein offenes top-two-System zu ersetzen. Dabei soll es nur noch eine Abstimmung geben, an der sich alle Bürger beteiligen könnten. Der Erst- und Zweitplatzierte würden dann die Kandidatur erhalten, egal welcher Partei sie angehören (falls überhaupt). Die Initiatoren argumentieren, das jetzige System bevorteile Kandidaten mit extremen Ansichten.

Partisan primaries require candidates to appeal to the most fervent voters in their party, who often represent views more extreme than the mainstream …

Ob die nötigen Stimmen für ein Referendum im November zusammenkommen, ist noch unklar. Einer Umfrage der Arizona State University zufolge wären 58 Prozent der Zonies für eine entsprechende Änderungen der Landesverfassung.

Wenn das Schule macht, müssen wir einiges hier wieder umschreiben. Das nennt man wohl Arbeitsplatzsicherheit.


TERMIN US-Botschafter zu „What Germans Don’t Understand About America“

Januar 24, 2012

Terminankündigungen sind in diesem Blog eher selten, aber diese scheint genau ins Programm zu passen: Der US-Botschafter in Deutschland, Philip D. Murphy, hält am Mittwoch, dem 25. Januar 2012 in der American Academy in Berlin eine Rede mit dem Titel

What Germans Don’t Understand About America

Zu dem Vortrag gibt es ab 19.00 Uhr (MEZ, 13.00 Uhr US-Ostküstenzeit) einen Livestream unter http://www.livestream.com/americanacademy.


META Interview zu US-Vorwahlen beim RBB

Januar 22, 2012

Der Journalist Tilo Jung hat mich als Teil seines Hörfunk-Beitrags über den US-Vorwahlkampf interviewt. Ursprünglich gesendet am Samstag im Medienmagazin von Radio Eins RBB, moderiert von Jörg Wagner. Wie immer gilt: Etwaige Meinungen sind nicht die meinigen.


Lost Girl und die Stilrichtung des Camp

Januar 19, 2012

Die kanadische Succubus-Serie Lost Girl ist endlich auch in den USA angekommen, und zwar bei SyFy. Die Zeitung Chicago Sun-Times vergibt in ihrer Rezension nicht nur das größtmögliche Kompliment

„Buffy“ fans in particular should get „Lost [Girl].“

– sondern lobt besonders den Stil (Hervorhebung hinzugefügt):

The Toronto-set series has just the right amount of camp. The mythology is intriguing and so are the characters, who are as full of witty one-liners as their closets are bursting with black leather.

Mit dem Begriff camp konnten nicht alle im leidgeprüften Umfeld dieses Autors etwas anfangen. Das hat nichts mit Lagern zu tun, sondern beschreibt einen humorvoll theatralischen, gewollt übertriebenen, überdrehten Stil — alles over the top. Die Wikipedia behauptet ohne Quelle, dass der Ursprung des Wortes vom französischen Slang se camper kommt — „in einer übertriebenen Art posieren“. Traditionelle Lexika sagen dagegen „Ursprung unklar“, mit einem ersten Auftauchen Anfang des 20. Jahrhunderts.

Camp in seiner heutigen Form hat seinen Ursprung in der amerikanischen schwulen Subkultur, wie man an Filmen wie The Adventures of Priscilla, Queen of the Desert sieht. Bekannter ist The Rocky Horror Picture Show (Hervorhebung hinzugefügt):

Celebrating 25 years of making high-schoolers giddy with its debauchery and high camp, The Rocky Horror Picture Show is back with a 25th Anniversary two-disc DVD edition (…)

(Wobei, jetzt wo es sich dieser Autor überlegt: Angesichts der Kleidung von Dirk Bach und Sonja Zietlow beim „Dschungelcamp“ gibt es vielleicht doch eine Verbindung von Camp zu Lagern.)

Kluge Menschen haben eine ganze Reihe von ernsthaften Analysen über das Phänomen geschrieben, wie zum Beispiel die Notes on ‘Camp’ der Intellektuellen Susan Sonntag. Dieser Autor muss bei solchen Texten leider immer an John Cleeses Schlussansprache in Be a Great Actor denken und überspringt sie daher. Auch die Debatte über die genaue Abgrenzung zwischen camp, kitsch und cheese — negativ belegt im Sinne von billig — überlässt er dem interessierten Leser zum Selbststudium.

Time and time again, the alt-weeklies confused camp, whose starting place is a mature philosophical irony that’s detached but not disaffected, with cheese: a disaffected, sarcastic defense mechanism as venerable as adolescence itself.

Wie auch immer: Lost Girl scheint gut angekommen zu sein. 1,5 Millionen Zuschauer sahen die US-Premiere. Der kanadische Kulturimperialismus schreitet voran.


META Index aktualisiert

Januar 13, 2012

Nach fast einem Jahr ist es dann doch langsam Zeit, den Index zu aktualisieren. Neu: Die „drei klassischen Vorurteile“ sind nun zu einer „Serie“ zusammengefasst. Und weil die Frage jedes Mal wieder aufkommt: Ja, die Liste wird von Hand erstellt. Manchmal ist die harte Tour am einfachsten.


Einige Bemerkungen zur „Weltgeschichte nach Facebook“

Januar 12, 2012

Wenn dieser Autor im Moment irgendwas nicht braucht, ist es eine witzige Website, die ihm Zeit klaut. Dummerweise meinte der interessierte Leser HM ihm die Parodie Facebook News Feed History of the World von College Humor schicken zu müssen, was sämtliche Bau- und Schreibtätigkeiten im Hause Stevenson erstmal zum Stillstand brachte. Vielen Dank auch.

Damit sich diese, äh, Zeitinvestition lohnt, hier einige Bemerkungen zu dem Text, der definitiv von Amerikanern für Amerikaner geschrieben würde — wer sonst würde dem amerikanischen Bürgerkrieg mehr Platz einräumen als der griechischen Antike? Wir gehen chronologisch vor, mit dem jeweiligen Schlüsselbegriff in Fettschrift. Diese Liste wird bei Bedarf ergänzt.

(Zuerst sollten wir für die interessierten Leser, die nicht internetsüchtig netzbewandert sind, die verwendeten Abkürzungen erklären:

  • BRBbe right back – Bin gleich wieder da
  • BFFbest friends forever – für immer beste Freunde
  • DTFdown to fuck – bereit zum Sex
  • FMLfuck my life – mein Leben ist scheiße
  • FTWfor the win – Etwa „ist der Sieger“
  • FYIfor your information – Zur Info
  • GTFOget the fuck out – verpiss dich
  • JKjust kidding – War nur ein Witz
  • k – Kurzform von okay
  • LOLlaughing out loud – lache laut
  • mofomotherfucker
  • NBDno big deal – Kein Problem
  • OMGoh my god – Oh mein Gott
  • PCpolitically correct – politisch korrekt
  • psh – Ein „das glaube wer will“-Geräusch
  • STFUshut the fuck up – Maul halten
  • supwhat’s up – „Was geht ab“ in Kurzform
  • TLDNRtoo long, did not read – Zu lang, nicht gelesen; sonst auch tl;dr
  • wutWhat? – Erstauntes „Was?“

Sollte noch etwas unklar sein, hilft meist der Urban Dictionary.)

Zur Zeitlinie:

335 vChr, Alexander the Great: My name is Alexander, King of Kings (…) and shut the fuck up — Anspielung auf das Gedicht „Ozymandias“ von Percy Shelley:

My name is Ozymandias, king of kings:
Look on my works, ye Mighty, and despair!

Thema ist der unausweichliche Zerfall und Untergang von mächtigen Reichen und noch mehr von arroganten Herrschern. Wem der Satz vertraut vorkommt: Er wir in Civilization IV von Leonard Nimoy bei der Entdeckung von „Construction“ aufgesagt. Hier, wie bei so vielen Dingen, versagt Civilization V dagegen kläglich.

Romulus, in HEY NEIGHBORING RUFFIANS (…), sausage fest — Eine Party, auf der überwiegend Männer sind. Abgeleitet von wiener als Slang für Penis. Das führt nahtlos zum nächsten Eintrag …

Romulus, The Rape of the Sabine Women — Im Englischen spricht man bei dem Raub der Sabinerinnen tatsächlich von einer „Vergewaltigung“. Hintergrund des Problems ist offenbar das lateinische Wort raptio, das aber in diesem Fall eher „Entführung“ bedeutet. — We got this, Redewendung im Sinne von „Wir haben es unter Kontrolle“, s. auch bei George Washington am 4. Juli 1776.

15. März 44 vChr, Casca zu Caesar shiv this mofo — Ein shiv ist ein Messer oder eine Klinge. Das def von Brutus lässt sich hier mit „cool“ übersetzen.

732 nChr, Arabs and Franks are attending the Battle of Tours — Gleich zwei Seitenhiebe auf die Franzosen, eine Lieblingsbeschäftigung aller Angelsachsen, hier zur Schlacht von Tours und Poitiers und dann im Zweiten Weltkrieg. Siehe auch den ganzen Eintrag zum Hundertjährigen Krieg –

1337, England and France attended the Hundred Years War, We gonna Schizz all over the church — auch shiz geschrieben, Synonym für to shit. — George R.R. Martin – Autor der Fantasy-Romane A Song of Ice and Fire, in den USA inzwischen eher bekannt durch die HBO-Verfilmung Game of Thrones.

1480, Spain created the event The Spanish Inquisition, NO ONE EXPECTS THE SPANISH INQUISITION! — Eigentlich undenkbar, dass es jemand nicht kennt, aber für die ganzen Jungspunde: Das ist der Name eines berühmten Sketches von Monty Python.

1493, Christopher Columbus changed his current location to The New World, US Federal Government: You shall have your own holiday – Spielt auf die Kontroverse über den entsprechenden US-Feiertag an.

1517, Martin Luther changed his religion to Protestant — WASPs ist die Pluralform der Abkürzung für white anglo-saxon protestant. Wird oft als Anspielung auf wohlhabende Weiße benutzt.

1624, England attended The English Civil War, Parliament You done goofed — Ein goof ist ein Fehler; to goof up ist ein Fehler begehen, to goof around ist herumalbern, to goof off ist Zeit verschwenden, to goof on ist sich über jemanden lustig machen. Ja, das Englische und seine Präpositionen. Hier Slang-Redewendung für „Das war ein Fehler“.

1754, Britain and France created the event The French and Indian War — Den Hintergrund dieses für die USA überaus wichtigen, in Deutschland allerdings wenig bekannten Krieges haben wir besprochen.

1765, Britain an British America, came up with a great solution (…), Patrick Henry fuck that — Kurze, aber zutreffende Zusammenfassung einer Rede des amerikanischen Politikers zu den Virginia Resolves als Antwort auf den Versuch der Briten, neue Steuern einzuführen. Wohin das führte, ist bekannt.

18. April 1775, Paul Revere the British are coming, The World did I just hear a gunshot? — Zeile aus dem Gedicht Concord Hymn zu der Schlacht von Concord von Ralph Waldo Emerson:

By the rude bridge that arched the flood,
Their flag to April’s breeze unfurled,
Here once the embattled farmers stood,
And fired the shot heard round the world.

Wir hatten die Schlacht in unserem Eintrag über die Minutemen erwähnt. — British America, oh it is ON, aggressive Variante von „jetzt geht’s los“ im Sinne von „jetzt kriegst du Ärger“.

17. Juni 1775, Minutemen created the event Battle of CRUNKER Hill — Eigentlich die Schlacht von Bunker Hill (crunk ist ein Adjektiv, das sich aus crazy und drunk zusammensetzt). Ein Sieg der Briten, die aber sehr schwere Verluste erlitten.

26. Dez 1776, George Washington X-ing the delaware. brb. — Die
Überquerung des Delaware-Flusses war ein Überraschungsangriff der Kontinental-Armee (die Guten) auf die mit den Briten verbündeten hessischen Truppen (die Bösen) im Winter, der zur Schlacht von Trenton führte. Historiker halten es für unwahrscheinlich, dass die Deutschen wirklich so sturzbetrunken waren wie es traditionell dargestellt wird, aber eine gute Figur haben sie trotzdem nicht gemacht. Die Niederlage war ein Schock für die Briten, die bis heute erbost über den Angriff an dem Feiertag sind. Berühmt ist das Gemälde Washington Crossing the Delaware von Emanuel Gottlieb Leutze, das einige Kinder der interessierten Leser in einer Winnie-the-Pooh-Version kennen könnten.

1807, Britain an The Chesapeake, hey (…) — Zusammenfassung des War of 1812, der zweite Krieg zwischen den USA und Großbritannien, der beiden Seiten heute eher peinlich ist.

1853, Matthew Perry an Japan, So no one told you life (…) — Wie der interessierte Leser SEY sofort bemerkt haben wird, ist der größte Teil des Eintrags der Text der Titelmusik von Friends [YouTube]. Diese und die vorherige Passage beziehen sich auf die erzwungene Öffnung Japans; siehe dazu auch die deutsche Reaktion am 23. August 1914.

Ab 1857, Dred Scott an den U.S. Supreme Court — Die folgenden Passagen befassen sich mit Einzelheiten zum Amerikanischen Bürgerkrieg, auf die wir nicht im Detail eingehen, weil dieser Text sonst doppelt so lang werden würde.

1865, Robert E. Lee an Ulysses S. Grant, uncleto say uncle bedeutet „aufgeben“.

24. August 1914, das Icon von Hindsight — Das Bild zeigt den single faceplam von Jean-Luc Picard, Kapitän der USS Enterprise in Star Trek: Next Generation.

Juni 1940, Russia added Bessarabia and (…), Russia in soviet russia, deal doesn’t include YOU! — Noch ein englisches Internet-meme.

September 1940, Japan added Indochina (…), Germany You know you’ve alway been my boo — Abgeleitet von beau als männlicher Partner oder Bewunderer, zumindest im Internet inzwischen eine eingeständige Schreibweise, nicht nur für Gespenster.

1954, The United States Supreme Court, Martin Luther King Jr. dream on — Als Redewendung etwa „Wovon träumst du“, hier auch Anspielung auf seine I Have A Dream-Rede, die weiter unten aufgegriffen wird.

1962, Russia an Cuba, hey is it cool (…), The United States hide under your desks — Anspielung auf die duck and cover-Anweisungen zum Zivilschutz im Falle eines Atomkriegs. — Common Sense, stop playing chicken — Eine Form der Mutprobe, bei der zwei Autofahrer schnell aufeinander zu fahren; der Verlierer ist derjenige, der zuerst ausweicht (außer, beide weichen nicht aus).

29. Oktober 1969, ARPANET, Lo, I am the Internet. — Veralteter Ausruf im Sinne von „schauet her“.

14. Dezember 1972, The United States hey (…), North Vietnam shit shit shit — Anspielung auf die Operation Linebacker II-Bombenangriffe auf Nordvietnam, auch bekannt als Christmas bombings.

März 1982, Pablo Escobar, yay! (…), Nancy Reagan Just say no. — Name der Anti-Drogen-Kampagne der First Lady, Gegenstand zahlreicher Parodien.

April 2009, Swine Flu, ah man, sorry. i just blew chunks all over (…) — Slang für „kotzen“.

Mai 2011, Portugal an European Union, oh hey buddy — Anfang des Bettelspruchs Hey buddy, can you spare a dime, der mindestens bis zur Weltwirtschaftskrise zurückgeht (der ersten).


META Texte zur US-Wahl

Januar 4, 2012

Frohes neues Jahr an alle interessierten Leser. Die Zahl 2012 ist gerade und das heißt, dass in den USA wieder gewählt wird, diesmal sogar wieder der Präsident. Gerade läuft die Urwahl in Iowa, daher wollen wir auf die bestehenden Einträge hinweisen, die sich mit dem Themenkomplex beschäftigen:

Im dritten Eintrag werden die Besonderheiten von der Urwahl in Iowa erklärt. Zu dem Bundesstaat selbst haben wir auch einen Eintrag, der sich überwiegend mit Mais befasst. Viel, viel Mais.


Das seltsame amerikanische Verbot von weißer Kleidung im Herbst

Dezember 28, 2011

Zu den seltsamsten gesellschaftlichen Regeln in den USA gehört No white after Labor Day — die Ermahnung, nach dem Tag der Arbeit keine weiße Kleidung mehr zu tragen. Der interessierte Leser BK fragt zu Recht, was das denn bitte soll.

Zuerst müssen wir nochmal darauf hinweisen, dass „Labor Day“ in den USA nicht wie in der übrigen Welt am 1. Mai stattfindet, sondern am ersten Montag im September. An diesem Tag ist gesellschaftlich, wenn auch nicht nach dem Kalender, der Sommer vorbei. Das ist unter anderem wichtig, weil dann wieder die American-Football-Saison beginnt.

Sprich, die Regel besagt, dass man nach dem Sommer kein Weiß tragen soll. Zu dem „Warum“ hat das Magazin Time 2009 einen langen Artikel veröffentlicht, der zumindest einige Erklärungsversuche liefert. Da wäre zum Beispiel der logische Grund: In einer Zeit vor Klima-Anlagen war weiße Kleidung kühler, aber im Herbst wollte man nicht dreckig werden.

In the hot summer months, white clothing kept New York fashion editors cool. But facing, say, heavy fall rain, they might not have been inclined to risk sullying white ensembles with mud — and that sensibility was reflected in the glossy pages of Harper’s Bazaar and Vogue, which set the tone for the country.

Nur, solche Regeln sind selten logisch, wie eine Historikerin erklärt. Als Alternative wird ein Status-Marker angeführt: Die Wohlhabenden konnten es sich leisten, im Sommer in warmen Teilen der Welt Urlaub zu machen, während die Stadtkleidung des Pöbels damals eher dunkel war.

„If you look at any photograph of any city in America in the 1930s, you’ll see people in dark clothes,“ says Scheips, many scurrying to their jobs. By contrast, he adds, the white linen suits and Panama hats at snooty resorts were „a look of leisure.“

In den 50ern, so diese Theorie, hatte die wachsende Mittelschicht die Sitte übernommen und zu einer festen Regel umgewandelt. Dummes Zeug, sagen andere Forscher, und so lautet unsere Antwort leider wieder frei nach Terry Pratchetts Figur Lu-Tze: Because.

Da wundert es nicht, dass es keinen Mangel an Leuten gibt, die diese Regel ignorieren, wie Elvis-Klone, Imperialen Sturmtruppen (mit Ausnahme der Blackhole Troopers) und Gandalf in seiner weißen Phase. Ehrlich, so wichtig kann die Regel gar nicht sein.


ZEUGS: Britische Atheisten gegen den amerikanischen Weihnachts-Imperialismus

Dezember 22, 2011

Einen kurzen Zeugs haben wir noch bevor die Feiertage richtig losgehen. Jahreszeitbedingt haben wir es diesmal mit ziemlich vielen religiösen Themen zu tun.

  • Zu Weihnachten in einem Land mit vielen Religionen: Der prominente britische Atheist Richard Dawkins besteht darauf, seinen Landsleuten Merry Christmas zu wünschen, da das ganze Gerede von den holidays von den Amis eingeschleppt worden sei:

    „All that ‘Happy Holiday Season’ stuff, with ‘holiday’ cards and ‘holiday’ presents,“ is a tiresome import from the United States, where it has long been fostered more by rival religions than atheists,“ Mr. Dawkins wrote.

    Interessant ist, dass er in seinem offenen Brief an Premierminister David Cameron tatsächlich Merry Christmas schreibt, während die Briten gerne Happy Christmas sagen, was für Amerikaner wiederum völlig schräg klingt. Sonst ist Dawkins ganz der Alte und kritisiert die Vermengung von Staat und Religion in Großbritannien.

  • Zum „Krieg“ gegen Weihnachten und Atheisten auf der anderen Seite des Atlantiks: Im Palisades Park in Santa Monica stehen seit Jahrzehnten zu Weihnachten Krippenszenen. Wegen der Trennung von Kirche und Staat muss die Stadt aber auch anderen Glaubensrichtungen und Atheisten Plätze zur Verfügung stellen. In diesem Jahr nun war der Andrang so groß, dass die Verteilung per Los entschieden wurde — und die Atheisten gewannen die meisten Plätze.

    „We’re trying to balance something that has been a real tradition here and also live within federal law,“ said Barbara Stinchfield, the director of community services for the city. „We were trying to accommodate all the groups that were interested in the most fair way we could.“

    Das Reason’s Greetings ist eine Anspielung auf Season’s Greetings, den Grüßen zur Weihnachtszeit.

  • Zur Religion, während wir bei Briten und Sprüchen sind: Die BBC diskutiert den unter Angelsachsen häufigen Slogan What would Jesus do?, im Internet gerne abgekürzt als WWJD. Auch Kritiker kommen zu Wort:

    [T]he Bible offers very little detail about Jesus’s daily life when he wasn’t preaching or performing miracles. And what little it does tell us defies all expectations — hanging around with prostitutes and trashing the temple. Is that the kind of behaviour church youth leaders want to encourage?

    War da nicht auch was mit Steuerbeamten?

  • Zur (Nicht)-Religiosität der Amerikaner: Wer sich an den Kopf packt angesichts des ganzen Lärms um Religion und Weihnachten und sich fragt, wie das zu der deutlich abnehmenden Religiosität in der Gesamtbevölkerung der USA passt: Die feministische Bloggerin Amanda Marcotte argumentiert, dass amerikanische Christen sich wegen ihres schwindenden Einflusses bedroht fühlen und jetzt verzweifelt — und lautstark — dagegen ankämpfen.

    What we’re seeing with the heightened emphasis on religion in politics is the death throes of the old order. After all, in the past, where it was assumed that a vast majority of Americans were not only religious, but Christian, those who wanted Christianity to dominate didn’t feel they had anything to prove. It’s only when they started to feel their power threatened did they become defensive, and in doing so, became much louder.

    Marcotte sieht im Gegenteil eine immer stärkere Trennung von Kirche und Staat in den USA.

  • Zu Jedi-Rittern, um unsere weihnachtliche Betrachtung von Religionen abzuschließen: Der Glaube an die Macht der Macht hat auch in Tschechien Fuß gefasst.
  • Zum Massensterben der Indianer: Eine neue Studie unterstützt die These, dass die europäischen Seuchen die Ureinwohner der Neuen Welt dezimiert hatten, bevor die Kolonialisten überhaupt in nennenswerter Zahl ankamen.

    Based on the data, the team estimates that the Native American population was at an all-time high about 5,000 years ago. The population then reached a low point about 500 years ago — only a few years after Christopher Columbus arrived in the New World and before extensive European colonization began.

    Die Forschung basiert auf DNA-Untersuchungen. Mit diesen kann man übrigens auch zu Weihnachten tolle Dinge machen: Zum Beispiel einen Neandertaler-Gentest. Interessantes Detail: Die Angelsachsen haben das „h“ in „Neanderthal“ behalten.

  • Zum Blitz: Der interessierte Leser M weist auf die Ausstellung „UNDER ATTACK – London/Coventry/Dresden“ im Verkehrsmuseum in Dresden hin.
  • Zu Maßeinheiten: Der BBC fragt sich, ob die Briten jemals wirklich zum metrischen System wechseln werden:

    In May 2011, a survey by supermarket chain Asda suggested 70% of customers found metric labelling confusing and wanted products labelled in imperial instead. In response, the company reverted to selling strawberries by the pound for the first time in over a decade.

    Genesis hätte niemals Selling England by the Half-Kilo herausgegeben.

Allen interessierten Lesern ein frohes Fest, auch den Jedis!


Occupy DC und die Kälte von Valley Forge

Dezember 14, 2011

Naked and starving as they are, we cannot enough admire the incomparable patience and fidelity of the soldiery

– Brief von George Washington aus Valley Forge, 16. Februar 1778

Wired wartete dieser Tage mit einer Überschrift auf, die vielleicht nicht jeder interessierte Leser auf Anhieb verstehen wird:

Occupy DC Prepares for Its Valley Forge

„Valley Forge“ wird nicht erklärt, aber im Text geht es darum, dass es den Demonstranten in Washington mangels richtiger Ausrüstung in den kommenden Wochen ziemlich kalt werden dürfte. Wer Starship Troopers von Robert A. Heinlein gelesen hat, wird sich zusammenreimen können, dass es irgendwas mit dem Militär zu tun hat, denn in dem Roman ist es der Name eines Truppentransporters (und in der wirklichen Welt war es ein Flugzeugträger).

Tatsächlich war die „Talschmiede“ in Pennsylvania während des Unabhängigkeitskrieges das Lager der amerikanischen Armee im Winter 1777-1778. Berühmt wurde es wegen der Entbehrungen, die die mehr als 12.000 Soldaten ertragen mussten — viele ohne Schuhe, in falscher Kleidung, ohne Essen, etc. Entsprechend die Parallele bei Wired zu den schlecht ausgerüsteten Occupy-Aktivisten.

Allerdings weisen Historiker darauf hin, dass die Rebellen eigentlich ständig unter solchen fürchterlichen Bedingungen kämpften. Die Zeit in Valley Forge sei daher „suffering as usual“ gewesen, schreibt die Verwaltung des zugehörigen Nationalparks. Das Lager sei jedoch als Lehrstück für den amerikanischen Durchhaltewillen benutzt worden:

The reason many Americans picture Valley Forge as the pinnacle of misery is that this early and romanticized version of the encampment story became an important parable to teach us about American perseverance.

Etwas konkreter markiert Valley Forge den Zeitpunkt, wo die zusammengewürfelten amerikanischen Milizen zu einer wirklichen Armee geformt worden. Die zentrale Figur hier ist der preußische Offizier Friedrich Wilhelm von Steuben, der im February 1778 ankam, den Amerikanern erstmal eine systematische Ausbildung verpasste und ihnen viele nützliche Dinge beibrachte wie das Aufspießen von Briten mit Bajonetten. Der Mann verdient einen eigenen Eintrag, daher belassen wir es erstmal damit.

Bleibt nur noch die Frage, ob im Occupy-Lager irgendwelche Deutschen das Heft in die Hand nehmen wollen …


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