ZEUGS: Die EuroVision-Ausgabe

Mai 18, 2013

Heute Abend ist EuroVision, ein Pflichttermin im Hause Stevenson. Allerdings, wenn dieser Autor ehrlich ist, vermisst er die alten, durch irgendwelche Gremien getroffenen Bewertungen, an denen man die politischen Verhältnisse in Europa nachvollziehen konnte — wenn Griechenland und die Türkei sich so gar keine Punkte gegeben haben, zum Beispiel.

Wie auch immer, zu Hintergrundmusik aus Schweden:

  • Zu logischen Straßennamen: Der interessierte Leser KK weist auf die Theorie hin, dass die Straßen in Europa doch geplant waren. Das wäre eine Sensation:

    Dass dahinter präzise vermessene Grundmuster stecken könnten, klingt für Experten ungefähr so abwegig wie die Vorstellung, jemand habe Österreichs Alpentäler am Reißbrett entworfen.

    Slartibartfast war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

  • Zu Religion: Der Anteil an Christen unter den US-Einwanderern nimmt ab, von 68 Prozent im Jahr 1992 auf 61 Prozent 2012. Der Anteil der Muslime hat sich von fünf auf zehn Prozent verdoppelt — 100.000 Hinzugezogene im vergangenen Jahr.
  • Zu Religion in den Streitkräften: Da wollte eine Kampfstaffel der Marines ihren Namen von Werewolves zu Crusaders wechseln, komplett mit einem Wappen mit einem Kreuz auf einem Schild. Das wurde aber unterbunden. Jetzt haben sie sich, äh, zurückverwandelt. Noch zur Kuba-Krise war man weniger zimperlich, wie die Piloten der Vought F-8 “Crusader” bestätigen können.
  • Zu dem “Bush-ist-blöd”-Aussprachesystem: Die “New York Times” hilft ihren Lesern bei der Aussprache des Namens von dem mutmaßlichen Bombenleger von Boston auf die Sprünge (Hervorhebung hinzugefügt):

    The older brother, Tamerlan Tsarnaev, (tam-arr-lawn tsar-NAH-yev) was interviewed by the F.B.I. in 2011

    Wer den Anschlag in den deutschen Medien verfolgt hat, wird bei der Schreibweise des Namens gestutzt haben: Der Mann ist US-Staatsbürger und deren Namen werden eigentlich nicht transkribiert. Warum steht dann immer “Zarnajew”? Hier schloss die deutsche Presse aus seiner tschetschenischen Herkunft vorschnell, dass er russischer Staatsbürger sei. Anschließend ist man dabei geblieben, um die Leser nicht zu verwirren.

  • Zum Unabhängigkeitskrieg: Der britische König George III. ist in die Geschichte eingegangen als der Depp, der die Kolonien verloren hat. Allgemein geht man davon aus, dass er an der Stoffwechselkrankheit Prophyrie litt, die mit starken Schmerzen und auch psychischen Symptomen einhergehen kann. Dummes Zeug, sagten jetzt andere Wissenschaftler: Der Mann litt an einer bipolaren Störung, war also demnach manisch-depressiv.

    George’s being in a manic state would also match contemporary descriptions of his illness by witnesses. They spoke of his “incessant loquacity” and his habit of talking until the foam ran out of his mouth.

    Wie auch immer, unter Elizabeth II. wäre das alles ganz anders ausgegangen.

  • Zu Deutsch in den USA: Ein BBC-Bericht beschäftigt sich mit dem Aussterben des “Texas German”.
  • Zu prüden Amerikanern: In New York City können Frauen jetzt auch straflos oben ohne herumlaufen [grenzwertig NSFW]. Hintergrund ist die Forderung, dass beide Geschlechter vor dem Gesetz gleich behandelt werden:

    [I]t is encouraging to see the police responding positively to gender bias, even on such a seemingly small scale. After all, no one thinks twice about a man shirtless on a summer day.

    Kommt auf den Mann an, würde dieser Autor sagen.

  • Zu Happy Trails: Der interessierte Leser M hat sich beschwert, weil in dem Artikel ein Hinweis auf das gleichnamige Album von Quicksilver Messenger Service fehlt. Das geht natürlich überhaupt nicht. Passt nur nicht wirklich zur EuroVision …

Warum Festgenommene in den USA (meist) ihre Rechte vorgelesen bekommen

Mai 6, 2013

Jeder deutsche Fernsehzuschauer kennt das: Man guckt gerade eine US-Krimiserie. Nach einer wilden Verfolgungsjagd wird der Bösewicht festgenommen. Die Handschellen klicken, der Polizist macht den Mund auf und man hört:

Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

Gut, das ist die deutsche Werbung. Aber wenn danach endlich die Episode weitergeht, kommt eine mehr oder weniger gelungene Übersetzung von etwas wie:

You have the right to remain silent. Anything you say can and will be used against you in a court of law. You have a right to an attorney. If you cannot afford an attorney, one will be appointed for you.

Der Spruch kann je nach Bundesstaat und Kommune variieren.

Es handelt sich um die Miranda Warning, benannt nach dem Urteil Miranda vs Arizona des Supreme Court aus dem Jahr 1966. Der Festgenommene wird damit an seine Rechte entsprechend dem Fünften Verfassungszusatz erinnert, insbesondere, dass er sich nicht selbst belasten muss. Wir hatten im Zusammenhang mit einer Buffy-Folge über taking the Fifth gesprochen.

Das Gericht begründete die Notwendigkeit mit der einschüchternden Wirkung, die das moderne Umfeld einer Befragung habe. Der Fünfte Verfassungszusatz verlangt aber, dass die Aussagen wirklich freiwillig gemacht werden, wenn sie vor Gericht zulässig sein sollen.

Unless adequate preventive measures are taken to dispel the compulsion inherent in custodial surroundings, no statement obtained from the defendant can truly be the product of his free choice.

Die Entscheidung des Gerichts war und ist bis heute kontrovers. Kritiker sind empört, dass man zu vielen bösen Menschen damit ermögliche, einem gerechten Urteil zu entkommen. Der Kongress verabschiedete sogar ein Gesetz, um Miranda zu umgehen. Der Supreme Court knallte das den Abgeordneten allerdings im Jahr 2000 in Dickerson vs The United States links und rechts um die Ohren, denn ein Urteil des Gericht hat mehr Gewicht als ein Gesetz des Kongresses:

Miranda, being a constitutional decision of this Court, may not be in effect overruled by an Act of Congress.

Wer hier zwischen den Zeilen etwas im Sinne von fuck off zu lesen glaubt, liegt vermutlich nicht ganz falsch. Mehr noch, das Gericht befand, dass Miranda inzwischen ein Eigenleben entwickelt hat und zum Teil der amerikanischen Rechtskultur geworden ist.

Miranda has become embedded in routine police practice to the point where the warnings have become part of our national culture.

Es ist allerdings wichtig, die Anwendbarkeit zu verstehen. Miranda greift nur nach der Festnahme — wenn man dem Polizisten vorher bei einer netten Plauderei erzählt, was man alles Böses getan hat, ist man selbst Schuld. Bekommt man keine Rechtsbelehrung bei der Festnahme, heißt das auch nicht, dass der Fall rausgeschmissen wird. Es bedeutet nur, dass die entsprechenden Aussagen des Festgenommen vor Gericht möglicherweise nicht verwendet werden können. Man kann also nicht wirklich von einem “Recht” auf Miranda sprechen.

In der Praxis ist das alles natürlich komplizierter als in diesem Eintrag (oder im Fernsehen) dargestellt. Dieser Autor ist kein Anwalt (und die Drehbuchautoren meistens auch nicht).

Auf eine wichtige Ausnahme zu Miranda müssen wir trotzdem eingehen: Die public safety exception. Wenn eine akute, objektive Gefahr für die Allgemeinheit besteht, darf der Verdächtige gezielt zu dieser Gefahr befragt werden, ohne dass ihm die Rechte vorgelesen werden müssen. Das geht auf den Fall New York vs Quarles von 1984 zurück, als ein Polizist nach einer Vergewaltigung den mutmaßlichen Täter nach dem Verbleib seiner Schusswaffe befragte, bevor er Miranda bemühte. Da die herumliegende Waffe eine Gefahr darstellte, fand das Gericht das in Ordnung.

An sich ist diese Ausnahme (vergleichsweise) unstrittig. Allerdings werfen Bürgerrechtler Präsident Barack Obama vor, Miranda mit ihrer Hilfe aushöhlen zu wollen. In einer Mitteilung des Justizministeriums an die Bundesermittlungsbehörde FBI vom Oktober 2010 hieß es, manchmal sei es halt für den Staat wichtiger an Informationen zu gelangen, auch wenn keine unmittelbare Gefahr drohe.

[T]here may be exceptional cases in which, although all relevant public safety questions have been asked, agents nonetheless conclude that continued unwarned interrogation is necessary to collect valuable and timely intelligence not related to any immediate threat, and that the government’s interest in obtaining this intelligence outweighs the disadvantages of proceeding with unwarned interrogation.

Die New York Times erfuhr zuerst von der Anweisung. Die Regierung lehnte eine Veröffentlichung des Dokumentes ab. Es wurde später Zeitungen zugespielt. Der Supreme Court hat sich noch nicht dazu geäußert.

Die Debatte darüber kam im April dieses Jahres nach dem Bombenanschlag auf den Boston Marathon wieder auf, als die Obama-Regierung ankündigte, der schwer verletzte Tatverdächtige Dzhokhar Tsarnaev werde noch im Krankenhaus befragt, ohne vorher eine Belehrung zu erhalten. Ob am Ende Miranda eine Rolle bei seiner Verurteilung spielt, werden wir vor Gericht erfahren.


META: Blogpause bis zum 6. Mai 2013

April 22, 2013

Wir haben wieder eine Phase, in der im Hause Stevenson viel zu viel auf einmal passiert. Daher ruht das Blog bis Montag, den 6. Mai 2013. Eigentlich würde sich der Star Wars Day anbieten — der 4. Mai, denn May the Fourth be with you — aber das lässt sich nicht einrichten. Wieder ein Sieg für das Imperium.


Zur Erinnerung: Der Aufbau der US-Polizei

April 19, 2013

Bei der Berichterstattung und den Kommentaren über die Jagd nach den Boston-Attentätern wird (verständlicherweise) eine gewisse Verwirrung über die Struktur der amerikanischen Polizei deutlich. Zur Erinnerung: Wir hatten den allgemeinen Aufbau bereits besprochen und getrennt darauf hingewiesen, dass die Universitäten wegen ihrer großen Autonomie auch eigene Beamten stellen. Der in der Nacht getötete Polizist gehörte also tatsächlich zum MIT.


ZEUGS: Nazi-Banden, Sperma-Exporte und Wonder-Woman-Pornos

April 13, 2013

Ich hätte ja gerne noch Außerirdische, Elvis und irgendwas mit Tieren in die Überschrift gepackt, aber so viel Platz war nicht. Zum Frühlingsanfang und nach dem Umgraben des Pädagogischen Gemüsegartens eine kurze ZEUGS-Liste mit diesmal wahrhaft seltsamen Themen:

  • Zu US-Schulen, um die ernsten Einträge an den Anfang zu stellen: Wir haben immer noch vor, auf den Aufbau den Schulsystems und die Diskussion über home schooling einzugehen. Heute zwei Beispiele, warum das öffentliche Schulsystem in den USA nicht unbedingt den besten Ruf hat: In Jacksonville, Florida wurde Kindern beigebracht, dass man aus Gründen der Sicherheit auf seine Bürgerrechte verzichten muss. Geht aber noch krasser. In Albany, New York lautete das Thema im Englisch-Aufsatz, warum die Juden für die Probleme in Nazi-Deutschland verantwortlich waren.

    The English teacher, who has not been named, asked students to pick a method of argument and review a packet of Nazi propaganda in order to make a persuasive argument that “Jews are evil and the source of our problems”.

    Ein Drittel der Schüler weigerte sich immerhin, den Aufsatz zu schreiben. Die Schulbehörde diskutiert gegenwärtig das weitere Vorgehen.

  • Zu amerikanischen Neo-Nazis, wenn wir schon mal dabei sind: Die BBC beschreibt in einem ausführlichen Bericht die Entwicklung und heutige Stärke von rechtsradikalen Gruppen in US-Gefängnissen. Man müsse sich diese Organisationen eher als “normale” kriminelle Banden denn als ideologische Gruppen vorstellen:

    Although its constitution demands that members must be “genetically of European ancestry” and believe in “the racial purity of the white race”, its leaders have proved pragmatic in their dealings with non-white outsiders.

    Die Mitglieder werden demnach in der Organisation gehalten, in dem man sie mit Hakenkreuzen und ähnlichen Symbolen tätowiert. Entsprechend geringe Chancen auf einen normalen Job haben die Häftlinge, wenn sie entlassen werden.

  • Zum Wahlsystem: Wie würden die USA aussehen, wenn man die Bundesstaaten nach gleicher Bevölkerungszahl — also etwas mehr als sechs Millionen je Bundesstaat — aufteilen würde? Die Namen der neuen Staaten sind allerdings sehr seltsam.
  • Zu The Wizard of Oz und Alice in Wonderland, wenn wir schon Einträge als Fragen formulieren: Was sagt Alice, wenn sie sich mit Dorothy zum Tee trifft?
  • Zu Sperma-Exporten: Es ist vielleicht nicht unbedingt ein Thema, das diesem Autor in den Sinn kam, als er mit diesem Blog anfing, aber gut: Offenbar sind die USA der weltgrößte Exporteur von Sperma. Nur, warum?

    It’s not about the superior fitness of American males, exactly. One reason is that the US’s immigration history means lots of ethnic diversity. For some would-be mothers from other parts of the world, this can give US product a leg up over places like Denmark, another sperm exporting powerhouse.

    Der Fachausdruck für die Folgen der Gendurchmischung lautet Heterosis, auf Englisch auch hybrid vigor genannt. Dazu kommt die Kombination aus strengen Qualitätskontrollen und vergleichsweise lockeren Gesetzen. Kanada importiert übrigens 90 Prozent seines Spermas aus den USA. Nur so als nützliche Hintergrundinformation.

  • Zur Meinungsfreiheit: Können wir da noch einen draufsetzen? Klar. Wir haben erklärt, dass Parodie und Satire in den USA außergewöhnlich stark durch das First Amendment geschützt sind. So sehr, dass man in den USA Porno-Filme mit eigentlich geschützten Figuren drehen kann, so lange man das Ganze als Humor verpackt. Wir kommen jetzt darauf, weil io9 argumentiert, dass den Machern einer solchen porn parody als ersten überhaupt gelungen ist, Wonder Woman eine gute Uniform zu verpassen.

    Axel Braun (…) has just released the first entirely safe-for-work picture of Kimberly Kane as Wonder Woman from her upcoming porn flick, and holy god that is the best Wonder Woman outfit I’ve ever seen.

    Der Link ist ungefährlich für die Arbeit (außer, der Chef mag kein Wonder Woman), daher kann sich der interessierte Leser zu Recherchezwecken ohne Gefahr der sozialethischen Desorientierung selbst ein Bild vom Kostüm machen. Danach gibt es mehr zum juristischen Hintergrund von so Streifen wie The Dark Knight: XXX. Was vermutlich gleich die kalte Dusche spart.


Die Logik hinter amerikanischen Straßennamen

April 1, 2013

Europäer haben fürchterlich unlogisch und unordentlich angeordnete Städte. Die Straßen verlaufen krumm, gebogen, schief, ändern unvermittelt ihre Namen und stoßen nur ganz selten in rechten Winkeln aufeinander.

Fragt man einen Europäer, warum das so ist, versucht er sich mit einem Hinweis auf das Mittelalter herauszureden. Das ist natürlich dummes Zeug, denn die Chinesen haben in ihren Städten wie Xian — knapp 3.000 Jahre alt — schnurgerade Straßen [Karte]. Die alten Europäer haben es einfach nicht auf die Reihe gekriegt.

Die ausgewanderten Europäer dagegen haben vernünftige Straßen angelegt. Amerikaner (und Kanadier) lieben systematische Stadtpläne. Am bekanntesten dürfte in Deutschland die Straßenführung auf Manhattan sein, wo die Namen grob diesen Regeln folgen:

  • Nord-Süd-Verlauf: Name mit avenue
  • Ost-West-Verlauf: Name mit street
  • Die Nummern der Avenues nehmen von Osten nach Westen zu
  • Die Nummern der Streets nehmen von Süden nach Norden zu

Allerdings ist das System in New York nicht wirklich perfekt, schon weil Manhattan eine lang gestreckte Insel ist, auf der “Nord-Süd” eigentlich “Nordosten-Südwesten” heißen muss. Vermutlich haben die Niederländer da irgendwas vermasselt.

Wir wollen heute am Beispiel von Phoenix im Bundesstaat Arizona zeigen, wie logisch Straßennamen und Hausnummern sein können [Karte], wenn man sich etwas Mühe gibt. Als Vorbild für alle SimCity-Spieler sozusagen.

Dazu muss man wissen: Phoenix liegt in einem Wüstental, das Gebiet ist flach und vor der Erfindung der Klima-Anlage wohnte hier kaum jemand. Inzwischen ist sie die fünftgrößte Stadt der USA (zur Erinnerung: Kühlen ist energetisch günstiger als heizen, selbst bevor man den Aufwand des Schneeräumens einbezieht). Ziemlich ideale Bedingungen also.

Es versteht sich von selbst, dass die Straßen Ost-West und Nord-Süd ausgerichtet und gerade sind – natürlich nicht ganz grade, denn ein guter Städteplaner berücksichtigt die Erdkrümmung (ob das in Xian auch der Fall ist, konnte dieser Autor nicht herausfinden). Fangen wir mit dem Hauptkreuz in der Stadtmitte an:

  • Die Nord-Süd-Achse heißt Central Ave. Zugegeben, das ist etwas fantasielos. Aber immerhin weiß man sofort, was Sache ist.
  • Die Haupt-West-Ost-Achse heißt Washington Street. Auch das ist keine große Überraschung. Amerikaner halt.

Damit hat man schon mal eine Grundlage. Bei den “Senkrechten” — den Nord-Süd-Straßen — gelten jetzt folgende Regeln:

  • Alle haben Zahlen in ihrem Namen (zum Beispiel “50th Street”). Central ist dabei die “Straße Null”.
  • Die Straßen liegen so, dass der Abstand von acht Straßennummern eine Meile beträgt (beispielsweise von der 8th Street bis zur 16th Street). Nullpunkt ist die Kreuzung von Washington und Central. Dazwischen kann es kleinere Straßen geben.
  • Nord-Süd-Straßen westlich von Central sind avenues (wie “42nd Ave”).
  • Wenn sie östlich von Central liegen, handelt es sich dagegen um streets (“22nd Street”).
  • Der nördlich von Washington gelegene Abschnitt bekommt ein north vorangestellt (“North 32nd Street”, oder kürzer “N. 32nd St.”).
  • Der südlich von Washington gelegene Abschnitt bekommt ein south vorangestellt (“S. 32nd St.”).

Damit können wir bei den Senkrechten sofort an der Adresse erkennen, in welchem Quadraten der Stadt die Straße liegt: “North 120th Avenue” (in der Praxis: “N 120th Ave”) ist im Nordwesten zu finden, oder “links oben” auf der Karte.

Mit den “Waagerechten” ist das etwas schwieriger, denn hier wurde man schwach und hat Namen benutzt. Immerhin gilt:

  • Der Abschnitt, der westlich von Central liegt, bekommt ein west vorangestellt (“W. Washington St.”).
  • Der Abschnitt, der östlich von Central liegt, bekommt ein east vorangestellt (“E. Washington St.”).

Trotzdem muss man sich merken, wo ungefähr “Bell Road” oder “Thomas Road” liegen, zumindest bis die Borg die Erde übernehmen und diesen Makel ausbügeln.

Das waren die Straßenamen. Jetzt kommen wir zu den Hausnummern, der zweiten Komponente des Systems.

Auch hier fangen wir in der Mitte an und zählen von dort aus in alle vier Himmelsrichtungen hoch. In der Praxis bedeutet das zuerst, dass Hausnummern problemlos vier- oder fünfstellig sein können. Da sie im Gegensatz zum deutschen System vorangestellt werden, finden wir dann als Anschrift für die South Mountain Community Library:

7050 South 24th Street

Das ist noch nicht alles. Unterschieden wird auch zwischen graden und ungraden Hausnummern.

Je nach Verlauf der Straße liegen die ungraden Nummer an der Südseite (bei West-Ost-Straßen) oder Ostseite (bei Nord-Süd-Straßen). Entsprechend liegen die graden Hausnummern an der Nord- oder Westseite. Bei der (frei erfundenen) Adresse 10202 N. 96th Ave wissen wir sofort, dass wir ein Haus auf der westlichen Straßenseite suchen.

Das war jetzt leider eine idealisierte Darstellung von dem System in Phoenix. In der Praxis greift es nicht im Stadtkern, wo teilweise schon anderen Namen vergeben worden waren. Einige Straßen heißen road oder drive. Andere wurden diagonal durch das rechtwinklige Netz getrieben. Die Schnellstraßen machen komische Kurven. Perfektion sieht anders aus.

Aber immerhin weiß man jetzt, warum der Polizist in der amerikanischen (oder kanadischen) Lieblingsfernsehserie ohne ein Blick auf die Karte erstmal losbrausen kann, wenn er eine Adresse hat. Er weiß schon durch den Straßennamen, wo Bo und Kenzi diesmal die Leiche gefunden haben.

Es gibt noch eine Reihe von anderen Benennungssystemen in den USA, die zum Teil subtiler sind. Schauen wir uns Arlington, Virginia an: Die Namen der Nord-Süd-Straßen haben mehr Silben, desto weiter man nach Westen kommt.

  • One-syllable names (Ball Street to Wayne Street)
  • Two-syllable names (Adams to Woodrow)
  • Three-syllable names (Abingdon to Yucatan)
  • Four-syllable names (Arizona being the only street in this sequence)

Der Trick mit den Silben ist den Planern in Phoenix leider nicht eingefallen. Angesichts des rasanten Wachstums der Stadt wäre man ansonsten vielleicht inzwischen bei der “W. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger Rd.” angelangt.

[Dieser Eintrag beruht auf einen Vortrag an der Grundschule von Kind Nummer Eins]


ZEUGS: Die große Google-Reader-Evakuierung

März 23, 2013

Dieser Autor war vergangene Woche damit beschäftigt, ein schäbiges Bett für die Schönste Germanin zu bauen. Daher gibt es heute nur ein kurzes Zeugs. Davon dürfte es in den kommenden Wochen einige mehr geben als sonst, denn das Material dafür wurde bislang bei Google Reader gespeichert, und der wird bekanntlich versenkt. Heute beginnen wir mit der geordneten Evakuierung.

  • Zu Schokoladeneiern: Sollte sich jemand fragen, warum so viele Amerikaner so wenig von ihren Bundesbehörden halten, wäre da noch die Geschichte mit den Überraschungseiern. Diese sind nämlich in den USA verboten. Ja, verboten, denn Lebensmittel dürfen nach einem Gesetz von 1938 nichts enthalten, das nicht zum Verzehr geeignet ist.

    Under the law, you’re not allowed to have a “non-nutritive” object inside candy. Plus, the U.S. Consumer Product Safety Commission requires that all candy-encased toys need to be safe for children of all ages. Kinder Surprise eggs, as well as most competitors, are only safe for kids three and up.

    Angeblich werden jedes Jahr an der Grenze 60.000 Überraschungseier beschlagnahmt.

  • Zur Religion, weil man nach der ersten Meldung vom Glauben abfällt: Die Zahl der religiösen Amerikaner nimmt laut einer neuen Studie immer schneller ab.

    UC Berkeley researchers found that 20 percent of a nationally representative group reported no religious preference. That’s a jump from 1990 when all but 8 percent of Americans polled identified with an organized faith.

    Der Trend ist demnach bei Weißen und Männern am stärksten.

  • Zu Rosie the Riveter: “Life” hat eine Fotostrecke von Frauen in den US-Fabriken während des Zweiten Weltkriegs im Angebot. Auf der selben Website finden sich bislang unveröffentlichte Farbfotos von Bombern und ihren Besatzungen. Offenbar hat das Magazin schon alle Bilder mit Pinups veröffentlicht, denn die Bemalung der Flugzeuge ist durchgehend züchtig.
  • Zu laufenden Kriegen, um beim Thema zu bleiben: Auf amerikanischem Boden tobt ein Ameisen-Krieg. Eigentlich ist Argentinische Ameise (Linepithema humile) dabei, die ganze Welt zu erobern — aber nicht North Carolina!

    For some reason, across a few square miles of North Carolina the Argentine ants’ world-conquering strategy was not working. The Asian needle ants were, in fact, gaining ground.

    Hintergrund ist wohl die größere Kältetoleranz der Asiatischen Nadel-Ameisen (oder wie immer Pachycondyla chinensis auf Deutsch heißen). Wir sollten vielleicht betonen, dass die meisten Einwanderer sehr friedlich sind.

  • Zu deutschen Namen in den USA, als Folge der Einwanderung: Wie German Joys berichtet, können die nämlich zu ironischen Situationen führen. Nehmen wir die Autorin, die sich mehr Atheisten bei den Oscars gewünscht, aber dummerweise Laura Gottesdiener heißt …
  • Zur Geschichte des Englischen, wenn wir bei Sprachen sind: Zwei Linguisten behaupten, Englisch sei eigentlich eine skandinavische Sprache.

    [I]ts fundamental structure is strikingly similar to Norwegian.

    Demnach ist Alt-Englisch ausgestorben. Schuld wären die Wikinger.

  • Zu TV-Serien: Die benachbarten Serienjunkies erklären, warum so viele US-Serien im März pausieren. Hintergrund sind die sweeps etwa im Februar, die für die Werbung wichtig sind.

    Deshalb sind die Networks vor allem während der Sweeps bemüht, ihre Einschaltquoten nach oben zu treiben. Besonders gehäuft findet man in dieser Zeit extra aufwändig produzierte Folgen, Cliffhanger, berühmte Gaststars und herausragende Serienmomente (…). Natürlich muss man das, was man für Michael J. Fox („The Good Wife“) oder Gwyneth Paltrow („Glee“) an der einen Stelle ausgibt, an der anderen Stelle wieder einsparen.

    Die Ruhephase wäre dann der März. Zum Glück ist noch auf die Kanadier Verlass: Das Finale der dritten Staffel von Lost Girl ist für den 14. April angesetzt. Eine vierte ist natürlich bestellt.


Draht, Reprise

März 12, 2013

Nach dem Eintrag über verschiedene Drahtsorten kamen knapp 100 Antworten per E-Mail und auf Google+ bei diesem Autor an. Vielen Dank für die Hilfe! Als Antwort mag dieser Eintrag dienen.

Der Konsens lässt sich etwa so zusammenfassen: Man sollte nicht nur bei den großen, bekannten Online-Händlern nachschauen, sondern auch bei kleineren; und das gesuchte Zeugs heißt “Schaltdraht”. Dessen Durchmesser ist zwar etwas kleiner als bei den amerikanischen Verwandten, aber bei solch kleinen Strömen ist das wohl egal.

Allerdings haben sich die Drahtprobleme dieses Autors Dank des interessierten Lesers TK schon gelöst, denn der schickte einen Brief — richtig auf Papier und so — und legte dort einige Rollen Schaltdraht bei. Besonderen Dank dafür. Vielleicht sollte der nächste Eintrag von Goldmünzen handeln.

Was ist jetzt mit der eigentlichen Frage, ob es Unterschiede bei der Verwendung von Draht zwischen den USA und Deutschland gibt? Nach wie vor hat dieser Autor das Gefühl, dass Amerikaner tendenziell eher zum festen Zeugs greifen als zu Litze. Allerdings sind die Unterschiede offenbar weniger groß als er zuerst dachte, besonders wenn man sie mit so Dingen wie die Vorliebe für Root Beer vergleicht.

Am Ende bleibt diese Frage unbeantwortet. Wir behalten sie im Hinterkopf.


Warum amerikanisches Bier so verwässert ist (und warum es die Schuld der Deutschen ist)

Februar 28, 2013

We find your American beer like making love in a canoe. It’s fucking close to water.

- Monty Python, “Live at the Hollywood Bowl”

Die Schönste Germanin hat in den USA noch nie Bier getrunken, sagt sie, sondern immer nur Wasser mit einem seltsamen Geschmack und Pseudo-Schaum. Dieser Autor ist auf solchen Reisen zu beschäftigt damit, sein chronisches Root-Beer-Defizit auszugleichen, um sich mit etwas banalem wie Bier abzugeben. Aber Klagen von Deutschen über das “waschwasserartige” Bier in den USA sind fast so häufig wie die über das Fehlen von Graubrot.

Nur, am Zustand des amerikanischen Biers sind Deutsche schuld.

Anlässlich einer Klage in den USA gegen große Brauerei-Konzerne wegen des Wassergehaltes von, tief Luft holen, Budweiser, Michelob, Michelob Ultra, Hurricane High Gravity Lager, King Cobra, Busch Ice, Natural Ice, Bud Ice, Bud Light Platinum und Bud Light Lime geht das Magazin Slate auf die Geschichte des Alkoholgehalts in amerikanischen Bieren ein. Zusammengefasst waren die Amerikaner Mitte des 19. Jahrhunderts auf dem besten Weg, eine Nation von Alkoholikern zu werden, denn außer Whiskey und starkem Bier gab es kaum etwas zu trinken. Der Alkohol-Konsum pro Kopf lag bei etwa 26,5 Litern pro Jahr, verglichen mit heute 9,5 Litern.

Die Temperance Movement — Abstinenz-Bewegung — wurde von Abolitionism — Anti-Sklaverei-Bewegung — allerdings in den Hintergrund gedrängt: Die Politiker wollten sich nicht zwei kontroverse Themen auf einmal aufhalsen. Die Temperance Movement würde bis nach dem Ersten Weltkrieg warten müssen, um die Prohibition durchsetzen zu können.

Als sie sich im 19. Jahrhundert nach einem Plan B umschaute, bemerkte sie die deutschen Einwanderer, die weniger Probleme mit Alkoholismus zu haben schienen (wir hatten in unserem Eintrag über Biergesetze in den USA darauf hingewiesen, dass binge drinking traditionell ein größeres Problem in angelsächsischen Staaten ist als in germanischen).

Man nahm sich diese Deutschen zum Vorbild:

Their low-strength lager beer and culture of relaxed, social drinking became the model for American alcohol consumption. Within a couple of decades, Germany’s mild lager beer became America’s favorite drink.

Über die Jahre wurden die Inhaltsstoffe verändert und der Alkoholgehalt erhöht (ja, erhöht). Die Entwicklung führte direkt zu den heutigen Massenmarkt-Sorten.

Zur Ehrenrettung der amerikanische Biertrinker muss gesagt werden, dass die microbreweries und craft breweries — kleinere Brauer — seit einigen Jahren deutlich zulegen, mit Absatzanstiegen von gerne zehn Prozent pro Jahr. Der Anteil am Markt nach Volumen liegt allerdings noch unter fünf Prozent. Dazu kommt eine wachsende homebrewing-Bewegung, zu deren bekannteren Vertretern der Schauspieler Wil Wheaton (Wesley Crusher bei Star Trek: Next Generation) gehört.

Was uns schließlich zu American Beer bringt, einer Filmdokumentation über amerikanische Brauereien. Die Prämisse:

Five friends leave New York City by minivan and set out to visit 38 breweries in 40 days.

Irgendwie scheint sich diese Art von US-Rundreise bei deutschen Touristen noch nicht herumgesprochen zu haben. Die Schönste Germanin übrigens sagt, das beste amerikanische Bier stamme aus dem Napa Valley und werde wine genannt.


Von einem, der auszog, um Draht zu kaufen

Februar 22, 2013

Als dieser Autor sein neustes Hobby in Betracht zog, kaufte er sich erstmal ein kleines Set für digitale Elektronik. Für etwa 14 Euro bekommt man zwei ICs (für Freaks: 4011 NAND-Gate und 4027 JK-Flipflop), ein kleines Steckbrett, einige Kleinteile wie LEDs und Widerstände sowie — für die weitere Geschichte unerwartet wichtig — ein Stück Draht. Ein Büchlein führt durch 20 Experimente. Das Ganze war ein Test, ob diese Art von Bastelei wirklich Spaß macht.

Die Befürchtungen waren umsonst, und so kamen dann schnell andere Komponenten aus dem Online-Elektronikkatalog hinzu wie diverse 74HC-Logik-ICs und ein großes Steckbrett. Letzteres wird auf Englisch breadboard genannt, nach der Überlieferung, dass Bastler die Teile früher auf Schneidebrettern nagelten:

In the early days of radio, amateurs nailed bare copper wires or terminal strips to a wooden board (often literally a cutting board for bread) and soldered electronic components to them.

Heute steckt man die Bauteile in kleine Löcher und verdrahtet sie mit vorgefertigten Steckbrücken. Diese sind allerdings unverschämt, nein, unfassbar teuer. Alternative: Man benutzt wie im Experimentierset Draht, das man selbst zuschneidet.

Bei den Amis wird dafür 22 gauge AWG solid wire verwendet. “AWG” ist die Abkürzung für American Wire Gauge, ein weiteres nicht-metrisches Maß, denn davon kann man ja bekanntlich nie genug haben. In Deutschland gibt man stattdessen den Durchmesser oder Querschnitt in Millimetern oder halt Quadratmillimetern an.

Eine hilfreiche Tabelle in der Wikipedia erlaubt die Umrechnung — wir suchen Kupferdraht mit einem Durchmesser von etwa 0,6 mm oder einem Querschnitt von 0,33 qmm. Und solid soll es sein, also keine Litze (stranded wire). Am besten gleich in verschiedenen Farben, damit wir später nicht so leicht Daten-, Steuer- und Adressleitungen durcheinanderbringen. Bei amerikanischen Online-Händlern kostet so etwas 7,95 Dollar je 100 Fuß, also etwa 0,19 Euro je Meter.

Zum Erstaunen dieses Autors scheint es so etwas in Deutschland nicht zu geben.

In Online-Katalogen ist praktisch nur Litze zu finden. Der interessierte Leser MLJ, ein Informatiker, schlug vor, ein mehradriges Kabel auseinander zu nehmen — zeitaufwändig. Der Bekannte PM, ein Maschinenbauer, verwies auf “Klingeldraht” — gibt es nur in einer Farbe. Alles unbefriedigend.

Schließlich griff dieser Autor zum äußersten Mittel: Er verließ das Haus, also richtig mit Schuhe an und durch die Haustür gehen. Mit einem Stück des Drahtes aus dem Experimentierkit fuhr er zu einer Filiale der Elektronik-Kette, die es verkauft hatte, und legte es dem Mitarbeiter in der Bauteile-Abteilung auf den Tisch. So was in mehr und in verschiedenen Farben bitte, und übrigens, wie nennt man das überhaupt?

Klingeldraht, sagte der freundliche Verkäufer. Haben wir nur in weiß. Vielleicht wollen Sie ein mehradriges Kabel auseinandernehmen?

Offenbar gibt es grundsätzliche Unterschiede zwischen den USA und Deutschland, was Drahtsorten angeht. Dieser Autor hatte bislang noch nie etwas davon gehört — seine einzige Begegnung mit dem Thema hatte damit zu tun, dass von etwa 1965 bis 1972 in den USA wegen hoher Kupferpreise viel Alu-Draht verbaut wurde, der aber in Verruf geraten ist und jetzt mühsam und teuer ersetzt wird. Das dürfte ehemaligen DDR-Bürgern nur ein müdes Lächeln abgewinnen.

Wie auch immer, es scheint so, als regiere in Deutschland die Litze, während in Amerika mehr Massivdraht verwendet wird. Beide haben Vor- und Nachteile: Litzen brechen zum Beispiel bei Biegungen nicht so schnell, während solide Leitungen robuster und billiger bei der Herstellung sind. Sollte ein interessierter Leser mehr über den Hintergrund wissen, wäre dieser Autor dankbar, wir ergänzen dann diesen Text.

In der Zwischenzeit muss er sich wohl mit Klingeldraht anfreunden. Halbleiter aus China zu kaufen ist eine Sache, aber Draht aus den USA zu importieren, das wäre nun wirklich albern.

Ergänzung: Die erste Empfehlung lautet “Schaltdraht”. Das hat einen deutlich kleineren Querschnitt (0,2 qmm), ist aber schon mal ein Anfang. Vielen Dank!


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